Sonntag, 22. September 2019

EU-Gipfel Argentiniens Präsidentin als Schulden-Lotsin

Kanzlerin Merkel und Argentiniens Präsidentin Kirchner (im Oktober in Berlin): Eigene Erfahrungen mit Schuldenkrisen

4. Teil: Argentiniens neue Bilanz der Hoffnung

Wie sieht nun die Bilanz dieses Modells aus? Argentinien ist aus einem Land im Chaos zu einem aufstrebenden Schwellenland mit abnehmenden sozialen Unterschieden und Arbeitslosigkeit geworden. Für das Land wird es nun, zehn Jahre nach der Pleite spannend: Wie bekommt es die Investitionen gestemmt, die es braucht? Dafür ist die Regierung womöglich doch internationale Geldgeber und die Vertrauenswürdigkeit auf den Finanzmärkten angewiesen.

Eindeutig ist dagegen die Lektion Argentiniens für Länder wie Griechenland. Nämlich: anstatt die Wirtschaft komplett abzuwürgen, Kaufkraft und damit auch Investitionen anzuschieben. Den aufgeblähten Staatsapparat abzubauen, der Klientelwirtschaft ein Ende zu bereiten, das ist ein Job für Jahre und Jahrzehnte und nicht für Monate. Ein vorübergehender Ausstieg aus dem Euro würde durch eine billige Drachme nicht nur den Tourismus wettbewerbsfähiger machen, sondern Griechenland könnte auch eigenes Geld drucken.

Verantwortungsvoll eingesetzt ließe sich damit im Verein mit Sozialprogrammen für die Schwächsten und hohen Steuern für die Stärksten der gleiche Aufschwung anstoßen wie in Argentinien. Das wäre das Kontrastprogramm zu den vergeblichen Versuchen Griechenlands und Europas, durch ein Sparprogramm und ein Rettungspaket nach dem anderen das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen.

Das Hauptargument gegen eine Griechenland-Pleite war in den vergangenen zwei Jahren stets die Gefahr für das Bankensystem und ein Domino-Effekt durch andere Euro-Wackelkandidaten wie Portugal, Italien oder gar Spanien. Aber all das ist längst Wirklichkeit, die Finanzmärkte haben ihr Urteil gefällt, Banken schreiben griechische Werte ab. Wie kraftvoll könnte ein Euro sein, der ein Mitglied in Not in die rettende Unabhängigkeit entlässt, um es später wieder aufzunehmen.

Und die Probleme, die Argentinien heute hat, kann Griechenland in zehn Jahren lösen.

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