Weltweite Nachfrage Kanada im Rohstoff-Dilemma

Firmen aus aller Welt stürzen sich auf die Rohstoffvorkommen Kanadas. Aus Deutschland investiert dort zum Beispiel der Dax-Konzern K+S Milliarden. Für das Ahornland hat der Boom jedoch nicht nur Vorteile - es droht die "Holländische Krankheit". 
Von Markus Gärtner
Kanada ist ein globaler Brennpunkt für die Förderung wichtiger Rohstoffe

Kanada ist ein globaler Brennpunkt für die Förderung wichtiger Rohstoffe

Foto: REUTERS

Hamburg - Toyota beschleunigt in einem Joint Venture mit dem kanadischen Explorationsunternehmen Matamec die Entwicklung des Kipawa-Vorkommens für Seltene Erden in Quebec. Der polnische Kupferförderer KGHM Polska Miedz will für 2,3 Milliarden Dollar den kanadischen Kupfer- und Nickelproduzenten Quadra FNX übernehmen. Der australische Bergbaukonzern BHP Billiton baut für knapp eine halbe Milliarde Dollar das Jansen-Vorkommen für Kali östlich von Saskatchewan aus.

Und der Aufsichtsrat der deutschen K+S  bewilligte Ende November Investitionen im Umfang von 2,4 Milliarden Euro für das Legacy-Projekt im Süden von Saskatchewan. Es soll ab 2015 produzieren und bis 2017 schon jährlich zwei Millionen Tonnen Kaliumchlorid fördern. Legacy ist ein Meilenstein in der Erweiterung der globalen Präsenz von K+S.

Trotz aktuell korrigierender Rohstoffpreise: Das Ahornland ist einer der globalen Brennpunkte in der fieberhaften Suche nach neuen Förderkapazitäten für Industriemetalle, Agrarrohstoffe und Energie. In deren Verlauf sagen kanadische Experten für Quadra noch eine heftige internationale Bieterschlacht vorher. Dabei sollen sich auch globale Rohstoffgiganten wie Vale oder Antofagasta einschalten. Und bei dem Versuch des Westens, sich mit forcierter Entwicklung eigener Vorkommen für Seltene Erden aus dem Würgegriff limitierter chinesischer Exporte zu befreien, spielt Kanada derzeit neben Australien sogar die Hauptrolle.

Ein Viertel aller Explorationsprojekte weltweit wird zwischen Halifax und Vancouver vorangetrieben. China hat seine Ausfuhren für die 17 chemischen Elemente in dieser Gruppe im laufenden Jahr um 65 Prozent weiter eingeschränkt. Eine neue Studie des Firmenberaters PricewaterhouseCoopers belegt, dass in Europa 79 Prozent aller Firmen für die kommenden fünf Jahre Seltene Erden und knappe Metalle als Risiko für ihr Geschäft sehen. Und bei K+S schließlich sieht man das Legacy-Projekt in Kanada als "eines der wirtschaftlich attraktivsten Kali-Greenfieldprojekte weltweit". Die Zahl der Mitarbeiter bei K+S Potash Canada wird sich im Laufe der Projektentwicklung auf 300 verzehnfachen.

Kanada sitzt auf gigantischem Ölsandvorkommen

Die seit Monaten zu beobachtende Korrektur bei den Rohstoffpreisen scheint die langfristig ausgelegten Großprojekte bislang nicht zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Reduzierte Preise, auch für die Aktien der Rohstoffproduzenten, bieten lukrative Einstiegsmöglichkeiten. Und die Preiskorrektur soll nicht lange andauern, wegen der Aufholjagd der Schwellenländer.

Das sagt auch die Rohstoffexpertin Patricia Mohr bei der kanadischen Scotiabank. Mohrs Prognose für 2012 beinhaltet zwar eine fortgesetzte Korrektur in den nächsten drei Monaten, doch dann sollen viele Notierungen wieder anziehen. "Die Einkaufsmanager weltweit verzögern Bestellungen für Industriemetalle, Düngemittel und Stahl", schreibt Mohr in ihrem jüngsten Rohstoffbericht vom 21. Dezember.

Doch China, das weltweit für 42 Prozent der Kupfer-, Nickel- und Zinknachfrage aufkomme, werde nach einer "weichen Landung" 2012 immer noch 8,9 Prozent BIP-Wachstum erzielen. "Wir erwarten eine Erholung im zweiten Quartal, die die globale Nachfrage und die Rohstoffpreise stärken wird." Laut Mohr wird Kupfer 2012 der Rohstoff mit der besten Performance werden. Auch Öl soll kräftig anziehen. Für Kanada ist das ein Traumszenario.

