Anlage in Anleihen Konzerne schlagen Staaten

Euro-Schuldenkrise und Rezessionsängste lassen bei Unternehmensanleihen Kurse fallen und die Renditen steigen. Experten halten die Entwicklung für übertrieben und sehen Anlagechancen. Viele vertrauen eher auf Konzerne als auf Staaten - das richtige Papier zu finden, ist allerdings nicht leicht.    
BASF-Werk in Ludwigshafen: Unternehmensanleihen sind zuletzt im Vergleich zur Benchmark - den Staatspapieren der Bundesrepublik Deutschland - im Kurs gefallen

BASF-Werk in Ludwigshafen: Unternehmensanleihen sind zuletzt im Vergleich zur Benchmark - den Staatspapieren der Bundesrepublik Deutschland - im Kurs gefallen

Foto: BASF/ dpa

Hamburg - Die Verschärfung der Euro-Schuldenkrise hat nicht nur die Renditen der Anleihen von Schuldenstaaten wie Spanien oder Italien in die Höhe getrieben. Die Unsicherheit der Investoren hat vielmehr auch dazu geführt, dass sich die Spreads von Unternehmensanleihen flächendeckend ausgeweitet haben (siehe Grafik). Im Klartext heißt das: Die Kurse dieser Papiere sind relativ zur Benchmark deutscher Staatspapiere tendenziell gefallen.

Grund für diesen Wertverlust ist die Zurückhaltung der Anleger, die sich Sorgen um den künftigen Konjunkturverlauf machen. Nach Einschätzung des auf Anleihen spezialisierten britischen Fondshauses M&G ist derzeit sowohl bei Firmenbonds mit Investmentgrade, als auch im High-Yield-Sektor die Aussicht auf eine Rückkehr der Rezession eingepreist.

Und das erscheint keineswegs weltfremd. Viele Volkswirte, Forschungsinstitute und Investmentprofis erwarten zumindest für einen Teil Europas sowie der restlichen Weltwirtschaft eine Rückkehr zu vorübergehend negativen Wachstumsraten. "In Europa und Großbritannien lässt sich eine Rezession sicherlich nicht mehr abwenden", sagt beispielsweise Percival Stanion, Chef der Assetallocation beim britischen Investmenthaus Barings. "Falls sie noch nicht eingesetzt haben sollte, wird es in wenigen Wochen so weit sein."

Fest steht jedoch auch, dass eine Rezession wohl nicht ewig dauern wird. Viele Unternehmen haben zudem die vergangene Wirtschaftskrise genutzt , um ihren Kostenapparat zu reduzieren und die Verschuldung herunterzufahren. Sie erscheinen daher für die kommende Schwächephase gut gerüstet.

Verschuldung auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren

Zahlreiche Experten sehen daher am Markt für Unternehmensanleihen derzeit durchaus Gelegenheiten zum Einstieg. "Aus makroökonomischer Sicht bleibt das Rezessionsrisiko greifbar nah und die Volatilität hoch", sagt zwar Rosemarie Baumann, Analystin für Corporate Bonds beim Anleihemanager Bantleon. "Auf mittlere Sicht sehe ich bei ausgewählten Unternehmensanleihen von Ländern der Euro-Zone jedoch gute Chancen."

Auch Martina Honegger, Expertin von der Liechtensteinischen VP Bank, ist optimistisch: "Die Unternehmen haben sich wesentlich besser entschuldet als viele Staaten", sagt sie. "Zahlreiche Firmen haben ihre Finanzierungsstruktur verbessert, also beispielsweise Laufzeiten verlängert oder Fälligkeiten vorgezogen. Sie sind deshalb auf eine Wirtschaftsabschwächung deutlich besser vorbereitet." In den Risikoaufschlägen am Bondmarkt, so Honegger, ist deutlich Schlimmeres eingepreist, als die Fundamentaldaten anzeigen.

Das sieht auch M&G-Fondsmanager Richard Woolnough so. Er rechnet vor: "Spreads von etwa 300 Basispunkten über Staatsanleihen, wie sie etwa bei Industrieanleihen mit BBB-Rating zu finden sind, implizieren, dass rund ein Fünftel des Markts innerhalb der nächsten fünf Jahre von Kreditausfällen betroffen sein wird. Ähnlich erreichte der Spread des iTraxx Crossover Index während des dritten Quartals 850 Basispunkte - das impliziert den Kreditausfall von fast 50 Prozent des Index über die nächsten fünf Jahre."

Viele Unternehmen stehen finanziell jedoch für eine so hohe Zahl an Ausfällen zu gut da, so Woolnough. "Der Verschuldungsgrad europäischer Unternehmen mit Investment-Grade-Status ist gesunken und bewegt sich auf dem niedrigsten Stand seit über zehn Jahren", sagt der Fachmann.

Schwierige Suche nach dem richtigen Papier

Also Zugreifen bei Unternehmensanleihen? Ganz so einfach ist es nicht. Von Papieren aus dem Bankensektor etwa raten viele Experten ab. Zu groß erscheinen nach wie vor die Unwägbarkeiten. Einerseits ist unklar, was im Zuge der Euro-Schuldenkrise noch auf die Geldhäuser zukommen wird, an weiteren Abschreibungen etwa, oder an Regulierungen und zusätzlichen Kapitalanforderungen. Andererseits hält beispielsweise die VP Bank den gesamten Bankensektor für zu groß und aufgebläht. In einer Marktanalyse zählen die Liechtensteiner "zu große Bilanzen mit zu hoher Verschuldung" sowie "schwache Geschäftsmodelle und schwindende Profitabilität" zu den großen Herausforderungen der Branche - und zwar unabhängig vom weiteren Verlauf der Euro-Schuldenkrise.

