Henrik Müller

Schuldenkrise Ein Geheimplan zur Rettung des Euro

Griechenland am Rande der Pleite, immer mehr Länder im Visier der Märkte. Vor dem heutigen EU-Gipfel wird die Forderung immer lauter: Deutschland soll mehr tun, um die Währung und die Welt zu retten. Doch das offizielle Berlin reagiert betont cool. Wird da nur ein großes Theaterstück aufgeführt?
Griechische Euro-Münze: Panik in Resteuropa, Gleichmut in Deutschland

Griechische Euro-Münze: Panik in Resteuropa, Gleichmut in Deutschland

Foto: DPA

Der Druck ist gewaltig. Die Partner in Europa, die Amerikaner, hinter den Kulissen auch Brasilianer, Russen, Inder… - sie alle machen Deutschland Dampf. Die Bundesrepublik soll mehr tun, um bedrängten Euro-Staaten beizustehen: die Brandmauer verstärken, mehr Garantien gewähren, die Europäische Zentralbank (EZB) von der Leine lassen, um, falls nötig, unbegrenzt Staatsschulden aufzukaufen.

Während wieder mal das Szenario einer ungeordneten Griechenland-Pleite durch die Lande geistert, nennt Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die Bundesrepublik den "ökonomischen Dreh- und Angelpunkt des Euro-Gebiets". Bei ihrer Berliner Rede vorige Woche formulierte sie zwar keine expliziten Forderungen an Deutschland. Aber es war klar, wen sie meinte, als sie sagte: Wer jetzt nicht das Nötige tue, der riskiere, dass die Welt in einen "1930s moment" abrutsche - eine globale, sich selbst verstärkende Depression.

Wie um das Argument zu unterstützen, korrigierten die IWF-Ökonomen ihre Prognosen parallel dazu nach unten. Ihr Szenario ist düster: Der Euro-Zone sagen sie für 2012 ein Schrumpfen des Sozialprodukts vorher - Stagnation in Deutschland, eine heftige Rezession in Italien und Spanien.

Wieder mal ist Panik zu spüren. Das ist die stimmungsmäßige Großwetterlage, wenn sich am heutigen Montag Europas Staats- und Regierungschef zum Krisengipfel treffen. Werden die Rettungsfonds nun weiter aufgestockt? Rüsten sich Europas Führungsfiguren zum Endkampf um den Euro? Wird jetzt die "große Bazooka" herausgeholt?

Das offizielle Deutschland reagiert - betont cool.

All die Vorhaltungen und Forderungen scheinen das heimische Spitzenpersonal nicht besonders zu beeindrucken. Angela Merkel beschied das globale Publikum beim Weltwirtschaftsforum in Davos, man solle Deutschland nicht überfordern. Und wer mit führenden wirtschaftspolitischen Köpfen spricht, trifft eine Menge Leute, die weit von Panikattacken entfernt zu sein scheinen. Ob Finanzminister Wolfgang Schäuble oder Bundesbank-Präsident Jens Weidmann - sie strahlen die Gewissheit aus, dass alles schon nicht so schlimm werde. Kein Grund, sich verrückt machen zu lassen, das ist ihre Botschaft, wir dürfen uns nicht von der Hysterie der Märkte (und der Medien) anstecken lassen.

Besonders Schäuble gibt sich gelassen. Im Interview im aktuellen manager magazin sagt er, es sei doch "Unsinn", dass Deutschland einen Kollaps des Euro riskiere. Im Übrigen sei er sicher: Der Euro werde nicht scheitern.

Panik versus Gleichmut - wie ist diese seltsame Gleichzeitigkeit zu erklären?

Nicht wenige Angelsachsen halten die Deutschen schlicht für ignorant, für dumm, zumindest aber für schlecht beraten. Das ist zu kurz gegriffen. Immerhin: Der Euro ist bislang nicht untergegangen - obwohl das Projekt immer wieder am Abgrund zu stehen schien.

