Donnerstag, 19. September 2019

Auf Schnäppchenjagd Brasilianer starten Übernahmewelle in Europa

Latinorevolte: Europas Konzerne in der Südamerika-Abwehrschlacht
REUTERS

Südamerikas Firmenriesen greifen an. Sie nutzen die Krise Europas und der USA und gehen auf Schnäppchenjagd. Jetzt gilt: Wo immer es für deutsche Konzerne etwas zu holen gibt - mit der Konkurrenz aus Brasilien etwa müssen sie rechnen. Deutschlands Energieprimus Eon könnte das als erster spüren.

Buenos Aires - Was Luiz Inácio Lula da Silva da in seinen grauen Bart gemurmelt hat, war eigentlich eine Unverfrorenheit: "Im Jahr 1500 hat Portugal Brasilien entdeckt", sagte Brasiliens Ex-Präsident unlängst, "jetzt ist es an der Zeit, dass wir Portugal entdecken." Er habe, fügte Lula hinzu, mit der portugiesischen Staatsspitze darüber gesprochen, wie das Land zum Wachstum Brasiliens "beitragen" könne. Lange trugen angolanische Sklaven in brasilianischen Minen zu Portugals Wachstum bei, nun also umgekehrt?

Genau. Auch wenn Europa und die USA so schnell nicht zu Kolonien absteigen und den Belegschaften keine Versklavung droht, müssen sie sich doch mit einer neuen weltweiten Rangfolge vertraut machen. Heute, am Donnerstag, beraten die Finanzminister der Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika über einen koordinierten Kauf europäischer Staatsanleihen, um die Währung zu stützen und um ihre immensen Dollar-Reserven zu verwerten.

Unwahrscheinlich jedoch, dass im großen Stil riskante europäische Schuldtitel wie die Griechenlands, Italiens oder Portugals über den Tresen gehen. Alternativ schlug der brasilianische Finanzminister Guido Mantega daher vor, die Staaten sollten dem Internationalen Währungsfonds ( IWF) Geld leihen; Brasilien könne zehn Milliarden Dollar locker machen. Beim IWF wäre das Geld sicherer als in Ramschanleihen, er hat noch stets seine Kredite zurückbekommen. Auch diese Lösung wäre ein Umbruch, denn die größten Geldgeber sind bislang die Industrieländer, eine neue Stimmenverteilung im IWF stünde an.

Dabei sind die Beratungen in Washington nur die Spitze des Eisbergs, die Zeitenwende bahnt im Einzelfall weitaus dramatischer durch die Expansion von Unternehmen aus den Schwellenländern an. "Die Brics können Europa auch helfen", sagt Alex Agostini, Chefökonom der brasilianischen Ratingagentur Austin Rating, "indem sie in dort in die Industrie und in den Finanzsektor investieren."

Harte Konkurrenz für Europa

Und das tun vorwiegend nicht Finanzminister, sondern Konzernchefs. "Mulitlatinas", lateinamerikanische multinationale Konzerne, sind vor allem in Brasilien in vielen Branchen zu harten Konkurrenten europäischer und auch deutscher Unternehmen aufgestiegen.

Jetzt, angesichts der Wirtschaftskrise in den USA und Europa könnten brasilianische Unternehmen im Norden Schnäppchenjagd gehen, sagt Bruno Amaral, M&A-Direktor des brasilianischen Investmentbanking-Verbands; europäische Firmen würden wieder attraktiv. Im ersten Halbjahr ging das Übernahmevolumen von Brasilianern im Ausland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar um 70 Prozent auf rund 7,6 Milliarden Dollar zurück. Aber 2010 ballten sich viele Deals, nun rollt eine neue Übernahmewelle der Multilatinas an.

In Portugal ist sie schon angekommen. Der brasilianische Ölriese Petrobras scheiterte Anfang des Jahres bei der der Übernahme des portugiesischen Energiekonzerns Galp noch knapp am Widerstand des italienischen Galp-Miteigners Enel Börsen-Chart zeigen. Eine Neuauflage des brasilianisch-italienischen Duells ist aber nur eine Frage der Zeit. Aber jetzt stellt der hochverschuldete portugiesische Staat erst einmal drei andere Firmen ganz oder teilweise zum Verkauf, wendet sich Portugals Premier auch direkt an deutsche Konzerne wie Eon und die Lufthansa Börsen-Chart zeigen , um insgesamt 5,5 Milliarden Euro zu erlösen: Energias de Portugal (EdP), den Stromnetzbetreiber REN und die Fluglinie TAP. Und dabei bekommen es die Deutschen mit den Brasilianern zu tun.

Portugals Ministerpräsident Pedro Passos Coelho erklärte schon, Eon-Chef Johannes Theyssen habe ihm gegenüber Interesse am 20-Prozent-Anteil des Staates angemeldet. Das ist nicht gelogen. Theyssen hatte im Juli eine Expansion nach Brasilien angekündigt - da würde EdP mit seinem Engagement in Südamerika helfen. Aber die Aussage Coelhos ist vor allem ein Mittel, den Preis hochzutreiben. Und zwar für die Brasilianer. Denn nicht wenig spricht dafür, dass der brasilianische Stromkonzern Eletrobras, der größte des Kontinents, zum Zug kommt.

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