Mittwoch, 18. September 2019

EU-Gipfel Argentiniens Präsidentin als Schulden-Lotsin

Kanzlerin Merkel und Argentiniens Präsidentin Kirchner (im Oktober in Berlin): Eigene Erfahrungen mit Schuldenkrisen

2. Teil: Argentiniens Umschwung ohne Hilfe von außen

Da wäre zunächst die Geschwindigkeit, mit der sich Argentinien anfangs aus der Rezession hievte. Argentinien hatte sich durch Privatisierungen unter Wert und die Bindung des Peso an den Dollar überschuldet; 2001 musste die Regierung ein hartes Sparprogramm durchsetzen, um Hilfskredite vom Internationalen Währungsfonds ( IWF) zu erhalten und scheiterte daran im Dezember desselben Jahres. Das Sparprogramm erdrückte die Wirtschaft, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im ersten Quartal 2002 um fünf Prozent. Allerdings begann schon im nächsten Quartal - nach Aufhebung der Peso-Dollar-Bindung - der Aufschwung, der bis heute nur von einer leichten Delle zum Jahreswechsel von 2008 auf 2009 unterbrochen wurde.

Zum zweiten schaffte Argentinien diesen Umschwung ohne Hilfe von außen - etwa durch eine Art Marshall-Plan. Das Land handelte bis 2005 einen Schuldenschnitt aus, den jedoch nicht alle Anleger akzeptierten. Das Gezerre hält bis heute an, und in Buenos Aires wird befürchtet, dass das Beispiel der USA Schule machen könnte und weitere Länder wie Italien oder Japan Front gegen Kredite von Entwicklungsbanken an Argentinien machen.

Unter dem Strich hatte der Schuldenstreit zur Folge, dass Argentinien im Schnitt der vergangenen acht Jahre ausländische Direktinvestitionen in Höhe von gerade einmal 1,7 Prozent des BIP an Land zog - und das in einer Zeit teils billigsten Geldes, dessen Investoren händeringend nach Anlagemöglichkeiten suchten.

Dennoch hatte Argentinien in den vergangenen zehn Jahren "das größte Wirtschaftswachstum aller Länder in der westlichen Hemisphäre", sagt Mark Weisbrot, Co-Direktor des Center for Economic and Policy Research (Cerp) in Washington, der den Fall Argentinien kürzlich untersucht hat. Die Prognose des IWF von 8 Prozent Wachstum für dieses Jahr vorausgesetzt, nahm die Wirtschaftsleistung von 2002 bis 2011 um 94 Prozent zu.

Entrinnen durch Konsum und Sachinvestitionen

Zum Vergleich: Die Wirtschaft Brasiliens - zusammen mit Russland, Indien und China als Mitglied der aufstrebenden BRIC-Nationen geadelt - ist im gleichen Zeitraum nur halb so schnell gewachsen, legt man die IWF-Prognose für dieses Jahr zugrunde. Und die deutsche Wirtschaft wuchs gar nur um 19 Prozent.

Das Standardargument, um den Aufstieg Argentiniens zu erklären, ist der Verweis auf den Rohstoffexport. Doch der sei falsch, sagt Weisbrot. Die Exporte hätten nur einen Anteil von 12 Prozent am Wachstum gehabt, und die Nettoexporte - also die Ausfuhren abzüglich der Einfuhren - hätten sogar einen negativen Beitrag geliefert. In US-Dollar gemessen, um den Preisanstieg der weltweit in dieser Währung gehandelten Rohstoffe besser zu berücksichtigen, seien die Exporte als Anteil des argentinischen BIP in den vergangenen Jahren zurückgegangen. "Der Treiber des Aufschwungs in Argentinien waren nicht die Exporte", sagt Weisbrot, "sondern Konsum und Sachinvestitionen."

Das eröffnet auch einer überschuldeten Nation wie Griechenland Perspektiven. Denn mit Exportgütern wie Soja oder Rindfleisch sind die Griechen nicht gesegnet. Was also haben die Argentinier gemacht?

Der Schlüssel zum wirtschaftlichen Wiederaufstieg lag im Anschub neuer Kaufkraft - teilweise finanziert durch die Notenpresse, aber auch durch die wegen des anschließenden Wirtschaftsbooms steigenden Steuereinnahmen. Argentinien erhebt Steuern, die es in anderen Ländern gar nicht gibt, etwa Exportsteuern auf bestimmte Produkte wie Soja, und jede Banküberweisung liefert dem Fiskus per anteiliger Abgabe Geld.

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