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Firmenflucht zurück: Europas resignierte China-Auswanderer kehren heim

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Kostenwucher Erste Firmen blasen zum China-Rückzug

Rasant steigende Löhne, eskalierende Transportkosten und eine aufgewertete Renminbi-Landeswährung: Die Herstellung in China wird für westliche Firmen zunehmend kostspielig. Immer mehr Unternehmen bringen daher ihre ausgelagerte Produktion wieder in heimische Gefilde zurück.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Im französischen Präsidentschaftswahlkampf ist ein Schaulaufen um den besten Industriepatrioten entbrannt. Von den Sozialisten bis ins Lager von Nicolas Sarkozy kommen Aufrufe, mehr französische Ware zu kaufen und wieder mehr Produktion ins Land zurück zu verlagern.

Sarkozy verlangt ein Garantiezertifikat, das die Herstellung in heimischen Landen bescheinigt. Doch lange bevor sich die Politiker des Themas bemächtigt haben, haben Firmen in weiten Teilen Europas begonnen, einen Teil ihrer Produktionsverlagerung nach Fernost zu überdenken und umzukehren. Die Globalisierung kommt teilweise ins Stocken.

Der Spielzeughersteller Meccano ist das jüngste und prominenteste Beispiel in Frankreich. Die Eigentümer Michael und Alain Ingberg hatten im vergangenen Jahrzehnt dem Outsouringboom folgend ihre Produktion nach China verlegt. Das Stammwerk in der französischen Hafenstadt Calais schien bereits abgeschrieben. Doch vor zwei Jahren holten die Ingberg-Brüder 20 Prozent der chinesischen Fertigung wieder zurück nach Calais.

Inzwischen wird schon wieder fast die Hälfte der Produktion dort bewältigt. "China hat sich geändert", sagt Michael Ingberg. "Die Löhne steigen schnell, der Renminbi wird aufgewertet, die Transportkosten gehen ständig in die Höhe". Das Unternehmen gewinne durch die Rückkehr ins Stammland zudem viel Flexibilität zurück, so Ingberg. "Die Arbeiter in den Fabriken werden knapp und damit auch die Lieferzeiten länger." Die Repatriierung der Produktion bei Meccano wurde vom Strategischen Investmentfonds Frankreichs mit einem Kredit in Höhe von 2,2 Millionen Euro unterstützt.

Doch auch andere Firmen entscheiden sich, das Rad ganz oder teilweise zurück zu drehen. Genevieve Lethu, ein Hersteller von hochwertigen Küchentischen, Porzellangeschirr und Töpfen, bringt seine Fertigung aus Südostasien zurück nach Savoy, weil die hohen Qualitätsansprüche nicht erfüllt wurden.

Mindestlöhne steigen um 20 Prozent

Überall in Europa finden sich Beispiele wie diese. Kapsch, ein Hersteller von Zugfunktechnik in Wien, verlagert sein Werk vom chinesischen Foshan zurück ins 8600 Kilometer entfernte Österreich. Die Leiterplatten und Funkstationen, die zuvor 500 chinesische Arbeiter im Perlfluss-Delta bauten, werden nun von 50 heimischen Arbeitern gefertigt.

Trotz des herben Produktivitätsvorteils kostet die Fertigung der Module im Hochlohnland Österreich zwar noch immer 5 Prozent mehr. Doch derzeit steigen die gesetzlichen Mindestlöhne in China um 20 Prozent pro Jahr, zudem muss die Inflation und die Aufwertung des Renminbi im Auge behalten werden.

Kapsch-Fertigungsleiter Martin Fichtner führt zudem an, dass von Wien aus nun viel schneller auf die Wünsche der europäischen Kunden reagiert werden könne. Dieser Hinweis zieht sich wie ein roter Faden durch die Erklärungen der industriellen Heimkehrer.

Auch in Deutschland finden sich solche Beispiele. Eines davon ist der Pfannenhersteller Berndes aus Arnsberg. Im Herbst gab das Unternehmen bekannt, einen Teil der Produktion nach Deutschland zurückzuholen. Die Rechnung in China, so Geschäftsführer Marcus Linnepe, gehe "nur bedingt auf", weil Aufträge in Arnsberg viel flexibler erledigt würden und kleinere Stückzahlen hergestellt werden könnten. Langfristig sollen wieder 70 bis 80 Prozent der Pfannen und Töpfe in Arnsberg produziert werden.

Verfügbarkeit wichtig für Standortentscheidung

Neu ist der Trend nicht, aber er verstärkt sich. Der wichtigste Grund sind die anhaltende Krise in Europa sowie die Neuausrichtung vieler Lieferketten, in denen die Kosten kein so dominanter Faktor mehr sind wie noch vor ein paar Jahren. Nach der Finanzkrise ging in europäischen Firmen die Auslastung der heimischen Produktion zurück. Für viele Unternehmen wurde es wichtiger, ihre Kapazitäten an den inländischen Produktionsstandorten besser auszulasten. Doch Heimkehrer in der Industrie verweisen auffallend deutlich und oft auf die Verfügbarkeit, wenn sie sich entschließen, die Produktionsverlagerung ins Ausland umzukehren.

