Scheidender EZB-Chef Trichet Der Schatten des "Monsieur Euro"

Mit einem großen Fest hat die EZB ihren langjährigen Chef Jean-Claude Trichet verabschiedet. In Krisenzeiten griff der Franzose zu ungewöhnlichen Maßnahmen, für die er viel Lob erhielt. Eine Entscheidung hat seinen makellosen Ruf aber vor allem in Deutschland angekratzt.
Noch-EZB-Chef Jean-Claude Trichet: Der Kauf von Staatsanleihen wirft einen Schatten auf seine sonst makellose Bilanz

Noch-EZB-Chef Jean-Claude Trichet: Der Kauf von Staatsanleihen wirft einen Schatten auf seine sonst makellose Bilanz

Foto: ? Ralph Orlowski / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Mitten im Schuldenkrisen-Sturm, der derzeit über die Eurozone hinwegfegt, kehrt heute kurz Ruhe ein im silbrigglänzenden EZB-Hauptquartier an der Frankfurter Kaiserstraße. Für ein paar Stunden tauschen die obersten Hüter des Euro die muffige 70er-Jahre-Atmosphäre ihres Hochhauses gegen einen der prunkvollsten Orte, den die Stadt am Main zu bieten hat. Im mahagonigetäfelten Großen Saal der Alten Oper wird um 16 Uhr jener Mann verabschiedet, der der Gemeinschaftswährung in den letzten Jahren ein Gesicht gab: Jean-Claude Trichet, dessen Amtszeit als EZB-Chef am 30. Oktober endet.

Für sein Lebenswerk wird der 68-jährige Franzose in einem großen Festakt geehrt. Eine Menge illustrer Gäste werden staatstragende Worte spenden: Angela Merkel zählt ebenso zu den Festrednern wie Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt, Frankreichs Ex-Präsident Valery Giscard d'Estaing, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy. Auch Italiens Notenbank-Gouverneur Mario Draghi, der ab 1. November das höchste Amt der Eurozone übernimmt, steht auf der Rednerliste.

Sie alle werden Trichet für seinen unbestreitbaren Verdienste um die Gemeinschaftswährung danken. Denn die EZB hat es unter Trichet bislang geschafft, den Euro  durch schwere Zeiten zu manövrieren. Dass die Eurozone an der Finanz- und der Staatsschuldenkrise nicht zerbrochen ist, ist auch dem unermüdlichen Einsatz von Trichet zu verdanken. Nicht umsonst hat er den Spitznamen "Monsieur Euro" erhalten.

Dennoch hat Trichets europäisches Vermächtnis vor einigen Monaten hässliche Schatten bekommen. Gerade in Deutschland, das Trichet so schätzt, muss er sich seit Monaten mit ungewohnt heftiger Kritik herumschlagen. Schuld daran ist ein Tabubruch, der aus der Not geboren wurde. Doch er hat die Rolle und die Reputation der EZB nachhaltig verändert.

Acht Jahre lang lenkte Trichet die Geldpolitik der Eurozone. Acht Jahre lang betonte er bei jeder Gelegenheit, dass der Erhalt der Preisstabilität die Hauptaufgabe der EZB sei. Diese Aufgabe hat die Zentralbank unter Trichet bravourös gemeistert: Die Inflation der Eurostaaten hielt Trichet eisern bei knapp zwei Prozent.

Tabubruch mit Anleihenkauf

Lange pochte er auf die Unabhängigkeit seiner Institution und verwahrte sich gegen politische Einflussnahme. Als Ende 2007 die Finanzkrise aus den USA auf Europa überschwappte, handelte Trichet rasch und entschlossen. Geschäftsbanken erhielten frisches Geld der EZB zum Fixpreis, statt wie bisher dafür bieten zu müssen. Gegen Einlage von Sicherheiten konnten sich die Geldhäuser länger als je zuvor von der EZB Geld leihen. Europas Wirtschaft kam dank dieser Geldpolitik rasch wieder auf die Beine - und für dieses Krisenmanagement erhielt Trichet viel Lob.

Doch mit einer Entscheidung vor einem Jahr hob er einen der Grundsätze der EZB aus den Angeln, die in den Augen seiner Kritiker die politische Unabhängigkeit der Zentralbank nachhaltig erschüttert hat. Als die Griechenland-Krise im Mai 2010 auch auf Portugal und Irland übergriff, brach die EZB mit einem Tabu. Am 10. Mai kündigte die Zentralbank an, griechische Staatsanleihen zu kaufen, um die Funktionsfähigkeit der Anleihenmärkte wiederherzustellen und ein Auseinanderbrechen der Eurozone zu verhindern. Doch indirekt finanzierte die EZB damit die Schulden, die Griechenland aufgenommen hat - etwas, was der Euro-Vertrag eigentlich verbietet.

Damit war die EZB zu etwas geworden, was sie nie sein sollte: Aus der Behörde, die vor allem die Inflation in Schach halten sollte, wurde eine politische Institution. Trichet stellte damals klar, dass der Ankauf der Anleihen nur vorübergehend erfolgen sollte. Und er spielte den Ball an die EU zurück: Europas Politiker müssen ein übergreifendes Konzept zur Lösung der Euro-Krise entwickeln, betonte er damals mehrmals, damit sich die EZB bald aus ihrer ungeliebten Rolle zurückziehen könne.

