Dienstag, 22. Oktober 2019

Schleichender Finanzinfarkt Obama macht Europa für Weltkrise verantwortlich

US-Präsident Barack Obama Europas Schuldenkrise bedrohe die Vereinigten Staaten

2. Teil: Vertrauen verschwindet wie die Liquidität

Die Dimension dieser Zahlen - und die Häufigkeit, mit der sie gemeldet werden - sorgt an den Märkten für wachsende Nervosität. "Genauso wie wir in Europa eine Finanzkrise erleben", bemerkt Nicolas Checa, der Geschäftsführer bei der Vermögensberatung McLarty Associates in Washington, "so haben wir auch eine Institutionenkrise". Will sagen: Das Vertrauen verschwindet ebenso schnell wie die Liquidität am Interbanken-Geldmarkt. Diese Meinung wird immer öfter geteilt. "Es fühlt sich an, als habe Panik eingesetzt", sagte vor wenigen Tagen der Wirtschaftsprofessor David Blanchflower, der bis 2009 dem geldpolitischen Ausschuss der Bank of England angehörte.

Wie brisant sich die Schuldenkrise zugespitzt hat, wird auch an den Reaktionen wichtiger Kurse auf die Maßnahme der EZB deutlich. Die Zinssätze europäischer Banken für gegenseitige Ausleihungen blieben am Donnerstag auch nach der EZB-Ankündigung hoch. Sie hatten Ende September den höchsten Stand seit dem Höhepunkt der Börsenkrise im März 2009 erreicht. Und der Euro, der zum Greenback für kurze Zeit die Marke von 1,34 überwinden konnte, sank schnell wieder darunter. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass auch die Bank of England - wie die EZB - am Donnerstag in den Krisenmodus umschaltete, und eine Ausdehnung der laufenden Liquiditätsschöpfung um ein Drittel ankündigte.

Selbst der deutsche Bankenverband hat zum Wochenschluss angesichts befürchteter neuer Liquiditätsengpässe bei den Banken wachsendes Misstrauen innerhalb der Geldbranche eingeräumt: "Es ist eine Vertrauenskrise, die Leute sind verunsichert", sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken, Michael Kemmer. Doch den Marktteilnehmern an der Börse entgeht es kaum, dass Beteuerungen und Realität immer weiter auseinander klaffen. "Wir sind entschlossen, alles Nötige zu tun, um sicher zu stellen, dass Europas Banken ihre extrem wichtige Rolle als Kreditgeber spielen können", beteuerte am Donnerstag Kommissions-Präsident Jose Barroso.

Doch am selben Tag veröffentlichte die EZB ihren neuen "Bank Lending Survey", für den sie monatlich die Kreditmanager von 124 Banken in der Euro-Zone über veränderte Kreditrichtlinien befragt. Und dort heißt es diesmal, "die Kreditstandards wurden im dritten Quartal signifikant verschärft, Ausleihungen an Unternehmen gingen um 16 Prozent zurück". So frisst sich die Vertrauenskrise der Banken in die reale Wirtschaft durch und schadet der Konjunktur. Für das vierte Quartal sagt die EZB übrigens "eine weitere Verschärfung der Kreditstandards" vorher.

Unternehmen in der Kreditklemme

Schleifspuren der Vertrauenskrise in der Realwirtschaft sind immer öfter zu erkennen. Die Auftragseingänge in der deutschen Industrie sind im August erneut gesunken. Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung korrigierte seine Prognose für das kommende Jahr auf nur noch ein einprozentiges BIP-Wachstum nach unten. Und die Börsengänge in Europa gingen laut dem Unternehmensberater Ernst & Young vom zweiten auf das dritte Quartal um satte 60 Prozent zurück. Im Klartext: Firmen können sich an der Börse nur noch beschränkt mit neuem Kapital eindecken.

In dieser Situation hilft es dem Vertrauen kaum, dass jetzt auch noch eine dritte Runde von Stresstests für die Banken der Euro-Zone angekündigt wird. Und auch die Warnung des Steuerzahlerbunds gegen den Bankenrettungsplan von Bundeskanzlerin Merkel macht deutlich, wie widerstreitende Interessen - in diesem Falle zwischen Steuerzahlern und der Rettung des Euros - die Krise weiter zuspitzen. Wie sehr das Vertrauen in die Banken gelitten hat, zeigen vor allem deren Börsenkurse: Die Dexia-Aktie hat seit Februar zwei Drittel ihres Wertes verloren. Italiens größtes Geldhaus, die Intesa Sanpaolo, verlor seit Mitte Juli 40 Prozent an Wert, das französische Geldhaus BNP Paribas seit Anfang Juli 41 Prozent, die Deutsche Bank seit dem Februar 43 Prozent.

Kein Wunder, dass auch in den USA die Nervosität sprunghaft wächst. Dort hat die Administration von Barack Obama ihre eigenen Probleme. Das Land bekam im August mit der Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit eine empfindliche Kreditwatsche. Und auch in New York und Washington kursieren Gerüchte über mögliche Schieflagen von Banken. Bei der Bank of America musste vor drei Wochen Großinvestor Warren Buffett mit fünf Milliarden Dollar einspringen, um die Märkte zu beruhigen. Jetzt sorgt man sich an der Wall Street über Morgan Stanley, das Ende 2010 mit 39 Milliarden Dollar in französischen Banken engagiert war. Französische Banken haben bekanntlich ihrerseits starke Engagements in Griechenland, das weiter von einer Staatspleite bedroht ist. "Ist Morgan Stanley das nächste Lehman?", fragte vergangene Woche CNN Money.

US-Banken haben sich nicht stark in Griechenland engagiert, aber sie haben hunderte von Milliarden Dollar an europäische Banken ausgeliehen. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben amerikanische Banken den Regierungen der besonders hoch verschuldeten europäischen Staaten 36,2 Milliarden Dollar ausgeliehen, aber sie haben den Banken in diesen Staaten zusätzlich 60,6 Milliarden Dollar geliehen, darüber hinaus 275,8 Milliarden Dollar an Banken in Deutschland und Frankreich. Ein Dominoeffekt könnte auch jenseits des Atlantiks schnell zu einer Eskalation führen, wenn die Zinsen für kurzfristige Ausleihungen explodieren, die Aktienkurse einbrechen, oder Investoren ihr Geld zurück haben wollen. Mehr noch: In den USA befürchten viele, dass eine weitere Eskalation der Schuldenkrise in Europa den Euro abstürzen lässt und die US-Exporte ausgerechnet in einer Phase drosselt, in der wegen ausgezehrter Konsumenten dringend ein neues Zugpferd für die schlaffe Konjunktur gebraucht wird.

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