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VW in Chattanooga: Roter Teppich mit Politstar-Verbindung

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Nach Werkseröffnung Aufblühendes Tennessee feiert VW

Neue Cafés und sprühender Optimismus: Während der Rezession stieg in Teilen von Tennessee die Arbeitslosigkeit auf 17 Prozent. Dann kam Volkswagen. Jetzt ist Chattanooga kaum wiederzuerkennen - und VW wird der rote Teppich ausgelegt. Trotz Niedriglöhnen.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Die neue Heimat von Volkswagen in den USA macht derzeit Furore. Chattanooga, der Ort, an dem VW seit Mai in Serie den neuen Passat für Amerika fertigt, steigt plötzlich vom verschlafenen Nest zu einem Ort auf, der in den Vereinigten Staaten Schlagzeilen macht - und zwar mit Prosperität, Ambitionen und neuen Arbeitsplätzen. Die Ansiedlung des größten europäischen Autoherstellers ist zum Zündfunken für eine ganze Region geworden.

Taktgeber Volkswagen hat dabei mit seiner Fabrik, die im ersten Jahr bereits 50.000 Fahrzeuge herstellt, allein 2000 Stellen geschaffen. Zusammen mit Jobs bei Lieferanten und Kunden waren plötzlich insgesamt 12.000 Stellen Frauen und Männer angestellt, mit denen die Volkswagen-Combo von Chattanooga aus den Wettkampf gegen Toyota  um die globale Autokrone aufnehmen möchte. Kurz nach den Wolfsburgern zog dann die Internetbuchkette Amazon  nach und beschäftigt im neuen Distributionszentrum am Ort bereits 1500 Leute. Unweit baut jetzt auch noch der schwedische Hausgerätehersteller Electrolux  für 190 Millionen Dollar eine Fabrik in Memphis. Hier soll das neue nordamerikanische Zentrum des Konzerns für Kochprodukte entstehen, mit 1200 Beschäftigten.

Die Schweden kommen wie viele andere internationale Investoren, weil Memphis mit niedrigen Kosten, qualifizierten Arbeitskräften und einer zentralen Lage in Nordamerika aufwarten kann, dazu auch mit guter Infrastruktur. Die deutsche Wacker Chemie beispilsweise investiert eine Milliarde Dollar im Bezirk Bradley, 30 Autominuten von der VW-Fabrik in Chattanooga entfernt. Die Münchener wollen dort ab 2013 hochreines Polysilicium für Solarpanel und Photovoltaikanlagen herstellen.

Der Platzbedarf für die neuen Fabriken in der Volkswagen-Region ist mittlerweile so groß, dass Chattanoogas Bürgermeister Ron Littlefield kürzlich mit einem Brief den ganzen Bezirk in helle Aufregung versetzte, als er wesentlich mehr Land für seine Stadt reklamierte.

Ein Boom, mitten im Jammertal der US-Wirtschaft, die sonst mit immer wiederkehrenden Finanzengpässen für Aufsehen sorgt. Und das sah lange Zeit nicht so aus.

Lobgesänge auf Volkswagen

Während der großen Rezession stieg in Teilen von Tennessee die Arbeitslosigkeit auf 17 Prozent. Doch seit Monaten kommen hier - gemessen an der Bevölkerung - mehr neue Jobs hinzu als irgendwo sonst in den USA. Seit dem Bau der VW-Fabrik in den Jahren 2009 und 2010 ist Chattanooga dann auch kaum wieder zu erkennen. In der Altstadt gibt es eine Renaissance mit trendigen Restaurants und Galerien, schicken Hotels und neuen Apartments. Die Zahl der Gebäudegenehmigungen stieg 2010 um 14 Prozent, die Stadt hat neben einer langen Uferpromenade auch ein topmodernes Kino dazubekommen. Die Zahl der Zoobesuche legte 2010 um 9 Prozent zu, die Steuereinnahmen aus dem Hotelgewerbe wachsen zweistellig, erzählt Bürgermeister Littlefield.

Was für ein Wandel. Der Kabarettist Doug Stanhope hatte Chattanooga einst als Ort beschrieben, der so zurückgeblieben ist, dass man sich dort nicht einmal Aids einfangen kann. Jetzt freut man sich im Rathaus über "eine Welle an Optimismus und guter Publicity" - und über Neubauprojekte.

