Währungskrieg Chinas Dollar-Doppelpass gegen den Euro

Im Welthandel braut sich eine unselige Kettenreaktion zusammen - angefacht von sinkendem Wachstum, einem gebremsten Güteraustausch und Chinas neuer Taktiererei auf dem Devisenmarkt. Der aufschäumende Protektionismus könnte auch die deutsche Wirtschaft heimsuchen. Mit empfindlichen Folgen.
Von Markus Gärtner
Doppelstrategie: China hilft indirekt, den Dollar niedrig und den Euro-Kurs hoch zu halten

Doppelstrategie: China hilft indirekt, den Dollar niedrig und den Euro-Kurs hoch zu halten

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Hamburg - Im Welthandel werden harte Bandagen angezogen: Der US-Senat beschließt eine Vorlage für Strafzölle gegen Importe aus Ländern mit schwacher Währung. Die Stoßrichtung ist China. Zugleich beschwert sich Kanada über den Versuch seines südlichen Nachbarn USA, weil dieser Importe, die über kanadische Häfen ins Land kommen, drosseln will. Das schadet Kanadas Handel. Derweil fordert Peking die Welthandelsorganisation (WTO) auf, Antidumping-Maßnahmen der USA gegen chinesische Shrimps und Diamantsägeblätter zu untersuchen.

Und Huawei, Chinas führender Telekomausrüster, wettert scharf gegen die USA, was selbst große Firmen sonst ungern riskieren. "Hört mit der fabrizierten Angst auf, wenn Ihr etwas zu sagen habt, tut das konkret", platzte es jüngst aus William Plummer, dem Vizepräsidenten für externe Kommunikation bei Huawei, heraus. Der Grund für den Wutausbruch des Managers: Die US-Administration hält Huawei aus Gründen "nationaler Sicherheit" strikt vom Aufbau eines drahtlosen landesweiten Notrufsystems fern. Genauere Begründung: Fehlanzeige.

In Südamerika hebt unterdessen Brasilien die Steuern auf importierte Autos an. Das soll die heimische Industrie gegen Billigeinfuhren schützen. Hier ist es der starke brasilianische Real, der die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft beeinträchtigt. Selbst die neutrale Schweiz lässt sich neuerdings mit der Koppelung des Franken an den Euro auf das ein, was Brasiliens Finanzminister Guido Mantega vor einem Jahr als den globalen "Währungskrieg" bezeichnet hat. Die Schweiz reiht sich in eine Gruppe von Ländern - meist Schwellenländer und rohstoffreiche Nationen - ein, die zumindest eine weitere Aufwertung ihrer Währungen begrenzen wollen, weil das ihre Konjunktur abwürgen könnte.

Ganz klar: Im Welthandel braut sich eine unselige Kettenreaktion zusammen, angefacht von sinkendem Wachstum, einem gebremsten Güteraustausch und Kapriolen am Devisenmarkt. Die wachsenden Spannungen rufen sogar die WTO auf den Plan. Deren Chef, Pascal Lamy, warnte vor wenigen Tagen, "dies ist nicht die Zeit für Alleingänge, sondern die Zeit, das globale Handelsregime zu stärken". Der Appell gegen den aufkeimenden Protektionismus hat einen guten Grund: Die WTO korrigierte Ende September ihre Prognose für den Welthandel im laufenden Jahr nach unten, von Plus 6,5 Prozent - wie im April vorhergesagt - auf 5,8 Prozent. Im vergangenen Jahr war der globale Güteraustausch um 14,1 Prozent expandiert.

USA fiebern schwachem Dollar entgegen

Eine Warnung spricht auch die Europäische Zentralbank (EZB) in ihrem Monatsbericht vom Oktober aus. "Protektionismusbestrebungen" nennt die EZB ausdrücklich in ihrer Einleitung als eines der "Abwärtsrisiken" für das Euro-Währungsgebiet. Auch hier ist es die wachsende Sorge vor lahmenden Exporten, die zu der Warnung führt: Das Defizit im Außenhandel der Europäischen Union (EU) sprang von neun Milliarden Euro im Juli auf 17,8 Milliarden im August. Die Exporte nach außerhalb der Eurozone gingen von Juli auf August um 5 Prozent zurück.

Die Ziele der großen Handelsnationen sind in dem schwelenden Konflikt transparenter und leichter verständlich als die vielen Maßnahmen, mit denen sie verfolgt werden. Beispiel USA: Die Administration von Barack Obama will binnen fünf Jahren die Exporte verdoppeln und braucht dafür einen schwachen Dollar. Den schleust die Notenbank mit rekordniedrigen Zinsen und einer massiven Geldschwemme nach unten.

