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Aufkeimende Sorge: Globale Furcht vor der Weltrezession

Foto: DB PSA Singapore Terminals/ picture-alliance/ dpa

Bondmärkte Europas Schulden schüren Angst vor globaler Rezession

Der Antritt der Reformregierungschefs in Griechenland und Italien hat nichts geändert. Die ganze Welt geht vor der Euro-Schuldenlawine in Deckung. Selbst entfernte Staaten fürchten um ihr Wohl. Zu eng sind die globalen Verflechtungen. Jetzt grassiert die Angst vor einer Weltrezession.
Von Markus Gärtner

Vancouver - Das ist mehr als ein Zeichen. Es ist bereits die Folge. Singapur hat heute einen herben Einbruch seiner Exporte im Oktober gemeldet: Die Ausfuhren in die Europäische Union, Singapurs größtem Exportmarkt, kollabierten regelrecht. Sie rauchten auf Jahresbasis gerechnet um 30,9 Prozent in den Keller. Denn Europa ist gefangen in einem Schuldendilemma, das die europäische Wirtschaft in die Rezession zu stoßen droht - und die Welt mit nach unten zieht. Weil sie global vernetzt ist und die teils ächzenden Unternehmen und Bürger auf dem alten Kontinent bereits jetzt weniger Waren von anderen Orten in der Welt ordern.

Die drohende Kernschmelze an Europas Anleihemärkten sorgt dann auch rund um den Globus für helle Aufregung. Kanadas Notenbankchef Mark Carney fürchtet in Nordamerika einen Kreditinfarkt, wenn sich US-Banken und kanadische Kreditinstitute in den kommenden Monaten bei schiefliegenden europäischen Geldhäusern einkaufen oder Anteile übernehmen, die diese abstoßen. Das Resultat, so Carney, könne eine verringerte Ausleihe an Firmen in den USA und Kanada sein. Also genau das, was die Europäer bei ihren eigenen Banken durch Stützungsmaßnahmen wie den Rettungsfonds verhindern wollen. Carneys Warnung ist brisant. Denn die US-Konjunktur ist nur um Haaresbreite von einer erneuten Rezession entfernt. Daher könnte der vom ihm gefürchtete Kreditinfarkt einen verheerenden Unterschied machen und die größte Volkswirtschaft der Welt wieder in den Rückwärtsgang zwingen.

Weil Firmen wenig investieren, Banken nur schleppend Kredite ausreichen und Konsumenten stark verunsichert sind, fürchtet der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan ohnehin, dass "schiere Angst die schwache US-Erholung abwürgt". Sollte die Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft im kommenden Jahr verfehlt werden, kann das laut Moody's sogar Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit des Landes haben. Im Klartext: Den USA droht bei einer Verschärfung der Lage in Europa die zweite Rating-Watsche binnen weniger Monate. Das Toprating AAA haben die USA Anfang August nach acht Jahrzehnten verloren.

Doch das ist längst nicht alles, wovor man sich auf der anderen Seite des Atlantiks angesichts der Euro-Schuldenkrise fürchtet. Die Ratingagentur Fitch sorgt sich auch um die Kreditwürdigkeit amerikanischer Banken, die massiv Ausfallgarantien an europäischen Anleihebesitzer verkauft haben, aber deren konkreten Umfang nicht beziffern. Und Analysten bei der Wells Fargo-Bank haben bereits durchgerechnet, welche amerikanischen Bundesstaaten am stärksten betroffen sind, wenn im Euro-Land die Sicherungen ganz durchbrennen. Es wären Utah, South Carolina und West Virgina. Während 22 Prozent der Gesamtexporte der USA nach Europa verkauft werden, erreicht der Anteil in Utah 46 Prozent. Ausfuhren nach Europa machen in dem Mormonenstaat 5,6 Prozent der Gesamtwirtschaft aus. In South Carolina, einer Hochburg der Automobilproduktion, wo BMW  ein großes Werk in Spartanburg betreibt, machen die Exporte nach Europa immerhin 4,1 Prozent der Wirtschaft aus.

