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Deutschland-Alternative: China will die cleverere Energiewende entwicklen

Foto: Feng Li/ Getty Images

Wendealternative Die Öko-Diktatur

Deutschland sieht sich gerne als Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Doch auch China arbeitet an der Energiewende - nach eigenen Maßstäben. Auf dem derzeitigen Klimagipfel in Durban will das Land sein Image als Klimasünder loswerden. Und der Klimaschutzrepublik Deutschland Paroli bieten.

Hamburg - Immer dasselbe zu Beginn der Klimagipfel: Die Staaten, die brav ihre Hausaufgaben in Sachen Klimaschutz gemacht haben, richten mahnende Worte an die Klimasünder, die ihre CO2-Emissionen nicht in den Griff bekommen - und erinnern sie an ihre Verantwortung für das Weltklima.

Dieses Jahr kam eine der mahnenden Stimmen allerdings aus ungewohnter Richtung: Vor seiner Abreise zur aktuellen Klimakonferenz im südafrikanischen Durban schickte Xie Zhenhua, stellvertretender Direktor der chinesischen Entwicklungskommission und Leiter der chinesischen Delegation, eine Botschaft in Richtung Westen. Vor lauter Staatsschuldenkrisen dürfe Europa nicht den Klimaschutz vergessen, warnte er. In manchen Ländern sei das Thema zu sehr in den Hintergrund gerückt. Zhenhua fordert "politische Aufrichtigkeit" und mehr Engagement der westlichen Staaten.

Mancher Diplomat auf dem Klimagipfel nimmt solche chinesischen Belehrungen nur zähneknirschend hin. Schließlich war es neben den USA vor allem China, das bei den zurückliegenden Klimagipfeln in Kopenhagen und Cancun ein neues Abkommen als Nachfolgevertrag des noch bis 2012 geltenden Kyoto-Protokolls verhindert hat. Weder China noch die USA waren bisher bereit, sich zu international verbindlichen Klimaschutzregelungen zu bekennen.

China: Industrieländer müssen voranschreiten

Auch auf dem aktuellen Gipfel in Durban will sich China nicht auf internationale Zusagen einlassen: Zunächst müssten die Industrieländer, vor allem die USA, ihre Emissionen reduzieren, fordert Xie Zenhua - schließlich trügen diese historisch die Hauptverantwortung für den Klimawandel. Die USA hingegen wollen sich auf feste Zusagen nur dann einlassen, wenn China sich ebenfalls einem internationalen Regelwerk unterwirft.

Damit blockieren ausgerechnet die beiden größten Kohlendioxid-Produzenten der Welt ein neues Klimaschutzabkommen.

Die chinesischen Regierungsvertreter können es sich trotz dieser Blockadepolitik leisten, bei der Klimakonferenz selbstbewusst aufzutreten und die Industriestaaten zu maßregeln. Denn im Gegensatz zu den Amerikanern können sie auf massive Investitionen in erneuerbare Energie und Klimaschutzprojekte verweisen.

Der notorische Klimasünder denkt um

"China hat das Potenzial, vom Blockierer zum Hoffnungsträger der internationalen Klimapolitik zu werden, und zwar gerade weil die USA ihren Pioniergeist verloren haben", sagt Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam Instituts für Klimaforschung (PIK). "Ein international bindendes Abkommen, das China von außen Restriktionen auferlegt, ist für das Land derzeit wohl kaum akzeptabel. Aber China könnte von sich aus und als Teil einer Koalition der Willigen den Klimaschutz voran bringen."

Schon jetzt sehen Beobachter China nicht mehr als notorischen Klimasünder und Blockierer, sondern als Triebkraft der Klimaschutzbewegung. "Es gibt zurzeit zwei Länder, die international als Motoren für den Klimaschutz auftreten. Das sind Deutschland und China", sagt Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und stellvertretender Vorsitzender des wissenschaft-lichen Beirats der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen. Denn nicht nur Deutschland hat sich die Energiewende verordnet.

Auch der chinesische Volkskongress verschreibt dem Land in seinem zwölften Fünfjahresplan, der die Entwicklung der Wirtschaft bis zum Jahr 2015 regelt, eine grüne Revolution: Auf dem Programm steht unter anderem eine Verminderung der CO2-Emissionen um 17 Prozent. Der Anteil der nichtfossilen Energie am Primärenergieverbrauch soll bis 2015 auf 11,4 Prozent steigen, der Energieverbrauch gemessen an der Wirtschaftskraft derweil um 16 Prozent sinken. "Noch vor wenigen Jahren wäre ein solches Konzept undenkbar gewesen", sagt Messner. "Aber mittlerweile hat die Regierung ihre eigenen Forscher die Klimarisiken analysieren lassen - und festgestellt, dass China vom Klimawandel stark betroffen wäre. Seither verändert sich die Strategie der Regierung in Richtung grünes Wachstum."

