Broker-Pleite Die globalen Schockwellen von MF Global

Die Insolvenz des Brokers MF Global zeigt, dass die Euro-Schuldenkrise auch für die Wall Street brandgefährlich ist - und dass sie nichts aus der Krise von 2008 gelernt hat. US-Banken unterschätzen ihre Europa-Risiken offenbar systematisch: Wenn sich im milliardenschweren Derivategeschäft alle gegenseitig absichern - wer zahlt am Ende?
Von Markus Gärtner
Erstes Opfer der Euro-Schuldenkrise in den USA: Entsteht aus der Euro-Krise eine globale Kettenreaktion?

Erstes Opfer der Euro-Schuldenkrise in den USA: Entsteht aus der Euro-Krise eine globale Kettenreaktion?

Foto: DPA

Hamburg - Die Pleite des US-Wertpapierhändlers MF Global zeigt vor allem eines: Die globale Reichweite der europäischen Schuldenkrise. Sie ist mit einem Paukenschlag auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen, und sie schallt gleich zurück. Laut den Unterlagen des zuständigen Insolvenzgerichts in Manhattan besetzt die Deutsche Bank  nach dem US-Geldhaus JP Morgan Chase die ersten vier Positionen in der Liste der Gläubiger bei MF Global.

Etwas mehr als eine Milliarde Dollar stehen im Feuer. Dass das führende deutsche Geldhaus bei MF Global hauptsächlich als Treuhänder aktiv war, ist kaum ein Trost - zumindest nicht für die Besitzer der Anleihen.

Im Laufe dieser Woche zog der Kollaps des Brokerhauses weltweit weitere Kreise. In Singapur standen Investoren vor dem lokalen Büro von MF Global stundenlang Schlange, weil sie ihr Geld zurück haben wollen.

In Hong Kong berichten Headhunter den lokalen Zeitungen, dass Mitarbeiter von MF Global serienweise Bewerbungsschreiben verschicken, um sich möglichst schnell abzusetzen. Erst in den vergangenen 12 Monaten hatte der Wertpapierhändler seine erste Niederlassung mit Researchabteilung und Verkaufsmannschaft für den Großraum China aufgebaut. Und in Indien, wo MF Global 70 Prozent am Gemeinschaftsunternehmen mit Sify Technologies hält, bemüht sich Geschäftsführer Vineet Bhatnagar um Schadensbegrenzung: "Weil sie ein Joint Venture ist, wird die indische Gesellschaft von MF Global nicht automatisch abgewickelt, wir sind gut kapitalisiert und bleiben von dem Drama unberührt".

Risiken bei Derivaten: Niemand hatte MF Global auf dem Monitor

Verzweifeln müssen Kunden des Brokers und Futures-Spezialisten, der laut Insolvenzantrag "einer der weltweit führenden für börsennotierte Derivative war", auch nicht automatisch - jedenfalls nicht, bis die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft und des Insolvenzverwalters abgeschlossen sind. Analysten in den USA halten den möglichen Schaden für "verkraftbar".

David Hendle, Chef für die US-Finanzen beim unabhängigen Researchhaus CreditSights, hält das Risiko für begrenzt: "Wir haben uns im Lichte des Insolvenzantrages die Risiken der US-Banken bei MF Global angeschaut, unser Eindruck ist, dass es sich um verkraftbare und nicht signifikante Risiken handelt".

Die Aktionäre dürften dies jedoch anders sehen. Das Papier verlor am Mittwoch, als die MF Global-Aktie nach zwei Tagen Pause wieder gehandelt wurde, 82 Prozent. Schon in der Vorwoche waren die Anteilscheine 66 Prozent abgestürzt.

Doch der eigentlich gravierende Schaden aus dem MF Global-Desaster ist ein anderer: Niemand hatte MF Global bei früheren Analysen von Derivaterisiken auf dem Monitor, und das zerstört noch mehr Vertrauen. "Als JP Morgan kürzlich seine Verstrickung in europäische Anleihen unter Analysten diskutierte, hat es da MF Global aufgezählt? Wir glauben nicht, und trotzdem entpuppt sich JP Morgan jetzt als der größte Gläubiger des Brokerhauses mit 1,2 Mrd. Dollar", schreibt der New Yorker Finanzexperte Dan Freed auf der Webseite "The Street". US-Banken unterschätzten offenbar systematisch die Risiken aus ihrem Europa-Engagement.

