Agrarboom in USA Investoren buhlen um Bauernland

Die Angst vor einer Rezession in den USA wächst - doch steigende Nahrungsmittelpreise machen Agrarland begehrt wie nie. Bauern im Weizengürtel der USA reiben sich bereits die Hände. Sie sitzen plötzlich auf goldenem Boden.
Von Markus Gärtner
Texas-Gouverneur Rick Perry: Beten für Regen

Texas-Gouverneur Rick Perry: Beten für Regen

Foto: REUTERS

Vancouver - Amerika droht die nächste Rezession, aber die Bauern im Weizengürtel des Mittleren Westens reiben sich die Hände. Sie sitzen plötzlich auf goldenem Boden. Der Grund: Niedrige Zinsen, hohe Agrarpreise und die Unsicherheit an den Finanzmärkten treiben ihre Landpreise in ungeahnte Höhen.

In Iowa und Indiana verteuerte sich Ackerland im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent, berichtet die Notenbankzweigstelle in Chicago. In Illinois kletterten die Preise für Agrarland sogar um 19 Prozent. Das ist der schärfste Anstieg seit 34 Jahren.

"In den vergangenen zwölf Monaten sind bei uns die Landpreise in bäuerlichen Gebieten schneller gestiegen als der Dow Jones Index", erzählt Roy Buskirk, ein pensionierter Preisschätzer für Landwirtschafts-Immobilien in Indiana. "Höhere Einkünfte für Getreide und Vieh treiben die Nachfrage nach Land, sowohl durch Bauern als auch durch Investoren", schreibt die Notenbankfiliale in Chicago.

Die Preisrally von Iowa bis Michigan ist nur ein regionales Beispiel eines weltweiten Trends: Eskalierende Nahrungspreise bescheren der Landwirtschaft rund um den Globus bessere Einnahmen und machen Agrarland in einem Meer der Volatilität an den Finanzmärkten zum neuen sicheren Hafen. "Der Ausblick für die Landwirtschaft ist im Vergleich zu anderen Branchen sehr optimistisch geworden. Solange die Agrarpreise hoch bleiben, wird Ackerland auch noch teurer werden", bestätigt der Agrarökonom Craig Dobbins. Er hat den neuen "2011 Farmland Value Survey" der Purdue-Universität in Indiana mit verfasst. Laut der Studie kletterten die Preise für landwirtschaftliche Grundstücke in dem Bundesstaat binnen zwölf Monaten um 24 Prozent. Das war der höchste Zuwachs seit 1977.

Die Folgen dieses Booms sind weltweit zu spüren: Hedgefonds kauften seit 2009 in Afrika 60 Millionen Hektar Agrarfläche. Das entspricht der Größe von Frankreich. Investoren wie George Soros - und Fonds wie Gavilon in Omaha - kaufen von Wyoming bis hoch nach Toronto fieberhaft Weizenspeicher. Aus einem guten Grund: Sie wollen die Infrastruktur des neuen Agrarbooms beherrschen und die Preise kontrollieren. Kostete die Lagerung in den Weizensilos vor zehn Jahren noch drei Cent pro Buschel (je nach Feuchtigkeit etwa 27 Kilogramm), so werden den Bauern heute acht bis zehn Cent berechnet.

Wuchtiger neuer Investitionstrend

Die Agrarland-Rally reicht bis nach Südamerika. Die Nachfrage vor allem chinesischer Investoren ist in Brasilien und Argentinien so groß geworden, dass die Regierungen beginnen, den Landerwerb durch Ausländer zu beschränken. Im Juni hatte die G20 das Thema Nahrungspreise bei ihrem Treffen in Paris ganz oben auf der Tagesordnung. In den USA stiegen die Verbraucherpreise im Juli um 3,6 Prozent, Nahrungsmittel wurden 4,2 Prozent teurer.

In China erreichte die allgemeine Teuerungsrate im Juli mit 6,5 Prozent ein Dreijahreshoch. Doch Schweinefleisch ist seit Jahresbeginn 57 Prozent teurer geworden. In Deutschland lagen die Verbraucherpreise laut dem Statistischen Bundesamt im Juli 2,4 Prozent über demselben Vorjahresmonat. Die Preise für Nahrungsmittel erhöhten sich demnach lediglich um 2,1 Prozent. Doch verschiedene Artikel wiesen zweistellige Zuwächse aus: Butter wurde 11 Prozent teurer, H-Milch 7,1 Prozent.

