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Weggespült: Thailandflut bedroht globale Produktion

Foto: NICOLAS ASFOURI/ AFP

Thailand Flutdesaster bedroht globale Lieferketten

Es ist ein regionales Desaster. Doch der Rest der Welt ist längst nicht so weit von Thailands Flutfolgen entfernt, wie es scheinen mag. Japans Autoriesen Toyota und Honda müssen bereits ihre Produktion drosseln. Und bald könnten auch deutsche Konzerne betroffen sein.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Thailands schlimmste Hochwasserkatastrophe seit 50 Jahren wird für global aufgestellten Unternehmen zum zweiten Lieferkettenschock innerhalb weniger Monate. Der erste Härtetest kam im Frühjahr und Sommer nach dem verheerenden Erdbeben in Japan. Damals mussten Autohersteller und Elektronikfirmen monatelang bis nach Nordamerika die Produktion drosseln, weil wichtige Teile nicht mehr geliefert wurden. Auch deutsche Firmen, etwa Volkswagen, hatten wochenlang mit der Zulieferung wichtiger Teile zu kämpfen.

Gelernt haben die meisten Firmen in Europa, Amerika und Asien aus dem Monate währenden Infarkt ihrer Bezugsnetzwerke kaum etwas. Das ist jedenfalls der Eindruck, den sie Monate nach der Japan-Katastrophe vermittelten:

"80 Prozent der Firmen sind nur eine Naturkatastrophe vom Lieferketten-GAU entfernt", heißt es bei der Unternehmensberaters A.T. Kearney. In einer globalisierten Welt, die immer stärker in das von Erdbeben und Hochwasser geplagte Asien verlegt, ist das eine sträfliche Vernachlässigung. Sie kann Firmen komplett von der industriellen Landkarte austilgen und ganze Regionen in Arbeitsplatz leere Wüsten verwandeln.

In der Industriezone Bang Pa-In unweit der Hauptstadt Bangkok - in der 41 Prozent von Thailands Bruttoinlandsprodukt (BIP) erwirtschaftet werden - steht die braune Brühe der Monsoon-Fluten einen Meter hoch zwischen Dutzenden von Fabriken. Wo sonst Gabelstapler fahren, bergen Arbeiter jetzt mit Wassermotorrädern und Schlauchbooten Computer-Komponenten aus den Lagerhäusern. Dabei müssen sie vorübergehend weniger auf Stoppschilder achten, und dafür mehr auf Krokodile. Helfer in orangen Schwimmwesten versuchen aus den oberen Etagen der Industriegebäude zu retten, was noch zu retten ist. An manchen Fließbändern sieht es dagegen aus wie in einem Aquarium. An vielen Verladestellen, wo sonst Lkw andocken, springen Fische aus dem Wasser.

Der Fluss von Zulieferteilen versiegt

Solche Bilder dominieren seit Mitte Oktober Thailands Fernsehen. Die Handelkskammer schätzt den Schaden auf mehr als acht Miliarden Dollar für das südostasiatische Land. Tourismusminister Chumphol Silpa-archa fürchtet bis zu eine Million weniger Besucher im laufenden Jahr. Die Ernte des größten Reisexporteurs auf dem Planeten könnte ein Viertel geringer als im vergangenen Jahr ausfallen. Und die Analysten der Kasikorn Bank in Bangkok haben die BIP-Prognose für Thailand im laufenden Jahr von plus 3,8 Prozent auf 1,7 Prozent zurückgenommen.

Doch der Rest der Welt ist längst nicht so weit von diesem Desaster entfernt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Japans Autoprimus Toyota  muss seine Fertigung in Japan, Südafrika, Indonesien, den Philippinen, Vietnam und Malaysia zurückfahren. Im Heimatland Japan werden die Fließbänder nur zu 70 bis 80 Prozent ausgelastet, weil wichtige Teile aus den Fabriken in Thailand kommen nicht bei. Der Fluss von mehr als 100 Autoteilen wurde unterbrochen oder gestört. Selbst in den Toyota-Fabriken der USA werden Schichten gestrichen.

