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Währungsrennen: Die brisanten Folgen der globalen Redback-Expansion

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Zeitenwende Chinas Großangriff auf den US-Dollar

Es ist ein Signal: China dehnt seine Macht auf den globalen Währungsmarkt aus und nimmt den bisherigen Weltdominator Dollar in die Zange. Selbst die Aufwertung der eigenen Devise schlucken die Chinesen dafür.
Von Markus Gärtner

Hamburg - China hat einen Zweifrontenkrieg gegen den US-Dollar eröffnet. Die Frontlinien verlaufen dabei entlang dieser Linien: der beschleunigten Aufwertung der eigenen Renminbi-Devise sowie deren Internationalisierung - und das im Großformat. Seit Tagen häufen sich Nachrichten, die einen ersten Eindruck davon vermitteln, mit welcher Wucht und Geschwindigkeit das Reich der Mitte seine eigene Währung als Alternative zum US-Dollar, dem Greenback, in Stellung bringt und sich damit von der schwindsüchtigen Weltleitwährung unabhängiger machen will. Und das Tempo, das die Chinesen dabei anschlagen, ist tatsächlich beeindruckend:

Chinas Führung stellte Mitgliedern der europäischen Handelskammer in Peking vor einer Woche die volle Konvertierbarkeit des Renminbi bis zum Jahr 2015 in Aussicht. Mit den Briten hat China vor wenigen Tagen vereinbart, London als Offshore-Zentrum für die Ausbreitung des "Volksgeldes" zu nutzen. Seit Montagabend wird an den Kapitalmärkten spekuliert, wie stark sich die Chinesen am italienischen Bondmarkt engagieren werden. Die Notenbanken von Thailand und den Philippinen erwägen derweil Käufe von Anleihen, die in Hongkong in Renminbi ausgegeben wurden. "Dass andere Notenbanken Renminbi halten können, ist einer der nötigen Schritte für die Internationalisierung", erklärt Brian Baker, der Asien-Chef von Pimco, dem weltweit größten Anleihefonds. Und genau das stützen die Chinesen, indem sie die von Renminbi-Anleihen um 200 Prozent im laufenden Jahr explosionsartig in die Höhe getrieben haben.

Selbst aus Deutschland kommt Schützenhilfe für Chinas Währung. Der bisherige Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen (SPD), der für den gerade zurückgetretenen Chefvolkswirt Jürgen Stark in gleicher Funktion in die Europäische Zentralbank nachrücken soll, hat Anfang September klarere Spielregeln für die Aufnahme neuer Währungen in den Korb des Internationalen Währungsfonds verlangt. Das ist ein Steilpass für die Währungen aufsteigender Wirtschaftsgiganten wie China.

Chinas Strategie besteht darin, den Renminbi schneller aufzuwerten und seine internationale Verbreitung massiv zu beschleunigen. Mitte August ließ Chinas Notenbank den "Redback" - wie der Renminbi in Anspielung auf den Greenback heißt - schneller steigen als zu irgendeinem Zeitpunkt seit der Finanzkrise. Seit dem Juni 2010 hat der Renminbi gegenüber dem Dollar 7 Prozent zugelegt. Er kann sich täglich nur in einer Schwankungsbreite von 0,5 Prozent in beide Richtungen bewegen.

Boomendes Schuldpapiersegment

Doch Peking ist offenbar zu der Überzeugung gelangt, dass das Festhalten an einem niedrigen Wechselkurs erhebliche Inflationsrisiken in sich birgt. Teuerungsraten von mehr als 5 Prozent gelten in China als schrilles Alarmzeichen. Im Juli hatte der Preisauftrieb in der Volksrepublik ein Dreijahreshoch von 6,5 Prozent erreicht, bevor er sich im August leicht auf 6,2 Prozent beruhigte. Der Währungsstratege Frances Cheung bei der Credit Agricole in Hongkong will im Sprachgebrauch der chinesischen Notenbank eine wachsende Bereitschaft sehen, den Renminbi als Hebel gegen die Inflation einzusetzen.

