Rezessionsangst Das Wanken der Weltwirtschaft

Wie steuert man Unternehmen durch die Rezession?  BCG-Partner Daniel Stelter hat exklusiv für manager magazin die wahrscheinlichsten Szenarien für die nächsten Jahre entwickelt. Er beschreibt, wie Firmen die drei größten Risiken - Tod der Euro-Zone, Inflation, Stagnation - meistern können.
Angst vor der Rezession: Die G7-Staaten fürchten einen Absturz der Weltwirtschaft

Angst vor der Rezession: Die G7-Staaten fürchten einen Absturz der Weltwirtschaft

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Hamburg - Das halbgare Ergebnis des jüngsten Treffens der G7-Staaten bestätigt die Basisprognose des Konjunkturfachmanns der Boston Consulting Group (BCG) voll und ganz: "Die Regierungen wursteln sich irgendwie durch", sagt Stelter. Hier ein paar halbherzige Programme zur Stützung der Wirtschaft wie gerade von US-Präsident Barack Obama verkündet. Dort ein paar kernige Sparappelle wie sie der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble in Marseille predigte. Den entsprechenden Report lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des manager magazins.

Mit dieser Halb-und-Halb-Taktik erreichen die Staatschefs nach Stelters Prognose zwar, dass ihre Länder nicht voll und ganz in die Rezession abgleiten und damit die Weltwirtschaft nach unten ziehen. Insgesamt aber verlangsamt sich das globale Wachstum deutlich. Im Westen bleibt es deutlich hinter dem eigentlichen Potenzial zurück. Die aufstrebenden Staaten - allen voran China - erzielen zwar eine höhere Dynamik, leiden aber auch unter der sich abschwächenden Nachfrage ihrer größten Abnehmer.

So entsteht eine globale Abwärtsspirale, die am Ende auch dem Boom im Exportland Deutschland Kraft nehmen wird. Um die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung aufzufangen, müssten die Regierungen von Industrie- und Schwellenländern zunehmend zusammen arbeiten, um die unheilvollen Ungleichgewichte zwischen den Regionen Schritt für Schritt zu verringern. In etwa so, wie sie es in während der Finanzkrise 2008/09 vorexerzierten.

Nur wenn es nachhaltig zu einer besseren Koordination kommt - insbesondere beim Ausgleich der Handelsdefizite - bleibt die Welt von den Risiken eines Zusammenbruchs des Euro, einer plötzlichen, hohen Inflation oder einer dauerhaften Stagnation verschont.

Auf kurze Aufschwungsperioden folgen häufige, heftige Rezessionen

Doch selbst wenn die Staaten langfristig kooperieren - die Abkühlung der Weltwirtschaft erfolgt mitnichten langsam und kontinuierlich, prophezeit Stelter. Stattdessen wechseln sich kurze Aufschwungsperioden mit häufigen und heftigen Rezessionen ab. Deshalb müssen sich die Unternehmen in den kommenden Jahren auf ein hektisches Auf und Ab vorbereiten: Die ohnehin schon verstärkte Volatilität in den Märkten nimmt weiter beträchtlich zu.

Um die Abwärtsbewegungen zu dämpfen, überschwemmen die westlichen Notenbanken auch weiterhin die Ökonomien mit Geld. Diese Liquiditätsschwemme erhöht die Inflationsgefahr - zumal auch die Rohstoffpreise durch die weltweite Knappheit tendenziell weiter steigen. Immerhin besteht von der Nachfrageseite her kein zusätzlicher Inflationsdruck. Denn die meisten Staaten versuchen ihrer erdrückenden Schuldenlast Herr zu werden, indem sie Steuern erhöhen und damit private Kaufkraft abschöpfen.

Auf diese Weise kommt der dringend notwendige Schuldenabbau zwar voran. Allerdings nur in einem sehr langwierigen Prozess, da sowohl geringes Wachstum als auch eine immer noch moderate Inflation hier keine schnellen Erfolge ermöglichen.

Einen Hoffnungsschimmer zumindest enthält Stelters durchwachsenes Szenario: Seiner Einschätzung nach wird die Rekapitalisierung des Bankensektors gelingen, wenn auch nur schleppend. Dadurch normalisiert sich die Kreditvergabe an Privathaushalte und Unternehmen, die sich wieder leichter refinanzieren können. Langsam normalisiert sich die Lage am Kapitalmarkt wieder. Entsprechend fällt es den Unternehmen relativ leicht, ihre Finanzen solide aufzustellen und sich auf eine Zeit vermehrter Krisen vorzubereiten.

Aktionsplan: Wie sich Unternehmen vor dem Abschwung schützen können

Um gegen die ständigen Ausschläge der Konjunktur gefeit zu sein, empfiehlt ihnen der Unternehmensberater von BCG einen mehrstufigen Aktionsplan.