Denn neben Kupferförderern wie Teck Resources tummeln sich in Kanada auch viele führende Ölsandproduzenten wie Suncor  und Imperial Oil , die seit Ende 2010 ihre Vorkommen in den bitumenreichen Gebieten im Norden von Alberta wieder beschleunigt ausbeuten. Kanada sitzt mit über 173 Milliarden Barrel Öl in den Ölsanden auf dem zweitgrößten Vorkommen nach Saudi-Arabien. Das hat das Ahornland zum führenden Energielieferanten der USA gemacht, weit vor wichtigen Exportländern am Persischen Golf.

Rohstoffboom verändert Kanadas Wirtschaft

"Die großen Ölsandprojekte werden Albertas Wirtschaft über Jahre hinaus enorm anheizen", sagt der Chefvolkswirt Craig Wright bei Kanadas führender Bank, der Royal Bank of Canada  (RBC). In diese optimistische Annahme ist die Möglichkeit, dass US-Präsident Barack Obama die sieben Milliarden Dollar teure Keystone-Pipeline ablehnt, bereits berücksichtigt. Die gigantische Röhre, die Öl aus Kanada bis ins Raffinerie-Zentrum von Texas befördern soll, ist in Washington heftig umstritten. Obama hat seine Entscheidung über das Projekt vor wenigen Wochen vertagt.

Er hatte im Wahlkampf vor vier Jahren Öl aus Alberta wegen der umweltbelastenden Abbaumethoden als "schmutziges Öl" bezeichnet. Doch auf der Baustelle des gigantischen Projektes könnten 20.000 Menschen beschäftigt werden. Auf kanadischer Seite, in der Provinz Alberta, hat der Preis von 100 Dollar je Barrel Öl den Ölsandrausch erneut angefacht. Alberta soll laut der RBC im kommenden Jahr knapp 4 Prozent wachsen.

In der Rohstoffindustrie teilt man die optimistische Prognose von Patricia Mohr. Don Lindsay, der CEO von Kanadas führendem Metallbergbauer Teck Resources, will von einem Einbruch in China nichts wissen. "Wir sehen die Stahlindustrie im Reich der Mitte weiter wachsen", sagt Lindsay, "wenn auch nicht mit derselben Rate wie in der Vergangenheit." Und das auslaufende Jahr 2011 beschreibt der Teck Resources-Chef so: "Das zweite Quartal war besser als das erste, das dritte war besser als das zweite. Und das laufende Quartal folgt diesem Trend."

Der jahrelange Rohstoffboom hat Kanadas Wirtschaft nachhaltig transformiert. Ehemals rückständige Provinzen wie Saskatchewan und Alberta sind jetzt Wachstumstreiber, nicht nur was die BIP-Zuwächse angeht. Auch die Löhne steigen rasant und ziehen Zehntausende von Wirtschaftsmigranten aus anderen Provinzen und aus Europa an. Kanadas oberste Statistikbehörde, Statistics Canada, veröffentlichte vor Weihnachten neue Zahlenreihen zur Lohnentwicklung.

Alte Minenstädte erwachen neu

Sie zeigen, dass energiereiche Provinzen wie Saskatchewan und Neufundland seit 2002 einen Lohnrückstand auf den kanadischen Durchschnitt von 9 Prozent in einen Vorsprung verwandelt haben. Albertas Lohnvorsprung vor dem landesweiten Schnitt hatte schon vor neun Jahren 2,9 Prozent betragen, wurde aber inzwischen auf satte 18,5 Prozent ausgebaut. Arbeiter in den Ölsandgebieten von Alberta verdienen im Jahr 8000 Dollar mehr als Kanadier mit vergleichbaren Jobs in anderen Provinzen.

Im Norden von British Columbia und am Yukon, der Ende des 19. Jahrhunderts einen großen Goldrausch erlebt hatte, erwachen ganze Minenstädte, die in den 80er Jahren stillgelegt worden waren, zu neuem Leben. So auch die alte Minenstadt Kitsault 140 Kilometer nördlich von Prince Rupert. Ende der 70er Jahre wollte dort der Bergbauriese Phelps Dodge Molybdän abbauen.

Als die Preise einbrachen, endete Kitsault 1982 als Geisterstadt. 2005 wurde der Ort als Refugium für Künstler zu neuem Leben erweckt. Sogar unverheiratete Mütter fanden vor streng religiösen Verwandten Zuflucht. Jetzt brausen auf der Hauptstraße fast pausenlos ungezählte Baufahrzeuge und Minengeräte von Avanti Mining durch, um die Molybdän-Förderung bis 2013 wieder anzuwerfen.

Bis hinein in die Politik weckt dieser Minenboom Begehrlichkeiten. Brad Trost, ein Abgeordneter im Provinz-Parlament von Saskatchewan, brachte zwei Wochen vor Weihnachten eine Gesetzesvorlage ein, die ausländischen Firmen den Erwerb kanadischer Uranerz-Minen erlauben würde. "Das verstößt nicht gegen unsere nationale Sicherheit und bedroht nicht unsere Verbreitungsbestimmungen", sagt Trost. Kanada ist weltweit der größte Förderer von Uranerz und kommt für 30% der globalen Produktion auf. Die Vorlage geht im Januar in die abschließende Lesung.