Die jüngsten Kurskapriolen an den Weltbörsen verleihen dem neuen Investitionstrend noch zusätzliche Wucht. Und das hat mit der Finanzierung zu tun: Landwirtschaftliche Immobilien haben in den USA längst nicht so unter der Finanzkrise gelitten, wie Wohnhäuser oder Bürogebäude. "Während Sie ein Haus fast ohne Anzahlung kaufen konnten", sagt der Agrarexperte Gary Goodwin an der University of Illinois, "wurde für Ackerland bis zu 40 Prozent Eigenkapital verlangt".

Die Folge: Gefährliche Derivate, die vor der Finanzkrise durch die Verbriefung fragwürdiger Hypotheken gestrickt wurden, konnten die Preise in der Agrarwirtschaft nicht annähernd so drücken wie in Wohngebieten und Gewerbeparks. Das verheißt Stabilität, und die ist zurzeit mehr gefragt denn je. "Wenn Sie einen Acker kaufen, können Sie hinfahren und sich Ihr Geld anschauen", erklärt Goodwin die Vorzüge einer solchen Investition anschaulich. Die Investment-Legende Jim Rogers stimmt voll und ganz zu: "Der Bauernstand ist für die nächsten 20 bis 30 Jahre einer der besten Berufe.

Wie stark sich auch Investoren bereits in der Landwirtschaft engagieren, sieht man am schwindenden Anteil, den die Bauern selbst am Erwerb von Land haben. Viele Landwirte re-investieren Gewinne aus den jüngsten Ernten in noch mehr Land. Doch ihr Anteil an der zuletzt verkauften Fläche ging im Weizengürtel der USA von 70 auf 55 Prozent zurück. "Die Bauern wollen jetzt nicht weniger Land, aber sie bekommen mehr Konkurrenz durch die Fonds", erläutert Pat Karst, ein Makler für Agrarimmobilien in dem Städtchen Wabash in Indiana. Wabash wurde bekannt, weil es am 31. März 1880 als erste Stadt der Welt eine flächendeckende elektrische Beleuchtung bekam.

Monsterdürre in den USA

Dass sich an der Agrarland-Rally so schnell nichts ändern wird, machen die jüngsten Preis-Prognosen für landwirtschaftliche Produkte deutlich. In den USA sagt das Landwirtschafts-Ministerium wegen der Trockenheit im Süden des Landes weiter steigende Preise vorher. Im sogenannten Erosionsgürtel im Süden der USA - vor allem in der "Staubschüssel" von Texas - herrscht derzeit eine regelrechte "Monsterdürre", die schlimmste seit den 30er Jahren. Sie bewog vor wenigen Tagen den führenden Wettbewerber um die Kandidatur der Republikaner für die Präsidentschaftswahl 2012 - Texas-Gouverneur Rick Perry - auf einem Heuballen stehend vor laufenden Kameras für Regen zu beten. Texas ist im Getreideland USA der zweitgrößte Produzent von Winterweizen und der führende Viehproduzent.

Baumwolle, die hier im großen Stil angebaut wird, verlor zwar in der jüngsten Korrektur binnen eines Quartals 34 Prozent, doch im Zwölf-Monatsvergleich beträgt der Preisanstieg, der sich jetzt fortsetzen dürfte, immer noch knapp 19 Prozent. Wegen erwarteter Rekordernten in den beiden wichtigen Baumwoll-Exportländern Indien und Australien dürfte der Ausfall in den USA allerdings abgefedert werden. Dennoch spüren große Bekleidungshersteller wie Gap - die größte Kette dieser Branche in den USA - die seit 2009 deutlich gestiegenen Preise für ihre Rohware. Gap meldete am 18. August einen Gewinnrückgang von 19 Prozent für das zweite Quartal, weil eskalierende Preise beim Einkauf von Rohmaterial die Margen verhageln.

Dafür, dass die Preise so schnell nicht nachlassen, sorgen derzeit auch weitere Naturkatastrophen. Der Wirbelsturm "Irene", der am vergangenen Wochenende an der US-Ostküste entlang fegte und riesigen Schaden vor allem durch Hochwasser anrichtete, hat auch einen Teil der Ernte zerstört. Und im Atlantik braut sich mit "Katia" schon das nächste Wirbelsturm-Monster zusammen. Das US-Landwirtschafts-Ministerium hatte noch im Juli für das laufende Jahr eine 4 Prozent höhere Mais-Ernte als 2010 vorhergesagt. Schon einen Monat später, im August, musste die Prognose um 5 Prozent nach unten geschraubt werden.