So sollten sie sich darauf konzentrieren, neues Wachstum zu generieren. Dies gelingt ihnen natürlich besonders leicht in den aufstrebenden Staaten, in denen sich eine wachsende Mittelschicht immer mehr leisten kann - auch Konsumgüter aus den traditionellen Industriestaaten. Um die neue Kundschaft vor Ort bedienen zu können, müssen die Hersteller vor Ort nicht nur den Vertrieb aufbauen sondern auch lokal produzieren.

Daneben müssen sie ein attraktives Angebotsportfolio entwickeln - am besten indem sie in Innovationen in Produkte, Prozesse und Geschäftsmodelle investieren. Denn um sich schnell an Veränderungen anpassen zu können, bedarf es einer größtmöglichen Flexibilität. Dazu zählen auch variable Kostenstrukturen und das Vermeiden langfristiger Verpflichtungen. Schnell agieren zu können wird zum entscheidenden Erfolgskriterium in den wechselhaften Wetterlagen der Zukunft.

Erhöhte Agilität alleine indes schützt nicht vor den drei großen zusätzlichen Gefahren, die BCG-Mann Stelter in seinen Risikoszenarien beschreibt: Tod der Euro-Zone, Ketchup-Inflation sowie dauerhafte Stagnation wie während der "Verlorenen Dekade" im Japan der 1990er Jahre.

Risiko 1: Tod der Euro-Zone

Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) philosophiert bereits ungehemmt über eine Staatspleite Griechenlands. Und sein Kollege Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) kann sich durchaus einen Austritt des schuldengeplagten Staates aus dem Euro vorstellen - für einen Weltuntergang hält er eine solche Entwicklung jedenfalls nicht.

Keine Frage, das Szenario eines Zusammenbruchs der europäischen Gemeinschaftswährung erscheint gerade in diesen Wochen besonders bedrohlich.

Kommt es zu einer weiteren Verschärfung der Schuldenkrise in den Ländern an der Euro-Peripherie und kann sich die Europäische Union wegen des Widerstands der Geberländer - allen voran Deutschlands - nicht auf eine Transferunion einigen, dann ist es bis zum Austritt einzelner Länder aus der Währungsunion nur noch ein kleiner Schritt. Die daraus resultierende Unsicherheit im Finanzsektor führt unweigerlich zu einer restriktiven Vergabe von Krediten auch an den privaten Sektor.

Das wirtschaftlich äußerst eng verflochtene Europa erleidet durch den Währungskrieg einen tiefen Wachstumseinbruch. Deutschland als größter Exporteur würde besonders übel betroffen sein. Sowohl durch die schwächere Kaufkraft in den Staaten, die ihre eigenen Währungen abwerten, als auch durch die Aufwertung des starken Euro im verbliebenen Kerneuropa, die die Preise für deutschen Produkte an den Weltmärkten nach oben treibt.

"Lobbyismus wird noch wichtiger werden"

Auf diesen Worst-Case für Europa müssen sich die heimischen Unternehmen nach Ansicht Stelters trotz einer relativ geringen Eintrittswahrscheinlichkeit gut vorbereiten.

So sollten sie ihren Fokus auf die starken Märkte in Kerneuropa legen gleichzeitig aber auch Wertschöpfung aus Deutschland heraus verlagern, um Währungsschwankungen ausgleichen zu können. Dieses natürliche Hedging durch lokale Produktion kann sich insbesondere positiv auswirken, wenn die Firmen die Euro-Peripherie als ohnehin schon günstige Fertigungsstandorte nutzen.

Weil in einer zerfallenden Euro-Zone wohl auch mit protektionistischen Maßnahmen einzelner Länder zu rechnen ist, lohnt sich auch der Aufbau enger internationaler Regierungsbeziehungen. "Lobbyismus wird noch wichtiger als Antwort auf den Egoismus von Staaten", sagt Stelter und rät deshalb auch zu Joint Ventures mit lokalen Partnern.

Risiko 2: Die Ketchup-Inflation - plötzlich und heftig

Das Bild von der Ketchup-Inflation leitet BCG-Seniorpartner Stelter von dem lästigen Phänomen ab, dass "die delikate Würzsauce zuerst gar nicht aus der Flasche fließt und dann nach langem Schütteln in einem eine viel zu großen Schwall auf den Teller schwappt".

So folgt in seinem Risikoszenario ein staatliches Konjunkturprogramm auf das nächste. Dazu kommt eine Übermonetarisierung der Volkswirtschaften durch die fortgesetzt laxe Geldpolitik der Zentralbanken. Doch weder staatlicher Stimulus noch Kreditschwemme führen zum Erfolg, die Wirtschaftsentwicklung bleibt schwach.

Die Konsumenten verlieren das Vertrauen und versuchen ihr Geld zu retten, indem sie reale Werte erwerben. Durch den Nachfrageschub kommt es zu Preiserhöhungen, die sich zu einer plötzlichen hohen Inflation kumulieren. Die galoppierende Geldentwertung verleitet die Anleger zu Panikreaktionen. Im Finanzsektor entsteht Chaos, das - wie in der Krise 2008/09 schmerzlich erfahren - heftige Konjunkturausschläge bewirkt.

