Montag, 27. Mai 2019

Bondmärkte Europas Schulden schüren Angst vor globaler Rezession

Aufkeimende Sorge: Globale Furcht vor der Weltrezession
AFP

Der Antritt der Reformregierungschefs in Griechenland und Italien hat nichts geändert. Die ganze Welt geht vor der Euro-Schuldenlawine in Deckung. Selbst entfernte Staaten fürchten um ihr Wohl. Zu eng sind die globalen Verflechtungen. Jetzt grassiert die Angst vor einer Weltrezession.

Vancouver - Das ist mehr als ein Zeichen. Es ist bereits die Folge. Singapur hat heute einen herben Einbruch seiner Exporte im Oktober gemeldet: Die Ausfuhren in die Europäische Union, Singapurs größtem Exportmarkt, kollabierten regelrecht. Sie rauchten auf Jahresbasis gerechnet um 30,9 Prozent in den Keller. Denn Europa ist gefangen in einem Schuldendilemma, das die europäische Wirtschaft in die Rezession zu stoßen droht - und die Welt mit nach unten zieht. Weil sie global vernetzt ist und die teils ächzenden Unternehmen und Bürger auf dem alten Kontinent bereits jetzt weniger Waren von anderen Orten in der Welt ordern.

Die drohende Kernschmelze an Europas Anleihemärkten sorgt dann auch rund um den Globus für helle Aufregung. Kanadas Notenbankchef Mark Carney fürchtet in Nordamerika einen Kreditinfarkt, wenn sich US-Banken und kanadische Kreditinstitute in den kommenden Monaten bei schiefliegenden europäischen Geldhäusern einkaufen oder Anteile übernehmen, die diese abstoßen. Das Resultat, so Carney, könne eine verringerte Ausleihe an Firmen in den USA und Kanada sein. Also genau das, was die Europäer bei ihren eigenen Banken durch Stützungsmaßnahmen wie den Rettungsfonds verhindern wollen. Carneys Warnung ist brisant. Denn die US-Konjunktur ist nur um Haaresbreite von einer erneuten Rezession entfernt. Daher könnte der vom ihm gefürchtete Kreditinfarkt einen verheerenden Unterschied machen und die größte Volkswirtschaft der Welt wieder in den Rückwärtsgang zwingen.

Weil Firmen wenig investieren, Banken nur schleppend Kredite ausreichen und Konsumenten stark verunsichert sind, fürchtet der ehemalige Notenbankchef Alan Greenspan ohnehin, dass "schiere Angst die schwache US-Erholung abwürgt". Sollte die Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft im kommenden Jahr verfehlt werden, kann das laut Moody's sogar Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit des Landes haben. Im Klartext: Den USA droht bei einer Verschärfung der Lage in Europa die zweite Rating-Watsche binnen weniger Monate. Das Toprating AAA haben die USA Anfang August nach acht Jahrzehnten verloren.

Doch das ist längst nicht alles, wovor man sich auf der anderen Seite des Atlantiks angesichts der Euro-Schuldenkrise fürchtet. Die Ratingagentur Fitch sorgt sich auch um die Kreditwürdigkeit amerikanischer Banken, die massiv Ausfallgarantien an europäischen Anleihebesitzer verkauft haben, aber deren konkreten Umfang nicht beziffern. Und Analysten bei der Wells Fargo-Bank haben bereits durchgerechnet, welche amerikanischen Bundesstaaten am stärksten betroffen sind, wenn im Euro-Land die Sicherungen ganz durchbrennen. Es wären Utah, South Carolina und West Virgina. Während 22 Prozent der Gesamtexporte der USA nach Europa verkauft werden, erreicht der Anteil in Utah 46 Prozent. Ausfuhren nach Europa machen in dem Mormonenstaat 5,6 Prozent der Gesamtwirtschaft aus. In South Carolina, einer Hochburg der Automobilproduktion, wo BMW Börsen-Chart zeigen ein großes Werk in Spartanburg betreibt, machen die Exporte nach Europa immerhin 4,1 Prozent der Wirtschaft aus.

GM-Chef Akerson: "Ökonomischer Morast" in Europa

Zahlreiche an der Wall Street notierte Publikumsfirmen haben in den vergangenen Wochen bereits für das Quartal bis September schwächere Umsätze oder enttäuschende Gewinnergebnisse gemeldet, weil sie stark in Europa engagiert sind. General Motors musste im November eingestehen, dass es auf dem Alten Kontinent im laufenden Jahr nicht mehr wie geplant die Gewinnzone erreichen wird. Diesseits des Atlantiks macht GM mit seiner Tochter Opel 17 Prozent der Konzernumsätze. CEO Dan Akerson sprach bei der Vorlage der Bilanzzahlen mit Blick auf Europa von einem "ökonomischen Morast". Der Software-Konzern Adobe aus Kalifornien, der 32,4 Prozent seiner Erlöse in Europa erzielt, sieht laut Finanzchef Mark Garrett viele "Kunden, die ihre Käufe hinauszögern". Der Tabakmulti Philip Morris, der ebenfalls ein knappes Drittel seines Umsatzes in Europa erzielt, sah den Zigarettenmarkt in der Europäischen Union (EU) zuletzt schwinden. Und Cisco-Chef John Chambers sieht den europäischen Markt im laufenden Quartal "als eine Herausforderung".

"Es fehlt nicht viel bis zu einer Rezession", erklärt der Wirtschaftsprofessor Sung Won Sohn an der California State University. "Wenn die Probleme in Europa zunehmen, werden sie uns und den Rest der Welt mit nach unten reißen". Wells Fargo schätzt, dass die US-Konjunktur wegen Europa im kommenden Jahr 0,4 Prozentpunkte langsamer wachsen wird. Die Investmentbanker von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen veranschlagen den negative Effekt auf einen ganzen Prozentpunkt.

Weltweit leuchten jetzt die Alarmlampen. Tony Volpon, bei der japanischen Investmentbank Nomura in New York für südamerikanische Schwellenmärkte zuständig, sieht Europa am Rande einer "Todesspirale". Der CEO der HSBC, Stuart Gulliver, erwartet in Asien wegen der teils enormen Abhängigkeit lokaler Finanzmärkte von europäischen Banken einen Kreditinfarkt. Kein Wunder: In Indonesien kommen 75 Prozent der Bankausleihungen von internationalen Geldhäusern, vielen davon aus Europa. In Südkorea liegt deren Anteil an lokalen Bankfinanzierungen bei 52 Prozent, in Australien bei knapp 50 Prozent, weiß das Analyseunternehmen Dealogic. Selbst im fernen Neuseeland warnt das Finanzministerium in seiner neuen Wirtschaftsprognose, "wenn Europas Regierungen die Krise nicht eindämmen, erleben wir eine ernste Unterbrechung der globalen Kreditströme".

Auch in Afrika werden schon nervös die möglichen Folgen einer zusätzlichen Eskalation der Schulden- und Bankenkrise im Euro-Land durchgerechnet. Den stärksten Übertragungsmechanismus für die Krise stellt der Handel dar: "In 15 afrikanischen Ländern machen die Exporte in die Europäische Union mehr als die Hälfte aller Ausfuhren aus", heißt es in einer Risikostudie der Afrikanischen Entwicklungsbank. Allein in 11 afrikanischen Ländern - darunter Benin, Burkina Faso und im Niger - machen ausländische Banken 70 Prozent des Marktes aus. "Die Schuldenkrise in Europa hat die Zerbrechlichkeit von Afrikas wirtschaftlicher Erholung verstärkt", heißt es in dem Papier.

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