China wertet in einer Position der Stärke auf: Es muss derzeit nicht fürchten, dass höhere Wechselkurse seinem Exportgeschäft schaden. Denn trotz des schwachen globalen Umfelds kletterten die Ausfuhren im August um satte 24,5 Prozent, 4 Prozentpunkte schneller als im Vormonat. Parallel zur Aufwertung wird die Verbreitung des Renminbi als Handelswährung forciert. Im ersten Quartal 2011 wurden bereits 7 Prozent von Chinas Außenhandel - umgerechnet 24 Milliarden Dollar - mit Renminbi bezahlt, nach fast Null Prozent vor einem Jahr. Und in den vergangenen zwölf Monaten bis Juli hat sich das Volumen der sogenannten "Dim Sum"-Bonds, die in Renminbi emittiert werden, verfünffacht. Damit sind diese Bonds das am schnellsten wachsende Schuldpapiersegment auf dem Planeten. Im Jahr 2010 nahm die Verwendung von Renminbi bei der Finanzierung des chinesischen Außenhandels um 1200 Prozent auf knapp 59 Milliarden Dollar zu, berichtet Chinas Währungsbehörde, die State Administration of Foreign Exchange.

"Die Dinge ändern sich rasant, der Renminbi expandiert international mit dem Ziel, ihn zu einer globalen Reservewährung für Investitionen und Handel aufzubauen", sagt Philip Poole, der Investmentstratege bei HSBC Global Asset Management. Die forcierte Internationalisierung von Chinas Währung kommt zu einer Zeit, in der Notenbanken, Fondsmanager und Anleger Alternativen zum Dollar suchen.

Für China hat diese Politik enorme Vorteile, obwohl sie die Exporte verteuert. Der stärkere Renminbi bremst die Inflation, weil er Einfuhren von Rohstoffen und Bauteilen verbilligt. Die stärkere Währung erhöht auch die Kaufkraft der Chinesen und macht das Land weniger abhängig von der schwachen Weltkonjunktur. Und schließlich: Die Investitionen von Chinas Firmen werden in höherwertige Produktion umgeleitet, die mehr eigene Wertschöpfung und Technologiegehalt verspricht, und das Land von der einseitigen Ausrichtung auf Billigfertigung für den Export befreit.

Geringere Reserven, größerer Vorteil

Die gleichzeitige Ausbreitung des Renminbi in Offshore-Zentren wie Hongkong und Singapur, aber auch bei Handelspartnern in Afrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika, sorgt dafür, dass Chinas Exporte weniger Dollars ins Land spülen. Das bläht die Reserven des Landes weniger mit Greenbacks auf. In der aktuellen Situation ist dies ein riesiger Vorteil: Denn China hat 60 Prozent seiner 3300 Milliarden Dollar Devisenreserven in der US-Währung angelegt. Jedes Prozent Wertverlust beim Dollar, den die US-Notenbank durch massive Liquiditätsausweitung abwertet um Amerikas Exporte zu fördern, bedeutet für die Chinesen knapp 20 Milliarden Dollar Verlust.

China will den Renminbi zunächst als Handelswährung aufbauen, dann als Reservewährung. Längst wird die Infrastruktur dafür geschaffen, mit Offshore-Zentren. Hongkong war das erste, Singapur folgt, London wurde gerade mit den Briten vereinbart. Der mächtige Schub für den Renminbi eröffnet auch die dritte Runde im Währungsduell mit den USA. Angefangen hatte dieses mit Forderungen im US-Kongress und der Administration, Chinas Währung um bis zu 40 Prozent aufzuwerten. Doch China war gewarnt. Das Plaza-Abkommen vom September 1985 führte zu einer starken Abwertung des Dollar und stieß Japan in eine Rezession.

Die zweite Runde in diesem Währungskrieg begann in der Finanzkrise vor drei Jahren. Mit einer enormen Geldausweitung spülte die US-Notenbank einen Tsunami von Kapital nach Asien und trieb damit dort Immobilienpreise, Aktienkurse und die allgemeine Inflation nach oben. So erreichten die USA auch ohne eine Aufwertung des Renminbi höhere chinesische Exportpreise. Gleichzeitig verringerte die Abwertung des Dollar den Wert von Chinas Devisenreserven. Jetzt dreht China den Spieß um. Dank der rasanten Verbreitung seiner eigenen Währung bei den Handelspartnern muss China deutlich weniger Dollars aufkaufen und kann seine Diversifizierung weg von dem schwachen Greenback beschleunigen. Wie groß dieser Vorteil ist, zeigt die Statistik: Chinas enorme Handelsüberschüsse tragen seit 2004 rund 40 Prozent zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bei, und fast drei Viertel zu dem gewaltigen Anstieg der Devisenreserven.

