Dienstag, 19. November 2019

2700 Kilometer lange Röhre Obama schlittert in riesiges Pipeline-Wagnis

Obamas nächstes Dilemma: Die riskante Mammutpipeline durch Amerika
REUTERS

Es ist eine vertrackte Lage: US-Präsident Barack Obama muss Amerikas Wirtschaft ankurbeln. Deshalb setzt er plötzlich ein riesiges Pipelineprojekt auf die Tagesordnung. Dumm nur, dass er diese Ölleitung im Wahlkampf noch abgelehnt hat - aus Umweltschutzgründen. Jetzt schlagen die Wogen hoch. 

Hamburg - Die Keystone XL-Pipeline ist Amerikas größtes aktuelles Energieprojekt - wenn sie genehmigt wird. Auf dem Reißbrett durchquert sie nach ihrem Start in Kanada auf 2700 Kilometern sechs amerikanische Bundesstaaten und endet am Golf von Mexiko. Zuvor macht sie Zwischenstation an Amerikas strategischem Vorratslager in Cushing, Oklahoma.

Die Strecke entspricht einer Fahrt von Hamburg nach Lissabon. Die Keystone-Pipeline soll Kanadas Ölsandgebiet in Alberta, das größte Ölvorkommen nach den Lagerstätten in Saudi Arabien, mit dem größten Raffineriezentrum der Welt in Texas verbinden. Die sieben Milliarden Dollar teure Röhre würde ab 2013 täglich 1,2 Millionen Tonnen Öl in die USA liefern, so viel wie derzeit Mexiko als zweitgrößter Lieferant der energiehungrigen Supermacht.

Doch derzeit steckt der Projektantrag für die Keystone-Pipeline in irgend einem dicken Stapel auf dem Schreibtisch von Barack Obama. Und dem bereitet das Mammutvorhaben einiges Kopfzerbrechen. Denn Obama hatte im Wahlkampf 2008 das Öl aus Alberta unter Anspielung auf seine Förderung als "Teersand" bezeichnet.

In der bitumenreichen Erde werden dabei unterirdische Hohlräume gegraben, dann heißes Gas hineingepumpt, bis die ölige Schlacke an den Rändern nach unten sickert und sich wie in einer Badewanne sammelt. Anschließend wird das schwere Öl abgepumpt. Es muss in einem sogenannten Upgrader aber erst noch chemisch behandelt werden, bevor es in einer herkömmlichen Raffinerie weiter verarbeitet werden kann. Der riesige Aufwand verschlingt enorme Mengen von Wasser und viel Energie.

447 Milliarden Dollar für den Arbeitsmarkt

Die Genehmigung für Keytsone könnte Obama also schwere Vorwürfe eintragen, von seiner Kampagne zu Gunsten erneuerbarer Energien abzuweichen. Zudem bekommt er Druck aus den eigenen Reihen. Einflussreiche Umweltschützer in der Demokratischen Partei haben gedroht, seinen Wahlkampf im kommenden Jahr nicht zu unterstützen, falls er das Keystone-Projekt genehmigt.

Jetzt ringt der Präsident mit sich, denn bis Ende November hat er eine Entscheidung versprochen. Und so manches spricht für die Pipeline. Sie hat sogar gewichtige Pluspunkte und würde gut zu seiner jüngsten Initiative passen. Vergangene Woche hat Obama im Kongress sein großes Jobprogramm vorgestellt. Es soll mit einem Volumen von 447 Milliarden Dollar den schwachen Arbeitsmarkt beleben. Die Pipeline könnte ihm dabei helfen, denn nach Angaben des Unternehmens, das sie beantragt hat und bauen will - TransCanada Börsen-Chart zeigen - wird die Monsterröhre allein in der Bauphase 20.000 direkte und indirekte Jobs schaffen.

Das ist ein gewichtiges Argument. Denn im August hat die US-Wirtschaft, der eine erneute Rezession droht, unter dem Strich keinen einzigen Job produziert. Auch der Bundesstaat Texas würde kräftig von dem Projekt profitieren, hat das auf die Ölwirtschaft spezialisierte Analyse-Unternehmen Perryman in Waco, in Texas, ausgerechnet. Demnach würde die Keystone-Pipeline dem ölreichen Bundesstaat zusätzliche Investitionen von 1,6 Milliarden Dollar bescheren, dazu 2,3 Milliarden Dollar mehr Kaufkraft und umgerechnet für 50.000 Personen ein Jahr lang Arbeit.

Mehr noch: Obama könnte die Pipeline sogar als strategisches Paradeobjekt im Wahlkampf für 2012 nutzen und sie in politische Punkte umwandeln. Denn sie wird im Falle einer Realisierung die in Amerika kritisch beäugten Öl-Importe aus dem Persischen Golf weiter drosseln helfen. Viele Amerikaner würden am liebsten gar kein Öl aus dem arabischen Raum und von dem Ölförderkartell Opec beziehen. Die Unruhen der vergangenen Monate in Nordafrika und im Nahen Osten haben viele in diesem Wunsch noch bestärkt.

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