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US-Goldreserven: Gold, das niemand sehen darf

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US-Goldreserven Angriff auf den Goldschatz von Fort Knox

Nicht nur Euro-Land droht in Schulden zu ersticken: Auch in den USA wächst die Versuchung, die Goldtresore der Fed in Manhattan und von Fort Knox zu knacken. "Wo ist das Gold?" fragt der US-Abgeordnete Ron Paul immer wieder.
Von Markus Gärtner

Geht es nach Ron Paul, dann würde US-Präsident Barack Obama demnächst die Notenbank schließen und die Goldvorräte der USA verkaufen. Die USA sitzen mit 8.133 Tonnen Gold auf der weltweit größten strategischen Reserve des Edelmetalls, vor Deutschland und den Internationalen Währungsfonds. Das geht aus der November-Statistik des World Gold Council hervor.

Ron Paul führt seit Jahren einen fast wütenden Feldzug gegen die Fed. Im Sommer brachte er deren Boss, Ben Bernanke, bei einer Kongress-Anhörung aus der Fassung, als er ihn fragte, ob Gold in den Augen des Geldhüters auch Geld sei. Bernanke verneinte. Die Verlegenheit des Notenbankchefs amüsierte viele in Amerika. Doch Ron Paul, der Republikanische Abgeordnete aus Texas - der sich um die Kandidatur seiner Partei für die Präsidentenwahl 2012 bewirbt -, ist seitdem nicht weitergekommen. Zumindest was die Goldverkäufe angeht.

Die lagern seit 1937 in einer Festung aus meterdicken Granitwänden - und abgeschirmt von einer bombensicheren Stahltür mit 22 Tonnen Gewicht - in Fort Knox, auf einem Militärgelände im Bundesstaat Kentucky. Insgesamt sollen 5.046 Tonnen Gold dort verwahrt werden. Die übrigen Goldbestände der USA lagern in Manhattan im Keller der New York Fed sowie in Denver und West Point.

Je weiter der Schuldenberg der USA wächst - aktuell 15.068 Milliarden Dollar -, desto größer wird die Versuchung, zumindest einen Teil dieser Goldvorräte zu verkaufen.

Raus aus dem Schuldensumpf: Gold zu Höchstpreisen verkaufen

Denn auch die USA müssen sich aus dem Schuldensumpf befreien, nicht nur das Euro-Land. Verschiedene Abgeordnete der Republikanischen Partei fordern schon seit Langem, zumindest einen Teil der Goldes zu veräußern. Gold verbucht seit Jahresbeginn auf Dollarbasis 22,5 Prozent Kursgewinn. Damit es das Metall andere Anlegerlieblinge wie US-Anleihen, Silber, Öl und Schweinebäuche deutlich auf die Ränge verwiesen. Einige Rohstoffexperten und Hedgefonds-Ikonen wie John Paulson fangen an, ihre Goldbestände zu reduzieren. Warum nicht auch die USA ?

Mit ihrer Forderung nach Goldverkäufen bekommen die Republikaner Schützenhilfe aus einigen konservativen Think Tanks, wie der Heritage Foundation. "Die Regierung sitzt ja nur auf dem Gold", sagte im Frühjahr deren Analyst Ron Utt, "beim aktuellen Goldpreis - und unserem immensen Schuldenberg - sollten wir bei solchen Rekordpreisen verkaufen."

Seitdem ist der Goldpreis um weitere 17 Prozent gestiegen, auf knapp 1.750 Dollar je Feinunze. Und die Schuldenuhr der USA zeigt im Internet einen um über 5 Prozent größeren Fehlbetrag an.

Die Heritage Foundation hatte im Mai der Obama-Administration vorgerechnet, wie sie durch Veräußerung von Immobilien, Bergbau-Lizenzen, das elektromagnetische Spektrum und einige Energie-Unternehmen über 15 Jahre hinweg 260 Milliarden Dollar erlösen könnte. Der Bericht erwähnte nicht ausdrücklich Goldverkäufe. Doch viele Beobachter wollen auch den Goldschatz der USA heben.

Einmal sehen, was zuletzt nur Harry Truman sehen durfte

Aus dem Weißen Haus folgte ein rasches Dementi. Die für Finanzmärkte zuständige Staatssekretärin im Finanzministerium, Mary Miller, erklärte das Losschlagen von Tafelsilber der US-Regierung als "keine vernünftige Option". Die Washington Post zitierte einen hohen Mitarbeiter der Obama-Administration mit den Worten, "da könnte man ja gleich den Mount Rushmore verkaufen." Das ist jener Berg in South Dakota, in den die 18 Meter hohen Portraits der Ex-Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln eingemeißelt sind.

Aber wenn schon nicht verkaufen, dann wenigstens klären, ob die Goldbestände überhaupt da sind. Denn auch daran zweifelt der Republikaner Ron Paul. "Wenn wir uns je durchringen sollten, von dem Gold Gebrauch zu machen, dann wollen wir ja wenigstens genau wissen, wie viel davon da ist", sagt er.

Es habe in den vergangenen 50 Jahren nur eine einzige Überprüfung der US-Goldbestände gegeben, klagt Ron Paul. Der letzte Präsident, der die Goldvorräte in Fort Knox mit eigenen Augen gesehen haben soll, war Harry Truman vor 61 Jahren.

Um Licht in die Angelegenheit zu bringen, berief er als Vorsitzender des zuständigen Unterausschusses des Repräsentantenhauses im Juni eine Anhörung ein. Einer der Zeugen war der Generalinspekteur des US-Finanzministeriums, Eric Thorson. Thorson war im September 2010 der erste "Außenseiter" in 37 Jahren, dem Zutritt zum "Bullion Depository" - wie der Bunker in Fort Knox offiziell bezeichnet wird - gewährt wurde.

