Alternative Finanzarchitektur Asien untergräbt die Macht von Dollar und Euro

Europa und die USA kämpfen gegen den Schuldenstrudel, dem atlantischen Finanzsystem droht deshalb eine chronische Belastungsprobe. Eilig bauen führende Länder entlang des Pazifiks eine alternative Finanzarchitektur auf: Dollar und Euro werden dort nur noch Nebenrollen spielen.
Von Markus Gärtner
Wettlauf der Währungen: Die Leitwährung US-Dollar dürfte noch mehr Konkurrenz bekommen, wenn China seine Finanzmärkte für ausländische Teilnehmer öffnet

Wettlauf der Währungen: Die Leitwährung US-Dollar dürfte noch mehr Konkurrenz bekommen, wenn China seine Finanzmärkte für ausländische Teilnehmer öffnet

Foto: AFP

Vancouver - In Europa und Nordamerika wird zu Beginn des neuen Jahres eine große Zukunft beschworen. Finanzexperten im Wirtschaftssender CNBC sagen den USA ein blühendes Jahrzehnt vorher - dank einer Renaissance des verarbeitenden Gewerbes und dank sinkender Abhängigkeit von Energieimporten.

In Europa sieht derweil EZB-Ratsmitglied Christian Noyer den Euro binnen zehn Jahren zur globalen Leitwährung aufsteigen. Voraussetzung sei freilich, dass die Beschlüsse des EU-Gipfels vom 9. Dezember eingehalten werden. Barack Obama schließlich hat vor Weihnachten neun Tage lang Hawaii, Australien und Indonesien besucht. Er will die USA wieder als Führungsmacht in den Staaten entlang des Pazifiks verankern.

In dieser Region verliert Amerika seit Jahren in einem Land nach dem anderen den Status als größter Handelspartner. Eine Position, die immer öfter China übernimmt.

Das Werben Obamas um die Anrainer des Pazifiks hat gute Gründe. Dort wird die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet. Der US-Präsident hat aber auch noch anderes im Sinn. Das Schuldendrama und die Dümpelkonjunktur in Europa durchkreuzen seine Pläne, bis 2015 die US-Exporte zu verdoppeln. Auf die Europäer ist bei diesem Kraftakt kein Verlass.

"Europa liegt auf dem Bauch, und Asien rollt wie ein Schneeball den Hügel runter", sagt Ernest Bower. Er ist Direktor des Südostasienprogramms beim Center for Strategic and International Studies. Bowers Analyse trifft im Augenblick freilich nur bedingt zu.

Asien bereitet sich auf den nächsten Boom vor

Denn selbst Asiens Boomstaaten beginnen, unter der Dauerkrise im Euro-Land zu leiden. Singapur meldete in dieser Woche einen annualisierten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 4,9 Prozent im vierten Quartal 2011 gegenüber dem Vorquartal. Hongkong wird von Analysten bei der Standard Chartered Bank ebenfalls ein Schrumpfen des BIP für das Schlussquartal 2011 in Aussicht gestellt.

Doch Asien bereitet sich schon auf den nächsten Boom vor. Europa und Amerika spielen darin nicht mehr die Hauptrolle. Rund um den Pazifik beginnt in Windeseile der Aufbau einer neuen Währungs- und Finanzarchitektur. Der Dollar und der Euro werden darin nur noch zwei Währungen von vielen sein.

Einen der nötigen Schritte beim Umbau der gegenseitigen Strukturen haben Japan und China über Weihnachten gelegt. Japans Premier Yoshihiko Noda vereinbarte mit Chinas Führung, künftig den Warenaustausch zwischen den beiden Volkswirtschaften direkt in Yen und Renminbi abzurechnen, ohne die Währungen der zweit- und drittgrößten Volkswirtschaften vorher in Dollar zu konvertieren.

Es geht um maximal 340 Milliarden Dollar Handelsvolumen. So umfangreich war der Warenaustausch zwischen beiden Ländern 2010. Er hat sich binnen eines Jahrzehnts verdreifacht. Rund 60 Prozent im bilateralen Handel werden bisher durch einen vorherigen Zwischenschritt in den Greenback abgewickelt.

Japans Exportfirmen sollen unabhängiger vom Westen werden

Die Bedeutung dieser Vereinbarung kann man kaum überschätzen. Laut Außenamtssprecher Hong Lei in Peking "stärkt der Pakt die Fähigkeit der Region, sich gegen Risiken abzusichern". Jeder weiß, welches Risiko gemeint ist. Der Dollar, dessen größter und zweitgrößter ausländischer US-Gläubiger China und Japan sind. Hier treiben nicht nur zwei alte Rivalen Asiens ihre wirtschaftliche Integration beschleunigt voran.

Japan erkennt obendrein die künftige Führungsrolle Chinas in der Region an, zumindest in Währungsfragen. "Japan scheint sich einzugestehen, dass es künftig eine dominante asiatische Währung geben wird, die nicht Yen heißen wird", sagt der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen an der University of California.

