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Schwellenlandhandel: Vom Treibriemen zum deutschen Problem

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Aufschwung beendet Bric-Implosion gefährdet deutsche Wirtschaft

Europa nahe der Rezession, die USA dümpeln vor sich hin, jetzt bremsen auch noch die gerühmten Bric-Staaten aus Brasilien, Russland, Indien und China die Konjunktur scharf ab. Für die deutsche Wirtschaft und den hiesigen Jobmarkt kommt die Implosion des Wachstumsbollwerks zur ungünstigsten Zeit.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Brasiliens Wirtschaft wächst nicht mehr. In China sinkt erstmals seit Jahren die Industrieproduktion. In Indien bricht die gewerbliche Fertigung auf den schwächsten Wert seit zweieinhalb Jahren ein. Und Russland erlebt bei rekordhoher Abhängigkeit seines Haushaltes vom Ölpreis die größten Proteste seit dem Kollaps der Sowjetunion.

Die Bric-Staaten, das letzte Bollwerk des Wachstums auf dem Planeten, wandeln sich mit rasantem Tempo vom Treibriemen zu einem Problem der globalen Wirtschaft. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der die deutsche Exportwirtschaft stärker als je zuvor auf diese Region setzt. Mehr noch: Im Oktober mussten deutsche Exporteure schon den kräftigsten Rückgang seit 2010 verkraften, vor allem wegen der schwachen Absatzmärkte in der Euro-Zone, an die hiesige Hersteller 40 Prozent ihrer Ausfuhren verkaufen.

Die Bric-Gruppe sorgt in der deutschen Wirtschaft seit Jahren für erfreuliche Exportzahlen, allen widrigen Bedingungen im Welthandel zum Trotz. Im vergangenen Jahr setzten deutsche Unternehmen in Brasilien, Russland, Indien und China Waren für 100 Milliarden Euro ab. Deutsche Markenartikel sind dort laut einer Studie des Kölner Unternehmensberaters Globe One mit Abstand die begehrtesten Produkte. Mehr noch.

Die deutschen Ausfuhren in die USA waren zuletzt mit lediglich 66 Milliarden Euro nur noch fast halb so groß wie die Bric-Exporte. Laut des Instituts der Deutschen Wirtschaft entfachten die Brics in sieben Jahren seit 2002 einen größeren Importsog für die globale Wirtschaft als die USA. Ihr Anteil am globalen Importvolumen stieg von knapp 6 Prozent im Jahr 2000 auf zuletzt 14 Prozent an.

Schwellenländer leiden unter schlappem Euro-Land

Doch ausgerechnet jetzt machen sie schlapp. Für zahlreiche deutsche Firmen könnte das gravierende Folgen haben. Beispiel Siemens (Kurswerte anzeigen): Der Elektrokonzern verbuchte im vierten Finanzquartal auf Jahresbasis ein weltweites Umsatzplus von 9 Prozent. Das Geschäft der Münchener wuchs in den Schwellenmärkten - vor allem den BRICs - mit 24 Prozent fast drei Mal so schnell. Von Hochgeschwindigkeitszügen über Kraftwerke bis hin zu Industrieautomatisierung erlebt Siemens in den großen Schwellenländern phänomenale Zuwächse. In China erhielt das Unternehmen jüngst den ersten Auftrag für einen Offshore-Windpark. Die Volksrepublik ist auf diesem Gebiet inzwischen der größte Markt weltweit.

Für Siemens ist das Reich der Mitte zudem schon der weltweit zweitgrößte Markt im Bereich Healthcare. In diesem Geschäftssegment zeigen sich die Dynamik und die rasant wachsende Bedeutung der Bric-Länder ganz besonders. Bei Healthcare verzeichnete Siemens im jüngsten Quartal in Amerika nur moderates Wachstum, in Europa ging das Geschäft sogar zurück: In Asien dagegen wuchs es um 11 Prozent. Die Schwellenmärkte machten bei Siemens im jüngsten Quartal schon 32 Prozent des weltweiten Geschäfts aus.

Auch Russland wird für den Konzern zunehmend ein Wachstumstreiber. Dort ist Siemens ein bevorzugter Lieferant beim Ausbau der Eisenbahn- und Stromnetze. Nach Inbetriebnahme der Schnellzugstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg kann Siemens auf Großaufträge hoffen. Im Juni unterschrieb der Konzern zusammen mit seinem Joint-Venture-Partner Sinara einen Vorvertrag über die Lieferung von 1200 Wagen mit einem Wert von rund zwei Milliarden Euro. Die Fertigung bei Jekaterinburg soll 2013 beginnen.

Ähnlich sieht das beim Maschinen- und Anlagenbauer Voith aus, der allein in Asien schon doppelt so viel verkauft wie in Nordamerika. Dass das Unternehmen trotz Finanzkrise und großer Rezession in den vergangenen Jahren stetig wachsen konnte, ist vor allem auch den Bric-Ländern zu verdanken. Dafür sorgen zahlreiche neue Produktionsstätten in der Region, wie Voith Hydro in Indien und die "Paper City" im chinesischen Kunshan. Voith-Chef Hubert Lienhard hat die Bric-Gruppe zu einem wesentlichen Element der Wachstumsstrategie erkoren. "Im Papiermarkt kommt der größte Teil des Neugeschäfts aus China", sagt Lienhard. "In andere Bereichen wie dem Aufbau der Schieneninfrastruktur sind die Wachstumschancen ebenfalls gewaltig. Mittelfristig könnte der Kontinent durchaus die Hälfte unseres Umsatzes ausmachen".

