Mittwoch, 29. Januar 2020

Sinkende Löhne USA werden zum China des Westens

Dank China beginnt im Hinterland der USA eine neue industrielle Renaissance

Ein schwacher Dollar, zahme Gewerkschaften sowie sinkende Reallöhne machen die USA zum Niedriglohnland. Erste Fabriken kehren aus China nach Amerika zurück. Resultat: Die Industrieproduktion dort wächst deutlich schneller als das BIP. Doch die Minilöhne gefährden den Konsum.

Vancouver - Bislang interessieren sich nur Tech-Magazine und die Apple-Blogs für die Sensation: Der neue Prozessor A5, der das iPad2 und das iPhone 4S steuert, kommt nicht aus Asien, sondern aus Austin in Texas. Ausgerechnet Samsung, mit dem sich Apple heftige juristische Gefechte um Patente lieferte, baut den Chip. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine reine Standortnachricht. Auf den zweiten Blick geht es jedoch um nicht weniger als das globale Gleichgewicht im Welthandel.

Genauer gesagt: Die USA beginnen, im direkten Vergleich mit China, wieder ein interessanterer Investitionsmagnet zu werden. Damit beginnt das Ende einer Ära, in der China als Billigfabrik der Welt unangreifbar schien. Eine Ära auch, in der die USA industriell so stark ausbluteten, dass heute nur noch 10 Prozent der Beschäftigten in der Industrie arbeiten. Seit 2001 verlor das Land nach Angaben des "Quarterly Census" 54.600 Fabriken und fünf Millionen Industriearbeiter. Ganze Landstriche, vor allem im Mittleren Westen, entleerten sich. Aus der früheren Autohochburg Detroit wurde in weiten Teilen eine Geisterstadt, in der heute Efeu auf den Ruinen ehemaliger Autowerke wächst.

Doch jetzt scheint sich dieser Aderlass nicht nur deutlich zu verlangsamen. Der Spieß beginnt sich sogar umzudrehen. Der wichtigste Grund sind neben dem schwachen Dollar auch rasante Produktivitätszuwächse und die sinkenden Löhne in den USA. Allein in den zwölf Monaten bis November sind die Reallöhne um 1,2 Prozent gefallen. Das geht aus dem jüngsten Bericht des Bureau of Labor Statistics vom 16. Dezember hervor. Laut einer Studie von zwei ehemaligen Mitarbeitern des Census-Büros sanken die Reallöhne zwischen Juni 2009 - dem offiziellen Ende der Großen Rezession - und dem Juni 2011 um satte 6,7 Prozent.

In den Ballungszentren Chinas dagegen verzeichnen die Löhne seit Jahren Zuwächse zwischen 15 und 20 Prozent. Die Aufwertung des Renminbi verstärkt diesen Effekt noch. Ein Beispiel ist Foxconn International in der südchinesischen Provinz Guangdong. Dort lässt Apple Börsen-Chart zeigen seine iPhones aus deutschen, koreanischen und japanischen Komponenten zusammensetzen. Seit einer Serie von Selbstmorden vor eineinhalb Jahren, als schlecht bezahlte Arbeiter sich aus den Fabrikfenstern oder vom Dach in den Tod stürzten, haben sich bei Foxconn in Shenzhen die Löhne verdoppelt.

Erste US-Firmen kehren aus China zurück

Nach Protesten in der Fabrik von Honda Börsen-Chart zeigen in Foshan im Juni 2010 wurden die Löhne um 47 Prozent angehoben. Die gesetzlich vorgegebenen Mindestlöhne kletterten seitdem in 20 chinesischen Provinzen um mindestens 20 Prozent. Die Führung in Peking hat ein Interesse an steigenden Löhnen und fördert diese aktiv. Sie helfen, Unruhen zu verhindern und die Einführung höherwertiger Technologie zu beschleunigen. Denn noch immer stammt die Hälfte der Wertschöpfung chinesischer Exporte aus westlichen Fabriken, die im Reich der Mitte produzieren. Im Klartext: Die Chinesen haben zu wenig Anteil an ihren immensen Exporterfolgen. Und höhere Löhne sollen die Investitionen in höherwertige Produkte beschleunigen.

Resultat des beschleunigten Lohnauftriebs in China: Der Exodus amerikanischer Firmen, die nach China verlegen, verlangsamt sich. Die ersten Firmen kehren sogar zurück. US-Firmen haben in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres ihre Direktinvestitionen in Fabriken und Anlagen in China um 23 Prozent zurückgefahren. Das ist der wichtigste Grund, warum in China der Import ausländischen Investivkapitals im November gegenüber dem Oktober erstmals seit 28 Monaten sank. Er ging im Jahresvergleich um 9,8 Prozent zurück.

Der A5-Prozessor von Apple ist aber nur ein Beispiel für diese beginnende Kehrtwende. Der weltweit größte Hersteller von Baugeräten und Schwerlastfahrzeugen, Caterpillar Börsen-Chart zeigen, expandiert seine Baggerfertigung im Bundesstaat Texas zu Lasten der Fertigung in China. Die NCR Corporation hat gerade ihre Fertigung von Geldautomaten zurück nach Columbus in Georgia gebracht. Der Frisbee- und Hula-Hoop-Reifenhersteller Wham-O verlegte die Hälfte seiner Produktion von China und Mexiko in die USA zurück. Ford re-importierte nach deutlichen Zugeständnissen der Gewerkschaft United Auto Workers 2000 Jobs in die USA. Coleman, ein Hersteller von Campingausrüstungen, hat die Fertigung von Kühlboxen aus China nach Kansas verlagert.

Auch der Unternehmer Bruce Cochrane ist ein vielsagendes Beispiel. Er hat im Oktober eine Möbelfabrik in Lincolnton, North Carolina, eröffnet. So etwas hat man in den USA lange nicht gehört. Die Beschäftigung war in Amerikas Möbelindustrie im vergangenen Jahrzehnt um 60 Prozent gefallen. Jetzt, so Cochrane, ist der Preisvorteil der Fertigung in China von 50 Prozent auf 15 Prozent geschrumpft. Doch allein die Transportkosten über den Pazifik haben sich in einem Jahr verdoppelt. So kommt es auch, dass eines der erfolgreichsten Exportprodukte im Bundesstaat Georgia seit Kurzem Ess-Stäbchen sind - für China und Japan.

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