Die Nachwirkungen des japanischen Bebens, dem eine vernichtende Tsunami folgte, dezimierte den Umsatz des Autoriesen im dritten Quartal um 5 Prozent. Der starke Yen reduzierte die Gewinne aus Übersee zusätzlich. Und jetzt noch Thailand: In der vergangenen Woche musste das Unternehmen schließlich seine Gewinnschätzung für das laufende jahr nach unten revidieren. Die Flut in Thailand erweist sich dabei für die japanischen Autobauer wie eine schlimme Ironie: Toyota und seine Mitstreiter hatten in den 80er und 90er Jahren umfangreich Produktion nach Thailand verlagert, um dem starken Yen zu entgehen.

Toyotas Rivale Honda  ist das am schwersten betroffene japanische Autounternehmen. Hondas Fabrik im Gewerbegebiet Ayutthaya steht unter Wasser. Das Unternehmen fertigt in Thailand 240.000 Autos im Jahr. Satte 35 seiner Toplieferanten stehen unter Wasser. In dieser Woche griffen die Folgen der Katastrophe in Thailand für Honda auf den vierten Kontinent über. Jetzt muss auch die Fertigung in Brasilien gedrosselt werden, nachdem in der Vorwoche auch in Großbritannien die Produktion gebremst worden ist. Nach Firmenangaben könnte die Wiederaufnahme des Normalbetriebs bis zum März dauern.

Produktionsausfall von 250.000 Fahrzeugen

"Die ersten Prognosen nach Ausbruch der Flutkatastrophe waren zu optimistisch", gesteht der Thailand-Direktor Hajime Yamamoto beim Autospezialisten IHS Automotive, "das sieht nun ernster aus, als wir dachten, jede Woche muss die Schätzung des Schadens nach oben korrigiert werden". Toyota zum Beispiel veranschlagte den möglichen Produktionsausfall zunächst mit 150.000 Fahrzeugen. Der Autoanalyst Masataka Kunigimoto beim Brokerhaus Nomura Securities schätzt den Ausfall für Toyota durch die Fluten inzwischen aber schon auf 250.000 Fahrzeuge.

Eins der Nadelöhre, die nun allen zu schaffen machen, ist die lokale Produktion des japanischen Chipherstellers Rohm . Dieser beliefert so strategisch wichtige Autozulieferer wie Denso und Aisin Seiki. Aisin Seiki stellt Bremsen, Motorenteile und Antriebstechnologie her. Zu seinen deutschen Kunden zählen Volkswagen , Audi  und Porsche . Rohm kann nach eigenen Angaben seine Fabriken in Thailand erst im Dezember wieder hochfahren. Volle Kapazität wird demnach nicht vor dem Februar erreicht.

Doch das sind nur wenige Beispiele aus einer langen Liste von industriellen Opfern dieser Flutkatastrophe. LSI, ein führender Hersteller von Festspeicherplatten, erwartet 10 Prozent Geschäftsrückgang. Der Chipproduzent DIGI International musste seine Produktion in Thailand einstellen und fürchtet Schleifspuren in der Bilanz bis hinein ins erste Quartal 2012. Fujitsu  fürchtet einen starken Effekt auf sein PC-Geschäft im laufenden Vierteljahr.

Die chinesische Lenovo-Gruppe, inzwischen zweitgrößter PC-Hersteller der Welt, erwartet Engpässe bei Festspeicherplatten. Tesco , der drittgrößte Einzelhändler auf dem Planeten, musste mehr als 30 Supermärkte in Thailand schließen. Samsung , das gerade Apple  als weltweit größter Smartphone-Lieferant überholte, sieht die Produktion in der Chipsparte bis zum ersten Quartal 2012 beeinträchtigt.

Weltweit Folgen auch für Verbraucher

Deutsche Firmen sind bislang nicht stark betroffen. Hiesige Autobauer unterhalten in Thailand kleinere Fertigungsstätten. Das Werk von Daimler  war nur kurzzeitig geschlossen, um es gegen die Fluten zu wappnen. BMW  musste die Fertigung einschränken, setzt in Thailand aber nur wenige Tausend Pkw pro Jahr zusammen.