Zutritt zum "Bullion Depository" in Fort Knox

Thorson muss jedes Jahr den Goldbestand überprüfen. Doch dieses Audit erschöpft sich in der Überprüfung der Siegel an den Eingängen zu den Goldkammern. Sind diese unverletzt, ist der Goldbestand gleich geblieben, so die Logik der Gold-Prüfer. "Ich kann Ihnen zweifelsfrei versichern, dass die Goldreserven in der berichteten Menge existieren", schrieb Thorson im Anschluss an die Inspektion in Fort Knox an Ron Paul.

Doch der lässt nicht locker, weil die 700.000 Goldbarren in der hermetisch versiegelten Festung in Kentucky nicht von einem einzelnen Besucher durchgezählt werden können. Paulson weiß auch, dass es zwar einen unabhängigen Prüfer für die Goldbestände gibt, die Prüfungsgesellschaft KPMG, doch die prüft nur den Prüfbericht des Finanzministeriums. Dafür bekommt sie keinen Zutritt zu Fort Knox.

Seit die USA 1971 aus dem Goldstandard ausgestiegen sind, müssen die Vorräte in Fort Knox nicht mehr als Deckung für den Geldumlauf herhalten. Das macht sie entbehrlich, finden jene, die zumindest einen Teilverkauf fordern.

Doch die nackten Zahlen lassen einen Verkauf fraglich erscheinen. Er könnte nicht annähernd die Schuldensituation der USA entspannen. Die USA könnten für ihre 261 Millionen Feinunzen Gold bei aktuellen Notierungen knapp 460 Milliarden Dollar erlösen. Allein das Budgetdefizit im laufenden Haushalt ist drei Mal so groß. Und die Gesamtschuld des Landes ist 33 Mal so groß. Zum Vergleich: Würden die Zinsen auf die Schulden der USA um 3 Prozentpunkte steigen, wäre diese Mehrbelastung für den Haushalt größer, als die Einnahmen aus dem Verkauf des kompletten Goldvorrats.

Zweifel an Dollar und Euro: Notenbanken horten mehr Gold als je zuvor

Die meisten Notenbanken wollen ihr Gold derzeit nicht verkaufen, das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Laut dem jüngsten Bericht des World Gold Council haben sich die Goldkäufe der Notenbanken im dritten Quartal 2011 mengenmäßig mehr als verdoppelt. Gegenüber dem Vorjahresquartal fielen sie sieben Mal so hoch aus.

Der wichtigste Grund: Die Zentralbanken diversifizieren ihre Reserven. Mit 148 metrischen Tonnen Gold kauften die Notenbanken mehr als zu irgendeinem Zeitpunkt, seit sie im zweiten Quartal 2009 ein Nettokäufer wurden. "Die Käufe der Zentralbanken waren eines der Highlights im jüngsten Quartal", bestätigt auch Marcus Grubb, der Investmentchef beim World Gold Council.

In der Liste der Käufer und Verkäufer des Gold Council - ein Industrieverband, der 22 Goldschürfer vertritt - tauchen die USA seit mindestens Anfang 2008 nicht auf. Im dritten Quartal 2011 fallen lediglich Bolivien und Thailands als Käufer von mehreren Tonnen Gold auf, die Philippinen durch einen größeren Verkauf von 29 Tonnen. Im ersten Halbjahr 2011 verzeichnet der Gold Council Mexiko, Südkorea, Russland und Thailand als größere Käufer.

Vor allem Zentralbanken der Schwellenländer kaufen Gold

Die Liste der Zentralbanken, die ihren Goldbestand seit Jahresbeginn verändert haben, enthält etwa vier Mal so viele Käufer wie Verkäufer. Auf der Käuferseite tauchen prominent vor allem Zentralbanken aus den Schwellenländern auf. Handelsüberschüsse und expandierende Devisenreserven sowie wachsende Zweifel an der Leitrolle des Dollars sorgen für steigende Käufe durch die Notenbanken.

"Unter den Käufern sind vor allem Notenbanken aus Ostasien, Zentralasien und Lateinamerika", bestätigt Marcus Grubb. Auch auf dem Goldsektor verstärkt diese Aktivität die zunehmende Verschiebung im globalen Ost-West-Verhältnis. Laut dem World Gold Council hatten Nordamerika und Europa noch 1970 einen Anteil von 47 Prozent an der globalen Goldnachfrage. Dieser Anteil stieg in der Spitze - 1980 - auf 68 Prozent an. Seitdem sank er auf 27 Prozent. Dafür ist der globale Anteil Indiens und Ostasiens seit 1970 von 35 auf jetzt 58 Prozent angestiegen.

In Zeiten drohender Staatspleiten und einer satten Goldrally, die seit Jahresbeginn ein Plus von 22,5 Prozent bescherte, macht das auch Sinn. Zumal wegen der anhaltenden Diskussion über die mögliche Rückkehr zu einem Goldstandard. Abgesehen von der Hauptstadt Washington scheint man auch im amerikanischen Hinterland stark auf das Gold zu setzen, nicht zuletzt wegen wachsender Zweifel an der eigenen Währung, dem Greenback.

Im März führte der Bundesstaat Utah in seinem Verwaltungsbereich den Goldstandard wieder ein. Das Regionalparlament beschloss, die von der Bundesregierung in Washington ausgegebenen Gold- und Silbermünzen als gesetzliches Zahlungsmittel anzuerkennen. Ein klares Misstrauensvotum gegen den US-Dollar.

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