Sinkende Löhne USA werden zum China des Westens

Ein schwacher Dollar, zahme Gewerkschaften sowie sinkende Reallöhne machen die USA zum Niedriglohnland. Erste Fabriken kehren aus China nach Amerika zurück. Resultat: Die Industrieproduktion dort wächst deutlich schneller als das BIP. Doch die Minilöhne gefährden den Konsum.
Von Markus Gärtner
Dank China beginnt im Hinterland der USA eine neue industrielle Renaissance

Dank China beginnt im Hinterland der USA eine neue industrielle Renaissance

Foto: Mark/EPA/DPA

Vancouver - Bislang interessieren sich nur Tech-Magazine und die Apple-Blogs für die Sensation: Der neue Prozessor A5, der das iPad2 und das iPhone 4S steuert, kommt nicht aus Asien, sondern aus Austin in Texas. Ausgerechnet Samsung, mit dem sich Apple heftige juristische Gefechte um Patente lieferte, baut den Chip. Auf den ersten Blick handelt es sich um eine reine Standortnachricht. Auf den zweiten Blick geht es jedoch um nicht weniger als das globale Gleichgewicht im Welthandel.

Genauer gesagt: Die USA beginnen, im direkten Vergleich mit China, wieder ein interessanterer Investitionsmagnet zu werden. Damit beginnt das Ende einer Ära, in der China als Billigfabrik der Welt unangreifbar schien. Eine Ära auch, in der die USA industriell so stark ausbluteten, dass heute nur noch 10 Prozent der Beschäftigten in der Industrie arbeiten. Seit 2001 verlor das Land nach Angaben des "Quarterly Census" 54.600 Fabriken und fünf Millionen Industriearbeiter. Ganze Landstriche, vor allem im Mittleren Westen, entleerten sich. Aus der früheren Autohochburg Detroit wurde in weiten Teilen eine Geisterstadt, in der heute Efeu auf den Ruinen ehemaliger Autowerke wächst.

Doch jetzt scheint sich dieser Aderlass nicht nur deutlich zu verlangsamen. Der Spieß beginnt sich sogar umzudrehen. Der wichtigste Grund sind neben dem schwachen Dollar auch rasante Produktivitätszuwächse und die sinkenden Löhne in den USA. Allein in den zwölf Monaten bis November sind die Reallöhne um 1,2 Prozent gefallen. Das geht aus dem jüngsten Bericht des Bureau of Labor Statistics vom 16. Dezember hervor. Laut einer Studie von zwei ehemaligen Mitarbeitern des Census-Büros sanken die Reallöhne zwischen Juni 2009 - dem offiziellen Ende der Großen Rezession - und dem Juni 2011 um satte 6,7 Prozent.

In den Ballungszentren Chinas dagegen verzeichnen die Löhne seit Jahren Zuwächse zwischen 15 und 20 Prozent. Die Aufwertung des Renminbi verstärkt diesen Effekt noch. Ein Beispiel ist Foxconn International in der südchinesischen Provinz Guangdong. Dort lässt Apple  seine iPhones aus deutschen, koreanischen und japanischen Komponenten zusammensetzen. Seit einer Serie von Selbstmorden vor eineinhalb Jahren, als schlecht bezahlte Arbeiter sich aus den Fabrikfenstern oder vom Dach in den Tod stürzten, haben sich bei Foxconn in Shenzhen die Löhne verdoppelt.

Erste US-Firmen kehren aus China zurück

Nach Protesten in der Fabrik von Honda  in Foshan im Juni 2010 wurden die Löhne um 47 Prozent angehoben. Die gesetzlich vorgegebenen Mindestlöhne kletterten seitdem in 20 chinesischen Provinzen um mindestens 20 Prozent. Die Führung in Peking hat ein Interesse an steigenden Löhnen und fördert diese aktiv. Sie helfen, Unruhen zu verhindern und die Einführung höherwertiger Technologie zu beschleunigen. Denn noch immer stammt die Hälfte der Wertschöpfung chinesischer Exporte aus westlichen Fabriken, die im Reich der Mitte produzieren. Im Klartext: Die Chinesen haben zu wenig Anteil an ihren immensen Exporterfolgen. Und höhere Löhne sollen die Investitionen in höherwertige Produkte beschleunigen.