Weil sich Produktzyklen ständig verkürzen, kommt es immer mehr auf schnelle Verfügbarkeit und punktgenaue Konfektionierung der Fertigung an. Schon zwischen 2006 und 2009 waren daher Produktionsverlagerungen deutscher Firmen ins Ausland laut dem VDI um 40 Prozent zurückgegangen. "Mittlerweile folgt auf jede dritte Verlagerung sogar eine Rückverlagerung", so der VDI-Materialflussexperte Joachim Miebach.

Der EEF, der Branchenverband des Verarbeitenden Gewerbes in Großbritannien, kommt mittlerweile zu einem ähnlichen Ergebnis. Jedes siebte britische Unternehmen habe in den beiden vergangenen Jahren ausgelagerte Produktion wieder ins Land zurück gebracht. "Wenn Sie sich anschauen, wie britische Firmen in der globalen Wirtschaft in den Wettbewerb gehen", sagt EEF Chefökonom Lee Hopley, "dann sehen Sie, dass es um Qualität, Kundenservice und Lieferzeiten geht". Das habe in vielen Fällen zu einer Neubewertung der Produktion in Schwellenländern geführt.

"Wenn Niedriglohn-Standorte Produkte nicht genau dann liefern können, wenn sie benötigt werden, lautet die Alternative umkehren und die Produktion wieder zurück bringen, was einige Firmen tun". Im Falle Großbritanniens hat die Abwertung des Pfunds einiges dazu beigetragen, die Industrie auf der Insel wieder wettbewerbsfähiger zu machen. Satte 70 Prozent der vom EEF befragten 300 Firmen gaben 2010 in einer Studie an, dass die Insel für eine Fertigung wettbewerbsfähig sei. Das war ein doppelt so hoher Prozentsatz wie zwei Jahre zuvor.

Deutsche Direktinvestitionen sinken

Firmen, die im vergangenen Jahrzehnt Produktion nach China verlagert hatten, müssen nur kräftige Lohnsteigerungen und die Aufwertung des Renminbis in Kauf nehmen. Auch eine Serie neuer Arbeitsgesetze sowie eine steigende Zahl von Unruhen und wachsende gewerkschaftliche Organisierung tragen dazu bei, dass in einigen Industrien Kosten und Risiko zunehmen. Davor warnen auch die Unternehmensberaterer von Roland Berger. Allein im Zeitraum von 2010 bis 2015 sei in China ein Anstieg der Produktionspreise von 75 Prozent zu erwarten, heißt es bei Roland Berger. Schon fragen deren Berater, ob "das Ende des China-Zyklus" naht.

Laut dem Strategiespezialisten Thomas Wendt bei Roland Berger sind "ausländische Unternehmen, die einen Teil ihrer Produktion nach China verlagert haben, gut beraten, ihre Fertigungsstrategie zu überdenken". Beispielsweise habe sich allein im ersten Jahr nach Inkrafttreten des neuen Vertragsgesetzes für Arbeiter in China die Zahl der Streitfälle in den Firmen verdoppelt.

Solche Warnungen nehmen zu. Die Boston Consulting Group sagt den USA bereits eine Renaissance im verarbeitenden Gewerbe vorher, weil der schrumpfende Kostenabstand zu China immer mehr Firmen nach Amerika zurücktreibt. Bis 2015 sollen die Löhne im Großraum von Shanghai bereits auf 61 Prozent von denen in südlichen Bundesstaaten der USA - wie Alabama - steigen. Transport über den Pazifik und andere Kosten eingerechnet, werden westliche Fertigungsstandorte wieder interessant.

"Sie sollten ein zweites Mal nachdenken, bevor Sie noch mehr von Ihrer Produktion ins Ausland bringen, viele Hersteller finden, dass sich das nicht mehr rentiert", sagt auch der Geschäftsführer beim Strategieberater Archstone Consulting in Miami, John Ferreira. Seine Beobachtung: "Die Grundlagen des Spiels ändern sich, dieselben Faktoren, die das Offshoring beim Kostensparen zu einem Muss gemacht hatten, verändern sich dramatisch und zehren einige der bisherigen Einsparungen auf".

Aufbruchstimmung bei lohnintensiven Produzenten

In vielen Fällen, vor allem da wo es weniger um Produktionskosten und mehr um die Präsenz vor Ort in den Schwellenländern und den Verkauf an die lokalen Märkte geht, hat sich das Blatt in der Kalkulation kaum geändert. Aber in vielen lohnintensiven Industrien machen sich die genannten Faktoren zunehmend bemerkbar.

Ob man das Umdenken bei westlichen Firmen schon in chinesischen Statistiken sieht, ist schwer zu sagen. Im November ging der Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in China laut dem Handelsministerium erstmals seit 28 Monaten zurück, um 9,8 Prozent im Jahresvergleich. Im Dezember betrug der Rückgang nach ersten Schätzungen sogar 21 Prozent.

Doch für eine sichere Bewertung ist das ein viel zu kurzfristiger Zeitraum. Aufschlussreicher sind dagegen aber schon die mehrjährigen Aufstellungen der Deutschen Bundesbank zu den deutschen Direktinvestitionen im Ausland. Waren im Jahr 2007 die Neuanlagen deutscher Firmen in China mit 1,2 Milliarden Euro noch sechs Mal so hoch wie die Liquidationen, so stiegen die Liquidationen mit 416 Millionen Euro im Jahr 2010 bereits auf 59 Prozent der Neuanlagen an. Diese Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr sehr stark. Aber sie machen eines klar: Die Zahl der Investoren, die die Zelte abbrechen, nimmt zu.

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