Dax-Geflüster Euro-Bonds ohne Bumms

Die Euro-Krise lähmt die Börse, Forderungen nach Euro-Bonds werden lauter, der Unmut über die Deutschen wächst. Wird sich der Dax erholen, sobald Kanzlerin Merkel ihren Widerstand aufgibt? Börsianer zweifeln daran - denn gemeinsame europäische Anleihen lösen keine Probleme. Sie übertragen nur die Schmerzen.
Von Arne Gottschalck
Der Markt muss derzeit viel einstecken: Ob mit Eurobonds der Befreiungsschlag gelingt, ist zweifelhaft

Der Markt muss derzeit viel einstecken: Ob mit Eurobonds der Befreiungsschlag gelingt, ist zweifelhaft

Foto: REUTERS

Hamburg - Klatsche für Deutschland: Nicht nur der deutsche Aktienindex Dax  hat in dieser Woche die zweitlängste Verlustphase seiner Geschichte hingelegt. Auch die Finanzagentur des Bundes bekommt die Skepsis der Anleger zu spüren. Bei der jüngsten Ausgabe neuer Anleihen in dieser Woche gelang es der Finanzagentur nicht, die einst als "Hort der Sicherheit" hochgelobten Bundesanleihen vollständig an den Mann zu bringen: Die Nachfrage blieb mit 3,8 Milliarden Euro deutlich hinter dem Angebot von 6 Milliarden Euro zurück.

"Schauen Sie auf das Marktumfeld, es ist hoch volatil, die Marktteilnehmer sind äußerst nervös", sagt ein Sprecher der Finanzagentur auf Nachfrage. Im Ausland blieb der Spott nicht aus: "Nun bekommen die Deutschen die europäische Schuldenkrise am eigenen Leib zu spüren", schrieb die spanische Zeitung "El Mundo".

Statt für Bundesanleihen entscheiden sich Investoren derzeit für andere Investments: Sie greifen nach T-Bonds, den amerikanischen Staatsanleihen, und nach Gold.

US-Staatsanleihen erscheinen vielen Investoren derzeit attraktiv, "weil sie diversifizierende Eigenschaften zu haben scheinen", sagt Johanna Kyrklund, die bei der Fondsgesellschaft Schroders für Multi-Asset-Management zuständig ist. Das bedeutet: Nur raus aus der Euro-Zone. gefragt sind Alternativen zur Gemeinschaftswährung.

Kyrklund rät angesichts der sich verschärfenden Schuldenkrise grundsätzlich zu einer defensiven Ausrichtung. Dass so eine Einschätzung von einer angelsächsischen Firma kommt, die zu grundsätzlichem Wohlwollen den Aktienmärkten gegenüber neigen, zeigt deutlich, wie komplex die Lage inzwischen geworden ist. Und wie wenig die Politik die Diskussion noch führt. Denn immer mehr Vorschläge aus Brüssel irrlichtern durch die Handelsräume und weben ein Gespinst, hinter dem die wahre wirtschaftliche Lage kaum mehr zu erkennen ist.

Vertrauensverlust ist Gift für die Aktienmärkte

Doch wie lässt sich das Vertrauen der Investoren wiedergewinnen? Euro-Bonds sind so ein Hoffnungsträger. Euro-Bonds, oder "Stability-Bonds", wie sie Kommissionspräsident Präsident José Manuel Barroso jüngst nannte. Sie würden bedeuten, dass Deutschland künftig mit höheren Zinsen leben muss, während Länder wie Italien oder Griechenland sich günstiger verschulden können. Keine gute Nachricht für den deutschen Haushalt, Kanzlerin Angela Merkel ist strikt dagegen. Und für die Börse?

Für die Börse wären Euro-Bonds oder verstärkte Anleihenkäufe durch die EZB zunächst einmal eine gute Nachricht. Anleger warten schließlich noch immer auf überzeugende Antworten, wie der Schuldenkrise beizukommen ist: Der Dax  hat eine Verlustserie von neun Tagen hinter sich und hat in dieser Zeit mehr als 12 Prozent an Wert verloren. Investoren erwarten eine politische Einigung: Deswegen rufen sie europaweit nach Eurobonds & Co.

"Derzeit ist die Stabilisierung des 'Patienten' Europa am dringendsten geboten", schreibt zum Beispiel ING Investment Management. "Das bedeutet, dass zuerst die Liquiditätsprobleme bewältigt und zeitgleich stringente Maßnahmen zur Solvenzsicherung umgesetzt werden müssen." Doch dabei muss es nicht bleiben.

Forderungen nach der Big Bazooka: Feuer frei für die EZB?

Politische Einigungen können beflügelnde Wirkung auf die Börse haben: Nach jeder Hilfstranche der EU für Griechenland, nach jeder Einigung während eines Krisen-Gipfels stiegen die Börsenkurse zumindest kurzfristig weltweit an. Doch die Erholungen waren jeweils nur von kurzer Dauer, hielten oft nur wenige Tage. Investoren fragen nach jedem politischen Etappensieg, ob mit der Übereinkunft die grundlegenden Probleme gelöst seien. Sind sie es nicht, geht es erneut abwärts.

