IWF-Tagung Inflationsangst lähmt die Weltretter

Wer kann den globalen Abschwung stoppen? Große Hoffnung ruht auf der US-Notenbank, die weitere Billionen in die Wirtschaft pumpen soll. Doch neue Inflationsdaten sprechen dagegen - und die Warnung einer Geldhüterlegende.
Fed-Zentrale in Washington: "Wir müssen handeln, als stünde unser Haar in Flammen"

Fed-Zentrale in Washington: "Wir müssen handeln, als stünde unser Haar in Flammen"

Foto: Chip Somodevilla/ Getty Images

Hamburg - "Lahmendes Wachstum, steigende Risiken" - so betitelt der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen neuen Bericht zur Weltwirtschaft. Zum Auftakt der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Washington ist der Alarmton schon eingeschaltet. Vor einem "verlorenen Jahrzehnt" für die Industrieländer warnen die Fondsexperten. IWF-Chefökonom Olivier Blanchard fordert "dringend eine starke politische Antwort" auf den Abschwung.

Doch die wird es kaum geben. Europa ist in der Euro-Krise gelähmt, Japan schießt schon aus vollen Rohren Geld in die Wirtschaft. Bleibt Amerika, dessen Wachstumsprognose der IWF besonders stark gesenkt hat.

US-Präsident Barack Obama hat mit seinem 400-Milliarden-Dollar-Jobprogramm staatliche Konjunkturhilfen wieder ins Gespräch gebracht - wohl wissend, dass die oppositionellen Republikaner das Projekt blockieren werden. Von der Geldpolitik ist auch nicht mehr viel zu erwarten.

Noch vor ein paar Tagen schien alles darauf zuzulaufen, dass die US-Notenbank Federal Reserve an diesem Mittwoch die Geldschleusen weiter öffnen werde. Mit 9 Prozent Arbeitslosenquote verfehle die Fed ihre Ziele genauso weit, als wenn es 5 Prozent Inflation gebe, sagte kürzlich Charles Evans, Präsident der regionalen Fed von Chicago: "Wir müssen handeln, als stünde unser Haar in Flammen." Weil von Inflationsgefahr keine Rede sein könne, spreche nichts dagegen, die Nachfrage anzukurbeln und so die Beschäftigung zu verbessern.

Die Idee negativer Reservezinsen

An den Börsen wurde nur noch diskutiert, mit welchen Mitteln die Notenbank, deren Leitzins nahe Null liegt und daher nicht mehr weiter sinken kann, die Geldpolitik lockern werde: Abermals Billionensummen in Anleihen investieren und so ihre Bilanz ausweiten ("QE3"), statt kurzfristiger Papiere länger laufende Anleihen kaufen und so die langfristigen Zinsen drücken ("Operation Twist"), vielleicht sogar den Reservezinssatz für Banken unter Null senken und sie so dafür bestrafen, wenn sie ihr Geld bunkern statt verleihen?

"Alles drei", empfahl Princeton-Ökonom Alan Blinder, der in den 90er Jahren Vizepräsident der Fed war und später Fakultätskollege des heutigen Notenbankchefs Ben Bernanke. Er selbst hatte die Idee negativer Reservezinsen gegen den Widerstand der Banken vorgebracht. "Jetzt bin ich damit auf dem Vormarsch", frohlockte Blinder über seine Aussichten, die Fed zu überzeugen.

Doch die in der vergangenen Woche veröffentlichten Inflationsdaten haben den Aktivisten einen kräftigen Dämpfer versetzt. Die US-Verbraucherpreise waren im August 3,8 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Zwar geht der Großteil der Teuerung nach wie vor auf das Konto steigender Rohstoffpreise, die am Weltmarkt gebildet werden, stark schwanken und von einer nationalen Notenbank kaum beeinflusst werden können.

Geldhüterlegende Paul Volcker meldet sich zu Wort

Wohlweislich hat der IWF zu diesem Thema ein eigenes Kapitel in seinen Bericht aufgenommen. "Die entwickelten Länder können es sich leisten, über die aktuellen Rohstoffpreisschocks hinwegzugehen", resümiert IWF-Forscher John Simon. Die Notenbanken sollten sich auf die mittelfristige Preisentwicklung konzentrieren - und nicht, wie im Frühjahr die Europäische Zentralbank, mit höheren Zinsen auf steigende Ölpreise antworten und so die Wirtschaft zusätzlich abwürgen.

Aber auch die ohne Nahrungs- und Energiepreise berechnete Kerninflation hat in den USA den Wert von 2,0 Prozent erreicht und damit die Zielmarke der Fed für Preisstabilität - erstmals seit November 2008. Die Amerikaner müssen auch für Neuwagen, Kleidung und sogar Wohnen spürbar mehr ausgeben als vor einem Jahr - das könnte ein Zeichen für die von Notenbankern gefürchteten "Zweitrundeneffekte" sein, dass eine vorübergehende Zunahme der Rohstoffpreise also auf das allgemeine Preisniveau überspringt und so die Inflation verfestigt, trotz schwacher Lohnentwicklung.

Chicago-Fed-Chef Evans betont zwar, die Zielmarke von 2 Prozent sei keine Obergrenze für Preisstabilität - nachdem die Inflationsrate für einige Jahre unter dem Sollwert lag, müsse sie jetzt sogar höher ausfallen.

Doch ob er damit die als geldpolitische Falken bekannten Kollegen wie Charles Plosser, Richard Fisher oder Narayana Kocherlakota überzeugen kann, die auf der August-Sitzung schon dagegen stimmten, die Rezession mit Worten zu bekämpfen?

"Ich dachte, wir hätten die Lektion gelernt"

Und jetzt meldet sich in der "New York Times" auch noch Paul Volcker zu Wort, die größte lebende Legende der Geldhüter. Volcker, der als Fed-Chef die Inflation der 70er Jahre mit brutalen Zinserhöhungen beendete (und die bis dahin schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte bewusst in Kauf nahm), mahnt: "Auch ein bisschen Inflation kann eine gefährliche Sache sein." Volcker bringt die Gefahr einer Stagflation, also steigender Preise bei gleichzeitig stagnierender Wirtschaft wie Ende der 70er Jahre, ins Spiel. "Ich dachte, wir hätten die Lektion gelernt."

Zwar sind die langfristigen Inflationserwartungen der Anleger längst wieder auf dem Rückzug. Inflationsgesicherte US-Staatsanleihen mit fünfjähriger Laufzeit werden mit einem Renditeaufschlag von nur 1,55 Prozent gehandelt - gegenüber 2,5 Prozent Ende April. Und die Rekordeinlagen der Amerikaner, die in den vergangenen drei Monaten um 10 Prozent auf fast zehn Billionen Dollar wuchsen, obwohl die Banken den Sparern praktisch keine Zinsen mehr bieten, lassen nicht erwarten, dass neues Geld auch in der Wirtschaft zirkulieren würde.

Doch der Appetit der Geldhüter, Risiko einzugehen, dürfte begrenzt sein - zumal Experten wie Alan Blinder meinen, Aktionen wie "Operation Twist" seien "fast lachhaft", wenn die Fed nicht wirklich große Beträge einsetze. Fed-Beobachter Tim Duy von der Universität Oregon erwartet nun, die Notenbank werde "zusätzliche Maßnahmen ergreifen, nur damit es so aussieht, als würden sie etwas tun".

Für den Kampf gegen das laut IWF drohende "verlorene Jahrzehnt" muss sich wohl jemand anderes melden.

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