Mittwoch, 16. Oktober 2019

Anschwellender Protest Wall-Street-Meckerer buhlen um Unterstützer 

Wall-Street-Besetzer: Amerika spaltet sich in der Unterstützer-Frage
AP

Die Kritiker der Finanzszene forcieren das Tempo: Nach der Unterstützung durch große US-Gewerkschaften versuchen die Demonstranten, neue Mitstreiter unter den Einwanderern in Amerika zu mobilisieren. Schon zeigt der aufsehenerregende Protest nahezu weltweit Wirkung.

New York - Die Proteste gegen die Wall Street gehen zu Beginn der vierten Woche in eine entscheidende Phase. Lokale Gruppen, die sich der jungen Bewegung angeschlossen haben, sind jetzt auf 900 Orte in den USA verteilt. Neben weiteren Demonstrationen - wie am Samstag in der Hauptstadt Washington - beginnen die Protestler zudem mit einer präziseren Definition ihrer Ziele sowie mit dem Werben um die nächsten großen Gruppen, nachdem sich viele Gewerkschaften der Bewegung angeschlossen haben.

Am Sonntagabend veranstalteten sie am Broadway ihre erste Generalversammlung in spanischer Sprache, um die mexikanischen Einwanderer anzusprechen. Die "Hispanics" stellen zusammen mit der zweiten großen Minoritätengruppe, den schwarzen Amerikanern, 29 Prozent der Bevölkerung, aber 40 Prozent aller Arbeitslosen. Die beiden ethnischen Gruppen sind die größten Verlierer der Wirtschaftskrise, und sie stellen 60 Prozent der Bevölkerung in der Finanzmetropole New York. Von den "Minderheiten", die in einigen Bundesstaaten der USA bereits die Mehrheit ausmachen, könnte der nächste Schub für die Bewegung kommen.

Derweil breitet sich die Anti-Wall-Street-Bewegung weltweit weiter aus und motiviert auch Proteste in Europa und Asien. Am Sonntag blockierten 2500 Demonstranten die Westminster Bridge in London. Ihr Ziel war vor allem die geplante Gesundheitsreform, die staatliche Hospitäler privater Konkurrenz aussetzen will. Hier ist eine Parallele zu der Bewegung in den USA. Die Gesundheitsversorgung ist eines der wichtigen Themen der Occupy-Wall-Street-Bewegung. In China versammelten sich vor dem Kulturzentrum von Zhengzhou, einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern in der Provinz Henan, Pensionäre und erklärten ihre Sympathie für die überwiegend jungen Occupy Wall Street-Demonstranten im fernen New York.

Auch in Deutschland macht die Bewegung Fortschritte, aber von kleinen Anfängen aus. Auf der Webseite Occupy Frankfurt auf Facebook haben schon vier Mal so viele Leser ihre Sympathie bekundet wie Mitte vergangener Woche. "Am 15. Oktober wird in Frankfurt am Main ein Protest nach amerikanischem Vorbild stattfinden, Ziel ist die Europäische Zentralbank", teilt Occupy Frankfurt mit.

Angst um die Zukunft

Auffallend ist, wie stark die Protestbewegung soziale Plattformen im Internet nutzt, um ihre Botschaft zu verbreiten. Der Wirtschaftssender CNBC will allein in den USA 200 Facebook-Gruppen und Twitter-Konten gezählt haben. Auf der Veranstaltungsseite Meetup.com, die Aktionen koordiniert, werden für die nächsten Wochen 900 Veranstaltungen aufgeführt. Demonstrationsteilnehmer aus dem ganzen Land schicken Bilder und Videos der lokalen Proteste an OfftheBus.com, das Programm der "Huffington Post" für Bürgerjournalisten; die "Huffington Post" ist Amerikas führende Onlinezeitung.

Währenddessen schildern Demonstrationsteilnehmer auf der Webseite Tumblr ihre Eindrücke von Demonstrationen und ihre Gründe, sich der Bewegung anzuschließen: "Ich mache mir große Sorgen, ich habe Angst, der Gedanke an die Zukunft verunsichert mich", schreibt dort eine College-Studentin ins Demo-Tagebuch, ohne ihren Namen zu nennen. Und der 26-jährige High-School-Lehrer Justin Wedes aus Brooklyn erläutert einen Punkt, der für die Bewegung in den kommenden Tagen eine der kritischen Entscheidungen darstellt: Ihre Abgrenzung zu anderen Gruppen, die sich der Bewegung anschließen.

"Wir koordinieren hier nicht", sagt Wedes, "das ist alles basisdemokratisch, wir verbreiten nur Informationen, erzählen Geschichten und bitten um Spenden". Auf Twitter dominierten in den ersten Tagen Mitglieder aus New York die Chats, weil die Protestbewegung ihre Zentrale in Manhattans Zuccotti-Park aufgeschlagen hat. Doch jetzt schätzen Beobachter den Anteil von Twitter-Botschaften aus dem Rest des Landes bereits auf die Hälfte.

Bis in die tiefste US-Provinz organisiert sich die Bewegung. In Tennessee, im Südosten der USA, wo die Finanzkrise und die anschließende Große Rezession besonders tiefe Spuren hinterlassen haben, bildeten sich Facebook-Gruppen in Memphis, Knoxville, Clarksville und Nashville. Am Freitag wurden mehrere Hundert Demonstranten zum Parlaments-Platz in Nashville dirigiert. "Wir sind die 99 Prozent", kann man auf fast all diesen Seiten lesen, eine Abgrenzung, die immer mehr zum Hauptmotto der Bewegung wird. Sie sieht sich als Opfer der reichsten ein Prozent in Amerika, jener Geldelite, die auch die Geschicke der Wall Street lenkt und enormen Einfluss auf den Kongress in Washington ausübt.

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