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Obamas nächstes Dilemma: Die riskante Mammutpipeline durch Amerika

Foto: JASON REED/ REUTERS

2700 Kilometer lange Röhre Obama schlittert in riesiges Pipeline-Wagnis

Es ist eine vertrackte Lage: US-Präsident Barack Obama muss Amerikas Wirtschaft ankurbeln. Deshalb setzt er plötzlich ein riesiges Pipelineprojekt auf die Tagesordnung. Dumm nur, dass er diese Ölleitung im Wahlkampf noch abgelehnt hat - aus Umweltschutzgründen. Jetzt schlagen die Wogen hoch. 
Von Markus Gärtner

Hamburg - Die Keystone XL-Pipeline ist Amerikas größtes aktuelles Energieprojekt - wenn sie genehmigt wird. Auf dem Reißbrett durchquert sie nach ihrem Start in Kanada auf 2700 Kilometern sechs amerikanische Bundesstaaten und endet am Golf von Mexiko. Zuvor macht sie Zwischenstation an Amerikas strategischem Vorratslager in Cushing, Oklahoma.

Die Strecke entspricht einer Fahrt von Hamburg nach Lissabon. Die Keystone-Pipeline soll Kanadas Ölsandgebiet in Alberta, das größte Ölvorkommen nach den Lagerstätten in Saudi Arabien, mit dem größten Raffineriezentrum der Welt in Texas verbinden. Die sieben Milliarden Dollar teure Röhre würde ab 2013 täglich 1,2 Millionen Tonnen Öl in die USA liefern, so viel wie derzeit Mexiko als zweitgrößter Lieferant der energiehungrigen Supermacht.

Doch derzeit steckt der Projektantrag für die Keystone-Pipeline in irgend einem dicken Stapel auf dem Schreibtisch von Barack Obama. Und dem bereitet das Mammutvorhaben einiges Kopfzerbrechen. Denn Obama hatte im Wahlkampf 2008 das Öl aus Alberta unter Anspielung auf seine Förderung als "Teersand" bezeichnet.

In der bitumenreichen Erde werden dabei unterirdische Hohlräume gegraben, dann heißes Gas hineingepumpt, bis die ölige Schlacke an den Rändern nach unten sickert und sich wie in einer Badewanne sammelt. Anschließend wird das schwere Öl abgepumpt. Es muss in einem sogenannten Upgrader aber erst noch chemisch behandelt werden, bevor es in einer herkömmlichen Raffinerie weiter verarbeitet werden kann. Der riesige Aufwand verschlingt enorme Mengen von Wasser und viel Energie.

447 Milliarden Dollar für den Arbeitsmarkt

Die Genehmigung für Keytsone könnte Obama also schwere Vorwürfe eintragen, von seiner Kampagne zu Gunsten erneuerbarer Energien abzuweichen. Zudem bekommt er Druck aus den eigenen Reihen. Einflussreiche Umweltschützer in der Demokratischen Partei haben gedroht, seinen Wahlkampf im kommenden Jahr nicht zu unterstützen, falls er das Keystone-Projekt genehmigt.

Jetzt ringt der Präsident mit sich, denn bis Ende November hat er eine Entscheidung versprochen. Und so manches spricht für die Pipeline. Sie hat sogar gewichtige Pluspunkte und würde gut zu seiner jüngsten Initiative passen. Vergangene Woche hat Obama im Kongress sein großes Jobprogramm vorgestellt. Es soll mit einem Volumen von 447 Milliarden Dollar den schwachen Arbeitsmarkt beleben. Die Pipeline könnte ihm dabei helfen, denn nach Angaben des Unternehmens, das sie beantragt hat und bauen will - TransCanada  - wird die Monsterröhre allein in der Bauphase 20.000 direkte und indirekte Jobs schaffen.

