Gipfel-Marathon Warum der Euro einen Kraftakt verdient

Im dichten Takt der Euro-Gipfel geht die Frage unter: Wozu das alles? Das gemeinsame Geld belastet Europa, hat aber laut mehreren Studien auch gewaltigen Nutzen gestiftet. Jedoch nicht allen Ländern und Akteuren gleichermaßen.
Protest vor der Europäischen Zentralbank: Ringen um die Zukunft der Gemeinschaftswährung

Protest vor der Europäischen Zentralbank: Ringen um die Zukunft der Gemeinschaftswährung

Foto: dapd

Hamburg - "Scheitert der Euro, dann scheitern Europa." So hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch vor dem Bundestag erneut erklärt, bevor sie zum Krisengipfel nach Brüssel reiste. Doch warum muss eigentlich Europa scheitern, wenn der Euro scheitert? Geht es nur um eine politische, moralische Verpflichtung oder um handfeste wirtschaftliche Vorteile?

Fragt man die Bundesregierung, ist die Antwort einfach: Reihenweise "Vorteile für Wirtschaft und Verbraucher" schreibt sie auf ihrer offiziellen Homepage dem Euro zu. Natürlich verweist sie auf die Inflation, die seit der Einführung der Gemeinschaftswährung sogar noch niedriger ist als zu Zeiten der harten Mark; auf die Möglichkeit, europaweit Preise zu vergleichen; auf den Wegfall von Transaktionskosten für Unternehmen; und auch auf das eher symbolische "Gewicht in der Welt" des Euro  als zweitwichtigster Währung nach dem US-Dollar.

Etwas überrascht die Aussage, "besonders in der aktuellen Finanzmarktkrise" habe "der Euro seine Bewährungsprobe bestanden". Er habe sich als "Stabilitätsanker" erwiesen, heißt es dort auch.

"Nicht umsonst" wollten mehr EU-Länder als früher der Währungsunion beitreten. Doch vielleicht wurde die Seite in all dem Trubel, den der Euro in den vergangenen Monaten verursacht hat, einfach noch nicht aktualisiert.

McKinsey schreibt Drittel des deutschen Wachstums dem Euro zu

Allerdings hat gerade die Euro-Krise auch einige neuere Studien angeregt, die den Nutzen der Gemeinschaftswährung untersuchen. Noch unveröffentlicht ist eine der Beratungsgesellschaft McKinsey, die manager magazin online in Auszügen vorliegt. Die Berater kommen auf stolze Zahlen.

Nach Berechnung von McKinsey bringt der Euro den Mitgliedsländern Jahr für Jahr positive Effekte von 332 Milliarden Euro, die Hälfte davon in Deutschland, das damit als Hauptprofiteur erscheint. Deutschland habe "rund ein Drittel seines Wirtschaftswachstums seit 1999 der Einführung des Euro zu verdanken", schätzen die Autoren der Studie.

Elf Milliarden Euro pro Jahr spart die deutsche Wirtschaft laut McKinsey an Transaktions- und Absicherungskosten dank der mit den wichtigsten Handelspartnern gemeinsamen Währung. Der zusätzliche Handel innerhalb der Euro-Zone, der zwar im vergangenen Jahrzehnt kaum noch zulegte, aber um 30 Prozent stärker sei als in der Vor-Euro-Zeit, bringe 30 Milliarden Euro. Von diesen beiden Effekten profitiere Deutschland im gleichen Maß wie die anderen Euro-Länder.

Warum der Euro Deutschland zum Exportmeister machte

Doch selbst die geringeren Zinsen, für den Rest der Euro-Zone der Hauptnutzen des neuen Gelds, führten in Deutschland über zusätzliche Investitionen zu Gewinnen von elf Milliarden Euro jährlich. Wesentlich ungleicher verteile sich dagegen die gestiegene Wettbewerbsfähigkeit im Welthandel, die McKinsey für die Euro-Zone insgesamt auf null beziffert, für Deutschland aber auf satte 113 Milliarden Euro im Jahr.

Das stößt in Deutschland manchem auf: Wie kann ein Land, das im ersten Jahrzehnt nach Einführung des Euro die schwächste Lohnentwicklung, die geringsten Investitionen europaweit, einen schwachen Arbeitsmarkt und geringes Wirtschaftswachstum verzeichnete, der größte Profiteur sein? Auf die Perspektive kommt es an. Die der Exportunternehmen ist überwältigend positiv.

Tatsächlich haben sich in der Euro-Ära die Partnerländer auseinander entwickelt. Die deutschen Lohnstückkosten sind um 20 Prozent gesunken, die französischen leicht gestiegen, die der aktuellen Krisenländer am Rand Europas um 10 Prozent und mehr. Frankreich, Italien und Irland gingen mit Handelsüberschüssen in die Union und gesellten sich dann zu den Defizitländern Griechenland, Portugal und Spanien.