Trotz dieses Eingeständnisses macht der Deal auch aus japanischer Sicht absolut Sinn. Er erlaubt es Tokio, sich vom Dollar weg zu diversifizieren und damit das Risiko einer kräftigen Abwertung des Greenback zu begrenzen. Laut dem US-Finanzministerium hält Japan für 979 Milliarden Dollar US-Treasuries. Teil des Deals mit China ist ein Pilotprogramm, in dessen Verlauf Japan für ungefähr zehn Milliarden Dollar chinesische Staatsanleihen kaufen kann, in Renminbi versteht sich.

Die Renminbis besorgt sich Japan zuvor durch die Emission eigener Anleihen in der chinesischen Währung. Hier wird auch dem Bondmarkt am Pazifik ein Schub verliehen. Die Ausgabe von Yuan-Anleihen hat sich in Hongkong im vergangenen Jahr auf 112 Milliarden verdreifacht, das entspricht einem Volumen von 18 Milliarden Dollar. Japans Firmen werden Renminbi auch als Renminbi für den Export ihrer Waren nach China akzeptieren und so den verfügbaren Pool an chinesischer Währung rasant ausbauen.

Wichtiges Abkommen zwischen China und Japan

Zudem beschleunigt die Vereinbarung die künftige Lockerung des bislang strikten Währungsregimes für den Yuan, wie der Renminbi auch genannt wird. Japans Kalkül: Ein offenes Handelsregime in China wird die Importe fördern. Und expandierender Handel mit der zweitgrößten Wirtschaftsnation auf dem Planeten wird Japans Exportfirmen unabhängiger von amerikanischen und europäischen Konsumenten machen, die über Jahre hinaus weniger Importprodukte aus Fernost kaufen werden. Der Analyst Ren Xianfang von IHS Global Insight hält den Deal mit Japan für "wichtiger als alle anderen, die China bislang unterzeichnet hat".

Für China ist das Abkommen mit Japan ein Quantensprung. Bisher wurden nur mit kleineren Volkswirtschaften wie Indonesien, Singapur, Malaysia, Kasachstan und Usbekistan Währungsabkommen geschlossen. Der Yuan ist an ein Prozent aller globalen Devisentransaktionen beteiligt, der Greenback an 85 Prozent. Das zeigen Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). China macht derweil aus seinen Absichten keinen Hehl.

In der Tageszeitung China Daily, die nicht offiziell, aber stramm auf Linie ist, wird die Vereinbarung mit den Japanern als "substantieller Schritt nach vorn für die Internationalisierung des Yuan" bezeichnet. Eine Arbeitsgruppe aus beiden Ländern feilt bereits an den Details der Umsetzung. US-Medien haben dem fernöstlichen Abkommen überwiegend nicht die Bedeutung zugemessen, die es hat. Doch einige unabhängige Finanzexperten sehen die mögliche Reichweite durchaus realistisch.

"Die Flucht aus dem Dollar, die seinen Wechselkurs zum Absturz bringen und damit Hyperinflation in den USA verursachen kann, ist gerade um einiges wahrscheinlicher geworden", urteilt der CEO von Alfidi Capital, Anthony Alfidi. Laut Alfidi illustriert das Abkommen zwischen Japan und China zudem die Furcht, die entlang des Pazifiks in einigen Ländern vor einem Dollarcrash herrscht. "Amerikas große Handelspartner nehmen eher das Risiko geringer Liquidität in wenig gehandelten Währungen in Kauf, als das Risiko, Dollars zu halten".

Neuer 1500 Kilometer langer Industriekorridor

Das Abkommen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften Asiens ist indes kein Einzelfall, sondern nur ein Schritt in einer wachsenden Serie ähnlicher Vereinbarungen. China hat mit Russland im vergangenen Jahr ein vergleichbares Abkommen geschlossen. Japan hat im Oktober mit Südkorea ein Swap-Abkommen vereinbart.

Und Japans Premier Noda flog nach seinem Besuch in Peking weiter zu Gesprächen in Indien. Dabei wurde ein Swap-Abkommen mit einem Volumen von 15 Milliarden Dollar geschlossen. In diesem Umfang kann Japan den Indern kurzfristig zu Hilfe eilen, wenn die Rupie weiter unter Druck gerät und Indien zusätzliche Devisen braucht, um zu intervenieren. Die Rupie war im vergangenen Jahr die schwächste Währung in Asien, sie verlor gegenüber dem Greenback 16 Prozent an Wert.

Bei einem globalen Devisenmarkt, der täglich laut der BIZ bis zu 4000 Milliarden Dollar umsetzt, sind 15 Milliarden kein großer Akt. Aber das Volumen der Währungsvereinbarung zwischen Tokio und Delhi entspricht dem Umfang des Außenhandels zwischen beiden Ländern im Jahr 2010.

Mehr noch: Ein umfangreiches Wirtschaftsabkommen zwischen beiden Ländern flankiert den Swap-Deal. Japan wird umgerechnet 4,5 Milliarden Dollar in einen fast 1500 Kilometer langen Industriekorridor investieren. Er wird sich von Delhi bis ins Finanzzentrum Mumbai erstrecken. Teil des Korridors sind 24 neue Städte, in die laut Indiens Handelsminister Anand Sharma 100 Milliarden Dollar investiert werden sollen. Japan hat zudem zwei große Kredite im Umfang von 1,7 Milliarden Dollar zugesagt.

