Fotostrecke

Zähe Euro-Lösung: Was die Schwellenländer zur Weißglut treibt

Foto: dapd

Aufstand der Schwellenländer Genervtes Warten auf die Euro-Strategen

Vor dem Euro-Gipfel am Wochenende blicken die Schwellenländer entsetzt auf die zaghaften Versuche Europas, der Krise Herr zu werden. Sie wundern sich so sehr über Europa, wie die Deutschen über die Griechen. Worauf wartet ihr noch, fragen sie: Banker rechnen doch längst mit der Griechenland-Pleite.
Von Stefan Biskamp

Buenos Aires - So muss es sich anfühlen, wenn einem in Zeitlupe ganz allmählich der Geduldsfaden reißt: "Die Europäer präsentieren Lösungen immer zu spät", sagt Brasiliens Finanzminister Guido Mantega. "Und wenn sie sie endlich präsentieren, dann verspäten sie sich mit der Umsetzung." Mantega stieg in den vergangenen Wochen zum Wortführer der Schwellenländer auf, die darauf pochen, dass die Europäer ihre Schuldenkrise in den Griff bekommen. Aber er ist nicht der Einzige, der sich wundert.

"Die Politik in Europa glaubt immer noch, dass sie Entscheidungen vertagen kann und sich die Krise auf magische Weise von selbst löst", kommentiert Guillermo Nielsen gegenüber manager magazin Online die Aussicht, dass der ab morgen anstehenende Gipfel der Europäischen Union (EU) nur noch vorbereitenden Charakter hat, da Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ohne Mandat für den Rettungsschirm ESFS nach Brüssel fliegt. Nielsen war bis Ende vergangenen Jahres argentinischer Botschafter in Deutschland und er hat als Finanzstaatssekretär nach der Staatspleite von 2001 den Schuldenschnitt Argentiniens ausgehandelt.

Politiker der sogenannten Bric-Staaten Brasilien, Russland, China und Indien und anderer aufstrebender Wirtschaftsnationen wie Argentinien kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor einigen Monaten schwang noch Schadenfreude mit, wenn sie ausgerechnet jenen Ländern Nachhilfe in Sachen Schuldenkrise geben konnten, die ihnen jahrzehntelang freie Marktwirtschaft und solides Haushalten einbläuten. "Wann wurde aus dem amerikanischen Traum ein Albtraum?", fragte Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner vor wenigen Tagen süffisant.

Jetzt herrscht nur noch blankes Entsetzen über die Schuldenmisere in den USA, aber vor allem über die hilflosen Rettungsversuche Europas. Mit Situationen wie derzeit in Griechenland kennt sich Ex-Staatssekretär Nielsen aus - und mit Europa auch. "Aber es gelingt mir einfach nicht, zu verstehen, was in Europa gerade vor sich geht", sagt er nun. "Die Politik verliert immer noch mehr Zeit." In den Schwellenländern macht sich Angst breit, da das Hin und Her in Europa inzwischen aufgrund fallender Rohstoffpreise auch dort die Wachstumsprognosen drückt; so rechnet Brasilien in diesem Jahr nur noch mit gut 3,5 Prozent, statt wie im Frühjahr noch mit 4,5 Prozent; für das kommende Jahr wird eine Rezession befürchtet, falls auch noch China schwächeln sollte. Und die würde auch auf andere Länder des Kontinents übergreifen.

Klare Morsezeichen aus der Finanzbranche

Was Beobachtern weltweit am meisten zu schaffen macht, sind die für sie höchst widersprüchlichen Signale, die sie aus Europa erhalten. Auf der einen Seite sind die Morsezeichen aus der Finanzbranche klar und deutlich: So berichten Mitarbeiter in den argentinischen Niederlassungen internationaler Großbanken, dass ihre europäischen Kollegen fest mit einem Bankrott Griechenlands rechnen - "zu 120 Prozent", sagt ein Risikomanager gegenüber manager magazin Online, "andere Szenarien als geordneter oder ungeordneter Bankrott werden gar nicht mehr durchgespielt". Griechische Kollegen hätten sich schon bei ihm erkundigt, wie und wann in dem - für sie feststehenden - Pleitefall Anleihen und andere betroffene Vermögenswerte abzuschreiben seien. Argentiniens Erfahrung mit der Staatspleite zählt nun: "Die jungen Mitarbeiter in Griechenland haben so einen Fall noch nicht erlebt und lassen sich von uns zeigen, wie es geht", sagt der Banker,

Parallel zu diesen eindeutigen Marktsignalen verbreiten sich allerdings rund um den Globus auch die Meldungen über den Streit zwischen Berlin und Paris über die genaue Struktur des Rettungsfonds oder über die jüngste Initiative der EU-Kommission, den Ratingagenturen die Bewertung europäischer Staaten zu verbieten, die am Tropf von EU oder Internationalem Währungsfonds hängen. "Ich fasse es nicht", sagt ein argentinischer Regierungsberater, "sie verstehen einfach nicht, wie die Märkte funktionieren." Die Finanzmärkte hätten Griechenland doch schon vor Monaten für bankrott erklärt, und die Ratings im Krisenfall auszusetzen, erhöhe schließlich nur die Unsicherheit der Investoren.

Besucher aus der Alten Welt mokieren sich gern über vorgeblich seltsamen ökonomischen Gepflogenheiten in Südamerika, und dass in Argentinien die Publikation privater Inflationsberechnungen verboten ist, sorgt auf Botschaftsempfängen in Buenos Aires für heiter ausgelassene Stimmung. Aber die neue europäische Initiative zu Ratingagenturen biete doch einen "treffenden Vergleich", sagt der Regierungsberater.