Ein Drittel aller grünen Investitionen der G20-Länder kommt aus China

China lässt sich die Energiewende einiges kosten: Bereits jetzt kommt rund ein Drittel aller "grünen" Investitionen der G20-Länder aus China. Fast die Hälfte aller neuen Windkraftanlagen werden in China aufgestellt, bei der Solarenergie haben die Chinesen bereits 45 Prozent Weltmarktanteil erreicht - obwohl sie im eigenen Land gerade erst anfangen, im großen Stil Solaranlagen zu bauen. Im Jahr 2014 wird China mit umgerechnet 37 Milliarden Euro pro Jahr weltweit die größten Investitionen in neue Energien tätigen, zeigt eine Studie von Bloomberg New Energy Finance (BNEF).

"Ein Hauptziel Chinas ist es dabei, seine Industrie für den Wachstumsmarkt der grünen Technologien fit zu machen", sagt Corinne Abele, Repräsentantin der Außenwirtschaft- und Standortmarketinggesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) in Beijing. "Die Regierung nutzt den großen entstehenden Binnenmarkt, um chinesische Firmen künftig international als Vorreiter auf diesem Markt zu positionieren."

Dem Klimaschutzvorzeigeland Deutschland laufen die Chinesen mit diesen massiven Investitionen bereits den Rang ab - und werden zum ernstzunehmenden Konkurrenten auf dem Markt für grüne Technologien. "Die chinesische Regierung hat erkannt, dass sie sich die Förderung dieses Wachstumsmarktes mittlerweile besser leisten kann als Europa oder die USA, die mit der Lösung ihrer Schuldenkrisen beschäftigt sind", sagt DIE-Direktor Messner. "Diese Chance will China nutzen, um sich an die Spitze der Klimaschutz-Bewegung und damit des entstehenden Marktes zu setzen."

Kein Ausstieg aus der Kernenergie

Das nationale Engagement für erneuerbare Energien stärke die Position der Chinesen, sagt Messner. "Sie wollen nicht länger von den USA als Buhmann dargestellt werden und als Klimasünder gelten." Um diese Position zu untermauern, hat China kurz vor dem aktuellen Klimagipfel die Gründung eines eigenen Think Tanks zum Klimaschutz angekündigt. Auch ein eigenes Emissionshandelssystem ist bereits in Planung.

"China lässt sich nun einmal nicht gerne von außen erklären, was es zu tun hat", sagt Messner. "Das Land hat eigene Konzepte, wie mit der Herausforderung durch den Klimawandel umzugehen ist." Die Chinesen machen auf dem aktuellen Klimagipfel klar: Energiewende und Klimaschutz ja, aber nur zu ihren eigenen Bedingungen - und zu ihrem Vorteil.

Dabei wird deutlich: Die beiden Klimaschutz-Vorreiter Deutschland und China sind sich alles andere als einig darüber, wie die Energiewende international umgesetzt werden soll. "Die deutsche und die chinesische Energiewende unterscheiden sich gravierend", sagt Regine Günther, die als Klimaexpertin des WWF am Klimagipfel in Durban teilnimmt. "In Deutschland haben wir seit langem absolute Emissionsminderungsziele. China vereinbart im internationalen Kontext lediglich Ziele in Relation zur Wirtschaftsleistung. Und China will augenblicklich alle Optionen testen: Von erneuerbarer Energie bis zu einem weiteren Ausbau der Kohle- und Kernkraftwerke."

Ein Ausstieg aus der Kernenergie und die Abschaltung von Kohlekraftwerken sind in China kein Thema. Parallel zu den enormen Investitionen in erneuerbare Energie lässt die Regierung vielmehr in den kommenden Jahren 70 neue Atomkraftwerke bauen, und nahezu wöchentlich geht ein neues Kohlekraftwerk ans Netz.

Legitimation aus Wachstumsversprechen

Denn anders als Deutschland muss China ein enormes Wirtschaftswachstum und den Energiehunger seiner wachsenden Bevölkerung bewältigen. "Man darf nicht vergessen, dass die chinesische Regierung ihre Legitimation aus dem Wachstumsversprechen bezieht. Sie wird keinen Klimaschutz auf Kosten des Wachstums oder der Energiesicherheit betreiben", erklärt PIK-Experte Edenhofer.

"Die chinesische Regierung ist sich der langfristigen Risiken und Kosten des Klimawandels für ihr Land bewusst - schaut aber auch genau auf die Kosten und Risiken, die eine Umstellung auf erneuerbare Energie kurzfristig mit sich bringt." Mit diesem pragmatischen Kurs liegen die Chinesen womöglich näher am internationalen Konsens als die deutschen Klimaschützer - denn der Atomausstieg und die schnelle Umstellung auf erneuerbare Energie werden international eher skeptisch beobachtet.

Zudem kann China manche Klimaschutztechnologien schneller vorantreiben als Deutschland: So wird etwa die CCS-Technologie, mit der CO2 unterirdisch eingelagert werden kann, in China bereits intensiv erprobt - während Pilotprojekte in Deutschland am Widerstand der Bevölkerung zu scheitern drohen. "Noch ist China weit davon entfernt, Deutschland beim Klimaschutz den Rang abzulaufen", sagt WWF-Expertin Günther. "Aber wir müssen weiter Impulse setzen, um unseren Vorsprung zu halten, und die neuen Märkte für Klimaschutztechnologien weiterentwickeln. Wenn wir stehen bleiben, fallen wir zurück."

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