Donnerstag, 19. September 2019

Schleichender Finanzinfarkt Obama macht Europa für Weltkrise verantwortlich

US-Präsident Barack Obama Europas Schuldenkrise bedrohe die Vereinigten Staaten

Es war ein Gipfel für die Börse: Frankreichs Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel haben klargestellt, Europas Banken vor der Staatsschuldenkrise schützen zu wollen. An der Weltleitbörse in New York macht das kaum Eindruck. US-Präsident Barack Obama beginnt vielmehr, Amerikas Probleme den Europäern in die Schuhe zu schieben.

New York - Europa-Gipfel in Berlin, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trifft Frankreichs Präsident Nikolas Sarkozy, und Amerika ist plötzlich interessiert. Zu schwer wiegen die Wellen des Schuldentsunamis, der von Europa aus auch die USA treffen kann. Doch das Ergebnis, das Sarkozy und seine deutsche Kollegin Merkel in der wohl drängendsten aktuellen Krisenfrage vorzuweisen hatten, der Bankenstützung, blieb vage. Beide betonten, man werde "das Nötige" tun, um die Rekapitalisierung der Banken sicherzustellen. Das allerdings reicht nicht, um wachsender Nervosität in Washington und New York zu begegnen.

Die lange Serie alarmierender Nachrichten legt aus US-Sicht nur eines nahe: Ein Ende der Staatsschuldenkrise zeichnet sich nicht ab. Im Gegenteil: Am Freitag stufte Moody's gleich zwölf britische und neun portugiesische Banken ab. Begleitet wurde die Nachricht von Berichten über mögliche Probleme bei der Royal Bank of Scotland, die seit der Finanzkrise zu 82 Prozent dem Staat gehört. Auch die Ratingagentur Fitch sah sich zu Herabstufungen genötigt, sie verpasste am Freitag Spanien und Italien ein Downgrade. Bei solch einer Häufung von Katastrophenmeldungen aus Europa fällt es den US-Offiziellen leicht, von eigenen wirtschaftlichen Problemen abzulenken.

Selbst der greise US-Zentralbankchef Alan Greenspan ist vor Mikrophone getreten und diktiert den Reportern in den Block, die Schuldenkrise auf der anderen Seite des Atlantiks als "sehr gefährlich". Der wahlkämpfende US-Präsident Barack Obama wurde in der vergangenen Woche noch deutlicher: "Die größte Bedrohung für unsere Konjunktur ist die Ungewissheit, die von der Krise in Europa ausgeht".

Währenddessen läuft die Zerschlagung des belgisch-französischen Finanzkonzerns Dexia, der noch im Juli locker den jüngsten Stresstest der europäischen Bankenaufsicht bestanden hatte. Dexia hat beim Spekulieren einen Hebel von 60:1 erreicht. Zum Vergleich: Als Lehman Brothers im Herbst 2008 pleite ging, lag diese Wagnisspanne bei 30:1. Die Hoffnung und das Vertrauen, dass nach der Finanzkrise von 2008 an den Finanzmärkten kleinere Räder gedreht würden, werden von solchen Nachrichten zerschlagen. Und die EU-Kommission bereitet nach Angaben von Jose Barroso "eine koordinierte Aktion zur Rekapitalisierung der Banken" voran, um "toxische Anleihen zu beseitigen".

Bohrende Angst vor der ungewissen Zukunft

All das schürt die Angst, dass die Lage bei den Banken ernster ist als angenommen. Diesen Eindruck verstärkt auch die mögliche Zwangskapitalisierung, über die europäische Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfeltreffen übernächste Woche beraten wollen.

Auch das wachsende Misstrauen der Banken untereinander erreicht immer neue Spitzenwerte. Auf dem Interbanken-Geldmarkt ist ein schleichender Infarkt zu beobachten, genau wie 2008. Die Einlagen von Geschäftsbanken bei der EZB haben gewaltige Höhen erreicht; sie deponieren so viel Geld bei der Europäischen Zentralbank wie seit Juni 2010 nicht mehr. Und das, obwohl die EZB den Geschäftsbanken für das Übernacht-Geld lediglich 0,75 Prozent Zinsen zahlt, verglichen mit 0,97 Prozent auf dem Geldmarkt. Dass die Banken trotzdem mit rasant wachsendem Tempo Geld bei der EZB parken, spricht Bände. Allein am Freitag nahm diese "Einlagen-Fazilität", wie sie von der Notenbank genannt wird, um acht Milliarden Euro auf 229 Milliarden zu. Das war ein Zuwachs um 4 Prozent an einem Tag. In den vergangenen zwei Wochen sind die Einlagen um satte 38 Prozent regelrecht explodiert. Dieser Einlagen-Boom ist das vielleicht vielsagendste Angstbarometer der Bankenkrise in Europa.

Kein Wunder dann auch, dass nach den US-Politikern längst auch Amerikas Banker von Europa abrücken: Die US-Banken vertrauen vielen europäischen Instituten nicht mehr. Die zehn größten amerikanischen Geldmarktfonds haben nach Angaben der Ratingagentur Fitch allein von Mai bis Juli ihr Engagement bei Euroland-Banken um 79 Milliarden Dollar zurückgefahren. Das war ein Schnitt von 20 Prozent. Kein Wunder, dass die US-Notenbank Mitte September mit den Geldhütern in der Europäischen Union (EU), Japan, der Schweiz und Großbritannien vereinbarte, Euroland-Banken in einer konzertierten Aktion US Dollar zur Verfügung zu stellen.

All das sorgt an den Börsen für immer größere Unruhe und untergräbt auf gefährliche Weise das Vertrauen in die Kreditinstitute. Die europäische Zentralbank (EZB) versuchte am Donnerstag vergangener Woche, diesem Vertauensschwund entgegen zu wirken, als sie ankündigte, für 40 Milliarden Euro Pfandbriefe zu kaufen und den Geschäftsbanken unbegrenzt Einjahreskredite zu gewähren. Doch laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben allein die fünf Banken mit den meisten Staatsanleihen aus den besonders gefährdeten Staaten Portugal, Irland, Griechenland und Spanien 291 Milliarden Dollar im Feuer. Das ist knapp die Hälfte des erweiterten Europäischen Rettungsfonds.

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