Sonntag, 25. August 2019

Stabilere Finanzen S&P treibt Brasiliens Rating hoch

Sao Paulo: Ratingagenturt bescheinigt Brasilien solidere Finanzen

In Europa wütet die Schuldenkrise, die Topnote "AAA" für Frankreichs Anleihen wackelt. Das Gegenteil passiert im - kein Witz - fast schuldenfreien Kontinent Südamerika: Standard & Poor's hat über Nacht das Rating Brasiliens von BBB- auf BBB angehoben. Ein Signal mit gewaltiger Sprengkraft.

Sao Paulo - Brasiliens Finanzminister hat schon aufgehört, seine europäischen Kollegen zu schleunigstem Handeln aufzurufen. "Den Industrieländern steht ein verlorenes Jahrzehnt bevor", sagt Guido Mantega, "aber nicht uns." Das sieht die Ratingagentur Standard & Poors (S&P) genauso. Sie hob die Note für brasilianische Schulden gestern Abend von BBB- auf BBB, worauf sich Mantegas Ministerium mit den Worten bedankte, Brasilien bekäme sein Upgrade, "während andere Länder dabei zusehen, wie ihr Rating abgestuft wird".

Den Seitenhieb auf die USA, die ihre Topnote unlängst verloren haben, und auf Frankreich, das um sie zittert, kann sich Mantega einfach nicht verkneifen. Das deutet schon an, dass den Schwellenländern durchaus bewusst ist, dass Signale wie ein höheres Rating neue Munition sind in den Verhandlungen über mehr Macht etwa im Internationalen Währungsfonds (IWF). Nach dem Rücktritt von Dominique Strauss-Kahn als IWF-Chef machten Amerikaner und Europäer die Nachfolge unter sich aus und bestimmten die Französin Christine Lagarde. In IWF-Kreisen heißt es jedoch, dass sich die Schwellenländer dies nicht noch einmal bieten lassen werden.

Vor allem nicht die Südamerikaner, deren neue Linksregierungen die "ideologisch infantilen" Strömungen hinter sich gelassen hätten, sagt der brasilianische Politikberater Luis Favre manager magazin Online. Favre koordinierte den Wahlkampf von Perus neuem Staatschef Ollanta Humala ebenso wie schon den des ehemaligen brasilianischen Staatschefs Luiz Inácio Lula da Silva vor neun Jahren: "Die revolutionäre Linke", sagt Favre nun, "weicht der demokratischen, die die Globalisierung nutzt, anstatt sich gegen sie zu stemmen." Und sie nutzt auch die internationalen Institutionen wie den IWF oder den Poker um Hilfen für Europa, um ihre wirtschaftliche und politische Macht auszubauen. Deswegen hat ein höheres Rating Brasiliens heute eine solche Sprengkraft.

Die Noten purzeln im Norden, wo die EU-Kommission hilflos mit neuen Regeln gegen die Meinungsmacht der Ratingagenturen vorgeht. Im Süden freut man sich über höhere Noten: Erst vor wenigen Monaten hob S&P die Bonität Perus ebenfalls auf BBB. Noch sind die südamerikanischen Länder damit weit entfernt von den Bewertungen der Industrienationen - alles andere wäre auch ein Wunder. Viele Länder des Kontinents waren vor gut einem Jahrzehnt fast pleite. Heute liegt die Verschuldung der sieben größten Länder Südamerikas bei rund einem Drittel der Wirtschaftsleistung, Deutschland kommt auf über 80 Prozent. Brasiliens Staatschefin Dilma Rousseff peilt für dieses Jahr einen Primärüberschuss von 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an.

Kaufkräftige Mittelschicht statt bitterer Armut

Dabei haben die Länder keineswegs ihr Wachstum kaputtgespart, sondern im vergangenen Jahr allesamt Steigerungen zwischen 7 und 9 Prozent hingelegt. Für dieses Jahr hat die Regierung in Brasilia ihre Wachstumserwartung zwar auf unter 4 Prozent zurückgeschraubt, aber mit einer Rezession rechnen brasilianische Experten für das kommende Jahr nur bei einem regelrechten Einbruch Chinas.

Das belegt zwar, dass Südamerika noch weit davon entfernt ist, sich von der Weltkonjunktur abkoppeln zu können. Noch treibt der Rohstoffexport von Gold, Kupfer und Zinn bis Öl und Gas das Wachstum an. Der lag nach Zahlen der Welthandelsorganisation WTO 2009 mit einem Anteil von 40 Prozent noch vor dem Agrarexport und weit vor den Ausfuhren von Industriegütern. Verkürzt dargestellt ist Südamerika immer noch das Rohstofflager für China. Und China ist die verlängerte Werkbank Europas und der USA.

Aber das ist eben eine sehr verkürzte Darstellung. Chinas aktueller Fünfjahresplan fokussiert auf den Anschub der Binnennachfrage, eine verlängerte Werkbank ist das Land längst nicht mehr. Und die Länder Südamerikas - allen voran Brasilien - haben den ersten Teil der Finanzkrise, den von 2007 bis 2009, deshalb so gut überstanden, weil sie die Einkommen aus dem Rohstoffexport genutzt haben, um Jahr für Jahr mehrere Millionen Menschen aus bitterer Armut in die kaufkräftige Mittelschicht zu holen. Und zwar nicht nur durch Sozialprogramme, sondern vor allem durch staatliche Investitionen - die sie in der Krise kräftig hochschraubten - und Steuervorteile für Unternehmen, die vor Ort produzieren. So hat Brasilien zur Ausbeutung der im Atlantik entdeckten, riesigen Ölvorkommen binnen weniger Jahre eine eigene Schifffahrtsindustrie aufgebaut; die Bohrinseln für Brasiliens halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras werden in der Nähe von Rio de Janeiro gebaut. Dabei sind Armut und Einkommensunterschiede immer noch haarsträubend, aber sie nehmen langsam ab.

Es sind allesamt Linksregierungen, die in Südamerika die Wirtschaft ankurbeln und den Kontinent zu einem globalen Kraftwerk aufbauen. Brasiliens Rousseff wurde als Guerilla-Kämpferin von den Schergen der letzten Militärdiktatur gefoltert, so wie José "Pepe" Mujica, der Präsident des kleinen Wirtschaftswunderlands Uruguay. Ollanta Humala, der neue Linkspräsident Perus, war als Offizier in einen gescheiterten Militärputsch gegen den Autokraten Alberto Fujimori verwickelt. Nur Chile und Kolumbien haben noch konservative Regierungen, und beide haben gewaltige innenpolitische Schwierigkeiten. Die Studentenproteste in Chile gegen die hohen Kosten des privatisierten Bildungssystems finden inzwischen in Kolumbien ihre Fortsetzung.

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