Bleiben die "Non-Financials", Unternehmen also, die nicht zur Finanzbranche zählen. Als Faustregel gilt, dass Anleger nach Firmen Ausschau halten sollten, deren Geschäftsmodell auch in wirtschaftlich schwachen Phasen stabile Rückflüsse verspricht. Das trifft zum Beispiel auf Versorger zu, ebenso wie auf Telekomfirmen oder die Pharmabranche. Zudem erscheinen exportstarke Konzerne als attraktiv, denn sie profitieren häufig vom robusten Wachstum der Schwellenländer. Ein Beispiel dafür sind Autohersteller wie Volkswagen  oder BMW .

Doch auch hinter diese Grundsätze müssen derzeit einige Fragezeichen gesetzt werden. Der Wirtschaftsaufschwung beispielsweise schwächelt derzeit überall auf der Welt, auch in Schwellenländern wie China, und in den USA ohnehin. Auch die beste globale Aufstellung, so scheint es, bietet da kaum ein Entrinnen.

Insbesondere Versorgungsunternehmen sowie der Telekommunikationssektor befinden sich zudem vielerorts nach wie vor zumindest zum Teil in staatlicher Hand. Wer dort investiert, könnte also über kurz oder lang erneut mit den Finanzproblemen von Finanzministern konfrontiert werden.

Anleger müssen längere Laufzeiten wählen

Hinzu kommt: Allen Spread-Ausweitungen zum Trotz halten sich die tatsächlich mit halbwegs verlässlichen Firmenbonds erzielbaren Renditen derzeit in Grenzen. "Non-Financials kurzer und mittlerer Laufzeit, also von drei bis fünf Jahren, mit 'A'-Rating bringen aktuell keine 3 Prozent Rendite", sagt Bantleon-Expertin Baumann. "Daher müssen Investoren längere Laufzeiten wählen." Für 4-Prozent-Rendite innerhalb der 'BBB'-Ratingkategorie, so Baumann, ist beispielsweise eine durchschnittliche Laufzeit von über drei Jahren erforderlich. In der "A"-Ratingkategorie sind es nach Angaben der Expertin sogar mehr als neun Jahre.

Eine Alternative bieten die risikoreicheren High-Yield-Anleihen sowie Nachrangpapiere. Zudem gibt es Renditeaufschläge für Unternehmensanleihen aus Peripheriestaaten wie Spanien und Italien. Die sollten allerdings lediglich zeichnen, wer mit einer erhöhten Volatilität leben kann oder an den Schutz durch die EZB glaubt, sagt Baumann.

Zum Hintergrund: Nicht nur die Staatsanleihen der Euro-Schuldenstaaten ziehen das Misstrauen der Investoren auf sich. Auch Unternehmen aus diesen Ländern haben es deutlich schwerer, sich an den Finanzmärkten Geld zu leihen - selbst, wenn sie objektiv kaum schlechter dastehen, als ihre Konkurrenz etwa aus Deutschland. Die spanische Telefónica etwa gilt als einer der Konzerne, denen ein solcher Ländermalus anhaftet. Ebenso die Portugal Telecom, Energias des Portugal sowie Bord Gais Eireann mit Sitz im irischen Dublin.

Vorsicht vor dem Ländermalus

Anlegern, die dieser Renditeaufschlag lockt, raten Experten jedoch zur Vorsicht. "Grundsätzlich kommt es darauf an, ob es sich um ein Unternehmen handelt, das sein Geschäft eher im Inland oder im Ausland macht", sagt etwa VP Bank-Analystin Honegger. "Lediglich bei stark exportorientierten Firmen kann vielleicht angenommen werden, dass sie sich vom negativen Umfeld ihres Heimatlandes abkoppeln können. Firmen mit starken Binnenfokus dagegen dürften die Schwäche des Landes früher oder später im Geschäft zu spüren bekommen." Ohnehin jedoch zeige die Erfahrung, dass derartige Verzerrungen durch Marktkräfte kaum kurzfristig aufgelöst werden. Und bleibt der Malus zu lange bestehen, droht das Kalkül des Anlegers nicht aufzugehen.

Auch Bantleon-Analystin Baumann ist daher skeptisch: "Zwar sind die Peripherie-Corporates im Durchschnitt fundamental als solide zu bezeichnen, allerdings dürften sich die meisten langfristig kaum dem Einflussbereich der Staaten entziehen können", sagt sie. So könnten die Staaten die Unternehmen beispielsweise mit Zwangsabgaben oder höheren Steuern belegen. Selbst Verstaatlichungen seien denkbar.

Auch lässt die jüngste Ratinghistorie der Euro-Peripheriestaaten nach Einschätzung der Expertin kaum eine Trendwende erwarten. "Aufgrund der gestiegenen Refinanzierungskosten für Länder wie Spanien und Italien ist jederzeit erneut mit Ratingherabstufungen zu rechnen", sagt sie. "Das hätte auch Auswirkungen auf die Unternehmensanleihen. Denn die können sich ratingmäßig kaum abkoppeln."

Wer zurzeit nach attraktive Unternehmensbonds sucht, sollte in den Euro-Schuldenstaaten also wohl besonders vorsichtig sein.

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