Das Memorial Hospital, einer der größten Arbeitgeber der Stadt, setzt Pläne für eine 330 Millionen Dollar umfassende Erneuerung um. Schon jetzt beschäftigen ausländische Firmen in Tennessee laut dem Economic Development Board schon mehr als 100.000 Menschen, und sie verkaufen mehr Produkte nach Übersee als die lokale Exportwirtschaft. Und der ehemals für die wirtschaftliche Entwicklung von Tennessee zuständige Kommissar Matt Kisber freut sich, dass der Bundesstaat den ganzen Südosten des Landes bei der Entwicklung der Firmensteuern anführt.

Die Handynummer des VW-Nordamerikachefs immer dabei

Volkswagen kann sich entsprechend über eine Welle der Gastfreundschaft freuen. Bei einer landesweiten Arbeitslosigkeit von 9,1 Prozent in den USA wird die milliardenschwere Anerkennung durch internationale Investoren hier im Südosten des Landes sehr geschätzt. Tennessee braucht sie auch, denn die Arbeitslosenrate lag im Sommer noch bei 9,7 Prozent, deutlich über dem Schnitt der USA.

Als die Wirtschaftsfakultät der Universität von Tennessee im September ihren neuen Konjunkturausblick herausgab, brachte sie "die signifikante Verbesserung am lokalen Arbeitsmarkt" in Zusammenhang mit Volkswagen. Die lokale Handelskammer hat sogar ein eigenes "Volkswagen-Team" aufgebaut, zu dem sie auf der Webseite verlinkt. Die lokale Times Free Press widmet dem Konzern aus Deutschland eine eigene Nachrichtenseite. Und Bürgermeister Littlefield ziert sein eigenes Bild auf der Webseite der Stadt mit einer Aufnahme des VW-Werks.

Den Firmen aus Übersee wird insgesamt der rote Teppich ausgerollt. In der vorigen Woche hat Tennessee mit einem Volumen von 585 Millionen Dollar die größte Anleihe seiner Geschichte aufgelegt, 50 Prozent größer als die bisherige Rekordemission vor zwei Jahren. Der Erlös soll für Infrastruktur ausgegeben werden, die die Ansiedlung von Volkswagen, Wacker Chemie sowie Hemlock Semiconductor und anderen Großinvestoren erleichtert.

Das Center for Business and Economic Research an der Universität von Tennessee hat kürzlich den wirtschaftlichen Effekt der VW-Investition in Chattanooga errechnet. Das Resultat: Jährlich 511 Millionen Dollar mehr Einkommen, knapp 56 Millionen Dollar mehr für den lokalen Staatssäckel und 11.477 direkte und indirekte Arbeitsplätze. "Die Löhne und Einkäufe des neuen Werks", so heißt es in der Untersuchung, "werden sich in der ganzen Wirtschaft des Bundesstaats bemerkbar machen und über Multiplikatoreffekte eine noch viel größere Wirkung entfalten". So fließen allein durch die Bauarbeiten, die das neue VW-Werk in Chattanooga verursacht, zusätzlich 5,3 Millionen Dollar Umsatzsteuer in den Staatssäckel. In der langen Kette wirtschaftlicher Zusatzaktivität, die Volkswagen in der Region auslöst, entstehen laut der Universität zusätzlich 375 Millionen Dollar Wertschöpfung.

Fachkräftemangel in der Dümpelwirtschaft

Und jetzt steigt die Hoffnung auf noch mehr: Derzeit sorgen Gerüchte über bis zu drei weitere Autofabriken in der Region für Aufruhr. Neben Volvo  und Hyundai/Kia  hat auch Audi  Interesse angemeldet, will sich aber bislang nicht auf Chattanooga festlegen. Die Entscheidung über den Standort in Nordamerika soll bis zum Sommer 2012 fallen.

Das hält lokale Politiker aber nicht davon ab, schon einmal Lockgesänge anzustimmen. "Volkswagen hilft uns, Tennessee als großartigen Standort für eine Produktion auf Weltniveau zu etablieren", schwärmt der Gouverneur von Tennessee, Bill Haslam. Und Senator Bob Corker, in Washington eine bekannte Figur, sieht "außerordentliche Möglichkeiten" für eine lokale Expansion von VW. Er "habe immer die Handynummer von VW-Nordamerikachef Jonathan Browning dabei", verriet Corker dem regionalen Industrieverband beim jüngsten Jahrestreffen in Chattanooga.