Weite Teile Europas, vor allem die Deutschen, schütteln den Kopf über die mutmaßliche Halsstarrigkeit der Griechen, die einfach nicht einsehen wollen, dass seit ihrer Erfindung der Demokratie und des Namens Europa mehr als 2000 Jahre vergangen sind; jeder Kredit sei irgendwann aufgebraucht. Die Schwellenländer mokieren sich aber noch viel mehr darüber, dass Europa und die USA einfach nicht einsehen wollen, dass sie im Augenblick das Problem sind - und in der neuen Runde der Globalisierung der Süden und der Osten die Spielregeln diktieren, und nicht mehr der Westen.

Argentiniens Krisenmanagement längst Vorbild für Europa

Mehr als irgendwo sonst staunen Politiker der von Brasilien angeführten Boom-Region Süd- und Mittelamerikas von Argentinien bis Mexiko über das seit zwei Jahren währende Schuldendrama um Griechenland und die Arroganz des Westens. Viele Länder des Kontinents hatten in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit Überschuldung und Hyperinflation zu kämpfen; Lateinamerika galt noch um die Jahrtausendwende trotz Reichtums an Rohstoffen wirtschaftlich als ähnlich hoffnungsloser Fall wie Afrika.

Die lateinamerikanischen Länder fragen sich nun, warum die Europäer nicht aus ihren Erfahrungen lernen wollen, und am meisten fragen sich das die Argentinier, denn ihre Pleite ähnelt der griechischen: Auch Argentinien hatte sich zuvor rund ein Jahrzehnt lang per Kurskopplung an den US-Dollar in einer Art Währungsunion gebunden und landete dann hart in einem ungeordneten, abrupten Bankrott.

Das Gegensteuern in Konfrontation mit den auf Bedienung der Schuldzinsen abzielenden Spardirektiven des Internationalen Währungsfonds ( IWF) sei der Schlüssel für den folgenden wirtschaftlichen Aufstieg des Landes gewesen, sagt Ex-Staatssekretär Nielsen: "Im Nachhinein ist das Krisenmanagement in Argentinien 2001 und 2002 ein Beispiel dafür, wie man eine chaotische finanzielle, wirtschaftliche und soziale Situation mit entschlossenem Handeln stabilisiert." Die Regierung versuchte damals so ziemlich alles, um das Vertrauen der Bevölkerung in den Bankensektor wiederherzustellen.

Zaudernde Euro-Politiker an den Schalthebeln

Ein Kernelement war, Zwangskonvertierungen von Sparguthaben durch freiwilligen Umtausch zu ersetzen - "gegen den erbitterten Widerstand des IWF", sagt Nielsen. Der IWF fürchtete damals um die Stabilität der Banken, Regierungsmitglieder um die hungergeplagte Bevölkerung. Die IWF-Analysten hätten oft "nicht den Unterschied zwischen einem Excel-Sheet und einem Land mit lebenden Menschen" gekannt, sagt Nielsen.

Politiker aus den Schwellenländern vermissen in Europa entschlossenes Handeln und, dass sie das Vertrauen von Märkten und Bürgern wiederherstellen. Die Rezepte, wie sich die Märkte bändigen lassen, haben südamerikanische Länder in den vergangenen Jahren alle getestet: Kapitalverkehrskontrollen, Transaktionssteuern, höhere Mindestreserven und Zwangskapitalisierung von Banken, Schuldenschnitte - all das, was in Europa derzeit nur zaghaft andiskutiert oder - wie eine Finanztransaktionssteuer - nach jahrelangen Debatten in die Spur gebracht wird. Die europäische Politik habe alle Werkzeuge, die Probleme Griechenlands und anderer Länder zu lösen, sagt Brasiliens Finanzminister Mantega, aber wenn sie nicht schleunigst etwas vorlege, "können die Schwellenländer wenig machen".

Rasant steigendes Selbstbewusstsein der Schwellenländer

In diesen Ländern tickt die Uhr schneller als oben auf dem Globus. Unten hat sich die Welt in den vergangenen Jahren im Zeitraffer verändert - nun beobachten sie im Norden und Westen ein quälendes Drama in Zeitlupe. Was "Zeitraffer" bedeutet, und in welchen Geschwindigkeiten außerhalb Europas gerechnet wird, verdeutlichen wohl keine Zahlen besser als diese: Von den rund 190 Millionen Einwohnern Brasiliens gehörten 2003 knapp 80 Millionen dem Mittelstand an. Bis 2014 sind es nach Schätzungen der Ökonomen der brasilianischen Bank Itau knapp 143 Millionen. Das ist ein Umschwung, der in Europa Jahrhunderte gedauert hat.

Doch nein, wer verstehen will, mit welchem Selbstbewusstsein gerade Lateinamerikaner auf den EU-Gipfel dieses Wochenendes blicken und zum kommenden G20-Treffen Anfang November anreisen, der sollte auch einen Blick in die Schuldenstatistiken werfen. Deutschlands Staatsverschuldung lag schon Ende 2010 bei mehr als 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - getrieben vor allem durch Bankenrettungen. Griechenland wird in diesem Jahr auf über 160 Prozent kommen. Dagegen fiel im lateinamerikanischen Schnitt die Staatsverschuldung seit 2003 von 53 Prozent auf 32 Prozent 2008.

Im Jahr darauf lag sie zwar aufgrund der globalen Rezession leicht darüber, aber inzwischen sinkt sie wieder. Einem Deutsche-Bank-Report zufolge werden die Schulden im Verhältnis zum BIP bis 2020 "in Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko und Peru voraussichtlich abnehmen und in Kolumbien weitgehend stabil bleiben".

Und das auf einem Kontinent, der in Europa immer noch weitgehend als Heimat von Panflötenspielern und Sambatänzern gilt. Kein Wunder, dass manchem dort ganz allmählich der Geduldsfaden reißt.