Resultat des beschleunigten Lohnauftriebs in China: Der Exodus amerikanischer Firmen, die nach China verlegen, verlangsamt sich. Die ersten Firmen kehren sogar zurück. US-Firmen haben in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres ihre Direktinvestitionen in Fabriken und Anlagen in China um 23 Prozent zurückgefahren. Das ist der wichtigste Grund, warum in China der Import ausländischen Investivkapitals im November gegenüber dem Oktober erstmals seit 28 Monaten sank. Er ging im Jahresvergleich um 9,8 Prozent zurück.

Der A5-Prozessor von Apple ist aber nur ein Beispiel für diese beginnende Kehrtwende. Der weltweit größte Hersteller von Baugeräten und Schwerlastfahrzeugen, Caterpillar , expandiert seine Baggerfertigung im Bundesstaat Texas zu Lasten der Fertigung in China. Die NCR Corporation hat gerade ihre Fertigung von Geldautomaten zurück nach Columbus in Georgia gebracht. Der Frisbee- und Hula-Hoop-Reifenhersteller Wham-O verlegte die Hälfte seiner Produktion von China und Mexiko in die USA zurück. Ford re-importierte nach deutlichen Zugeständnissen der Gewerkschaft United Auto Workers 2000 Jobs in die USA. Coleman, ein Hersteller von Campingausrüstungen, hat die Fertigung von Kühlboxen aus China nach Kansas verlagert.

Auch der Unternehmer Bruce Cochrane ist ein vielsagendes Beispiel. Er hat im Oktober eine Möbelfabrik in Lincolnton, North Carolina, eröffnet. So etwas hat man in den USA lange nicht gehört. Die Beschäftigung war in Amerikas Möbelindustrie im vergangenen Jahrzehnt um 60 Prozent gefallen. Jetzt, so Cochrane, ist der Preisvorteil der Fertigung in China von 50 Prozent auf 15 Prozent geschrumpft. Doch allein die Transportkosten über den Pazifik haben sich in einem Jahr verdoppelt. So kommt es auch, dass eines der erfolgreichsten Exportprodukte im Bundesstaat Georgia seit Kurzem Ess-Stäbchen sind - für China und Japan.

Obamas Rechnung geht auf

Der eingewanderte Koreaner Jae Lee lässt die Holzstäbchen mit 102 Beschäftigten in dem 17.000 Einwohner-Städtchen Americus fertigen. Zwar hat Georgia durch seinen Holzreichtum einen großen natürlichen Vorteil gegenüber China, wo ein Abholzungsverbot besteht. Doch ohne großzügige Ansiedlungshilfen im Süden der USA - und ohne den Lohnverfall der vergangenen Jahre - hätte Lee die Rohware auch zur Verarbeitung nach China verschiffen können.

Auch der Unternehmer Stephen Gray bestätigt die beginnende industrielle Renaissance im Hinterland der USA. Gray führt den gleichnamigen Familienbetrieb, der Fabriken für große Firmen baut - darunter die neue Siemens-Fabrik in Charlotte, North Carolina, und das Werk von Caterpillar in Winston-Salem. Noch vor zwei Jahren klagte Gray gegenüber US-Zeitungen über eine leere Auftragspipeline. Jetzt hat er 22 aktive Bauprojekte.

Die Siemens-Fabrik für große Gasturbinen ist nur eines davon. Einer der wichtigsten Gründe, warum Siemens  und Caterpillar nach North Carolina gehen, sind gut ausbildende Colleges an ihren neuen Standorten. Qualifizierte Fachkräfte, so der Projektleiter von Siemens in Charlotte, Richard Voorberg, waren neben einer schwindenden Lücke bei den Arbeitskosten sowie höherer Effizienz und steigenden Transportkosten ein zentraler Grund für die Ansiedlung.

Die beginnende Wende im industriellen Aderlass der USA - Teil der Obama-Kampagne zur Verdoppelung der Ausfuhren binnen fünf Jahren - ist bereits in den Statistiken sichtbar. Während das Bruttoinlandsprodukt der USA im dritten Quartal um 2 Prozent wuchs, legte die Industrieproduktion um 4,6 Prozent zu. In den ersten drei Monaten dieses Jahres war die Fertigung im Verarbeitenden Gewerbe sogar um 9,1 Prozent gestiegen, vier Mal so schnell wie das BIP. Die Produktivität der US-Industrie verbesserte sich in den drei Monaten bis September um satte 5 Prozent, heißt es beim Bureau of Labor Statistics. Das übersetzt sich für das dritte Quartal in ein Minus bei den Lohnstückkosten von 5,1 Prozent.