Das ist ein gewichtiges Argument. Denn im August hat die US-Wirtschaft, der eine erneute Rezession droht, unter dem Strich keinen einzigen Job produziert. Auch der Bundesstaat Texas würde kräftig von dem Projekt profitieren, hat das auf die Ölwirtschaft spezialisierte Analyse-Unternehmen Perryman in Waco, in Texas, ausgerechnet. Demnach würde die Keystone-Pipeline dem ölreichen Bundesstaat zusätzliche Investitionen von 1,6 Milliarden Dollar bescheren, dazu 2,3 Milliarden Dollar mehr Kaufkraft und umgerechnet für 50.000 Personen ein Jahr lang Arbeit.

Mehr noch: Obama könnte die Pipeline sogar als strategisches Paradeobjekt im Wahlkampf für 2012 nutzen und sie in politische Punkte umwandeln. Denn sie wird im Falle einer Realisierung die in Amerika kritisch beäugten Öl-Importe aus dem Persischen Golf weiter drosseln helfen. Viele Amerikaner würden am liebsten gar kein Öl aus dem arabischen Raum und von dem Ölförderkartell Opec beziehen. Die Unruhen der vergangenen Monate in Nordafrika und im Nahen Osten haben viele in diesem Wunsch noch bestärkt.

Kanada schlägt Ölscheichs

Zugespitzt geht es für Obama also um die Wahl zwischen "feindlichem Öl" aus dem Persischen Golf, oder "schmutzigem Öl" aus den Teersandgebieten in Alberta. Auf kanadischer Seite verweist man freilich auf die laufenden Bemühungen, den Wasserverbrauch bei der Förderung in der ölreichen Bitumenregion zu senken sowie freiwerdende Klimagase künftig zu binden und in unterirdischen Speichern zu lagern.

Welche Dimension die geplante Pipeline hat, illustriert eine Rechnung, die der Energieberater Ensys Energy in Lexington aufgemacht hat: In Verbindung mit den beschlossenen Gesetzen für verbrauchsärmere Autos könnte die Pipeline die USA am Ende sogar zu einem Nettoexporteur von Benzin und Diesel machen. Während der Flottenverbrauch auf dem Straßen der USA sinkt, liefert die Pipeline mehr Öl zur Verarbeitung in den lokalen Raffinerien an. Ensys hat im Auftrag des US-Energieministeriums das Pipelineprojekt geprüft und der US-Regierung geraten, die Ölimporte aus Kanada zur Not auch ohne eine Pipeline auszubauen.

Welche Dimension das Keystone-Projekt mit Blick auf die Importabhängigkeit der USA hat, machen die jüngsten Zahlen aus der Energy Information Administration deutlich: Kanada verkauft den USA täglich 2,7 Millionen Barrel Öl. Das ist nicht nur 30 Prozent der gesamten Einfuhr, es ist auch 42 Prozent mehr, als alle Emirate am Persischen Golf zusammen liefern.

Würde die Keystone-Pipeline genehmigt, könnte Kanadas Anteil an den US-Importen auf 35,5 Prozent steigen. Kanada, Mexiko und Venezuela - die drei westlichen unter den fünf größten Öl-Lieferanten der USA - hätten dann zusammen einen Anteil von 60 Prozent an den US-Ölimporten. Kanada allein würde bereits zwei Drittel des Öls liefern, das die USA in der Opec einkaufen.

Tausende von Demonstranten gegen das Keystone-Projekt

Das US-Außenministerium hat dem Pipeline-Projekt Ende August Umweltverträglichkeit attestiert. Gefahren für Land und Wasser entlang der Strecke seien nicht zu erwarten. Doch Gegner der Pipeline, vor allem in den USA, sehen das anders. Keystone wird in den USA quer durch den Ogallala-Aquifer laufen, eines der größten Grundwasservorkommen der Welt. Die Pipeline wird die ökologisch anfälligen "Sand Hills" in Nebraska durchqueren, eine wilde Prärie aus grasbedeckten Sanddünen.

Sie wird auch den Yellowstone-Fluss kreuzen. Dort traten Anfang Juli nach dem Leck in einer Exxon Mobil-Pipeline knapp 1000 Barrel Öl aus. US-Zeitungen kritisierten den Ölkonzern anschließend heftig für seine Reaktionszeit bei dem Unfall. Montanas Gouverneur Brian Schweitzer warf dem Ölunternehmen sogar vor, die Aufräumarbeiten wären effektiver gewesen, "wenn wir akkurate Informationen von Exxon Mobil  bekommen hätten".

