Bilanz Weltwirtschaftsforum Es wird einsam um Deutschland

Fünf Tage haben die Mächtigen in Davos diskutiert. Die wichtigsten Erkenntnisse: Um Deutschland wird es immer einsamer. Europa muss sich zusammenreißen. Und: Die Elite und ihre Kritiker stehen sich weiter unversöhnlich gegenüber.
Bundeskanzlerin Angela Merkel: Zusammen mit Finanzminister Wolfgang Schäuble wehrte sie während des Weltwirtschaftsforums Forderungen nach mehr Geld aus Deutschland zur Bekämpfung der europäischen Schuldenkrise ab

Bundeskanzlerin Angela Merkel: Zusammen mit Finanzminister Wolfgang Schäuble wehrte sie während des Weltwirtschaftsforums Forderungen nach mehr Geld aus Deutschland zur Bekämpfung der europäischen Schuldenkrise ab

Foto: Jean-Christophe Bott/ dpa

Davos - Mit vielstimmigen Forderungen nach mehr deutschem Einsatz in der Schuldenkrise ist das Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos am Wochenende zu Ende gegangen. Eine höhere Brandmauer, um ein Ausufern der Krise zu verhindern, war die zentrale Forderung. Im Kern bedeutet das: Noch mehr Geld vom deutschen Steuerzahler. Weltbank-Chef Robert Zoellick mahnte, Europa müsse Vertrauen zurückgewinnen. Das Durchwursteln müsse ein Ende haben.

Wie isoliert Deutschland unmittelbar vor Beginn des EU-Krisengipfels am Montag ist, wurde in Davos noch deutlicher: Der IWF, die EU-Kommission, der engste Partner Frankreich, die Nicht-Euro-Staaten USA, Großbritannien und Mexiko - sie alle forderten eine noch viel höhere Brandschutzmauer, sprich eine Aufstockung des Rettungsfonds, um die Eurozone. Es müsse so viel Geld aufgeschichtet werden, dass ein Angriff der Finanzmärkte von vornherein aussichtslos erscheine.

Dagegen hatte Merkel durchblicken lassen: Noch mehr Geld aus Deutschland zur Krisenbekämpfung will sie nicht in Aussicht stellen. Ihr Argument: Wenn Deutschland Versprechungen mache, die am Ende vielleicht nicht zu halten seien, hätte die Eurozone erst recht "eine offene Flanke".

US-Ökonom Roubini warnt vor harten Zeiten

Unterdessen warnte der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini vor einem Anhalten der aktuellen Krise bis zum Ende des Jahrzehnts. Wenn Europa sich nicht selbst radikal reformiere und die USA nicht effektiv gegen ihren Schuldenberg angingen, stünden der globalen Wirtschaft auch weiter harte Zeiten bevor. Ohne wesentliche Veränderungen in der Politik könnten die Dinge sogar noch deutlich schlimmer werden. Der Ökonom sprach sich zudem für eine Reduzierung der weltweiten Ungleichheit aus. Statt in den Finanzsektor und in Immobilien zu investieren, müssten sich die Regierungen auf das "menschliche Kapital" konzentrieren, sagte Roubini.

Bei dem prestigeträchtigen Elite-Treffen in dem Schweizer Kurort diskutierten seit Mittwoch 2600 Politiker, Wirtschaftslenker, Wissenschaftler und andere Experten, so viele wie nie zuvor. Neben der Euro-Krise ging es etwa um die Demokratiebewegungen in der Arabischen Welt und explodierende Nahrungsmittelpreise. WEF-Gründer Klaus Schwab hatte die Suche nach einem gerechteren Kapitalismus auf die Tagesordnung des 42. Forums gesetzt. Greifbare Ergebnisse gab es - erwartungsgemäß - nicht.

Davos-Kritiker ziehen positive Bilanz

Friedlich begleitet wurde das Weltwirtschaftsforum von Aktionen der "Occupy"-Bewegung, deren Vertreter nicht zu dem offiziellen Programm eingeladen waren und keinen Zutritt zum Kongresszentrum erhielten.

Mehrere Dutzend Aktivisten harrten eine Woche lang bei Minustemperaturen in einem Iglu-Camp aus. Der Sprecher der Gruppe, David Roth, zeigte sich zufrieden: Die Botschaft, dass Davos die Krisen der Welt eher vertiefe als löse, habe man vermitteln können. "Kamerateams aus aller Welt waren da. Mit so viel Aufmerksamkeit hätten wir niemals gerechnet", sagte Roth der Nachrichtenagentur dpa. "Occupy" wirft dem WEF vor allem fehlende demokratische Legitimation vor.

rei/reuters/dpa
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