Bonanza für deutsche Investoren

Deutschland, das zur Jahrtausendwende noch eine negative Zahlungsbilanz hatte, wurde zum Exportweltmeister. Ohne die hohen Handelsüberschüsse wären die starken Wachstumsraten von 2006, 2007, 2010 und 2011 kaum denkbar gewesen - und die schwachen Jahre womöglich noch schwächer ausgefallen.

Doch wie viel davon geht auf das Konto des Euro und nicht bloß der deutschen Tarifparteien und Sozialpolitik, die den Lohnanstieg bremsten? Ziemlich viel, meint der US-Wirtschaftsberater Kash Mansori. "Der Euro ermöglichte Kreditgebern aus dem Kern der Euro-Zone, von höheren Renditen in der kapitalarmen Peripherie zu profitieren", erklärt Mansori in der Zeitschrift "The New Republic". Dieser Export deutscher Kapitalüberschüsse habe in Griechenland und Co. zu höherem Konsum geführt, eine wahre Bonanza mit Gewinnen für deutsche Investoren und Exporteure.

"Der Euro selbst hat die Saat für diese Krise gesät", folgert Mansori. Deshalb habe selbst sparsamste Haushaltsführung wie in Spanien oder Irland die Krisenländer nicht schützen können. Und es sei "unfair", dass sie jetzt mit verordneter Sparpolitik und daraus folgender Rezession die Rechnung bezahlen müssten.

Warnung vor der Rückkehr der D-Mark

Die Hauptkosten des Euro bestehen darin, dass die Mitgliedsländer keine eigene Währungspolitik mehr betreiben und sich so nicht in wirtschaftlichen Schocks wie dem aktuellen anpassen können. Vor dem Euro hätten sie in dieser Situation die eigene Währung abgewertet und hätten so relativ schmerzfrei wieder in den Wettbewerb gefunden, so wie Großbritannien, Island und andere Krisenländer ohne Euro.

US-Ökonom Adam Posen, der im Rat der Bank of England sitzt, sieht jedoch auch darin einen Vorteil des Euro. Man solle sich an 1992 und 1995 erinnern, als Pfund, Lira und andere Währungen massiv gegen die D-Mark abwerteten, die deutsche Exportindustrie erschütterten und die Kaufkraft der eigenen Länder auch. Das seien "Lose-lose-Situationen" gewesen, deren Wiederholung der Euro verhindere.

Im Unterschied zur McKinsey-Studie, die den gesamten Zeitraum der Währungsunion betrachtet, hat die staatliche Förderbank KfW in einer "überschlägigen Berechnung" die vergangenen zwei Jahre analysiert. Ergebnis: Deutschland sei nicht nur Hauptprofiteur des Euro sondern auch der Euro-Krise. Denn gäbe es in dieser Situation nationale Währungen, schätzt die KfW "vorsichtig" mit Blick auf die Schweiz, würde die D-Mark um 15 Prozent aufwerten und die Bundesbank um 125 Basispunkte höhere Zinsen verlangen. Das würde die deutsche Wirtschaft 50 bis 50 Milliarden Euro kosten, mehr als zwei Prozentpunkte ihres Wachstums.

Kapitalexport auf Kosten des Konsums im Inland

Hans-Werner Sinn vom Münchener Ifo-Institut argumentiert genau umgekehrt: Seit der Einführung des Euro sei nur ein Drittel der deutschen Ersparnis im Inland investiert worden. Der Rest wurde im Ausland angelegt, seit der Krise noch beschleunigt.

Mehr als 350 Milliarden Euro, fast ein Viertel der Ersparnis, floss über den Zahlungsbilanzausgleich, das sogenannte Target-System, der Euro-Zentralbanken seit 2008 an Griechenland, Irland, Portugal und Spanien, um deren Kapitallücken zu füllen - einen "Rettungsschirm vor dem Rettungsschirm" nennt das Sinn. Die Wirkung sei identisch mit der von Euro-Bonds. Das System des gemeinsamen Geldes habe Konsum und Investitionen hierzulande verhindert und in den Randstaaten befördert.

Wer Nutznießer und Opfer des Euro benennen will, muss auch Werturteile treffen. Was ist wichtiger, Konsum und Löhne oder Kapitalgewinne? Kurzfristiges Wachstum oder dauerhafte Stärke? All dies hat die Währungsunion höchst ungleich über den Kontinent verteilt. Nur als eines hat sich der Euro kaum erwiesen: als Stabilitätsanker.

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