Fotostrecke

Vom Schwungrad abgekoppelt: Wie Europas Wirtschaft sich marginalisiert

Foto: AP / Lapresse

Schuldenkrise Europas Macht im Welthandel versickert

Gefährliche Folgen der Euro-Krise: Europas Direktinvestitionen in die globalen Wachstumsmärkte sinken. Viele Euroland-Banken ziehen sich aus Osteuropa zurück. Börsendebüts werden abgeblasen. So droht Europa von den Kraftfeldern der globalen Konjunktur abgekoppelt zu werden - mit Folgen.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Europas Schuldenkrise beherrscht die Schlagzeilen der Welt. Das Finanzdesaster auf dem alten Kontinent bremst Brasiliens Aufschwung aus. Es führt zu stockenden Krediten in Asien, zu neuer Rezessionsangst in Kanada und zur Furcht vor einem zweiten Lehman-Debakel in den USA. Doch viele dieser Analysen und Beobachtungen über die Folgen des Dramas im Euro-Land übersehen eins: Europa schadet vor allem sich selbst, insbesondere seiner Position und Rolle in der globalen Wirtschaft. Und die Schleifspuren sind bereits gut sichtbar.

Europas Banken beginnen einen Rückzug aus dem einst gepriesenen Wachstumsmarkt Osteuropa. Um strengere Kapitalvorschriften zu erfüllen, trennen sie sich von profitablen Beteiligungen; selbst die Deutsche Bank  muss den Verkauf ihrer Vermögensverwaltung prüfen. Die europäischen Geldhäuser verlieren zudem wichtige Marktanteile im syndizierten internationalen Kreditgeschäft, vor allem in Asien. Dort haben sie laut jüngster Erhebungen der Citigroup  einen Anteil von 42 Prozent an allen Ausleihungen an Nicht-Banken in der ganzen Region.

Auch ihre Bedeutung bei der Finanzierung von Handelsgeschäften in Schwellenmärkten leidet. Und Börsengänge junger Unternehmen, die sich Kapital besorgen wollen um zu wachsen, sind in Frankfurt am Main praktisch zum Erliegen gekommen, während sie an einigen asiatischen Finanzplätzen zwar lahmen, aber weitergehen. Das reduziert Europas Anteil an dynamischen Wachstumssegmenten der globalen Industrie. Mehr noch: Weil die Importe nach Europa einbrechen, wie man den Ausfuhrstatistiken asiatischer Länder wie Singapur, Korea und China entnehmen kann, sinkt Europas Anteil am Welthandel. Und selbst die Versorgung führender Schwellenländer wie China mit ausländischen Direktinvestitionen stockt oder sinkt, weil die Europäer auf die Bremse treten.

Notverkauf der profitabelsten Assets

Im Klartext: Die Schuldenkrise beginnt, Europas Position in der Weltwirtschaft zu untergraben. Dieser Prozess beginnt zwar erst. Aber er wird langfristig Folgen für Firmengewinne und Wachstum in Europa haben. Im schlimmsten Fall wird er Europa vorübergehend von der Wachstumslokomotive Asien abkoppeln - wenn nicht auch noch längerfristige Folgen haben.

Europas Banken verkaufen für den Rückzug schließlich auch noch ihre profitabelsten Assets. Denn Aktienemissionen machen wenig Sinn, weil die Dividendenpapiere oft nur noch mit der Hälfte des Buchwertes gehandelt werden. Da ist es besser, physische Anlagen und Beteiligungen zu veräußern. Nach Angaben von Bloomberg haben europäische Banken angekündigt, in den kommenden zwei Jahren weltweit Beteiligungen für 950 Milliarden Euro abzustoßen. Die Commerzbank  und die italienische Unicredit  haben angekündigt, ihre Aktivität in Osteuropa, das bis vor kurzem noch eine Priorität war, zu reduzieren; die Unicredit ist mittlerweile fast verzweifelt au der Suche nach Kapital. Doch weiter:

Die belgische KBC verkauft ihren Versicherer in Polen. Die französische Credit Agricole, Frankreichs drittgrößte Bank, zieht sich aus 21 von 53 Ländern zurück. Portugals größtes Geldinstitut, die Banco Espirito Santo, verkaufte Beteiligungen an der Banco Bradesco in Brasilien und einen Teil ihrer Beteiligung an der dänischen Saxo Bank. Die ING, der größte Finanzdienstleister der Niederlande, trennt sich im Umfang von 2,6 Milliarden Euro von seinem lateinamerikanischen Versicherungsgeschäft. Die Deutsche Bank prüft ähnliche Pläne.

Tausende Mittelständler verlieren ihre Kreditgeber

Die Folgen werden langfristig und teilweise gravierend sein. Für Tausende Mittelständler, die seit 1990 im Sog ihrer großen Kunden in die Schwellenmärkte gefolgt sind, waren lokale Präsenzen europäischer Banken oft die einzige oder wichtigste Quelle für die Fremdfinanzierung der lokalen Expansion in den neuen Märkten. Vor allem für die Banken selbst steht viel auf dem Spiel: "Da werden oft die profitabelsten Einheiten veräußert", sagt Azad Zangana bei Schroders in London, "das ganze Geschäftsmodell kann leiden, wenn man als Bank nur noch in angestammten Märkten Geld ausleiht, die durch tiefe Rezessionen gehen". Den möglichen Schaden für die Profitabilität hat der Morgan-Stanley-Analyst Huw van Steenis versucht auszurechnen. Bei der Deutsche Bank kam er auf einen Prozentpunkt weniger bei der Verzinsung des Eigenkapitals.

