Schleichender Finanzinfarkt Obama macht Europa für Weltkrise verantwortlich

Es war ein Gipfel für die Börse: Frankreichs Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel haben klargestellt, Europas Banken vor der Staatsschuldenkrise schützen zu wollen. An der Weltleitbörse in New York macht das kaum Eindruck. US-Präsident Barack Obama beginnt vielmehr, Amerikas Probleme den Europäern in die Schuhe zu schieben.
Von Markus Gärtner
US-Präsident Barack Obama Europas Schuldenkrise bedrohe die Vereinigten Staaten

US-Präsident Barack Obama Europas Schuldenkrise bedrohe die Vereinigten Staaten

Foto: Jacquelyn Martin/ AP

New York - Europa-Gipfel in Berlin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft Frankreichs Präsident Nikolas Sarkozy, und Amerika ist plötzlich interessiert. Zu schwer wiegen die Wellen des Schuldentsunamis, der von Europa aus auch die USA treffen kann. Doch das Ergebnis, das Sarkozy und seine deutsche Kollegin Merkel in der wohl drängendsten aktuellen Krisenfrage vorzuweisen hatten, der Bankenstützung, blieb vage. Beide betonten, man werde "das Nötige" tun, um die Rekapitalisierung der Banken sicherzustellen. Das allerdings reicht nicht, um wachsender Nervosität in Washington und New York zu begegnen.

Die lange Serie alarmierender Nachrichten legt aus US-Sicht nur eines nahe: Ein Ende der Staatsschuldenkrise zeichnet sich nicht ab. Im Gegenteil: Am Freitag stufte Moody's gleich zwölf britische und neun portugiesische Banken ab. Begleitet wurde die Nachricht von Berichten über mögliche Probleme bei der Royal Bank of Scotland, die seit der Finanzkrise zu 82 Prozent dem Staat gehört. Auch die Ratingagentur Fitch sah sich zu Herabstufungen genötigt, sie verpasste am Freitag Spanien und Italien ein Downgrade. Bei solch einer Häufung von Katastrophenmeldungen aus Europa fällt es den US-Offiziellen leicht, von eigenen wirtschaftlichen Problemen abzulenken.

Selbst der greise US-Zentralbankchef Alan Greenspan ist vor Mikrophone getreten und diktiert den Reportern in den Block, die Schuldenkrise auf der anderen Seite des Atlantiks als "sehr gefährlich". Der wahlkämpfende US-Präsident Barack Obama wurde in der vergangenen Woche noch deutlicher: "Die größte Bedrohung für unsere Konjunktur ist die Ungewissheit, die von der Krise in Europa ausgeht".

Währenddessen läuft die Zerschlagung des belgisch-französischen Finanzkonzerns Dexia, der noch im Juli locker den jüngsten Stresstest der europäischen Bankenaufsicht bestanden hatte. Dexia hat beim Spekulieren einen Hebel von 60:1 erreicht. Zum Vergleich: Als Lehman Brothers im Herbst 2008 pleite ging, lag diese Wagnisspanne bei 30:1. Die Hoffnung und das Vertrauen, dass nach der Finanzkrise von 2008 an den Finanzmärkten kleinere Räder gedreht würden, werden von solchen Nachrichten zerschlagen. Und die EU-Kommission bereitet nach Angaben von Jose Barroso "eine koordinierte Aktion zur Rekapitalisierung der Banken" voran, um "toxische Anleihen zu beseitigen".

Bohrende Angst vor der ungewissen Zukunft

All das schürt die Angst, dass die Lage bei den Banken ernster ist als angenommen. Diesen Eindruck verstärkt auch die mögliche Zwangskapitalisierung, über die europäische Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfeltreffen übernächste Woche beraten wollen.

Auch das wachsende Misstrauen der Banken untereinander erreicht immer neue Spitzenwerte. Auf dem Interbanken-Geldmarkt ist ein schleichender Infarkt zu beobachten, genau wie 2008. Die Einlagen von Geschäftsbanken bei der EZB haben gewaltige Höhen erreicht; sie deponieren so viel Geld bei der Europäischen Zentralbank wie seit Juni 2010 nicht mehr. Und das, obwohl die EZB den Geschäftsbanken für das Übernacht-Geld lediglich 0,75 Prozent Zinsen zahlt, verglichen mit 0,97 Prozent auf dem Geldmarkt. Dass die Banken trotzdem mit rasant wachsendem Tempo Geld bei der EZB parken, spricht Bände. Allein am Freitag nahm diese "Einlagen-Fazilität", wie sie von der Notenbank genannt wird, um acht Milliarden Euro auf 229 Milliarden zu. Das war ein Zuwachs um 4 Prozent an einem Tag. In den vergangenen zwei Wochen sind die Einlagen um satte 38 Prozent regelrecht explodiert. Dieser Einlagen-Boom ist das vielleicht vielsagendste Angstbarometer der Bankenkrise in Europa.

