Papandreous Roulette Warum die Drachme Griechenland nicht hilft

Die Griechen stehen vor einer extremen Entscheidung. Wahrscheinlich haben sie den Impuls, Europa einen Denkzettel zu geben. Doch die Vorteile einer Rückkehr zur Drachme werden überschätzt - dem Land drohen Hyperinflation und ein Sturm auf die Banken. Auch Europa hat noch keinen Plan B, um die Schockwellen eines Euro-Ausstiegs abzufangen.
Von Jan Poser
Proteste in Thessaloniki (im September): Steigt das Land aus dem Euro aus, dürfte es zu Massenentlassungen und sozialen Unruhen kommen. Die Folge einer Rückkehr zur Drachme wäre kaum mehr Wettbewerbsfähigkeit, sondern zunächst Hyperinflation

Proteste in Thessaloniki (im September): Steigt das Land aus dem Euro aus, dürfte es zu Massenentlassungen und sozialen Unruhen kommen. Die Folge einer Rückkehr zur Drachme wäre kaum mehr Wettbewerbsfähigkeit, sondern zunächst Hyperinflation

Foto: Dimitri Messinis/ AP

Die Ankündigung des griechischen Premierministers, ein Referendum über das Euro-Rettungspaket durchführen zu wollen, hat ganz Europa auf dem falschen Fuss erwischt. Nachdem der Eurogipfel vom 26. Oktober weitreichende Fortschritte in der Euroschuldenkrise erzielt hatte, schienen Extremszenarien vorerst gebannt. Nun könnte Griechenland diese Ergebnisse über den Haufen werfen.

Im Grunde ist es einem Volk nicht zu verwehren, seine Stimme zu erheben - es handelt sich immerhin um das Mutterland der Demokratie. Doch was würde es bedeuten, wenn die Griechen das Rettungspaket ablehnen würden?

Die Tragweite des Volksentscheids

Die Griechen stehen vor einer extremen Entscheidungssituation. Wahrscheinlich haben sie den Impuls, Europa und ihren Politikern einen Denkzettel zu geben, dass nicht immer die "kleinen Leute" für die Konstruktionsfehler des Euro, den Stimmenkauf von Politikern und die Rettung der Banken einstehen dürfen.

In der Folge eines solchen Denkzettels würde Griechenland am Ende jedoch ohne Geldgeber dastehen und sich in eine Spirale von Chaos und Instabilität hineinbewegen. Was würde genau passieren, wenn Griechenland die Umschuldung und die Hilfspaket von 130 Milliarden Euro ausschlagen und sich auf eigene Faust durchschlagen würde?

"Austerität now!" - Massenentlassungen und soziale Unruhen

In der öffentlichen Diskussion wird der hohe Schuldenberg Griechenlands von 165 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) als das Hauptproblem dargestellt. Das wirkliche Problem ist jedoch nicht der Bestand, sondern der Strom: Selbst wenn man die griechischen Schulden auf Null reduzieren würde, würde es weiter Schulden auftürmen. Der Grund ist, dass der Staat vor Zinszahlungen ein Primärdefizit hat, im Jahr 2010 von fast 5 Prozent.

Griechenland müsste die Sparmassnahmen quasi über Nacht durchführen, für die ihm das Eurorettungspaket drei Jahre Zeit lässt. Die Ablehnung des Hilfspakets würde also nicht nur dazu führen, dass der Staat seine Schulden nicht mehr bedienen kann, sondern, dass er auch die Löhne für Staatsangestellte und Sozialleistungen nicht mehr auszahlen könnte. Es käme augenblicklich zu Massenentlassungen im Staatssektor und sozialen Unruhen.

Hyperinflation wie in der Ukraine droht

Einführung einer Parallelwährung - Hyperinflation wie in der Ukraine droht

Um einen solchen Zusammenbruch zu vermeiden, könnte der Staat zum verzweifelten Mittel greifen und den Bargeldmangel überbrücken, indem er auf Euro lautende Schuldscheine druckt und sie seinen Staatsbediensteten aushändigt. Diese Schuldscheine würden jedoch rasch gegenüber dem Euro an Wert verlieren, weil hinter ihnen keine Werte, sondern nur Staatsdefizite stehen.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1992 hat die Ukraine zu diesem Mittel gegriffen, weil sie von der Bargeldversorgung aus Russland abgeschnitten war. Die Folge war eine Hyperinflation der Parallelwährung "Kupon", während das Rubelbargeld seinen Weg nach Russland suchte. Über kurz oder lang würde Griechenland die Schuldenscheine in "neue Drachme" umbenennen. Aufgrund der Hyperinflation würden bald unzählige Nullen auf den neuen Schuldscheinen stehen.