Der Nachahmereffekt könnte nach Expertenmeinung tatsächlich zu weiteren großen Ansiedlungen führen. "Der Demonstrationseffekt einer so großen Firma wie Volkswagen kann andere Investoren veranlassen, Tennessee noch genauer als bisher zu analysieren", heißt es dem regionalen Industrieverband. Keine schlechte Verzinsung also, für jene 577 Millionen Dollar, die der Bundesstaat und die lokalen Gebietskörperschaften aufgewendet haben, um VW die Ansiedlung schmackhaft zu machen.

In der Ansiedlungshilfe enthalten war der Bau eines hypermodernen Ausbildungszentrums, durch das VW in den kommenden Jahren Tausende von Mitarbeitern schleusen und so die Konzentration an Fachkräften erhöhen wird. Kein schlechter Deal für ein Land, in dem der Anteil der Firmen, die vergeblich Fachkräfte suchen, auf 52 Prozent gestiegen ist. Allein Siemens  sucht nach eigenen Angaben in den USA für 3000 offene Stellen händeringend Fachkräfte. Eine verbesserte Ausbildung im Land sowie zusätzliche Direktinvestitionen aus Übersee im Volumen von einer Billion Dollar bis 2016 stehen ganz oben auf der Prioritätenliste des Job Councils von Barack Obama.

Regionaler Boom mit Staatsunterstützung

Politiker und Standortförderer in diesem Teil der USA wissen genau, was sie den Investoren aus Übersee zu verdanken haben. Die Eröffnung des VW-Werkes im Mai habe "die Rolle von Tennessee als Zentrum des neuen amerikanischen Autogürtels zementiert", heißt es beim Tennessee Economic Development Board. Allein vier große Lieferanten der Autoindustrie hätten sich im ersten Halbjahr in Tennessee zusätzlich angesiedelt, erfährt man bei der Tennessee Valley Authority. Jetzt kehrt sogar General Motors zurück, in seine alte Fabrik in Spring Hill, die 2009 in der Großen Rezession geschlossen worden war.

Kein Wunder: Nicht nur die durch Volkswagen verstärkte kritische Masse von Autoproduzenten beschleunigt solche Ansiedlungen. Auch die wachsenden steuerlichen Anreize, staatlich geförderte Ausbildungsprogramme und das immer dichtere Netzwerk an Zulieferern machen den Südosten der USA zu einem bevorzugten Standort für die Branche, heißt es in einem neuen Bericht der Notenbank-Zweigstelle von Atlanta. Neue Fabriken internationaler Autofirmen "gehen jetzt fast automatisch in den Süden", verrät auch David Cole, der Vorsitzende beim Center for Automotive Research in Ann Arbor, Michigan.

Für Volkswagen zahlt sich die verstärkte Präsenz auf dem wichtigen Automarkt schon jetzt gut aus. Im September legte der Absatz im Vergleich zum Vorjahr um 35,6 Prozent zu. Das Verkaufsplus von über 22 Prozent seit Jahresbeginn ist mehr als doppelt so hoch wie der Gesamtmarkt USA, der 10 Prozent zulegte. Erstmals steuert der Konzern auf ein profitables Jahr in den USA zu. Doch nicht alle sind begeistert über den neuen Großinvestor, dem manche vorwerfen, auch bei den Niedriglöhnen in Amerika neue Standards zu setzen.

Das Werk in Chattanooga machte im laufenden Jahr Schlagzeilen als diejenige Autofabrik in den USA, die mit 14,50 Dollar je Stunde die niedrigsten Einstandslöhne im Land zahlt. Damit steigt der Druck auf alle anderen in der Branche so stark, dass vorige Woche selbst General Motors  im fernen Detroit, wo neue Investoren nicht mehr vorbeischauen, den Gewerkschaften nur jeweils ein Prozent mehr Lohn für die nächsten vier Jahre abtrotzen konnte. Die neuen Investoren im Süden können es sich leisten, weniger zu bezahlen. VW zahlt im örtlichen Vergleich mit anderen Arbeitgebern immer noch gut. Das Unternehmen erhielt für die ersten 1500 ausgeschriebenen Stellen 35.000 Bewerbungen. Darunter auch Arbeiter, die zuvor in Michigan bei General Motors für 28 Dollar die Stunde am Fließband gestanden hatten.

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