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Renditen am Anleihemarkt: Berlusconi wird für Italien immer teurer

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Schuldenkrise EZB zeigt Italien die Instrumente

Die Fieberkurve der Euro-Krise steigt weiter. Der Anleihenmarkt straft Griechenland ab, aber auch Italien. Damit wackelt eine der Säulen des Euro -  trotz der Hilfskäufe der Europäischen Zentralbank. Unterdessen reißen sich die Anleger darum, dem deutschen Staat Geld zu schenken.

Hamburg - Auf Silvio Berlusconis Regierung hagelt die Kritik von allen Seiten. Während das Parlament in Rom am Dienstag über den rund 45 Milliarden Euro umfassenden Sparplan beriet, demonstrierten draußen zehntausende Gewerkschafter. "Das ist ein Plan, den dieses Land nicht verdient", begründete Susanna Camusso, Generalsekretärin des Gewerkschaftsbunds CGIL, den Generalstreik.

Genau umgekehrt sehen das die Regierungen der Euro-Partner. Selbst die spanische Regierung schimpft offiziell auf "Italien mit seinem Sparplan, den es nach wenigen Tagen widerrufen hat": Die ursprünglich geplante Reichensteuer wurde ebenso abgesagt wie eine Rentenkürzung für Akademiker, stattdessen wird ein höherer Aufschlag der Mehrwertsteuer erwogen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte Italien deshalb am Montag im CDU-Präsidium in einem Atemzug mit Griechenland - beides Schuldenstaaten, die ihre Zusagen nicht einhielten.

Die wohl schmerzlichste Rüge kam von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Denn die Europäische Zentralbank ist Italiens Versicherung gegen einen Absturz am Kapitalmarkt. Seit Anfang August haben die Notenbanker für 56 Milliarden Euro alte Staatsanleihen aufgekauft, vor allem aus Italien und Spanien. Zunächst zeigte diese riesige Preisstütze Wirkung: Die Kurse italienischer Anleihen erholten sich von ihren Rekordtiefs, spiegelbildlich dazu sank die Rendite zehnjähriger Papiere von über 6 auf 5 Prozent und blieb eine Weile auf diesem Niveau.

Renditen für italienische Anleihen ziehen wieder an - Warnschuss der EZB?

Doch zu Wochenbeginn stieg sie wieder steil an, am Dienstag bis auf 5,6 Prozent. Die Risikoprämie, die Anleger im Vergleich zu deutschen Bundesanleihen verlangen, näherte sich wieder Rekordniveau. Dreimal so viel Rendite wie von Deutschland verlangen Anleihenkäufer dafür, dass sie Italien Geld leihen. Lässt die EZB das Land fallen?

"Es gibt am Markt Spekulationen, die EZB wolle Italien mit geringeren Anleihekäufen maßregeln", sagt Michael Rottmann, Leiter der Zins- und Währungsstrategie der Großbank Unicredit. "Ich halte das für übertrieben."

Die Notenbank habe sich nie auf einen bestimmten Sollzins wie 5 Prozent für Italien festgelegt, "auch wenn es zeitweise den Anschein hatte". Nur sei jetzt der Verkaufsdruck am Markt einfach höher als zuvor.

"Die Anleger sind extrem nervös", sagt Rottmann. Vor dem im Juli beschlossenen zweiten Hilfspaket für Griechenland und der damit verbundenen Aufwertung des Krisenfonds EFSF zu einer Art Euro-Rettungsbehörde stünden mehrere Hürden: Am Mittwoch entscheidet das Bundesverfassungsgericht, später muss der Bundestag zustimmen, andere nationale Parlamente haben noch keinen Termin, und Finnlands Sonderabkommen für ein Pfand ist auch noch auf dem Tisch.

Was passiert, wenn sich die EZB aus dem Zweitmarkt zurückzieht?

Doch die wirkliche Sorge, meint Rottmann, gelte der Aussicht darauf, was passiert, wenn all diese Hürden ausgeräumt sind. "Dann soll sich die EZB aus dem Zweitmarkt für Staatsanleihen und zurückziehen, und der EFSF übernimmt diese Aufgabe", erklärt Rottmann. "Der EFSF stößt aber schnell an seine Grenzen, und nach heutigem Stand soll sein Volumen nicht erhöht werden." Deshalb sähen Anleger eine Lösung der Euro-Krise zunehmend skeptisch.

Hauptgewinner der Entwicklung ist Deutschland. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sank am Dienstag auf einen historischen Tiefstand von 1,83 Prozent. Für ein Jahr könnte sich der Bund sogar zu 0,4 Prozent verschulden. Die Inflation von derzeit 2,4 Prozent abgezogen, sind die Investoren also bereit, auf 2 Prozent ihres Geldes zu verzichten, nur damit die Bundesrepublik es sicher verwahrt ( siehe Überblick).

Inflationsindexierte Anleihen, bei denen der Staat das Preisrisiko übernimmt, sind deshalb für den Herbst gar nicht mehr geplant.

Geld fließt in Bundesanleihen: "Die Flucht in Sicherheit kann sehr weit gehen"

Kann dieser Ansturm auf Bundesanleihen noch mit Flucht aus riskanteren Anlagen erklärt werden? "Die Flucht in Sicherheit kann sehr weit gehen", sagt Unicredit-Stratege Rottmann. Doch es könnten auch noch Käufer mit anderen Motiven am Markt aktiv sein, vor allem Staaten, die den Euro stärken und ihre eigene Währung schwächen wollen, um ihre Exporte zu stützen.

Die Schweiz, die am Dienstag ein Kurslimit des Franken zum Euro verhängte, sieht Rottmann angesichts der Kurse aber nicht am Werk. China hingegen könnte durchaus im Spiel sein: Die gigantischen Überschüsse müssten irgendwo angelegt werden, und seit China zugesagt hat, eine Aufwertung des Yuan zum Dollar zuzulassen, wirke der Euro als Ventil.

Gleich, wer dahintersteht: Rottmann findet die real negativen Zinsen auf Bundesanleihen erfreulich. "Für mich als deutscher Staatsbürger und Steuerzahler hat die Krise so auch eine schöne Seite", sagt der Zinsexperte. "Das hilft dem Staat, sich zu entschulden und macht Szenarien wie Hyperinflation oder Schuldenschnitt überflüssig."

Anleihemarkt: Berlusconi wird für Italien immer teurer

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