Montag, 19. August 2019

Globales Problem Chinas verborgener Riesenschuldenberg

Chinas Schattenbanken treiben immer mehr Kleinfirmen in die Pleite

Böses Erwachen: China, der vermeintliche Retter für Europas Schuldenstaaten, hat in seinen Provinzen selbst einen riesenhaften Schuldenturm aufgestapelt. Jetzt muss die Zentralregierung eingreifen, um eine Kernschmelze im eigenen Hinterland zu verhindern. Für Europa könnte kein Geld übrig bleiben.

Peking - Hu Fulin ist wieder da. Seine Produktionsstraßen laufen, und die meisten früheren Arbeiter stehen wieder am Band. Fast so, als wäre nie etwas gewesen. Hus Firma Center Group hat gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Ende September war Privatunternehmer Hu in die USA geflohen, denn zwei Milliarden Yuan Schulden, das sind umgerechnet 234 Millionen Euro, lasteten auf seiner Sonnenbrillenfirma in der Küstenstadt Wenzhou.

Und noch schlimmer: 1,2 Milliarden Yuan davon hatte Hu sich bei illegalen privaten Geldverleihern gepumpt, zu teils horrenden Zinsen. Als er diese nicht mehr zahlen konnte, zog Hu die Reißleine und tauchte ab. So wie Dutzende weitere Unternehmer in Wenzhou, das als Chinas Hochburg privaten Unternehmertums gilt. Zwei Schuhfabrikanten sprangen gar in den Tod. Andere Firmen gingen einfach nur pleite. Und so stand plötzlich eine Kreditkrise der Privatfirmen im Rampenlicht, die sich bis dahin praktisch unbemerkt aufgebaut hatte - nicht nur in Wenzhou. Der Grund: Chinas Banken sind weitgehend in Staatshand und vergeben ihre Kredite vorwiegend an große Aktien- oder Staatsunternehmen.

Seit Jahren also wandten sich Privatfirmen an obskure Geldverleiher oder liehen einander sogar gegenseitig Geld. Sie schufen somit im ganzen Land ein florierendes System an Schattenbanken. Deren Zinsen liegen nach Angaben des Wenzhouer Verbands für Kleinunternehmer oft bei rund 8 Prozent, manchmal aber auch bei 70 bis 80 Prozent.

Schuldenberg in Höhe von 27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Die Center Group finanzierte auf diese Weise etwa den kostspieligen Einstieg in die Produktion von Solarzellen. Jetzt hilft die Lokalregierung der Firma bei der Erneuerung. Doch das Ganze ist noch lange nicht vorbei. "Kurz vor dem chinesischen Neujahr am 23. Januar kommt noch einmal eine sehr schwierige Phase", warnt Zhou Dewen, Vorsitzender des Wenzhouer Kleinunternehmerverbands. "Denn vor dem Neujahr müssen die meisten Chinesen ihre Schulden tilgen."

Weit weg vom kriselnden Europa braut sich in China derzeit eine ganz eigene Finanzkrise zusammen. Ausgerechnet in jenem Land, auf dass die Krisenstaaten der Europäischen Union (EU) besonders große Hoffnungen setzen. Die Kreditklemme der Kleinfirmen und die Schattenbanken sind nur eines der Hauptprobleme. Mindestens genauso schwer wiegt ein riesenhafter Schuldenberg, den Chinas Lokalregierungen in den vergangenen zwei Jahren quer durchs Land angehäuft haben - laut offiziellen Daten in Höhe von sagenhaften 10.700 Milliarden Yuan. Das sind gut und gerne 1200 Milliarden Euro, und entspricht etwa 27 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Und der Schuldenberg ist auch noch das Ergebnis chinesischer Wirtschaftspolitik.

Pekings Zentralregierung hatte die Kommunen in der Wirtschaftskrise ab 2009 ermutigt, auf Pump Infrastrukturprojekte zu bauen, um die Wirtschaft zu stützen. "Die Defizite vieler chinesischer Provinzen sind höher als jenes von Griechenland", sagt der Hongkonger Ökonom Ben Simpfendorfer. In den reichen Küstenprovinzen liege das Defizit zwar nur bei 3 Prozent. In den ärmeren Regionen Zentral-, Nord- und Westchinas aber seien es im Schnitt 14 Prozent - gegenüber 10 Prozent in Griechenland.

Chinas Zentralbank geht davon aus, dass 13 Prozent dieser Schulden nicht zurückgezahlt werden können. Unabhängige Ökonomen halten das eher für optimistisch. Tao Wang von der Schweizer Bank UBS Börsen-Chart zeigen rechnet damit, dass 20 bis 30 Prozent der Kredite notleidend sind - mit möglicherweise gravierenden Folgen für das Bankensystem. Peking werde die Staatsbanken mit Milliarden rekapitalisieren müssen, glaubt Ben Simpfendorfer. "Das ist zwar nicht schön, aber dadurch ist immerhin ein Bankenkollaps unwahrscheinlich", sagt Wang.

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