Vor allem in Osteuropa nimmt der Rückzug enorme Ausmaße an. Und auch Banken aus den hoch verschuldeten Peripheriestaaten der Euro-Zone packen ihre Koffer. In Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Polen, Rumänien und Serbien bestreiten griechische, irische, italienische, portugiesische und spanische Banken mindestens 20 Prozent des lokalen Marktes. Die Finanzierung dieser Schwellenmärkte werden jetzt verstärkt lokale Konkurrenten und russische Banken übernehmen, die - wie die Sberbank - eine Expansion in diesem Teil Europas anstreben.

Doch der Schaden aus dem Schuldendrama für die europäische Wirtschaft erstreckt sich nicht alleine auf das Finanzgewerbe, dort ist er lediglich zuerst sichtbar. Auch das industrielle Gewicht der Europäer in der Weltwirtschaft wird leiden. Laut dem neuen globalen IPO-Bericht des Firmenberaters Ernst & Young sind weltweit im laufenden Jahr die Erlöse aus Börsendebüts um 45 Prozent zurückgegangen. Das Minus in den USA beträgt moderate 16 Prozent, in Asien sogar 56 Prozent. Aber an wichtigen europäischen Finanzplätzen wie Frankfurt am Main ist es laut Ernst & Young wegen der anhaltenden Schuldenkrise und den daraus folgenden Börsenturbulenzen fast ganz eingeschlafen. Demnach haben im zu Ende gehenden Jahr nur zehn deutsche Unternehmen den Sprung an die Börse geschafft. Mehrere milliardenschwere Börsengänge - wie die Siemens-Licht-Tochter Osram und der Chemiekonzern Evonik - liegen auf Eis. Das sind vertagte Expansionen von Firmen, die zu Europas Wachstum und Wohlstand beitragen.

Neue Konkurrenz aus Chinas Nachbarländern

Bis hin zum Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in die Schwellenländer sind die Schleifspuren des europäischen Schuldendramas sichtbar. In China ist der Import ausländischen Investivkapitals im November erstmals seit 28 Monaten gesunken. Er ging im Jahresvergleich um 9,8 Prozent zurück. Einen guten Anteil an diesem Rückgang haben zwar die USA, die in den ersten elf Monaten des laufenden Jahres über 23 Prozent weniger Direktinvestitionen in Fabriken und Industrieanlagen in der Volksrepublik tätigten. Doch Europas Direktinvestitionen im Reich der Mitte stagnierten mit einem winzigen Zuwachs von 0,29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Im Klartext: Die industrielle Konkurrenz aus asiatischen Nachbarländern von China macht Europäern und Amerikanern immer mehr Geschäft streitig. Direktinvestitionen aus den zehn größten Volkswirtschaften in Asien mit dem Ziel China nahmen bis November um 18 Prozent zu.

Doch nicht nur asiatische Konkurrenten europäischer Industriefirmen ziehen direkte Vorteile aus dem Schuldendrama in Europa. Auch Asiens Finanzplätze machen beschleunigt Boden gut. Das wird nicht nur Kapitalströme stärker nach Asien umleiten, sondern auch der globalen Wettbewerbsposition westlicher Banken bei der Finanzierung von Asiens langfristigem Aufstieg schaden.

Finanzkrise zieht Deutschlands Position mit hinab

Das Weltwirtschaftsforum gab in dieser Woche seinen "Financial Development Report 2011" heraus. Die auffälligste Bewegung in der dort aufgestellten Rangliste der weltweit 60 führenden Finanzzentren: Hongkongs Sprung vom vierten auf den ersten Platz. Als einziges europäisches Land konnte sich in dieser Aufstellung unter den Top 10 Norwegen verbessern, mit einem Satz von Position 15 auf 10. Das einzige europäische Land unter den fünf besten, Großbritannien, verlor eine Position, von zwei auf drei. Die Bundesrepublik landet in dem globalen Vergleich an 14. Stelle. Der Grund für die magere Positionierung: Ein dürftiger 30. Platz in der Kategorie "Stabilität der Finanzmärkte", vor Israel, Marokko, Indonesien und Bangladesch.

"Deutschland zeigt Schwächen in Punkto Stabilität", heißt es in der detaillierten Länderanalyse des Berichtes. Hongkong dagegen, dem neuen internationalen Spitzenreiter - und dem ersten asiatischen Finanzplatz, der an die Spitze dieser Rangliste aufsteigen kann - wird "beträchtliche Stärke im geschäftlichen Umfeld sowie Finanzstabilität" als Hauptgrund für seinen beachtlichen Aufstieg attestiert. Zu einer ähnlichen Einschätzung dürfte Chinas politische Führung gekommen sein, als sie in dieser Woche die Einrichtung eines 300 Milliarden Dollar schweren Staatsfonds bekanntgab. Der Start dieses Fonds ist das bislang sichtbarste Zeichen, dass es Peking leid ist, sich mit Anleihen aus Europa und den USA die Finger zu verbrennen. Die Volksrepublik will ihre Überschüsse nun stärker in Industriebeteiligungen, Infrastruktur und andere Anlagen investieren.

Das schwächt nicht nur die Nachfrage nach europäischen Anleihen. Es wird auch den Einfluss der Chinesen auf die globale Industrielandschaft noch weiter verstärken. Zu Lasten der Europäer.

Mehr lesen über Verwandte Artikel