Das Problem: Abgesehen von der jüngsten Gegenbewegung ist der Dollar seit Jahren schwach. Die Exporte lassen dennoch zu wünschen übrig. Die USA fahren zurzeit jeden Monat ein Defizit im Außenhandel von 45 Milliarden Dollar ein. Im August gingen 29 Milliarden davon allein auf das Konto Chinas. Von Juli auf August stagnierten die Ausfuhren der USA ganz. In der größten Volkswirtschaft auf dem Planeten, die von einer erneuten Rezession bedroht wird, ist das ein Alarmzeichen.

China spielt derweil im Währungskrieg eine Chamäleonrolle. Öffentlich und mit immer mehr Einzelmaßnahmen startet China den Angriff auf den Dollar. Zugleich spielt China gekonnt über die Bande: Es kauft trotz aller öffentlich geäußerten Bedenken immer noch in großem Umfang US-Staatsanleihen. Mit 1200 Milliarden Dollar Treasuries im Bestand sind die Chinesen der größte ausländische Gläubiger der USA. Das hilft, die Zinsen in den USA niedrig und indirekt den Dollar schwach zu halten. China kann trotzdem seinen Handelsüberschuss mit den USA ausbauen, es hat von Januar bis August dieses Jahres laut dem Handelsministerium in Washington Waren im Wert von 256 Milliarden Dollar an die USA verkauft. Dabei erzielten die Chinesen einen Überschuss von 189 Milliarden Dollar. Das Geheimnis hinter diesem nur scheinbaren Widerspruch: Die Hälfte aller Exporte, die in der Statistik als "chinesische" gezählt werden, stammen aus Fabriken von Überseefirmen, die in China billig Komponenten und Ausrüstungen für westliche Märkte produzieren.

Chinas Alptraum sinkender Exporte

Diese werden auch bei einem höheren Wechselkurs gebraucht. Chinesische Arbeiter zum Beispiel addieren laut einer Untersuchung der Asiatischen Entwicklungsbank nur ein Prozent zur Wertschöpfung von Apples iPod, obwohl das Hochtechnologieprodukt nach dem letzten Fertigungsschritt in der südchinesischen Provinz Guangdong als "Made in China" in die USA geliefert wird.

China gewinnt bei einem schwachen Dollar jedoch gleichzeitig Vorteile im Warenaustausch mit den Europäern. Denn ein niedriger Dollar stärkt den Euro und spielt China bei seinen Ausfuhren nach Europa - dem größten Absatzmarkt der Chinesen - in die Hände. Diese Wirkungskette erklärt, warum Peking in jüngster Zeit lautstark in die Forderungen der USA einstimmt, die Regierungen im Euro-Land sollten endlich wirkungsvoll die Schuldenkrise bekämpfen. Ihr Unvermögen, das zu tun, schwächt seit Wochen den Euro. Und das ist schlecht für Chinas Exporte, die ohnehin viel Schwung verlieren.

Chinas Exportwachstum, im August auf Jahresbasis noch bei 20,9 Prozent, ging im September auf einen Zuwachs von 17,1 Prozent zurück. Dabei fiel der jährliche Zuwachs der Lieferungen in die Europäische Union sogar drastisch, von 22,3 Prozent im August, auf 9,8 Prozent im September, meldet die EU-Behörde Eurostat. So schwach ist die Konjunktur im Euro-Land zuletzt geworden. Für China ist das ein Albtraum - schon sinkt Chinas Turbowachstum, wie heute klar wurde.

Besonders in der größten Handelsbeziehung auf dem Planeten knirscht und kracht es seit Wochen wieder verstärkt. An seinem ersten Tag im Weißen Haus erkläre er China zu einem Währungsmanipulator, verspricht der aktuell aussichtsreichste Bewerber um die Republikanische Kandidatur für die Präsidentenwahl 2012, Mitt Romney. Doch damit nicht genug: Der US-Senat verabschiedete vor einer Woche eine Vorlage, die drastische Einfuhrzölle auf Waren aus Ländern zulässt, deren Währung als unterbewertet gilt.

China droht mit Handelskrieg

Das Repräsentantenhaus dürfte dieses Papier zwar kaum annehmen. Und dass Barack Obama es unterzeichnen wird, gilt als praktisch ausgeschlossen. Dennoch: Die Watsche des Senats galt ganz offensichtlich China. Und die Retourkutsche aus Peking ließ nur wenige Stunden auf sich warten. "Wenn daraus ein Gesetz wird", schoss Chinas Vizeaußenminister Cui Tiankai in der vergangenen Woche zurück, " resultiert das in einem Handelskrieg, und dabei würden beide Seiten verlieren".

Die Hardliner im US-Kongress sind von dieser Warnung dennoch unbeeindruckt. "Die Zeiten, China nett zu fragen, sind vorbei", erklärt der New Yorker Senator Charles Schumer. Er hat den "Currency Exchange Rate Oversight Reform Act 2011" in den Senat eingebracht, jenes Papier, das in der vorigen Woche durchgewinkt wurde. Dass China seit Juni 2010 seine Währung, den Renminbi, um 7 Prozent gegenüber dem Dollar aufgewertet hat - seit 2005 gar um 20 Prozent - reicht Schumer bei weitem nicht. Kritiker in Washington, die den Renminbi für bis zu 40 Prozent unterbewertet halten, wollen viel mehr.