Vorteile einer Abwertung werden überschätzt

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Rückkehr zur Drachme Griechenland wieder wettbewerbsfähiger machen und seinen Bürgern schmerzhafte Einschnitte ersparen würde. Das Gegenteil ist der Fall. Aufgrund des Vertrauensmangels würde die neue Währung 30 bis 50 Prozent abwerten. Die griechischen Konsumenten, die einen Grossteil ihrer Konsumgüter aus dem Ausland beziehen, würden einen extremen Anstieg der Lebenshaltungskosten verzeichnen.

Gewerkschaften würden entsprechende Kompensation für den Reallohnverlust fordern und die inflationäre Spirale würde sich zu drehen beginnen. Die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit wäre sofort dahin. Aufgrund der Inflation wären die Zinsen für neue Drachmen prohibitiv hoch. Unternehmen würden gar keinen Kredit mehr erhalten oder müssten sich an extrem hohe Zinsen gewöhnen.

Sturm auf die Banken

Sturm auf die Banken

Die gravierendsten Folgen wären jedoch die finanziellen Konsequenzen der Aufkündigung des Rettungspakets. In Erwartung der Verwerfungen würden griechische Bürger ihr Geld von den Banken abziehen.

Dies ist durchaus rational, denn selbst wenn es nicht zur Einführung der neuen Drachme und zum Umtausch der Bankguthaben käme, wäre die Stabilität der Banken gefährdet: erstens ist ein Teil des Hilfspakets zur Rekapitalisierung der griechischen Banken gedacht und nach einem Bankrott Griechenlands, dürfte die EZB gemäss ihren Statuten griechische Banken nicht mehr refinanzieren. Selbst wenn sie es täte, würde der Ansturm der Sparer die Banken zu Fall bringen.

Griechenland ohne Unterstützung - Zugang zu Kapitalmärkten verwehrt

Die möglicherweise gravierendste Auswirkung einer einseitigen Aufkündigung der Vereinbarungen durch Griechenland wäre die internationale Irritation. Schwierige Zeiten lassen sich durchstehen, wenn man Unterstützung von Freunden hat. Mit dem Rettungspaket wird Griechenland auf Gelder der EU-Kohäsionsfonds zurückgreifen können, wird technische Unterstützung bei der Umsetzung von Reformen erhalten und wird auf das Wohlwollen der europäischen Partner zählen können.

Ein Ausschlagen der dargebotenen Hand wird jeglichen Unterstützungswillen erlahmen lassen. Der Internationale Währungsfonds würde Griechenland wie eine heisse Kartoffel fallen lassen, was dem Land auf Jahre den Zugang zu den Finanzmärkten verwehren würde. Die Euro-Partner würden sich auf sich besinnen, was bitter notwendig wäre.

Wie Europa die Schockwellen abfangen will

Alternative Verwendung des Hilfspakets - Schockwellen abfangen

Denn in Brüssel müsste im Vorfeld des Volksentscheids fieberhaft an einem Plan B gearbeitet werden. Die Schockwellen, die ein Zusammenbruch der griechischen Banken durch das europäische Finanzsystem werfen würde, wären zwar verkraftbar, doch müssten sie abgefangen werden. Die Gelder des Hilfspakets wären notwendig, um das Kapital von Banken mit Bezug zu Griechenland zu stärken und um die EZB zu rekapitalisieren, die hohe Verluste auf Griechenbonds und auf die Liquiditätsprogramme für griechische Banken abschreiben muss.

Gleichzeitig wird eine Erhöhung des Rettungsschirms und eine gleichzeitige Willensbekundung der Schuldenstaaten zu Sparprogrammen notwendig, um eine Ansteckung der anderen peripheren Länder zu verhindern. Die G20 werden gefordert sein, im Notfall für Euroland einzustehen. Stünde dieser Plan B, wäre Europa ein Bankrott Griechenlands gleichgültig.

Papandreous Wette: Griechenland schaut in den Abgrund

Der griechische Premierminister scheint überzeugt zu sein, dass sein Volk die Dramatik der Situation erkennen wird, wenn er es nahe genug an den Abgrund führt. Er spekuliert darauf, dass er am Ende die Legitimation erhält, um gegen den Willen von Opposition und eigener Partei Reformen durchzuführen und eine eigene Abwahl zu umgehen. Es ist ein gewagtes, gefährliches Spiel.

Vielleicht wäre die Volksabstimmung am Ende sogar ein Segen für Europa. Das Problem ist jedoch, dass die Finanzmärkte mit den Griechen ebenfalls in den Abgrund schauen werden. Sie werden diese Aussicht nicht begrüssen.

Noch steht kein Plan für ein Referendum. Es ist weder gesagt, dass die Regierung das Misstrauensvotum am 4. November überlebt oder dass die Opposition dem Referendum zustimmt. Griechenland wäre gut beraten, der Unsicherheit ein Ende zu bereiten und die Hilfe der Euro-Partner anzunehmen.

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