Kein Wunder dann auch, dass nach den US-Politikern längst auch Amerikas Banker von Europa abrücken: Die US-Banken vertrauen vielen europäischen Instituten nicht mehr. Die zehn größten amerikanischen Geldmarktfonds haben nach Angaben der Ratingagentur Fitch allein von Mai bis Juli ihr Engagement bei Euroland-Banken um 79 Milliarden Dollar zurückgefahren. Das war ein Schnitt von 20 Prozent. Kein Wunder, dass die US-Notenbank Mitte September mit den Geldhütern in der Europäischen Union (EU), Japan, der Schweiz und Großbritannien vereinbarte, Euroland-Banken in einer konzertierten Aktion US Dollar zur Verfügung zu stellen.

All das sorgt an den Börsen für immer größere Unruhe und untergräbt auf gefährliche Weise das Vertrauen in die Kreditinstitute. Die europäische Zentralbank (EZB) versuchte am Donnerstag vergangener Woche, diesem Vertauensschwund entgegen zu wirken, als sie ankündigte, für 40 Milliarden Euro Pfandbriefe zu kaufen und den Geschäftsbanken unbegrenzt Einjahreskredite zu gewähren. Doch laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben allein die fünf Banken mit den meisten Staatsanleihen aus den besonders gefährdeten Staaten Portugal, Irland, Griechenland und Spanien 291 Milliarden Dollar im Feuer. Das ist knapp die Hälfte des erweiterten Europäischen Rettungsfonds.

Vertrauen verschwindet wie die Liquidität

Die Dimension dieser Zahlen - und die Häufigkeit, mit der sie gemeldet werden - sorgt an den Märkten für wachsende Nervosität. "Genauso wie wir in Europa eine Finanzkrise erleben", bemerkt Nicolas Checa, der Geschäftsführer bei der Vermögensberatung McLarty Associates in Washington, "so haben wir auch eine Institutionenkrise". Will sagen: Das Vertrauen verschwindet ebenso schnell wie die Liquidität am Interbanken-Geldmarkt. Diese Meinung wird immer öfter geteilt. "Es fühlt sich an, als habe Panik eingesetzt", sagte vor wenigen Tagen der Wirtschaftsprofessor David Blanchflower, der bis 2009 dem geldpolitischen Ausschuss der Bank of England angehörte.

Wie brisant sich die Schuldenkrise zugespitzt hat, wird auch an den Reaktionen wichtiger Kurse auf die Maßnahme der EZB deutlich. Die Zinssätze europäischer Banken für gegenseitige Ausleihungen blieben am Donnerstag auch nach der EZB-Ankündigung hoch. Sie hatten Ende September den höchsten Stand seit dem Höhepunkt der Börsenkrise im März 2009 erreicht. Und der Euro, der zum Greenback für kurze Zeit die Marke von 1,34 überwinden konnte, sank schnell wieder darunter. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass auch die Bank of England - wie die EZB - am Donnerstag in den Krisenmodus umschaltete, und eine Ausdehnung der laufenden Liquiditätsschöpfung um ein Drittel ankündigte.

Selbst der deutsche Bankenverband hat zum Wochenschluss angesichts befürchteter neuer Liquiditätsengpässe bei den Banken wachsendes Misstrauen innerhalb der Geldbranche eingeräumt: "Es ist eine Vertrauenskrise, die Leute sind verunsichert", sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer. Doch den Marktteilnehmern an der Börse entgeht es kaum, dass Beteuerungen und Realität immer weiter auseinander klaffen. "Wir sind entschlossen, alles Nötige zu tun, um sicher zu stellen, dass Europas Banken ihre extrem wichtige Rolle als Kreditgeber spielen können", beteuerte am Donnerstag Kommissions-Präsident Jose Barroso.

Doch am selben Tag veröffentlichte die EZB ihren neuen "Bank Lending Survey", für den sie monatlich die Kreditmanager von 124 Banken in der Euro-Zone über veränderte Kreditrichtlinien befragt. Und dort heißt es diesmal, "die Kreditstandards wurden im dritten Quartal signifikant verschärft, Ausleihungen an Unternehmen gingen um 16 Prozent zurück". So frisst sich die Vertrauenskrise der Banken in die reale Wirtschaft durch und schadet der Konjunktur. Für das vierte Quartal sagt die EZB übrigens "eine weitere Verschärfung der Kreditstandards" vorher.

Unternehmen in der Kreditklemme

Schleifspuren der Vertrauenskrise in der Realwirtschaft sind immer öfter zu erkennen. Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie sind im August erneut gesunken. Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung korrigierte seine Prognose für das kommende Jahr auf nur noch ein einprozentiges BIP-Wachstum nach unten. Und die Börsengänge in Europa gingen laut dem Unternehmensberater Ernst & Young vom zweiten auf das dritte Quartal um satte 60 Prozent zurück. Im Klartext: Firmen können sich an der Börse nur noch beschränkt mit neuem Kapital eindecken.