GM-Chef Akerson: "Ökonomischer Morast" in Europa

Zahlreiche an der Wall Street notierte Publikumsfirmen haben in den vergangenen Wochen bereits für das Quartal bis September schwächere Umsätze oder enttäuschende Gewinnergebnisse gemeldet, weil sie stark in Europa engagiert sind. General Motors musste im November eingestehen, dass es auf dem Alten Kontinent im laufenden Jahr nicht mehr wie geplant die Gewinnzone erreichen wird. Diesseits des Atlantiks macht GM mit seiner Tochter Opel 17 Prozent der Konzernumsätze. CEO Dan Akerson sprach bei der Vorlage der Bilanzzahlen mit Blick auf Europa von einem "ökonomischen Morast". Der Software-Konzern Adobe aus Kalifornien, der 32,4 Prozent seiner Erlöse in Europa erzielt, sieht laut Finanzchef Mark Garrett viele "Kunden, die ihre Käufe hinauszögern". Der Tabakmulti Philip Morris, der ebenfalls ein knappes Drittel seines Umsatzes in Europa erzielt, sah den Zigarettenmarkt in der Europäischen Union (EU) zuletzt schwinden. Und Cisco-Chef John Chambers sieht den europäischen Markt im laufenden Quartal "als eine Herausforderung".

"Es fehlt nicht viel bis zu einer Rezession", erklärt der Wirtschaftsprofessor Sung Won Sohn an der California State University. "Wenn die Probleme in Europa zunehmen, werden sie uns und den Rest der Welt mit nach unten reißen". Wells Fargo schätzt, dass die US-Konjunktur wegen Europa im kommenden Jahr 0,4 Prozentpunkte langsamer wachsen wird. Die Investmentbanker von Goldman Sachs  veranschlagen den negative Effekt auf einen ganzen Prozentpunkt.

Weltweit leuchten jetzt die Alarmlampen. Tony Volpon, bei der japanischen Investmentbank Nomura in New York für südamerikanische Schwellenmärkte zuständig, sieht Europa am Rande einer "Todesspirale". Der CEO der HSBC, Stuart Gulliver, erwartet in Asien wegen der teils enormen Abhängigkeit lokaler Finanzmärkte von europäischen Banken einen Kreditinfarkt. Kein Wunder: In Indonesien kommen 75 Prozent der Bankausleihungen von internationalen Geldhäusern, vielen davon aus Europa. In Südkorea liegt deren Anteil an lokalen Bankfinanzierungen bei 52 Prozent, in Australien bei knapp 50 Prozent, weiß das Analyseunternehmen Dealogic. Selbst im fernen Neuseeland warnt das Finanzministerium in seiner neuen Wirtschaftsprognose, "wenn Europas Regierungen die Krise nicht eindämmen, erleben wir eine ernste Unterbrechung der globalen Kreditströme".

Auch in Afrika werden schon nervös die möglichen Folgen einer zusätzlichen Eskalation der Schulden- und Bankenkrise im Euro-Land durchgerechnet. Den stärksten Übertragungsmechanismus für die Krise stellt der Handel dar: "In 15 afrikanischen Ländern machen die Exporte in die Europäische Union mehr als die Hälfte aller Ausfuhren aus", heißt es in einer Risikostudie der Afrikanischen Entwicklungsbank. Allein in 11 afrikanischen Ländern - darunter Benin, Burkina Faso und im Niger - machen ausländische Banken 70 Prozent des Marktes aus. "Die Schuldenkrise in Europa hat die Zerbrechlichkeit von Afrikas wirtschaftlicher Erholung verstärkt", heißt es in dem Papier.

Asiens Boomregionen zittern vor der Lawine

Vor allem in Asien, das die globale Wirtschaft nach der Großen Rezession wie ein Hafenschlepper aus der Krise gezogen hat, wird eine Verschärfung der Situation in Europa gefürchtet. HSBC-CEO Stuart Gulliver warnte vorige Woche vor einem Abflauen westlicher Bankenkredite in die Boomregion. Zwischen Shanghai, Singapur und Seoul drohe der Kreditfluss an asiatische Firmen von belagerten europäischen Geldhäusern zu erlahmen. Eine brisante Prognose, denn kontinentaleuropäische Banken bestritten im zweiten Quartal satte 21 Prozent der in Asien ausstehenden internationalen Kredite im Gesamtumfang von 2500 Milliarden Dollar. Das berichtet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

Demnach hängen auch China, Singapur und Hongkong spürbar an europäischen Kredittöpfen. In der Ex-Kolonie Hongkong, wo das Bruttoinlandsprodukt von Juli bis September im Vergleich zum Vorquartal nur noch um schlappe 0,1 Prozent wuchs - und die Exporte im September erstmals in zwei Jahren schrumpften - könnte allein eine Verteuerung der knapper werdenden Kredite aus Europa die Konjunktur zusätzlich abbremsen. Kein Wunder, dass der politische Chef der Sonderverwaltungszone, Donald Tsang, für die nächsten Quartale "ein paar Schocks" vorhersieht.

