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Latinorevolte: Europas Konzerne in der Südamerika-Abwehrschlacht

Foto: ALEXANDRE MOTA/ AFP

Auf Schnäppchenjagd Brasilianer starten Übernahmewelle in Europa

Südamerikas Firmenriesen greifen an. Sie nutzen die Krise Europas und der USA und gehen auf Schnäppchenjagd. Jetzt gilt: Wo immer es für deutsche Konzerne etwas zu holen gibt - mit der Konkurrenz aus Brasilien etwa müssen sie rechnen. Deutschlands Energieprimus Eon könnte das als erster spüren.
Von Stefan Biskamp

Buenos Aires - Was Luiz Inácio Lula da Silva da in seinen grauen Bart gemurmelt hat, war eigentlich eine Unverfrorenheit: "Im Jahr 1500 hat Portugal Brasilien entdeckt", sagte Brasiliens Ex-Präsident unlängst, "jetzt ist es an der Zeit, dass wir Portugal entdecken." Er habe, fügte Lula hinzu, mit der portugiesischen Staatsspitze darüber gesprochen, wie das Land zum Wachstum Brasiliens "beitragen" könne. Lange trugen angolanische Sklaven in brasilianischen Minen zu Portugals Wachstum bei, nun also umgekehrt?

Genau. Auch wenn Europa und die USA so schnell nicht zu Kolonien absteigen und den Belegschaften keine Versklavung droht, müssen sie sich doch mit einer neuen weltweiten Rangfolge vertraut machen. Heute, am Donnerstag, beraten die Finanzminister der Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika über einen koordinierten Kauf europäischer Staatsanleihen, um die Währung zu stützen und um ihre immensen Dollar-Reserven zu verwerten.

Unwahrscheinlich jedoch, dass im großen Stil riskante europäische Schuldtitel wie die Griechenlands, Italiens oder Portugals über den Tresen gehen. Alternativ schlug der brasilianische Finanzminister Guido Mantega daher vor, die Staaten sollten dem Internationalen Währungsfonds ( IWF) Geld leihen; Brasilien könne zehn Milliarden Dollar locker machen. Beim IWF wäre das Geld sicherer als in Ramschanleihen, er hat noch stets seine Kredite zurückbekommen. Auch diese Lösung wäre ein Umbruch, denn die größten Geldgeber sind bislang die Industrieländer, eine neue Stimmenverteilung im IWF stünde an.

Dabei sind die Beratungen in Washington nur die Spitze des Eisbergs, die Zeitenwende bahnt im Einzelfall weitaus dramatischer durch die Expansion von Unternehmen aus den Schwellenländern an. "Die Brics können Europa auch helfen", sagt Alex Agostini, Chefökonom der brasilianischen Ratingagentur Austin Rating, "indem sie in dort in die Industrie und in den Finanzsektor investieren."

Harte Konkurrenz für Europa

Und das tun vorwiegend nicht Finanzminister, sondern Konzernchefs. "Mulitlatinas", lateinamerikanische multinationale Konzerne, sind vor allem in Brasilien in vielen Branchen zu harten Konkurrenten europäischer und auch deutscher Unternehmen aufgestiegen.

Jetzt, angesichts der Wirtschaftskrise in den USA und Europa könnten brasilianische Unternehmen im Norden Schnäppchenjagd gehen, sagt Bruno Amaral, M&A-Direktor des brasilianischen Investmentbanking-Verbands; europäische Firmen würden wieder attraktiv. Im ersten Halbjahr ging das Übernahmevolumen von Brasilianern im Ausland im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar um 70 Prozent auf rund 7,6 Milliarden Dollar zurück. Aber 2010 ballten sich viele Deals, nun rollt eine neue Übernahmewelle der Multilatinas an.

In Portugal ist sie schon angekommen. Der brasilianische Ölriese Petrobras scheiterte Anfang des Jahres bei der der Übernahme des portugiesischen Energiekonzerns Galp noch knapp am Widerstand des italienischen Galp-Miteigners Enel . Eine Neuauflage des brasilianisch-italienischen Duells ist aber nur eine Frage der Zeit. Aber jetzt stellt der hochverschuldete portugiesische Staat erst einmal drei andere Firmen ganz oder teilweise zum Verkauf, wendet sich Portugals Premier auch direkt an deutsche Konzerne wie Eon und die Lufthansa  , um insgesamt 5,5 Milliarden Euro zu erlösen: Energias de Portugal (EdP), den Stromnetzbetreiber REN und die Fluglinie TAP. Und dabei bekommen es die Deutschen mit den Brasilianern zu tun.