Sie sehen die wichtige Wahl im kommenden Jahr am Horizont. Das dominierende Thema werden Jobs und die Konjunktur sein. Und wer bei einer hartnäckig hohen Arbeitslosigkeit von 9,1 Prozent nicht gut sichtbar für amerikanische Jobs kämpft, wird einen schweren Stand haben. Selbst US-Notenbankchef Ben Bernanke schließt nicht mehr aus, die amerikanische Geldpolitik noch weiter zu lockern um die US-Konjunktur anzuschieben; alleine diese Ankündigung hatte geholfen, den Dollar niedrig zu halten.

Laut dem gewerkschaftsnahen Economic Policy Institute haben die Fehlbeträge im Handel mit China seit 2001 rund 2,8 Millionen Jobs in den USA vernichtet. Als das beste Mittel gegen die Misere am Jobmarkt gelten derzeit höhere Exporte. Doch die sind im August verglichen mit dem Vormonat Juli auf der Stelle getreten, ungeachtet des schwachen Dollars. Dieser hat - trotz der jüngsten Aufwärtsbewegung in den vergangenen Wochen - seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro 3 Prozent an Wert verloren.

Brasilien will Aderlass stoppen

Wie dramatisch die Währungskapriolen vor allem für Schwellenländer ausfallen, zeigt das Beispiel Brasilien. Der Real, die Währung des Landes, verbesserte sich gegenüber dem Greenback im Jahr 2009 um 35 Prozent; kaum anders das Bild gegenüber dem Euro (Kurswerte anzeigen). Im vergangenen Jahr sattelte der Real noch einmal 5 Prozent drauf. Angetrieben wurde der Kurssprung vor allem durch massive Kapitalströme aus dem Westen, die sich von rekordniedrigen Zinsen und einer massiven Ausdehnung der Geldmenge in den USA speisten. Brasiliens Notenbank musste den Leitzin in der Spitze bis auf 12,5 Prozent hieven, um die Inflation zu zügeln, die von dieser Kapitaltsunami und der boomenden Konjunktur verursacht wurde.

Als Folge haben die Brasilianer immer mehr billige ausländische Güter gekauft. Die Importe kletterten laut dem Handelsministerium in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres um über 26 Prozent. Vor allem Billigimporte aus China überschwemmten die Märkte in der größten Volkswirtschaft Südamerikas. Im Sommer schränkte die Regierung den Kauf von Land ein und schirmte die heimische Industrie besser ab, unter anderem mit einer Erhöhung der Autoimportsteuer um 30 Prozent im September. "Wir mussten den Aderlass umgehend stoppen, sonst wäre der Patient gestorben", erklärt Roberto Giannetti bei Brasiliens einflussreichster Industrielobby FIESP den drastischen Schritt. Giannetti hält die Importsteuer für eine pragmatische Antwort auf die Umstände, "nicht für ideologischen Protektionismus".

"Wir werden in nächster Zeit viel mehr solche Interventionen sehen, es wird Manipulationen in großem Umfang geben", sagt der Portfoliomanager Stuart Thomson beim Vermögensberater Ignis Asset Management in Glasgow vorher. Noch hat der aufkeimende Protektionismus keine gefährlichen Ausmaße erreicht. Die WTO schätzt, dass bislang lediglich 1 bis 2 Prozent des weltweiten Handels durch Markteingriffe beeinflusst werden. Auch die Globalisierung hat geholfen, die Protektionisten einigermaßen zu bändigen. "Der wesentliche Grund, warum wir nicht mehr traditionelle Eingriffe in den Handel sehen", erläutert der Direktor Razeen Sally beim Brüsseler Think Tank European Centre for International Political Economy, "ist die Entstehung engmaschiger globaler Lieferketten, die das Errichten herkömmlicher Barrieren im Handel erschweren".

Die großen Firmen wollen nicht, dass ihre Lieferketten gestört werden. Doch alles könnte sich ändern, wenn die Weltwirtschaft in eine neue Rezession driftet, oder bis zum Jahr 2013 Europa, die USA und China gleichzeitig langsamer wachsen. "In diesem Umfeld gedeihen populistische Forderungen nach besserer Marktabschirmung ausgezeichnet", weiß George Magnus, wirtschaftlicher Berater bei der Schweizer großbank UBS  in London. Falls es dazu kommt, ist eine Eskalation nicht mehr auszuschließen. Dem "Währungskrieg" würden Beschränkungen von Handel und Investitionen folgen. Die Parallelen zu den 30er Jahren wären nicht mehr zu übersehen. Und Deutschland als Volkswirtschaft mit besonders hohen Außenwirtschaftsverflechtungen entsprechend betroffen.

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