Maschinenbau, Autoindustrie und Elektrobranche profitieren

Auch die Geschäfte des Roboterspezialisten Kuka werden von den Bric-Ländern kräftig angeheizt. Der Auftragseingang des Augsburger Unternehmens wuchs im dritten Quartal mit 20,3 Prozent fast drei Mal so schnell wie im Verband der Maschinen- und Anlagenbauer insgesamt. Der Kuka-Umsatz in den Brics nahm von Januar bis September im Jahresbergleich um satte 164 Prozent zu. In Brasilien schnellte er in diesem Zeitraum gar um 242 Prozent in die Höhe. Bei Kuka verdoppelte sich der Umsatzanteil der Bric-Staaten in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres auf 18 Prozent des Gesamtumsatzes.

Ein Ende dieser Dynamik scheint nicht in Sicht, wie man in einer aktuellen Präsentation des Unternehmens sehen kann. Demnach ist die Roboterdichte in den USA fast zehn Mal so hoch wie in China, und mehr als 20 Mal so hoch wie in Brasilien. Das verspricht enormen Aufholbedarf in den Bric-Staaten, selbst wenn sich zwischenzeitlich die Konjunktur dort beruhigen oder stark abkühlen sollte. Und beim Volkswagen-Konzern gehören zwei der vier Bric-Märkte - Brasilien und China - schon zu den drei wichtigsten Märkten auf der Welt.

Während der Leiter für Internationale Projekte bei Volkswagen , Hans Demant, dem globalen Automarkt bis 2018 satte 45 Prozent Wachstum zutraut, sieht er in Südamerika 70 Prozent Plus vorher, in China 68 Prozent und in Indien 137 Prozent. Europa bleibe mit 15 Prozent dagegen stabil. "Das Wachstum findet eindeutig in den Bric-Staaten statt", so Demant.

Nach Angaben des Instituts der Deutschen Wirtschaft zu den Markterfolgen der deutschen Wirtschaft in den Brics nahmen die Einfuhren der vier großen Schwellenländer allein 2010 um 550 Milliarden Dollar zu. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Südafrika. Im kommenden Jahr sollen die Brics demnach genauso viel in ihre Infrastruktur investieren wie alle Industriestaaten zusammen. Vor zehn Jahren war das Investitionsvolumen der Industrieländer in diesem Bereich noch vier Mal so hoch gewesen. Legten die deutschen Warenexporte in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts insgesamt um 21 Prozent zu, so schossen die Lieferungen nach Brasilien, Russland, Indien und China in dem Zeitraum um 107 Prozent in die Höhe.

Zweistellige Zuwachsraten für deutsche Chemie

Vor allem der Maschinenbau, die Autoindustrie, die Elektrobranche und die Chemie konnten davon stark profitieren. Im vergangenen Jahr stammte mit 19 Prozent fast ein Fünftel der chinesischen Maschineneinfuhren aus der Bundesrepublik. In Russland lag dieser Anteil bei 21 Prozent. In China stieg der Anteil deutscher Fahrzeuge an den eingeführten Pkw von 19 Prozent zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts auf fast 31 Prozent. In Indien kletterte er in dieser Zeit von 6 Prozent auf 16 Prozent. In Indien nahmen die Einfuhren deutscher Elektroartikel seit 2000 jedes Jahr um 23 Prozent zu. Und die deutsche Chemie registriert seit Beginn der vergangenen Jahrzehnts zweistellige Zuwachsraten bei ihren Lieferungen in die Bric-Region.

Laut dem IW sollen die BRICs bereits 2015 dasselbe Gewicht in der Weltwirtschaft erreichen wie die G7-Länder. Mit 30 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung hätten die BRICs dann die Euro-Zone, die der IW-Prognose zufolge nur noch auf 13 Prozent kommt, kräftig abgehängt. Die Euro-Zone hatte 1995 noch einen Anteil von 20 Prozent.

Besonders dynamisch hatte sich zuletzt - wie den neuen Zahlen der EU-Statistikbehörde Eurostat zu entnehmen ist - auch der deutsche Außenhandel mit Russland entwickelt. Der Warenaustausch legte in den ersten neun Monaten des Jahres um 27 Prozent zu. Die EU-Exporte stiegen von 61 auf 79 Mrd. Euro an. Deutschland kam demnach mit 25,2 Mrd. Euro für 32 Prozent der EU-Exporte nach Russland auf.