Nach den jüngsten Wirbelstürmen droht eine weitere Drosselung der Vorhersage. Dass in den USA eine Steigerung der Maisernte für die Nahrungsindustrie schwierig ist, hat noch einen anderen Grund: Aus Mais wird in Amerika auch Ethanol hergestellt. Und dessen Produktion nahm allein 2010 nach Informationen des Vermögensberaters Robert W. Baird in Milwaukee um 23 Prozent zu. Demnach werden zurzeit 35 Prozent der US-Maisernte für die Ethanol-Produktion verwendet, genug, um die Ölimporte um 445 Millionen Barrel im Jahr zu reduzieren. Das ist mehr als die Einfuhren aus Saudi Arabien. Im laufenden Jahr soll die Ethanolproduktion laut dem Landwirtschaftsministerium um weitere 9 Prozent steigen.

Vorratslager schrumpfen

Während in Texas und den fünf benachbarten Bundesstaaten der Trockenregion die Vieh-Herden schrumpfen und die Baumwollernte verdirbt, schätzt das US-Landwirtschaftsministerium den möglichen Ernteverlust auf bis zu 30 Prozent. Das wäre schlimmer als während der Dürre in der Großen Depression vor 80 Jahren. Die Bauern sind in den meisten Fällen versichert und bekommen für den Rest ihrer Ernte höhere Preise. Doch die die Welternährungsorganisation (FAO) hat jetzt noch einen Grund mehr, vor weiter steigenden Agrar- und Nahrungspreisen zu warnen.

Der Nahrungsmittelpreisindex der FAO erreichte im jüngsten Berichtsmonat Juni 234 Punkte. Das ist 39 Prozent höher als im Jahr zuvor, und nur noch vier Punkte vom Allzeithoch bei 238 entfernt. Dieses wurde im Februar dieses Jahres markiert. Die FAO warnte in ihrem jüngsten Marktausblick im Juni vor einer "Eskalation der internationalen Nahrungspreise, wie wir sie in Jahrzehnten nicht gesehen haben". Wetterkapriolen werden dabei als der wichtigste, aber bei weitem nicht einzige Grund für die Preisrally genannt. Das gewaltige Erdbeben im März in Japan, die politischen Unruhen in Afrika und dem Nahen Osten sowie hohe Ölpreise und die Turbulenzen an den Finanzmärkten werden als weitere Preistreiber aufgeführt.

Bei Weizen erholt sich laut der FAO die Ernte nach dem schweren Einbruch von 2010 langsamer als zunächst erwartet. Die Produktion bleibt hinter der wachsenden Nachfrage zurück, was die Vorratslager schrumpfen lässt. Bei Reis wird demnach im laufenden Jahr der Ernteanstieg von knapp 2 Prozent den Zuwachs der Nachfrage übertreffen und eine weitere Aufstockung der Lage erlauben, was zuletzt den Preisauftrieb für Reis gebremst hat. Die Reispreise lagen am Weltmarkt laut der FAO im Mai 3 Prozent unter den Notierungen vom Januar.

Doch in den vergangenen drei Monaten sind die Preise schon wieder um 23 Prozent gestiegen. Und sie können noch weiter klettern. Denn Thailand, der weltgrößte Reisexporteur, wird in diesem Jahr schon einen Monat früher - im Oktober - beginnen, seinen Bauern die Ernte über dem Marktpreis abzukaufen. Kombiniert mit einer bis zu 20 Prozent niedrigeren Ernte in den USA, die höhere US-Importe verheißt, verschärft das den Preisauftrieb.

Am Zuckermarkt überholt erstmals seit 2008 die Produktion den Verbrauch. Doch "der Überschuss wird nicht groß genug sein, um die Zuckervorräte weltweit auf ein normales Maß zurück zu bringen", berichtet die FAO. Die Preisrally hat in vielen Teilen der Welt zu Spannungen geführt und nicht nur eine Rolle bei der Auslösung der Proteste im Norden von Afrika und im Nahen Osten gespielt. Ägypten muss 60 Prozent seines Weizens aus den USA einführen, obwohl sich in den vergangenen drei Jahren der Preis verdoppelt hat.

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