Ein kurzer Blick auf verschiedene Industriegebiete nördlich des Internationalen Flughafens von Bangkok zeigt: Hier fertigen viele Topfirmen aus den Bereichen Auto, Pharma, Nahrung und Elektronik. Im Industriepark von Lat Krabang - zehn Kilometer nördlich von Bangkoks Hauptstadtflughafen Suvarnabhumi stand das Wasser in der Spitze eineinhalb Meter hoch. Dort werden in 254 Fabriken 50.000 Menschen beschäftigt. Auf dem Standortschild des Gewerbeparks prangen unter anderem die Namen des Konsumgütergiganten Unilever  und des Pharmakonzerns Johnson & Johnson . Im benachbarten Bang Chan-Industriepark stehen 93 Fabriken. Hier fertigen unter anderem Nestlé  und President Bakery. McDonald's  lässt hier Brötchen für seine Burger backen.

Kein Wunder also, wenn Konsumenten weltweit, die Folgen dieser Flutkatastrophe zumindest für ein paar ihrer Produkte spüren werden. Festspeicherplatten sollen laut dem Elektronik-Spezialisten Fang Zhang bei IHS iSupply zumindest 10 Prozent teurer werden. Doch welche Lehren ziehen große Hersteller, die ihre Lieferanten-Netzwerke in den vergangenen Jahren stark konzentriert und dabei verstärkt auf Asien gesetzt haben? Vor allem die Autohersteller und ihre Zulieferer werden Fabriken auf mehr Länder in der Region verteilen, sagt Yamamoto vorher. "Eine solche Konzentration an so wenigen Plätzen wird es künftig nicht mehr geben", prognostiziert der Logistikexperte John Monroe bei der Researchfirma Gartner, die auf Technologie spezialisiert ist.

Thailand in Furcht vor der nächsten Großflut

Thailand dürfte nun von vielen internationalen Firmen genauer unter die Lupe genommen werden. Denn nach Meinung regionaler Experten besteht die große Gefahr, dass sich solche Flutdesaster in Thailand wiederholen. Thailands Wissenschaftsminister Plodprasop Suraswadi schätzt lokalen Zeitungen zufolge die Wahrscheinlichkeit, dass die Fluten 2012 zurückkehren, auf "bestimmt eine Million Prozent".

Hier rächt sich die rasante Industrialisierung des Tigerlands. In den vergangenen zwei Jahrzehnten mussten in der riesigen Ebene nördlich von Bangkok zahllose Reisfelder neuen Fabriken, Wohnsilos und Shoppingmalls weichen. Seitdem blockieren die Bauten natürlichen Wege, über die der Monsunregen langsam ins Meer versickert. "Im vergangenen Jahr haben wir eine Lieferkettenunterbrechung nach der anderen erlebt", heißt es dazu bei A.T. Kearney, "aber die Mehrheit der Firmen managt ihr Risiko nicht systematisch, um Unterbrechungen der zunehmend globalen Lieferketten zu vermeiden". Der Firmenberater hat in nach eigenen Angaben 13 internationale Unternehmen mit einer hervorragenden Einkaufsstrategie ausgeleuchtet.

Zu deren Gemeinsamkeiten gehört, dass sie die Einkaufspolitik systematisch mit dem strategischen Firmenziel in Einklang gebracht haben, dass sie ihre neuen Produkte in enger Abstimmung mit den Lieferanten entwickeln, und dass sie eine ganze Reihe möglicher Katastrophen-Szenarien ständig durchspielen. In der Kultur der Firmen mit den besten Einkaufsstrategien habe, so A.T. Kearney, zudem ein grundlegender Wandel stattgefunden. "Die mit der Zulieferung befassten Einheiten, die früher auf Kostensenkung und knallharten Umgang mit den Lieferanten ausgerichtet waren, entwickeln jetzt auf lange Sicht ausgelegte Kooperationsstrategien, um mit den Teileproduzenten gemeinsam Innovation, neue Prozesse und neue Produkte voranzutreiben".