Portugals Ministerpräsident Pedro Passos Coelho erklärte schon, Eon-Chef Johannes Theyssen habe ihm gegenüber Interesse am 20-Prozent-Anteil des Staates angemeldet. Das ist nicht gelogen. Theyssen hatte im Juli eine Expansion nach Brasilien angekündigt - da würde EdP mit seinem Engagement in Südamerika helfen. Aber die Aussage Coelhos ist vor allem ein Mittel, den Preis hochzutreiben. Und zwar für die Brasilianer. Denn nicht wenig spricht dafür, dass der brasilianische Stromkonzern Eletrobras, der größte des Kontinents, zum Zug kommt.

Stromerzeuger, Fluglinien und Konsumgüter

Eletrobras "untersucht die Möglichkeit, global zu expandieren" und analysiere den Verkaufsprozess in Portugal, sagt Eletrobras-Technologiedirektor Ubirajara Rocha Meira. Nach Einschätzung von Nivalde de Castro, Professor an der Universität von Rio de Janeiro, wäre der Deal "eine perfekte Hochzeit". Eletrobras könne seine Internationalisierung mit EdP beginnen und von den Beteiligungen der Portugiesen in weiteren Ländern profitieren.

Mit dem Staat im Rücken, der die Mehrheit an Eletrobras hält, haben die Brasilianer kaum Finanzierungsprobleme. Die deutsche Eon dagegen ist ein Energieriese, der vollkommen in privater Hand ist, deshalb auf keine Staatsunterstützung im Übernahmekampf hoffen kann - und derzeit auch noch Restrukturierungen im eigenen Haus stemmen muss. Gut möglich also, dass statt nicht Eon den Sprung nach Brasilien schafft, sondern umgekehrt Brasilien den Sprung nach Europa. Verkehrte Welt.

Lula wollte aus Eletrobras schon lange einen "globalen Mega-Stromerzeuger" machen. Seit Anfang des Jahres ist er nur noch brasilianischer Ex-Präsident, aber dank enormer Hausmacht daheim und hohem Ansehen in der Welt hat sein Wort Gewicht wie zuvor. Und befreit von den Mühen des Tagesgeschäfts spannt er nun den großen Bogen.

Die subtil-unverfrorene Bemerkung über den Beitrag Portugals zu Brasiliens Aufstieg ließ er ausgerechnet am Jahrestag der Unabhängigkeit seines von der einstigen Kolonialmacht, als sich die Schönen, Reichen und Wichtigen Portugals in Lissabon zum Botschaftsempfang trafen. Und er fügte noch hinzu, dass brasilianische Unternehmen doch bitte mehr in Portugal investieren sollten, um dem Land in seiner Schuldenkrise zu helfen. Die Fluglinie TAP, zum Beispiel, sei doch "ein äußerst wichtiges Unternehmen".

Lufthansa unter Druck

Ein TAP-Sprecher bedankte sich artig für die "hohe Ehre". Aber wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Portugal brauchte im Frühjahr 78 Milliarden Euro von Europäischer Union und IWF, Brasiliens Wirtschaft dagegen brummt.

Die größte Wirtschaftsmacht des Kontinents beheimatet die meisten Multilatinas, etwa Petrobras, den Stahlkocher Vale oder den Flugzeugbauer Embraer - jeweils unter den größten ihrer Branche. Die Fluglinie TAM wartet bei der vor einem Jahr angekündigten Fusion mit Chiles LAN noch auf das Okay der chilenischen Wettbewerbsbehörde. Eine der weltgrößten Linien würde so entstehen - die mit dem Kauf der portugiesischen TAP gleich die Expansion nach Europa und Afrika starten könnte.

Die Lufthansa , der auch Interesse an TAP nachgesagt wurde, baut das wachsende Geschäft mit der Boomregion Südamerika derzeit mit eigenen Fliegern aus. Pikant für die Deutschen ist jedoch, dass ihr Star-Alliance-Partner TAM mit dem Oneworld-Mitglied LAN zusammengeht. Selbst wenn die Lufthansa nicht in den Bieterkampf um TAP einsteigt: Der Fluglinien-Merger zeigt, dass lateinamerikanische Unternehmen ihre lukrativen Heimatmärkte nun selbst übernehmen - und gleichzeitig in den Norden expandieren.