Das gleiche Muster könnte sich auch bei Einführung von Eurobonds wiederholen - und selbst dann, wenn die EZB sich dazu entschließen sollte, künftig in noch stärkerem Umfang Anleihen von Schuldenstaaten aufzukaufen. Da die EZB theoretisch unbegrenzt Geld Druck kann, wäre sie in der Tat eine Abwehrwaffe, eine "Bazooka" mit unbegrenzter Feuerkraft - doch niemand vermag einzuschätzen, ob dies die Markt wirklich beruhigen wird.

Denkbar wären, trotz des deutschen Protests, beide Marschpläne: Sowohl Eurobonds als auch ungegrenztes "Quantitative Easing" durch die Europäische Zentralbank (EZB).

"Aktuell hat die EZB Staatsanleihen aus den PIIGS-Ländern in Höhe von knapp 200 Milliarden Euro in ihrer Bilanz, was rund 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Die Bank of England oder die Bank of Japan haben dagegen bereits Staatanleihen in Höhe von rund 20 Prozent des BIP in ihren Bilanzen", erklärt Stephan Kuhnke, der bei dem Anleihemanager Bantleon das Portfoliomanagement verantwortet.

EZB als letzte Instanz - psychologische Wirkung nicht zu unterschätzen

"Es ist sogar denkbar, dass die EZB dem Vorbild der Schweiz folgt, die es beim Franken vorgemacht hat und bloß erklärt, Anleihen unbegrenzt aufkaufen zu wollen - ohne dann wirklich im großen Stil dazu gezwungen zu werden. Das wäre eine kostengünstige Lösung", sagt Kuhnke. Gerade Südeuropas Regierungen sähen die EZB gern als "Lender of last resort", als letzte Instanz, die Anleihen unbegrenzt kaufen kann.

Die Crux ist: Je länger die Krise dauert, umso schwieriger und teurer ist es, Glaubwürdigkeit oder Vertrauen zu schaffen. Genügte früher ein Heben der Stimme des jeweiligen Zentralbankpräsidenten, um die Märkte zu beschwichtigen, geht es heute in aller Regel um Eurosummen in Milliardenhöhe.

Summen, für die im Zweifel jene Länder mit einem AAA einstehen müssen. Das verringert deren eigenen fiskalischen Spielraum - und prompt müssen Staaten wie Frankreich um ihre eigene Top-Bonität banken. Ein Euro-Anker wird auf diese Weise selbst zum Problem für die Euro-Zone.

Euro-Bonds übertragen nur die Schmerzen

Außerdem würden Eurobonds die bestehende Überschuldung vieler Länder nicht beseitigen - sie sind im Gegenteil ein Anreiz, weiter Schulden zu machen wie bisher. Es fehlt ihnen damit an nachhaltiger Schlagkraft, an Bumms.

"Es gibt einen seltsamen Glauben daran, dass 'quantitative easing' die Schmerzen verschwinden lassen könnte", sagt Leigh Harrison, Leiter des Aktienteams von Threadneedle. "Doch das glaube ich nicht. Das transferiert den Schmerz nur an jemand anderen. Staaten mit hoher Staatsverschuldung lieben diese Idee. Staaten mit Ersparnissen sind nicht so glücklich". Eine skeptische Einschätzung. Und je mehr Marktteilnehmer dieser Einschätzung folgen, umso schwieriger wird die Suche nach einer nachhaltigen Lösung.

Dennoch wird "es vermutlich auf Eurobonds oder Quantitative Easing hinauslaufen, zumindest sehe ich keine Alternativen dazu", vermutet auch Christoph Bruns, der in seiner Fondsboutique eine globalen Aktien- und einen Hedgefonds verwaltet. Diese Entwicklung werde "die Aktie langfristig mehr in das Zentrum der Aufmerksamkeit stellen, da die Krise und die genannten Schritte dafür sorgen, dass Staatsanleihen stetig an Attraktivität verlieren. Es fällt ein Konkurrent nach dem anderen um - die Aktie steht noch."

Die Aktie steht zwar noch, aber auch sie hat gelitten - der Dax zum Beispiel hat seit Jahresbeginn mehr als 20 Prozent an Wert verloren. Europäische Aktien seien derzeit weltweit am günstigsten bewertet, sagt Frank Naab, Leiter Portofoliomanagement Private Banking bei Metzler. Angemessen wären die derzeitigen Kurse nach Naabs Einschätzung nur, wenn es infolge einer Rezession zu massiven Gewinneinbrüchen und Dividendenkürzungen käme. Soweit ist es noch nicht.

Doch das bedeutet noch lange nicht, dass Investoren schon jetzt in großem Stil zugreifen sollten. Die Märkte können länger irrational bleiben als man selber liquide - diesen Satz von John Maynard Keynes sollten Anleger beherzigen. Und ob Eurobonds die Schuldenkrise über Nacht verschwinden lassen, ist zweifelhaft.

Angesteckt: Wie die Euro-Schuldenkrise sich ausbreitet

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.