Tausende von Demonstranten ketteten sich vom 20. August bis 3. September an den Zaun vor dem Weißen Haus in Washington und protestierten gegen das Keystone-Projekt. Dabei kam es zu zahlreichen Festnahmen, unter anderem der Schauspielerin Daryl Hannah. Die Gegner des Projektes sehen die 20.000 Arbeitsplätze in der Bauphase als kurzen Adrenalinstoß, der dem Arbeitsmarkt nicht dauerhaft helfen kann und die langfristigen Gefahren nicht aufzuwiegen vermag.

Die Proteste haben zuletzt auch Nobelpreisträger wie den Dalai Lama und Erzbischof Desmond Tutu auf den Plan gerufen. "In der Nacht, in der Sie als Präsidentschaftskandidat nominiert wurden, haben Sie eine grüne Wirtschaft versprochen", ermahnten sie Obama vor wenigen Tagen in einem offenen Brief.

Chinesen vor Pipeline-Engagement

Schon im April dieses Jahres hatten zahlreiche amerikanische Bürgermeister vor der Parlamentswahl in Kanada, die nördlichen Nachbarn aufgefordert, ihre Kandidaten auf erneuerbare Energien festzulegen. "Ich finde, diese Pipeline ist ein Milliardenprojekt, das unsere Abhängigkeit von der schmutzigsten Energiequelle auf dem Globus noch verstärkt", zitierten Zeitungen im Ahornland Jennifer Hosterman, die Bürgermeisterin von Pleasanton in Kalifornien.

Die Pipeline ist zuletzt auch Streitobjekt im beginnenden Wahlkampf für die Präsidentenwahl 2012 geworden. Zahlreiche Republikaner sprachen sich für Keystone aus und forderten, die Unabhängigkeit der USA von Öl aus dem Nahen Osten zu drosseln. Im Sommer brachten sie im Repräsentantenhaus eine Resolution ein, um das Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Das bringt Obama auch wahltaktisch in Verlegenheit: Befürwortet er die Pipeline, hilft er den Republikanern, lehnt er die Öl-Autobahn ab, widerspricht er seiner eigenen Job-Initiative. Verworrener könnte die Situation kaum sein.

Großer Anteil an den globalen Reserven

Kein Wunder daher, dass Kanada seine Lobby-Kampagne zu Gunsten des Keystone-Projektes in jüngster Zeit deutlich verstärkt hat. "Eine Genehmigung wäre sehr wichtig für die USA und für Kanada", drängt Kanadas Rohstoff-Minister Joe Oliver. Was er hinzufügt, klingt jedoch wie der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl: "Wir haben einen großartigen Kunden in den USA", sagt er, "aber wir schauen auch nach anderen Märkten, in die wir unser Öl verkaufen können".

Gemeint ist das rohstoffhungrige China, das seit Jahren mit großen Investitionen sein Engagement in den Ölsandgebieten ausbaut. Hier schlummern 175 Milliarden Barrel Öl in der Erde, 95 Prozent des Öls in Kanada. Kanadas Anteil an den globalen Reserven beträgt damit etwa 13 Prozent. Um auch am rasant wachsenden Energiehunger der Chinesen zu verdienen, ist der Bau der sogenannten Northern Gateway-Pipeline geplant, eine 1200 Kilometer lange Röhre von Alberta an die pazifische Küste, zur Verschiffung des schwarzen Goldes nach Asien.

Chinas Sinopec, der größte Raffineriekonzern Asiens, soll einer der Investoren in dem Projekt sein. China importierte 2010 im Schnitt 4,8 Millionen Barrel Öl pro Tag, ein Zuwachs gegenüber dem Vorjahr von 18 Prozent. Aber auch das Gateway-Projekt wird derzeit durch zahlreiche Proteste von Umweltschützern und Ureinwohnern verzögert. Als Druckmittel gegen die USA eignet es sich offenbar trotzdem.