Ohne Schockwirkung des Fast-Zusammenbruchs wird sich nichts ändern

Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass es einen Art geheimen Plan gibt. Wer genau hinschaut und -hört, kann die Formel erkennen. Und die sieht so aus: Wenn es wirklich hart auf hart kommt, springen EZB, Deutschland und die anderen wirtschaftlich stärkeren Staaten ein. So wie im Frühjahr 2010, als Deutschland schließlich doch noch den Rettungsschirmen für Griechenland, Irland und Portugal zustimmte. So wie im vorigen Sommer, als die Panik um sich griff und die EZB begann, italienische und spanische Staatsanleihen aufzukaufen.

Berlin und Frankfurt lassen die anderen nicht hängen, aber sie wollen die Unsicherheit im Spiel halten, weil sie glauben, ohne die Schockwirkung des ökonomischen Fast-Zusammenbruchs werde sich auf Dauer nichts ändern.

Verbal und formal bleiben Notenbanker und Regierende bei ihrer Linie, wonach jedes Euro-Mitglied für sich selbst verantwortlich ist. Sie geben keine Vollkaskoversicherung: damit die krisengeschüttelten Länder in ihren Reformanstrengungen nicht nachlassen; damit auch die Akteure an den Finanzmärkten nicht so einfach sichere Gewinne auf Kosten der Steuerzahler einfahren können (falls die EZB die Anleihen später abschreiben muss oder die Garantien für den Rettungsschirm fällig werden). Natürlich hätten Banker und Zocker lieber klare Ansagen der Deutschen und der EZB, weil sonst die Abschreibungen bei ihnen anzufallen drohen. So gesehen geht es im großen Euro-Spiel auch um einen Verteilungskampf.

Ganz offensichtlich ist das der geheime Plan: Es gibt eine stillschweigende Beistandsverpflichtung - aber niemand kann sich ihrer sicher sein. Das hält den Druck im Kessel. Deshalb dauert die Krise so quälend lange. Deshalb kommen die Märkte nicht zur Ruhe.

Wohin führt das alles? Wenn es gut läuft, steht Europa in ein paar Jahren substanziell besser da. Die Arbeits- und Gütermärkte werden weiter liberalisiert, die Ansprüche an den Staat gesenkt, die Leistungskräfte der Bürger neu geweckt. So wie es in Deutschland seit 2005 funktioniert hat. Außerdem werden die exorbitanten Schuldenlasten geschrumpft - durch ordentliches nominales Wachstum (höheres reales Wachstum plus höhere Inflationsraten).

Parallel dazu wird der europäische Rahmen fortentwickelt. Schäuble äußert im mm-Interview seine Erwartung, dass wir, das europäische Staatsvolk, spätestens in zehn Jahren einen Europäischen Präsidenten direkt wählen werden. Die EU, mindestens aber die Euro-Zone, würde eine Art Förderalstaat. Aber Schäuble sträubt sich, pompöse Begriffe wie "Vereinigte Staaten von Europa" zu verwenden, die bloß die Bürger zur Unzeit verschrecken. Besser kein großes Endziel für die europäische Integration ausmalen - besser, man nähert sich diesem Ziel in kleinen, unauffälligen Schritten. Auch das, so scheint es, ist Teil des Geheimplans.

Die große Diskrepanz zwischen Worten und Taten ist durchaus rational. Vielleicht ist ein solches verdecktes Vorgehen die einzige Möglichkeit, überhaupt Fortschritte zu erzielen. Aber es ist auch ein Spiel mit enormen Risiken. Wenn die Bürger sich hinters Licht geführt fühlen, weil ihnen anderes erzählt wird als die Regierenden tun, wird das ohnehin schwache Vertrauen ins politökonomische System und seine Eliten weiter geschwächt.

Die größte Gefahr geht von sozialen Unruhen und politischen Verwerfungen aus. Die jetzigen, auch von Deutschland geforderten immer schärferen Sparprogramme verschlechtern die Lage in den Krisenländern immer weiter. In Ländern wie Spanien sind fast die Hälfte der jüngeren Generation arbeitslos. Ein unhaltbarer Zustand, der kaum kalkulierbare Eruptionen hervorrufen kann. Springt das Wachstum nicht in absehbarer Zeit an, wird Europa nicht bleiben, was es ist. Wenn vielerorts nationalistische Populisten wie Viktor Orbán (Ungarn) an die Regierung kommen, bekommt Europa ein fundamentales Problem. Das wäre dann tatsächlich der von Christine Lagarde beschworene "1930s moment".