In dieser Situation hilft es dem Vertrauen kaum, dass jetzt auch noch eine dritte Runde von Stresstests für die Banken der Euro-Zone angekündigt wird. Und auch die Warnung des Steuerzahlerbunds gegen den Bankenrettungsplan von Bundeskanzlerin Merkel macht deutlich, wie widerstreitende Interessen - in diesem Falle zwischen Steuerzahlern und der Rettung des Euros - die Krise weiter zuspitzen. Wie sehr das Vertrauen in die Banken gelitten hat, zeigen vor allem deren Börsenkurse: Die Dexia-Aktie hat seit Februar zwei Drittel ihres Wertes verloren. Italiens größtes Geldhaus, die Intesa Sanpaolo, verlor seit Mitte Juli 40 Prozent an Wert, das französische Geldhaus BNP Paribas seit Anfang Juli 41 Prozent, die Deutsche Bank seit dem Februar 43 Prozent.

Kein Wunder, dass auch in den USA die Nervosität sprunghaft wächst. Dort hat die Administration von Barack Obama ihre eigenen Probleme. Das Land bekam im August mit der Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit eine empfindliche Kreditwatsche. Und auch in New York und Washington kursieren Gerüchte über mögliche Schieflagen von Banken. Bei der Bank of America musste vor drei Wochen Großinvestor Warren Buffett mit fünf Milliarden Dollar einspringen, um die Märkte zu beruhigen. Jetzt sorgt man sich an der Wall Street über Morgan Stanley, das Ende 2010 mit 39 Milliarden Dollar in französischen Banken engagiert war. Französische Banken haben bekanntlich ihrerseits starke Engagements in Griechenland, das weiter von einer Staatspleite bedroht ist. "Ist Morgan Stanley das nächste Lehman?", fragte vergangene Woche CNN Money.

US-Banken haben sich nicht stark in Griechenland engagiert, aber sie haben hunderte von Milliarden Dollar an europäische Banken ausgeliehen. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben amerikanische Banken den Regierungen der besonders hoch verschuldeten europäischen Staaten 36,2 Milliarden Dollar ausgeliehen, aber sie haben den Banken in diesen Staaten zusätzlich 60,6 Milliarden Dollar geliehen, darüber hinaus 275,8 Milliarden Dollar an Banken in Deutschland und Frankreich. Ein Dominoeffekt könnte auch jenseits des Atlantiks schnell zu einer Eskalation führen, wenn die Zinsen für kurzfristige Ausleihungen explodieren, die Aktienkurse einbrechen, oder Investoren ihr Geld zurück haben wollen. Mehr noch: In den USA befürchten viele, dass eine weitere Eskalation der Schuldenkrise in Europa den Euro abstürzen lässt und die US-Exporte ausgerechnet in einer Phase drosselt, in der wegen ausgezehrter Konsumenten dringend ein neues Zugpferd für die schlaffe Konjunktur gebraucht wird.

Die ernsteste Finanzkrise seit den 30er Jahren

Kein Wunder also, dass Barack Obama von den Regierungen im Euro-Land "schnelles Handeln" verlangt. Die Prämien für Versicherungen gegen einen Kreditausfall bei Morgan Stanley haben seit Jahresbeginn um 261 Prozent zugenommen, die für Goldman Sachs um 218 Prozent. Unter den weltweit sechs Banken mit dem stärksten Anstieg der Ausfallprämien finden sich vier amerikanische. Die Aktien von Morgan Stanley, Citigroup und Bank of America haben seit Jahresbeginn die Hälfte an Wert verloren.

Beruhigende Worte wie die des Analysten Richard Bove beim Brokerhaus Rochdale Securities in Stamford, Connecticut, "die US-Banken haben mehr Liquidität als in Jahrzehnten" vermögen in dieser Situation viele nicht zu überzeugen. Schließlich hat kein geringerer als der Präsident der regionalen US-Notenbankzweigstelle in Atlanta, Dennis Lockhart, am Wochenende darauf hingewiesen, dass in den USA noch kein Mechanismus für die Abwicklung großer Wall-Street-Banken ohne Inanspruchnahme von Steuergeld geschaffen wurde: "Das System, auf das wir hinarbeiten sollten", so mahnt Lockhart, "ist eines, in der keine Bank zu groß ist, um pleite zu gehen".

Die Versicherungsprämien für mögliche Kreditausfälle europäischer Staaten haben unterdessen historische Hochs erreicht, die nur nach der EZB-Ankündigung vom Donnerstag leicht nachgaben. In Spanien sind die Prämien seit Mai 100 Prozent teurer geworden, in Italien sind sie allein seit dem August um 100 Prozent gestiegen. Und in Deutschland haben sie sich die Kosten für Staatsanleihen mit fünf Jahren Laufzeit seit dem Juli von sehr niedrigem Niveau verdreifacht. "Dies ist die ernsteste Finanzkrise seit den 30er Jahren, vielleicht die ernsteste aller Zeiten", sagte Mervyn King der Gouverneur der Bank of England.