"Kein kleiner Finger, den man zur Not amputieren kann"

"Es gibt hier eine klare Lektion", sagt Freed. "US-Banken sprechen von ihren Finanz-Engagements in Europa, als handle es sich nur um den Fingernagel, oder den kleinen Finger, den man zur Not ohne Risiko für den ganzen Körper amputieren kann".

Aber mit solchen Fehleinschätzungen allein ist es nicht getan. Die vielleicht verheerendste Folge des MF Global-Debakels dürfte der zusätzliche Vertrauensverlust an den Finanzmärkten sein. Dem Insolvenzantrag ist zu entnehmen, dass der Broker nicht nur eine der führenden Adressen im Derivatehandel war, sondern auch einer von 20 "primary dealers", also Händlern, die autorisiert sind, mit der New Yorker Filiale der US-Zentralbank amerikanische Staatsanleihen zu handeln.

Wie ein so wichtiger Broker alle so überraschen kann - und sogar Kundengeld für seinen Eigenhandel verwendet, wie aus dem Unternehmen inzwischen bestätigt wurde - das fragt man sich an den Börsen weit über Amerika hinaus.

Für den Topmanager des weltweit größten Anleihefonds Pimco, Bill Gross, stellt sich daher die Frage nach der Kultur in der globalen Finanzwelt. Die Investoren machen sich "mehr Sorgen über die Verzinsung ihres Geldes, als über die Rückkehr ihres Geldes", skizziert Gross die Lehre aus dieser achtgrößten Pleite in den USA. Die Wall Street beschäftige sich inzwischen mehr damit, die Rendite des eingesetzten Anlagekapitals zu maximieren, als dieses in die reale Wirtschaft zu lenken, beklagt Gross. Die Wall Street sei "auf einen Irrweg geraten".

"Mehr Sorgen über die Verzinsung als über die Rückkehr des Geldes"

Dass diese Kritik längst nicht für alle Beteiligten an der Wall Street gilt, macht das Beispiel der Jefferies Group deutlich, einer Investmentbank in New York. "Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass wir nicht too big to fail sind, wir konzentrieren uns viel mehr auf die Anlage der Kundengelder als auf den Eigenhandel", sagt der CEO bei Jefferies, Richard Handler.

Für Jefferies stehen bei MF Global lediglich 9 Millionen Dollar im Feuer. Doch Handler kritisiert MF Global scharf: "Es sieht so aus", sagt er mit Blick auf die mehr als sechs Milliarden Dollar, die MF Global in Anleihen europäischer Wackelländer versenkt hat, "als wären die eine große Wette eingegangen, um ganz schnell eine Investmentbank zu werden".

Die Schilderungen von Handler belegen einen Trend, der durch das MF Global-Desaster gefährlich verschärft werden könnte. Die kleineren Broker, Fonds und Banken an der Wall Street schränken ihr Risiko in dem Wissen ein, von den Steuerzahlern nicht aufgefangen zu werden, wenn sie sich verzockt haben. Die führenden Geldhäuser häufen dagegen immer mehr Risiken in wenigen Bilanzen an.

Gesamtrisiko bei 518 Milliarden Dollar - "das Risiko löst sich durch Gegengeschäfte nicht auf"

Den jüngsten Beweis dafür liefert die neue Studie über Bankenrisiken bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Demnach haben US-Banken im ersten Halbjahr 2011 im Umfang von 80,7 Milliarden Dollar zusätzliche Garantien für mögliche Ausfälle bei europäischen Wackelländern wie Griechenland, Portugal und Irland verkauft. Das Gesamtrisiko beläuft sich laut der BIZ demnach jetzt auf 518 Milliarden Dollar. Das entspricht in etwa dem gesamten Europäischen Rettungsfonds.