Wie schnell der Renminbi zu einer wichtigen globalen Währung neben Dollar, Yen und Euro aufsteigen kann, ist umstritten. Optimisten wie Arvind Subramanian, ein Senior Fellow beim Peterson Institute für Internationale Wirtschaft in Washington, trauen dem Renminbi zu, den Greenback binnen zehn Jahren herauszufordern. "Die wirtschaftliche Dominanz der Chinesen, inklusive Fertigung, Handel und Währung, kommt schneller als erwartet", sagt er. Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen weist darauf hin, dass der Greenback innerhalb von zehn Jahren, nachdem die USA Großbritannien als führende Wirtschaftsmacht abgelöst hatten, das Pfund Sterling ablöste.

Dollar-Ablösung binnen weniger Jahre

Noch viel schneller könnte der Renminbi so weit sein, wenn es nach Alicia Garcia-Herrero, der Schwellenmarktspezialistin der spanischen Bank BBVA in Hongkong geht: "Wenn China massive spekulative Kapitalzuflüsse vermeiden kann, könnte das sogar binnen fünf Jahren passieren", vermutet sie. Und selbst Chinas Notenbank-Gouverneur Zhou Xiaochuan muss eingestehen: "Der Offshore-Markt für den Renminbi entwickelt sich schneller, als wir uns das ausgemalt hatten".

Doch die Wahrheit ist: Der Renminbi hat von kleinsten Anfängen einen langen Weg vor sich. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hatte Chinas Währung 2010 an den weltweiten Devisentransaktionen nur einen Anteil von einem Prozent. Das war weniger als der polnische Zloty aufzuweisen hatte. Der Anteil des Greenbacks lag dagegen bei 85 Prozent, der Euro kam auf 40 Prozent (Anmerkung: Die Anteile addieren sich auf 200 Prozent, weil beide Seiten einer Devisentransaktion gezählt werden).

Seit Peking im Jahr 2009 die Verwendung des Renminbi in Handelsgeschäften forciert, ist dessen Anteil bei der Fakturierung der Importe auf 10 Prozent gestiegen. Doch der aktuelle Umfang des Marktes für Dim-Sum-Anleihen (188 Milliarden Renminbi) entspricht lediglich 0,3 Prozent des Marktes für US-Staatsanleihen. Bevor der Renminbi einen Durchbruch erzielen kann, muss er zudem frei konvertierbar werden, Peking muss aufhören, Zinsen, Kapitalbewegungen und Wechselkurse streng zu kontrollieren, es muss seine Finanzmärkte weit für ausländische Teilnehmer öffnen und den Umlauf seiner Währung an wichtigen Finanzzentren deutlich erhöhen.

Noch ist der internationale Siegeszug der chinesischen Währung jung. Die Lockerung begann im April 2004, als erste Staatsfirmen Außenhandel versuchsweise in Renminbi abwickeln durften. Ende 2010 nahmen daran schon 67.000 Exporteure teil. Dann kam vor einem Jahr die Ausgabe von Renminbi-Anleihen in Hongkong hinzu. Und seit der Finanzkrise hat Chinas Notenbank Swap-Abkommen mit neun asiatischen Zentralbanken abgeschlossen, um mehr Renminbi in Umlauf zu bringen und die Bezahlung von Chinas Exporten mit der eigenen Währungen zu ermöglichen.

Wie steil Hongkongs Karriere als erstes Offshore-Zentrum für den Renminbi schon nach kurzer Zeit aussieht, verdeutlichen Zahlen, die die Geldbehörde der Stadt für das erste Halbjahr veröffentlichte. Laut der Hongkong Monetary Authority sind die Renminbi-Einlagen in den Banken von Januar bis Juni um 76 Prozent auf 550 Milliarden Renminbi gestiegen. Die Renminbi-Einlagen internationaler Firmen bei Hongkongs Banken legten in dieser Zeit um 140 Prozent auf umgerechnet elf Milliarden Dollar zu. Die über lokale Banken in Renminbi abgewickelten Handelsgeschäfte waren im ersten Halbjahr 2011 schon doppelt so groß wie im gesamten Vorjahr. Allein von Mai auf Juni nahm das Volumen um 34 Prozent zu. Der Chefökonom der Deutschen Bank für den Großraum China, Jun Ma, sagt den in Renminbi notierten Wertpapieren in Hongkong bis 2012 einen weiteren Wachstumsschub von 55 Prozent voraus.

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