Höhere Zinsen und Budgetkürzungen

Doch auf kurze Sicht trübt sich das rosige Bild der langfristigen Entwicklung stark ein. In Brasilien schrumpfte die Wirtschaft im September-Quartal gegenüber den vorangegangenen drei Monaten laut der nationalen Statistikbehörde um 0,04 Prozent. Es war das erste Quartal im Rückwärtsgang seit Anfang 2009. Höhere Zinsen, restriktivere Kreditvergabe und Budgetkürzungen drosseln die Nachfrage.

Die schwachen Märkte in der EU verschärfen das Problem für die exportabhängige Volkswirtschaft, die größte in Südamerika. Brasiliens Leitzins liegt auch nach drei Senkungen seit dem August noch bei satten 11 Prozent. Und die engen Handelsverflechtungen mit China, dessen Bedeutung als Rohstoffabnehmer in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist, werden Brasiliens Konjunktur zusätzlich belasten, wenn sich das Wachstum im Reich der Mitte weiter abflacht und weltweit die Rohstoffpreise sinken.

In Indien wuchs das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal aufs Jahr hoch gerechnet mit nur noch 6,9 Prozent. Das ist die geringste Dynamik seit dem zweiten Quartal 2009. Die gewerbliche Produktion, die Investitionen der Firmen und die Ausgaben der Regierung für die Infrastruktur gingen im dritten Quartal markant zurück. Der Ausstoß der Industrie fiel im Oktober um 5,1 Prozent. Für Indien kommen noch die anhaltend hohe Inflation und die wachsende Kapitalflucht dazu.

Die Teuerungsrate bleibt auch nach 13 Zinsanhebungen seit März 2010 fast zweistellig. Außerdem belasten politische Rückschläge die Reformen, darunter das Abblocken ausländischer Investitionen im Retailsektor. Die Industrieproduktion, die in Indien einen Anteil von 16 Prozent am BIP hat, wächst nur noch um 2,7 Prozent. Und der wichtige Bergbau schrumpfte im jüngsten Quartal um 2,9 Prozent. Finanzminister Pranab Mukherjee reduzierte zuletzt die Wachstumsprognose für das laufende Finanzjahr, das im März endet, von 9 Prozent auf 7,3 Prozent.

Dynamik fällt rasant

In China zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Bemühungen der Regierung, die Turbokonjunktur abzukühlen und einen Immobiliencrash zu verhindern, Wirkung zeigen. Der jährliche Zuwachs der Exporte ging von 48 Prozent im Mai 2010 auf 24,5 Prozent im August und auf 13,8 Prozent im November zurück, eine dramatische Verlangsamung. Ebenso die Zuwächse in der Industrieproduktion. Sie gingen von 15 Prozent zu Jahresbeginn scharf zurück. Im November schrumpften sie erstmals seit drei Jahren. "Chinas Handelszahlen und die schwache Industrieproduktion - zusammen mit den Investitionszahlen - bestätigen unsere Einschätzung, dass die Konjunkturrisiken steigen".

Das sagen die China-Analysten bei der ANZ Bank. Bei der wichtigen wirtschaftlichen "Arbeitskonferenz" am Montag und Dienstag dieser Woche, bei der die Führung in Peking die Konjunkturziele für 2012 absteckte, sollen Steuersenkungen ausgehandelt worden sein, um die zweitgrößte Volkswirtschaft auf dem Planeten gegen die negativen Einflüsse der schwächelnden Exporte abzuschirmen, insbesondere gegen den Einbruch der Ausfuhren nach Europa. Chinas BIP-Zuwachs sank von 9,7 Prozent im ersten Quartal auf 9,1 Prozent im dritten Quartal. Die Dynamik scheint derzeit noch schneller nachzulassen.

In Russland nahm der Zuwachs des BIP im dritten Quartal zwar leicht auf 4,8 Prozent zu, doch er enttäuschte die Prognosen des Wirtschaftsministeriums. Die Zielgröße von Premierminister Vladimir Putin liegt bei 6-7 Prozent. Der Internationale Währungsfonds sorgt sich in seiner jüngsten Prognose, dass sich das BIP-Wachstum in Russland 2012 auf 3,5 Prozent verlangsamen wird, "selbst wenn sich die Krise in der Eurozone nicht weiter verschärft".

Der IWF hatte seine BIP-Vorhersage für Russland schon im September von 4,5 Prozent auf 4,1 Prozent gekürzt und sieht selbst im jüngsten Ausblick noch "signifikante Abwärtsrisiken". Das gilt vor allem mit Blick auf den stark ölabhängigen Haushalt, in dem für 2012 eine durchschnittliche Notierung von 100 Dollar je Barrel unterstellt wird. Sollten die BRICs tatsächlich im Konzert mit den USA und Europa langsamer wachsen, dann dürfte sich dieser Ölpreis ganz schnell als Illusion erweisen, und damit als Gefahr für Russlands Wirtschaft.

Der Erfinder der Brics-Abkürzung, der Goldman Sachs-Ökonom Jim O-Neill, bleibt unterdessen bei seinen rosigen Langfristprognosen für die Schwellenmarktgruppe. Sie soll bis zum Jahr 2050 für 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aufkommen. Bis dahin soll sie vier der fünf größten Volkswirtschaften auf dem Planeten repräsentieren.

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