Kanadier fürchten sich vor der "Holländischen Krankheit"

Nicht überall in Kanada löst der Rohstoffboom Euphorie und Expansionsgelüste aus. In den industrielastigen Provinzen Ontario und Quebec hat er durch die Aufwertung des rohstoffabhängigen Kanada-Dollars die Exporte verteuert und viele Arbeitsplätze gekostet.

Mehr noch: Viele in Kanada fürchten, sich die "holländische Krankheit" einzufangen, ein Schrumpfen des verarbeitenden Gewerbes in der Folge einer massiven Expansion des Rohstoffsektors. Aus kanadischen Regierungsstatistiken geht hervor, dass die Industrie zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts ein Viertel aller Ausfuhren des Landes beisteuerte. Im laufenden Jahr ist dieser Anteil auf 14,2 Prozent gesunken. Gleichzeitig explodierte im selben Zeitraum der Exportanteil des Bergbausektors um 273 Prozent auf 20 Prozent aller Ausfuhren des Landes.

Für den Arbeitsmarkt stellt das eine Belastung dar, weil im Bergbau bei gleicher Wertschöpfung wesentlich weniger Menschen beschäftigt werden. Während das verarbeitende Gewerbe in den vergangenen zehn Jahren 466.000 Jobs verlor, kamen im Rohstoffsektor lediglich 90.000 hinzu. Das macht die Regierungen in Ottawa und in den energie- und metallreichen Provinzen zudem stark abhängig von den Lizenzeinnahmen aus dem Bergbau. Die am stärksten industrialisierte Provinz des Landes - Ontario - hingegen erlebte einen schmerzhaften Abstieg: Sie stieg in den vergangenen Jahren zum zweitgrößten Empfänger in der kanadischen Version des Länderfinanzausgleichs ab.

Das G7-Land Kanada hat trotz seines Rohstoffbooms noch ein anderes Problem. Die Ausfuhren - sowohl in der Industrie als auch im Bergbau - sind noch immer sehr stark auf das südliche Nachbarland USA ausgerichtet. In die Wachstumsstory der großen Schwellenmärkte dagegen hat sich das Ahornland nur zögerlich eingeklinkt.

Kanadas Börse unter Druck

Der Marktanteil von Kanadas Industriexporten in den BRIC-Ländern Brasilien, Russland, Indien und China hat sich im vergangenen Jahrzehnt fast halbiert. Von den Gesamtexporten des Landes - Rohstoffe eingerechnet - werden nur 10 Prozent an Schwellenländer geliefert. Das bedeutet: In Boomzeiten bereitet die Aufwertung des Kanada-Dollars der Industrie Exportprobleme. In einem weltweiten Abschwung, wie er jetzt droht, kann das rohstoffreiche Land jedoch nur begrenzt von der Explosion der Energie- und Metallnotierungen profitieren.

Kanadas rohstofflastige Börse in Toronto beendet derweil ein schwieriges Jahr. Der Leitindex S&P/TSX hat bis Weihnachten 14 Prozent eingebüßt. Als Bleigewicht haben sich im Jahresverlauf die Aktien von Metallschürfern und Energieunternehmen erwiesen. Sie sind im Index mit 47 Prozent vertreten. Allein der Subindex für die Metallerzeuger - der S&P/TSX Capped Diversified Metals & Mining Index - hat seit dem 52-Wochenhoch 32,5 Prozent verloren. Das führende Marktbarometer - der S&P/TSX - steuert mit einem Verlust von 14 Prozent dem zweitschlechtesten Jahr seit 1991 entgegen. Nur die Finanzkrise 2008 hatte mehr Verluste beschert.

Kanadas führenden Rohstoffunternehmen in der Metallbranche ist das holprige Börsenjahr deutlich anzusehen. Barrick Gold , der weltweit größte Goldförderer, hat ein kräftiges Auf und Ab erlebt. Die Aktie des Unternehmens notiert mit knapp 47 KAN-Dollar 13 Prozent unter dem Zwischenhoch, das sie Anfang Dezember markiert hatte. Agnico Eagle Mines , der sechstgrößte Goldschürfer im Ahornland, notiert 51,5 Prozent unter seinem 52-Wochenhoch vom Januar.

Teck Resources, der führende Produzent von Industriemetallen und Kohle in Kanada, liegt nach stetigen Kursverlusten seit Jahresbeginn 43 Prozent unter dem 52-Wochenhoch. Und First Quantum Minerals, der zweitgrößte börsennotierte Kupferproduzent, erlebte im Herbst eine Rutschpartie. Diese drückte die Aktie vor Weihnachten bis auf 19,58 KAN-Dollar. Das sind 33,8 Prozent unter dem 52-Wochenhoch vom April.