Die Vereinbarungen erstrecken sich aber nicht nur auf die drei großen Volkswirtschaften China, Japan und Indien. Teil der neuen Finanzarchitektur, die in Asien-Pazifik entsteht, ist auch eine stärkere Abwicklung des umfangreichen Ölhandels über russische Banken. Japan, Indien und China sind enorm energiehungrig und müssen ihren Bedarf durch erhebliche Einfuhren decken. So haben Indiens staatseigene Ölgesellschaften Ende 2011 Abkommen unter anderem mit der Gazprombank abgeschlossen, um den Zahlungsverkehr für Erdöl aus dem Iran abzuwickeln. Damit wollen sie die ihnen immer lästiger werdenden US-Sanktionen umgehen.

Kurzfristig hat der Greenback durch die Serie pazifischer Abkommen wenig zu befürchten, im Gegenteil. Laut der neuesten "Cofer"-Statistik des Internationalen Währungsfonds (IWF)hat der US-Dollar im dritten Quartal 2011 seine Position als Weltleitwährung mit einem Zuwachs um zwei Prozentpunkte auf 61,7 Prozent aller Devisenreserven sogar ausgebaut.

Euro-Schwäche hilft dem Dollar - zumindest kurzfristig

Im Jahresvergleich konnte der Greenback seine Position um 7,5 Prozent festigen. Und das trotz des wachsenden Schuldenbergs in den USA, trotz einer erneuten Anhebung der Schuldengrenze sowie dem Unvermögen des Sparausschusses im Kongress, einschneidende Kürzungen für die nächsten zehn Jahre zu vereinbaren. Doch die Schwäche des Euro, dessen Anteil an allen Devisenreserven im dritten Quartal 2011 um 3,5 Prozent sank, hat dem Greenback diesmal geholfen.

Der Renminbi wird bei seinem Vormarsch, zunächst als Handelswährung vorübergehend gebremst werden. Denn nachlassende ausländische Direktinvestitionen - vor allem sinkende Handelsüberschüsse wegen der Schwäche des wichtigen europäischen Absatzmarktes - werden eine weitere Aufwertung des Renminbi zunächst zügeln. Doch Chinas Notenbankgouverneur Zhou Xiaochuan verriet Ende 2011, "das Band, in dem der Renminbi schwanken darf, wird erweitert".

Im Herbst hatte er einer EU-Delegation volle Konvertibilität bis 2015 in Aussicht gestellt. Der nächste Schritt steht also bereits fest. Und die Spuren der rasanten Ausbreitung des Yuan sind weltweit gut sichtbar. Die Chicago Mercantile Exchange hat will künftig als Sicherheit für den Handel mit Rohstoffkontrakten auch Renminbi akzeptieren. Und der britische Einzelhandel meldete bereits, wer seine Klientel mit dem größten prozentualen Umsatzzuwachs im vergangenen Jahr war. Chinesische Shopping-Touristen, deren Zahl um 23 Prozent auf 110.000 zunahm. Jeder von ihnen hat im Schnitt doppelt so viel ausgegeben wie im Vorjahr. Einige britische Einzelhändler akzeptieren daher schon Chinas populärste Bankkarte "Unionpay".

China kommt mit seinem Zweifrontenkrieg gegen den Dollar - Aufwertung und Internationalisierung im Großformat - dank den Schuldendramen in Europa und den USA plangerecht voran. Längst wird die Infrastruktur dafür geschaffen, mit Offshore-Zentren in Hongkong, Singapur und nun auch London. Wie schnell der Renminbi zu einer wichtigen globalen Währung neben dem Dollar aufsteigen kann, ist indes umstritten. Optimisten wie Arvind Subramanian, ein Senior Fellow beim Peterson Institute für Internationale Wirtschaft in Washington, schätzen zehn Jahre. "Die wirtschaftliche Dominanz der Chinesen, inklusive Fertigung, Handel und Währung, kommt schneller als erwartet", sagt er.

Barry Eichengreen weist darauf hin, dass der Greenback innerhalb von zehn Jahren das Pfund Sterling ablöste. Noch viel schneller könnte der Renminbi so weit sein, wenn es nach Alicia Garcia-Herrero, der Schwellenmarkt-Spezialistin der spanischen Bank BBVA in Hongkong geht: "Wenn China massive spekulative Kapitalzuflüsse vermeiden kann, könnte das binnen fünf Jahren passieren", vermutet sie. Doch bevor der Renminbi einen Durchbruch erzielen kann, muss er frei konvertierbar werden. Peking muss aufhören, Zinsen, Kapitalbewegungen und Wechselkurse streng zu kontrollieren. Es muss seine Finanzmärkte weit für ausländische Teilnehmer öffnen und den Umlauf seiner Währung an wichtigen Finanzzentren noch deutlich erhöhen.