Aber auch anderswo in Asien ist die Nervosität groß. "Im Augenblick können Sie über Asien gar nicht reden, ohne auch über Europa zu sprechen", versichert Jerry Webman, Chefökonom bei Oppenheimer Funds in New York. "Eine verlängerte Krise in Europa, so Webman, "bedroht die gesamte asiatische Exportmaschinerie". Aus diesem Grund wurde auch der komplette APEC-Gipfel der asiatisch-pazifischen Anrainerländer am vergangenen Wochenende in Hawaii von Gesprächen über die Lage im Euroland dominiert. Die Einschätzungen sind sehr pessimistisch: "Europas Budgetprobleme sind zu einer globalen Krise angewachsen", sagte in Honolulu der Chinese Zhu Min, einer der Vizedirektoren von Christine Lagarde beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Seine Chefin skizzierte den möglichen Abgrund, in den Europa alle reißen könnte, so: "Ohne eine Lösung der Krise in der Euro-Zone, könnte die Welt in eine Abwärtsspirale von implodierendem Vertrauen, schwächerem Wachstum und weniger Jobs geraten".

Der russische Präsident Dmitri Anatoljewitsch Medwedew bezeichnete auf Hawaii die Krise im Euro-Land als das Ereignis, "vor dem sich alle Länder fürchten". In Fernost scheint man sich schon auf eine ausgedehnte Krise einzustellen. Fan Gang, einer der bekanntesten chinesischen Ökonomen - und ein früherer Berater der People's Bank of China - erwartet, "dass Europas Probleme nicht innerhalb von zwölf Monaten gelöst werden: Nach Griechenland dürfte Italien kommen, nach Italien vielleicht Portugal", so Fan Gang. Die gestrige Bestellung von Reformregierungschefs in Griechenland und Italien hat daran nichts geändert.

US-Notenbanker fordern neue Schuldenwelle als Konjunktustütze

Doch schon jetzt sind die Schleifspuren der Ereignisse weit über Asien hinaus sichtbar. Von Brasilien bis nach Indonesien haben Notenbanken begonnen, trotz immer noch hoher Inflation die Leitzinsen wieder zu senken und die eigene Währung durch Interventionen am Markt zu stützen, weil eine erneute Flucht in den Dollar zu Kapitalabflüssen in den Schwellenmärkten führt. Chiles Zentralbank verkauft in größerem Umfang Anleihen, um den Peso abzusaugen. Er war in der vergangenen Woche die schwächste Währung in 25 Schwellenmärkten.

Die Länder Südamerikas sind - neben der steigenden Bedeutung in anderen Branchen - überwiegend auch wichtige Rohstoffexporteure. Wenn die Metall- und Energiepreise wegen der Furcht vor einer weltweiten Rezession weiter einbrechen, können ihre Ausfuhrerlöse empfindlich leiden. Der CEO des weltgrößten Bergbaukonzerns BHP Billiton, Marius Kloppers, warnte am Donnerstag vor einer Eintrübung der Rohstoffmärkte, weil Abnehmer des Unternehmens wachsende Probleme mit der Handelsfinanzierung bekommen und einige von ihnen die Produktion drosseln. Die Staatschefs der APEC haben daher am vergangenen Wochenende eilig eine Reduzierung ihrer Handelsbarrieren beschlossen.

Vielleicht sind die Turbulenzen in Europa auch der Grund, warum aus der US-Notenbank die Rufe nach zusätzlicher Stimulierung in den vergangenen Tagen wieder lauter wurden. Der Präsident der Notenbankzweigstelle in Chicago, Charles Evans, verlangte am Dienstag in einer Rede vor dem Council on Foreign Relations in New York "eine zusätzliche geldpolitische Lockerung". "Wir sollten uns so verhalten, als gäbe es ein sehr großes Problem da draußen", so Evans.

Sein Kollege bei der Fed in San Francisco, John Williams, forderte angesichts hartnäckiger Arbeitslosigkeit, dümpelnder Konjunktur und niedriger Inflation am Dienstag zusätzliche Wertpapierkäufe der Fed. Und US-Finanzminister Timothy Geithner watschte am Dienstag kräftig den Kongress ab. Die Abgeordneten könnten nicht noch 12 oder 14 weitere Monate warten, bis sie die Wirtschaft anschieben wollen. Geithner verlangte vom Kongress - der gerade mehr einsparen als ausgeben will - "umgehend substantielle, machtvolle Maßnahmen, um das Wachstum zu stärken".

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