Mittwoch, 18. September 2019

Aufstand der Schwellenländer Genervtes Warten auf  die Euro-Strategen

Zähe Euro-Lösung: Was die Schwellenländer zur Weißglut treibt
AP

Vor dem Euro-Gipfel am Wochenende blicken die Schwellenländer entsetzt auf die zaghaften Versuche Europas, der Krise Herr zu werden. Sie wundern sich so sehr über Europa, wie die Deutschen über die Griechen. Worauf wartet ihr noch, fragen sie: Banker rechnen doch längst mit der Griechenland-Pleite.

Buenos Aires - So muss es sich anfühlen, wenn einem in Zeitlupe ganz allmählich der Geduldsfaden reißt: "Die Europäer präsentieren Lösungen immer zu spät", sagt Brasiliens Finanzminister Guido Mantega. "Und wenn sie sie endlich präsentieren, dann verspäten sie sich mit der Umsetzung." Mantega stieg in den vergangenen Wochen zum Wortführer der Schwellenländer auf, die darauf pochen, dass die Europäer ihre Schuldenkrise in den Griff bekommen. Aber er ist nicht der Einzige, der sich wundert.

"Die Politik in Europa glaubt immer noch, dass sie Entscheidungen vertagen kann und sich die Krise auf magische Weise von selbst löst", kommentiert Guillermo Nielsen gegenüber manager magazin Online die Aussicht, dass der ab morgen anstehenende Gipfel der Europäischen Union (EU) nur noch vorbereitenden Charakter hat, da Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ohne Mandat für den Rettungsschirm ESFS nach Brüssel fliegt. Nielsen war bis Ende vergangenen Jahres argentinischer Botschafter in Deutschland und er hat als Finanzstaatssekretär nach der Staatspleite von 2001 den Schuldenschnitt Argentiniens ausgehandelt.

Politiker der sogenannten Bric-Staaten Brasilien, Russland, China und Indien und anderer aufstrebender Wirtschaftsnationen wie Argentinien kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor einigen Monaten schwang noch Schadenfreude mit, wenn sie ausgerechnet jenen Ländern Nachhilfe in Sachen Schuldenkrise geben konnten, die ihnen jahrzehntelang freie Marktwirtschaft und solides Haushalten einbläuten. "Wann wurde aus dem amerikanischen Traum ein Albtraum?", fragte Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner vor wenigen Tagen süffisant.

Jetzt herrscht nur noch blankes Entsetzen über die Schuldenmisere in den USA, aber vor allem über die hilflosen Rettungsversuche Europas. Mit Situationen wie derzeit in Griechenland kennt sich Ex-Staatssekretär Nielsen aus - und mit Europa auch. "Aber es gelingt mir einfach nicht, zu verstehen, was in Europa gerade vor sich geht", sagt er nun. "Die Politik verliert immer noch mehr Zeit." In den Schwellenländern macht sich Angst breit, da das Hin und Her in Europa inzwischen aufgrund fallender Rohstoffpreise auch dort die Wachstumsprognosen drückt; so rechnet Brasilien in diesem Jahr nur noch mit gut 3,5 Prozent, statt wie im Frühjahr noch mit 4,5 Prozent; für das kommende Jahr wird eine Rezession befürchtet, falls auch noch China schwächeln sollte. Und die würde auch auf andere Länder des Kontinents übergreifen.

Klare Morsezeichen aus der Finanzbranche

Was Beobachtern weltweit am meisten zu schaffen macht, sind die für sie höchst widersprüchlichen Signale, die sie aus Europa erhalten. Auf der einen Seite sind die Morsezeichen aus der Finanzbranche klar und deutlich: So berichten Mitarbeiter in den argentinischen Niederlassungen internationaler Großbanken, dass ihre europäischen Kollegen fest mit einem Bankrott Griechenlands rechnen - "zu 120 Prozent", sagt ein Risikomanager gegenüber manager magazin Online, "andere Szenarien als geordneter oder ungeordneter Bankrott werden gar nicht mehr durchgespielt". Griechische Kollegen hätten sich schon bei ihm erkundigt, wie und wann in dem - für sie feststehenden - Pleitefall Anleihen und andere betroffene Vermögenswerte abzuschreiben seien. Argentiniens Erfahrung mit der Staatspleite zählt nun: "Die jungen Mitarbeiter in Griechenland haben so einen Fall noch nicht erlebt und lassen sich von uns zeigen, wie es geht", sagt der Banker,

Parallel zu diesen eindeutigen Marktsignalen verbreiten sich allerdings rund um den Globus auch die Meldungen über den Streit zwischen Berlin und Paris über die genaue Struktur des Rettungsfonds oder über die jüngste Initiative der EU-Kommission, den Ratingagenturen die Bewertung europäischer Staaten zu verbieten, die am Tropf von EU oder Internationalem Währungsfonds hängen. "Ich fasse es nicht", sagt ein argentinischer Regierungsberater, "sie verstehen einfach nicht, wie die Märkte funktionieren." Die Finanzmärkte hätten Griechenland doch schon vor Monaten für bankrott erklärt, und die Ratings im Krisenfall auszusetzen, erhöhe schließlich nur die Unsicherheit der Investoren.

Besucher aus der Alten Welt mokieren sich gern über vorgeblich seltsamen ökonomischen Gepflogenheiten in Südamerika, und dass in Argentinien die Publikation privater Inflationsberechnungen verboten ist, sorgt auf Botschaftsempfängen in Buenos Aires für heiter ausgelassene Stimmung. Aber die neue europäische Initiative zu Ratingagenturen biete doch einen "treffenden Vergleich", sagt der Regierungsberater.

Weite Teile Europas, vor allem die Deutschen, schütteln den Kopf über die mutmaßliche Halsstarrigkeit der Griechen, die einfach nicht einsehen wollen, dass seit ihrer Erfindung der Demokratie und des Namens Europa mehr als 2000 Jahre vergangen sind; jeder Kredit sei irgendwann aufgebraucht. Die Schwellenländer mokieren sich aber noch viel mehr darüber, dass Europa und die USA einfach nicht einsehen wollen, dass sie im Augenblick das Problem sind - und in der neuen Runde der Globalisierung der Süden und der Osten die Spielregeln diktieren, und nicht mehr der Westen.

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