Doch Europas Politiker haben ihren Teil des Pakts mit der EZB bisher nicht erfüllt. Noch immer ist der erweiterte Euro-Rettungsschirm, der künftig solche Anleihenkäufe übernehmen soll, noch nicht beschlossene Sache. Zwar dürfte der erweiterte Rettungsfonds EFSF Berichten zufolge künftig als Versicherer von Staatsanleihen agieren und so die EZB aus der Pflicht nehmen. Doch wirklich klar wird die Konstruktion erst am kommenden Wochenende, wenn sich die Staats- und Regierungschefs der EU zu einem Euro-Gipfel in Brüssel treffen.

Vom Inflationsbekämpfer zum Krisenmanager

Weil die EU bisher keinen Weg gefunden hat, rasch Marktschwierigkeiten zu beseitigen, musste die EZB sogar nachlegen: Um die Märkte zu stabilisieren, kaufte die Zentralbank zusätzlich spanische und italienische Staatspapiere. Rund 160 Milliarden Euro steckte die Zentralbank seit Mai 2010 in den Kauf von Staatsanleihen - für Kritiker ein eine Risikoposition, die nun in der Bilanz der Zentralbank schlummert.

"Die EZB hat sich um den Kauf der Anleihen nicht gerissen", verteidigen EZB-Insider Trichets Schritt gegenüber manager magazin Online. "Aber wir hatten keine andere Wahl".

Damals gab es kein Instrumentarium, um den strauchelnden Hellenen kurzfristig aus der Patsche zu helfen, argumentieren sie. Denn es dauerte damals mehrere Monate, bis der erste Euro-Rettungsschirm wirklich einsetzbar war. Im Mai 2010 sei nicht klar gewesen, ob die griechische Regierung die Weiterfinanzierung ihres Landes alleine stemmen könne. Mit ihrem Entschluss habe die EZB Zeit für Griechenland gewonnen in einem Markt, in dem es kaum Nachfrage nach griechischen Anleihen gab.

Das sehen außerhalb der EZB nicht alle so. "Da gab es sicherlich Alternativen", sagt Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank . Die EZB hätte etwa spezielle Repo-Geschäfte für griechische Anleihen aushandeln können, argumentiert Krämer gegenüber manager magazin Online. Dabei hätte die EZB mit der griechischen Notenbank vereinbaren können, dass sie Staatsanleihen nur unter der Bedingung kauft, dass die Griechen ihre Wertpapiere später wieder zurückkaufen. Für diesen Kredit hätte die EZB einen Zins verlangt - und so klargemacht, dass sie das griechische Defizit nicht mitfinanziert.

Eines stellt Krämer aber auch klar: "Trichet ist ein wirklicher Europäer, der seiner Bank gedient und hart gearbeitet hat. Das ist alles in bester Intention geschehen." Der Ankauf der Anleihen muss dem überzeugten Europäer Trichet schwer gefallen sein. Denn seit Jahrzehnten hat sich der gebürtige Bretone vor allem für ein Thema stark gemacht: Die Inflation niedrig zu halten.

War der Anleihenkauf ein Fehler - oder ist Trichet ein europäischer Held?

Trichet hatte zahlreiche Posten im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium inne, war Präsidentenberater und Chef der französischen Nationalbank. Dabei schloss er zunächst sein Studium als Bergbau-Ingenieur ab, bevor er seinem Lebenslauf Abschlüsse in Ökonomie und Politikwissenschaften hinzufügte und auch noch die französische Elite-Verwaltungshochschule Ena absolvierte. Seit 1993, als er den Chefposten der französischen Zentralbank übernahm, gab er sich als Verfechter einer stabilitätsorientierten Geldpolitik. Er setzte auf die Politik des "starken Francs", um sein Heimatland auf die Währungsunion vorzubereiten - und die Politik einer stabilen Währung setzte er auch ab 2003 fort, als er Chef der EZB wurde.

Bis zum Jahr Mai 2010 hat Trichet als EZB-Chef eine makellose Bilanz vorzuweisen, lobt auch Commerzbank-Volkswirt Krämer. Doch der "Anleihenankauf ist ein Schatten, der sich auf seine sonst glänzende Amtszeit legt", sagt er.

Auch Trichet platzt mal der Kragen

Gegen diese Art der Kritik argumentiert Trichet seit Monaten an. Der Kauf der Anleihen sei sicher kein Fehler, sondern eine "Sondermaßnahme" gewesen, sagte er vor einigen Monaten in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Sie habe einzig dazu gedient, dass die "Transmission der Geldpolitik" wieder besser funktioniere, als es zu schweren Marktstörungen kam.