Doch auch auf den Eventualfall einer Ketchup-Inflation, die sich durch eine hohe und kontinuierliche Steigerung der Zentralbankgeldmenge und eine stark zunehmende Geldumlaufgeschwindigkeit ankündigt, können sich die Unternehmen vorbereiten.

Fähigkeit zur Preisbildung sollte Kernkompetenz werden

Als ersten Schritt empfiehlt Berater Stelter eine grundlegende Analyse, um zum ermitteln wie stark unvermittelte, hohe Preissteigerungen das Unternehmen gefährden. Sind negative Konsequenzen zu befürchten, etwa weil Erhöhungen von Einkaufspreisen und Löhnen nur schwerlich auf die Kunden zu überwälzen sind, sollte das Management Vorsichtsmaßnahmen ergreifen

So lassen sich beispielsweise Probleme durch langfristig festgelegte Preise durch Inflationsschutzklauseln in den Verträgen verhindern. Überschreiten etwa die Preissteigerungen einen vorab fixierten Jahreswert können dann Nachverhandlungen geführt werden.

Grundsätzlich sollten die Unternehmen ihre Fähigkeiten zur Preisbildung zu einer absoluten Kernkompetenz auszubauen. Zur Vorbeugung von Inflationsschäden sollten die Firmen auch auf eine geringe Verschuldung acht, insbesondere wenn hohe Investitionen in Zukunft bereits absehbar sind. Günstig kann es auch sein, solche Investitionen vorzuziehen und sich dafür langfristige Finanzierungen zu den heute gültigen geringen Zinssätzen zu sichern.

Risiko 3: Stagnation á la Japan

Als "Verlorenes Jahrzehnt" gingen die 90er Jahre in die Geschichte Japans ein: Wirtschaftliche Stagnation gepaart mit Deflation lähmten den Inselstaat vielen Jahre. Selbst im neuen Jahrtausend kam Japan trotz massiver Staatsverschuldung und boomenden Exports nie richtig aus der Krise.

Ein ähnlich deprimierendes Schicksal könnten auch die westlichen Industriestaaten erleiden. Das Horrorszenario tritt nach Einschätzung von BCG-Partner Stelter ein, wenn es zu einer dauerhaften und starken Abschwächung der Weltwirtschaft kommt. Diese äußert sich besonders in den traditionellen Industrieländern mit Null-Wachstum. Die geringe Nachfrage löst hohe Arbeitslosigkeit aus, die wiederum den Konsum dämpft.

Die Unternehmen versuchen durch Preissenkungen ihre Waren loszuschlagen - es kommt zur Deflation. Weil sie mit geringerer Nachfrage in der Zukunft rechnen, verschieben Firmen ihre Investitionen immer weiter, obwohl die Zentralbanken die Zinsen niedrig halten. Auch bei den Verbrauchern verpufft der Versuch, mit billigen Krediten den Konsum anzuregen, weil die Privatleute kein Vertrauen in die zukünftige Entwicklung haben und aus Angst vor Arbeitsplatzverlust lieber sparen als einzukaufen.

Suche nach neuem Wachstum

Das geringe Wachstum und die hohe Arbeitslosigkeit belasten den Staatssektor, der mit geringeren Steuereinnahmen höhere Sozialausgaben finanzieren muss. Der Finanzbereich leidet unter zunehmenden Kreditausfällen und einzelnen Staatspleiten. Weil aber weiterhin Geld in großen Mengen marodiert können zusätzlich Spekulationsblasen entstehen. Zu allem Übel reagieren die Regierungen auf die missliche Lage mit protektionistischen Maßnahmen.

Als Gegenmaßnahmen zu diesen wohl schlimmsten Bedrohung für die westliche Wirtschaft empfiehlt Berater Stelter vor allem die Suche nach neuen Wachstum - bevorzugt in den aufstrebenden Staaten. Global agierenden Unternehmen sollten dort auch lokal produzieren, um die nach wie vor bestehenden Unterschiede bei den Lohnkosten zu kompensieren. Zusätzliche Aufträge sollten die Firmen auch bei staatlichen Stellen akquirieren und ihre Produktangebot, ihre Preisstrategien und ihren Vertrieb entsprechend ausrichten.

Hilfreich erweist sich in diesem Umfeld auch ein aktiver Lobbyismus und ein kluges Regulierungsmanagement. Ganz neue Wachstumsimpulse können entstehen, wenn Forschungsabteilung und Marketing neue Kundenbedürfnisse identifizieren und auch selbst schaffen. Mit Hilfe von Innovationen können die Unternehmen auch ihre Fähigkeiten zur Preissetzung verbessern.

Neben der Vorwärtsstrategie müssen die Firmen sich aber auch gnadenlos auf permanente und nachhaltige Kostensenkungen fokussieren. Dazu gehört auch das Management von Finanzierung und Kreditrisiken. Wer über eine stabile Finanzbasis verfügt, kann die günstige Gelegenheit nutzen und schwächelnde, im Kern aber gesunde Konkurrenten übernehmen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.