Mexikanische Verhältnisse in den USA

"Sinkende Lohnstückkosten - im Zusammenwirken mit dem schwachen Dollar - machen US-Ausfuhren sehr wettbewerbsfähig", bestätigt der Wirtschafts-Professor James Butkiewicz an der University of Delaware. Allein in den zwölf Monaten bis Mai 2011 hat der Greenback 12,4 Prozent gegenüber dem Yen verloren. In den 12 Monaten bis zum laufenden Monat stieg der Dollarkurs um 0,1 Prozent. Das ist vor allem dem jüngsten Höhenflug des Greenbacks zu verdanken, der von den Börsenturbulenzen angetrieben wird.

Schon werden in den USA Witze gerissen, das Land steige zum neuen Mexiko für europäische Investoren auf. Doch so etwas sagen auch Leute, die von Berufs wegen wenig Witze reißen. Darunter die Boston Consulting Group, die dem Süden der USA prognostiziert, bis 2015 mit die billigsten Produktionskosten in der westlichen Welt zu bieten. "Bei einigen Waren, die für US-Konsumenten bestimmt sind, wird die Fertigung in Teilen der USA bis 2015 so wirtschaftlich sein wie die Produktion in China", heißt es in dem Bericht "Made in America, Again", den die Boston Consulting Group im August präsentierte.

Begründung: Lohnzuwächse von 15 bis 20 Prozent in China würden Chinas Lohnvorteil in diesem Zeitraum von 55 Prozent auf 39 Prozent abschmelzen lassen. Da der Anteil der Arbeitskosten bei vielen Produkten sehr gering sei, würden sich die Kostenvorteile für viele Waren bei einer Verlagerung nach China auf einstellige Prozentbeträge verringern.

Das entspricht einer Rechnung, die die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) Ende 2010 am Beispiel des iPhones von Apple aufmachte. Der Anteil der Lohnkosten am iPhone, dessen Zutaten zu 34 Prozent aus Japan und zu 17 Prozent aus Deutschland kommen (Infineon), betrage weniger als 3,6 Prozent. Schon vor einem Jahr hätte demnach laut der ADB die komplette Verlagerung der Endmontage des iPhones von Südchina in die USA einen leicht zu verkraftenden Effekt gehabt. Die Brutto-Gewinnmarge von Apple wäre von 62 Prozent auf 50 Prozent gesunken.

Lohndumping auch bei Volkswagen

Doch seit der Finanzkrise gewinnen die USA mit wachsendem Tempo Wettbewerbsfähigkeit zurück. So werden im Lkw-Werk von Ford in Dearborn bei Detroit viele Jobs wie Reparaturen und Instandhaltung nur noch an Vertragsfirmen mit externen Arbeitern vergeben. Die Stundenlöhne liegen bei zehn Dollar, ohne Zuschläge. Auch beim General-Motors-Werk in Lake Orion, nördlich von Detroit, wo einst die Gewerkschaften die Löhne eisern verteidigten, werden heute von Auftragsfirmen externe Arbeiter für zehn Dollar die Stunde angeheuert. Von diesen Lohnvorteilen profitieren auch deutsche Großinvestoren in den USA zunehmend.

Beispiel Volkswagen . Das neue Werk in Chattanooga, Tennessee, wo seit Jahresbeginn der neue Passat maßgeschneidert für US-Kunden gefertigt wird, zahlt Löhne, die man sich in der Branche vor der Finanzkrise nicht hätte vorstellen können. In den USA machte das Werk in Chattanooga im laufenden Jahr Schlagzeilen als diejenige Autofabrik, die mit 15 Dollar je Stunde die niedrigsten Einstandslöhne im Land zahlt. Das erlaubt nicht nur, den Passat in Amerika billig zu verkaufen, es erhöht auch den Druck auf den Rest der Autobranche.

Im Oktober trotzte selbst General Motors  im fernen Detroit, wo neue Investoren nicht mehr so häufig vorbeischauen, den Gewerkschaften jeweils 1 Prozent mehr Lohn für die nächsten vier Jahre ab. Die neuen Investoren im Süden können es sich leisten, weniger Lohn als in Detroit zu bieten. VW bezahlt seine Arbeiter im örtlichen Vergleich mit anderen Arbeitgebern sogar noch gut. Das Unternehmen erhielt für die ersten 1500 ausgeschriebenen Stellen daher auch 35.000 Bewerbungen. Darunter Arbeiter, die zuvor in Michigan bei General Motors für 28 Dollar die Stunde am Fließband gestanden hatten.

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