Und das tun sie in einer Reihe von Branchen. Beispiel Konsumgüter: Der brasilianische Fleischkonzern JBS, der größte der Welt, griff vor einigen Monaten nach US-Nahrungsmittelkonzerns Sara Lee, einem Urgestein der Branche. Der Deal scheiterte knapp, aber dies gegen den Trend. Rivale Marfrig hat seit seiner Gründung 1986 gut 40 Übernahmen gestemmt, im vergangenen Jahr unter anderem den Kauf des US-Fleischproduzenten Keystone für rund 1,3 Milliarden Dollar. Derzeit kümmert sich Marfrig nach Aussagen von Vorstandschef Marcos Molina nun erst einmal um Kostensenkungen, "Ende des Jahres machen wir einen Strategieplan". Dann stehen neue Zukäufe an.

Brasiliens Einmischung in die deutsche Stahlindustrie

Doch nicht nur in rohstoffnahen Industrien preschen Brasilianer vor. Der Motorenhersteller Weg ist in 50 Ländern vertreten und hat 2010 die Kontrolle des mexikanischen Wettbewerbers Voltran übernommen, der Hochtief-Konkurrent Odebrecht mischt in praktisch jedem Infrastrukturprojekt Lateinamerikas mit. Der brasilianische IT-Dienstleister Stefanini, 12.000 Mitarbeiter stark, stemmte vor kurzem eine Übernahme im IT-Kernland USA und will bis 2013 seinen Umsatz auf 1,2 Milliarden Dollar verdoppeln.

Auch im deutschen Sprachraum greifen Mulitlatinas an. Die Übernahme des Stahlwerks Thüringen durch einen brasilianischen Stahlkocher wurde zwar vor einigen Tagen abgeblasen, doch in der Branche geht es rund. So kündigte Magnesita - mit einem Umsatz von zuletzt rund einer Milliarde Euro einer der drei größten Anbieter von Feuerschutzsystemen vor allem für die Stahlindustrie - gerade weitere Zukäufe an. "Es ist unser erklärtes Ziel, in Europa und in Amerika weiter zu wachsen", sagte Magnesita-Chef Ronaldo Iabrudi vor wenigen Tagen. "Ein neues Investment in Brasilien oder China ist im Moment sehr teuer, außerhalb Brasiliens hat das derzeit mehr Sinn."

Das ist der heikelste Punkt für europäische Unternehmen: Expansion in die Schwellenländer müssen sie teuer bezahlen; für die Mulitlatinas ist der Gang nach Europa viel billiger. Das bekommt der österreichische Feuerfest-Marktführer RHI zu spüren. Das Unternehmen fängt gerade an, in Brasilien mühsam ein Werk zu bauen.

Die Rohstoffmacht im Rücken

Das können sich die Österreicher möglicherweise sparen. Denn Branchenkreisen zufolge ist Magnesita auch an einem Kauf von RHI interessiert; dessen Hauptanteilseigner, ein österreichischer Finanzinvestor, gilt als verkaufswillig. Magnesita, im Besitz einer brasilianischen Private-Equity-Firma, hat schon 2008 für 657 Millionen Euro den deutschen Anbieter LWB Refractories übernommen.

Der Trumpf des brasilianischen Unternehmens: Im Heimatland sitzt es auf reichen Rohstoffvorkommen, die Konkurrenten wie RHI zukaufen müssen. Ähnlich ist auch die Ausgangslage zwischen ThyssenKrupp  und dem brasilianischen Stahlkonzern Vale. Die Deutschen mussten für den Bau ihres neuen brasilianischen Werks eine drastisch gestiegene Verschuldung in Kauf nehmen. Hier sind Multilatinas im Vorteil: "Brasilianische Unternehmen haben tendenziell eine geringe Verschuldung, sie sind liquide", sagt Joel Roberto, Investmentbanker der Deutschen Bank in Sao Paulo. Zudem wird ihre Expansion aktiv von der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES gefördert.

Dabei verengt der Blick auf Brasilien die wahre Dimension der wirtschaftlichen Zeitenwende. Denn in Portugal steigen nicht nur Unternehmen aus dem Schwellenland ein, sondern auch aus einer weiteren Ex-Kolonie: aus Angola. Die angolanische Bank BIC schnappt sich gerade das Geldhaus Banco Português de Negócios.