In einer seiner letzten Pressekonferenzen platzte dem sonst so kontrolliert auftretenden Trichet der Kragen ob der anhaltenden deutschen Kritik. Als ein Reporter bei der Erläuterung der EZB-Leitzinsentscheidung Mitte September fragte, ob die EZB durch den Kauf der Anleihen zur "Bad Bank" geworden sei, wurde Trichet ungewohnt laut. "Von uns wurde verlangt, Preisstabilität zu liefern", rief der EZB-Chef damals. "Wir haben in den vergangenen 12, 13 Jahren des Euro Preisstabilität geliefert - und zwar tadellos!" Dafür habe die EZB "Glückwünsche" verdient, nicht dauernde Kritik.

Die Stützungskäufe für Staatsanleihen habe die EZB "in dieser schlimmsten Krise seit dem zweiten Weltkrieg" veranlasst, schob er noch nach. Denn die Regierungen hätten sich "nicht angemessen verhalten, trotz allem, was wir ihnen zuvor gesagt haben". Und er erinnerte noch süffisant daran, dass Deutschland gemeinsam mit Frankreich und Italien eine der Voraussetzungen für die aktuelle Schuldenkrise schuf - indem die Länder 2004 gegen den Rat von Trichet die Defizit- und Schuldenquoten für die Euro-Staaten hinaufsetzten.

Abschied von Weber und Stark - auch intern sorgt Anleihenkauf für Aufruhr

Außerhalb Deutschlands hat sein Kurs jedenfalls prominente Fürsprecher. Die EZB sei die einzige europäische Institution, deren Ruf während der Krise besser geworden ist, schrieb kürzlich etwa der US-Wirtschaftsprofessor Melvyn Krauss in einem Gastbeitrag für die "Financial Times Deutschland". Trichet habe die Gemeinschaftswährung von der "engstirnig-nationalistischen antieuropäischen Einstellung" der derzeitigen politischen Führung Europas gerettet. Man solle die Arbeit des "wahren europäischen Helden" Trichet mit "donnerndem Applaus" bedenken, forderte Krauss.

Ob Trichets beherztes Eingreifen in der Krise den Euro tatsächlich gerettet hat, werden die nächsten Monate zeigen. Auch innerhalb der Bank war Trichets Entscheidung umstritten. Zwei langjährige Mitstreiter, die beide dem 23-köpfigen EZB-Rat angehörten, verlor die Zentralbank wegen des Anleihen-Kaufs. Einer von ihnen war Bundesbank-Präsident Axel Weber, der lange Zeit als Favorit für die Trichet-Nachfolge galt. Er kritisierte die Entscheidung öffentlich und verzichtete danach auf seine Kandidatur.

Der Eklat mit Weber muss den obersten Währungshüter besonders geschmerzt haben. Denn bis dahin hatte Trichet seine Mitarbeiter höchst erfolgreich angehalten, über interne Unstimmigkeiten nichts nach außen dringen zu lassen.

Innerhalb der EZB gilt Trichet als großer Kommunikator, der seine Entscheidungen gründlich erklärt. So hat er etwa vor drei Wochen seinen Mitarbeitern zwei Stunden lang die nächsten Schritte der EZB im Detail erläutert - direkt nach einem Krisentreffen mit EU-Spitzenpolitikern. Auch einfache Mitarbeiter waren zu der Runde mit Trichet eingeladen, jeder konnte Fragen stellen. "Dass sich da der Chef hinstellt, wenn die Kugeln fliegen, ist beachtlich", hieß es anerkennend aus EZB-Kreisen gegenüber manager magazin Online.

Trichets Nachfolger Draghi muss die Deutschen versöhnen

Trotz seines französischen Charmes und seiner Erklärer-Qualitäten kam ihm noch ein hochrangiger Mitarbeiter abhanden: EZB-Volkswirt Jürgen Stark warf das Handtuch, weil er den wiederholten Anleihen-Ankauf nicht billigen wollte. "Wenn man das nicht mitträgt, dann kann man sich zurückziehen. Auch das gehört zu einer unabhängigen Notenbank", sagt eine mit den Vorgängen vertraute Person dazu lapidar. Doch Trichet war über den Abgang beider dem Vernehmen nach alles andere als glücklich.

Die Diskussion um den Staatsanleihen-Kauf verstellt aber auch den Blick darauf, wie stark Trichet die Institution EZB verändert hat. Seinem Nachfolger Mario Draghi hinterlässt er eine Zentralbank, die international viel Gewicht und Ansehen gewonnen hat. Die EZB kommuniziert ihre Entscheidungen deutlich klarer und einheitlicher als unter Trichets Vorgänger Wim Duisenberg.

Trichet hat die Bank höchst professionell geführt, und trotz ihrer neuen Aufgaben bei der Krisenbekämpfung bleibt die Zentralbank vergleichsweise unabhängig von der Politik. Die Schuldenkrise ist zwar längst noch nicht ausgestanden - doch Trichets beherztes Eingreifen hat bislang ein Auseinanderbrechen der Eurozone verhindert. Es ist eine Bilanz, die sich sehen lassen kann.

Nun wird es Mario Draghis Aufgabe sein gerade in Deutschland die Reputation der EZB wiederherzustellen. Denn gerade das Land, in dem eine von Europas wichtigsten Institutionen angesiedelt ist, sollte die EZB unvoreingenommen auch als seine Bank ansehen.

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