Das Problem dabei: Die Banken selbst geben ihr Risiko aus den Kreditausfall-Derivaten stets geringer an als die BIZ. Denn die Banken ziehen von ihrem Engagement in solchen Papieren jenen Umfang ab, den sie durch Gegengeschäfte abgesichert haben.

Doch diese Darstellung des Netto-Risikos ist äußerst dubios, sagen Finanzexperten wie der Research-Direktor Frederick Cannon bei der New Yorker Investmentbank Keefe, Bruyette & Woods.

"Das Risiko löst sich ja durch diese Gegengeschäfte nicht auf", sagt Cannon, "wenn wegen eines Kreditausfalls die Auszahlung einer Versicherung in Gang gesetzt wird, kann das die Gegenpartei aushalten? Wenn die sich alle gegenseitig absichern, wer zahlt dann am Ende ?"

Laut dem Datenanbieter Depository Trust & Clearing Corp. werden 74 Prozent aller Transaktionen mit Kreditausfallversicherungen zwischen lediglich 20 Banken weltweit abgewickelt. Eine Tsunami, die eine Griechenland-Pleite auslösen könnte, würde also auf einer relativ kleinen Fläche aufschlagen.

Wenn sich alle gegenseitig absichern - wer zahlt dann am Ende?

Das Argument erinnert an die Panik im Herbst 2008, als der US-Versicherer AIG die versprochenen Versicherungsleistungen nicht mehr zahlen konnte, die er zuvor den Hypothekenausleihern im Subprime-Debakel verkauft hatte. Jetzt könnte ein ähnliches Problem entstehen. Viele Banken, im großen Stil auch US-Banken, haben Garantien für den Ausfall europäischer Anleihen verkauft. Lange Zeit war das eine einigermaßen sichere Wette. Doch das geplante Referendum in Griechenland eskaliert schlagartig das Risiko, dass es zur Auszahlung der Garantien kommt.

Laut der BIZ hatten Ende Juni die Geschäftskontrakte der US-Banken mit Kreditausfall-Versicherungen auf nur fünf europäische Peripherieländer ein Volumen, das drei Mal so groß war wie die direkten Kreditausleihungen an diese Länder. Das PIIGS-Risiko der US-Banken steigt daher auf 767 Milliarden Dollar an, wenn man die Versicherungen gegen Kreditausfall und die gehaltenen Anleihen zusammenzählt. Das ist eine Zunahme von 20 Prozent in nur sechs Monaten.

Großteil des CDS-Handels findet zwischen fünf führenden Banken statt

Dass daraus ein systemisches Risiko erwächst, kann man dem jüngsten Vierteljahresbericht des Office of the Comptroller of the Currency (OCC), einem der führenden öffentlichen Risikowächter in den USA, entnehmen.

Das OCC veröffentlicht Vierteljahresberichte zu den Risiken aus Derivaten. Der jüngste Bericht über das zweite Quartal 2011 zeigt, dass 97 Prozent des US-Handels mit Kreditausfall-Versicherungen zwischen den fünf führenden Banken stattfinden.

Noch gigantischer nehmen sich die Zahlen und die Konzentration des Handels auf weniger Player aus, wenn man sämtliche Derivate betrachtet, nicht nur die Versicherungen auf Anleihen. Der Nominalwert dieser hochspekulativen Papiere, die unter den 1.071 von der OCC beobachteten Banken gehalten werden, nahm allein im zweiten Quartal um 5,3 Billionen Dollar zu. Das entspricht fast dem gesamten Geldvermögen der Deutschen.

Wer sich in die langen Zahlentabellen des OCC vertieft, dürfte nervös werden. Bei einer Analyse der ausstehenden Anleihe-Derivate beispielsweise zeigt sich, dass sich von den 364 Milliarden Dollar Gesamtvolumen immerhin 40 Prozent auf Forderungen beziehen, die als nicht erstklassig bezeichnet werden. Diese Subprime-Kategorie hatte - in Form der zu Derivaten verpackten Hypothekenforderungen - im Jahr 2008 die Finanzkrise ausgelöst.

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