IfW-Chef Dennis Snower "Entscheidungsträger haben Hausaufgaben nicht gemacht"

Die Krise köchelt sein Jahren. Erst lag der Schwerpunkt auf US-Immobilien, jetzt sind es die Euro-Finanzen, die für Turbulenzen sorgen. Unter anderem deswegen, weil die Entscheidungsträger geschlafen haben, sagt IfW-Chef Dennis Snower. Besserung sei nicht in Sicht.
Von Arne Gottschalck
Dennis Snower: Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) ist auch Direktor des Global Economic Symposium (GES), das in diesem Jahr in Kiel stattfindet

Dennis Snower: Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) ist auch Direktor des Global Economic Symposium (GES), das in diesem Jahr in Kiel stattfindet

Foto: Karlheinz Schindler/ picture-alliance/ dpa

mm.de: Börsen und Indikatoren der Realwirtschaft deuten auf eine Abkühlung der Weltwirtschaft hin - wer hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, nachdem Banken und Politiker nach der vergangenen Krise noch vollmundig Besserung gelobten?

Snower: Eine ganze Reihe von Entscheidungsträger haben ihre Hausaufhaben nicht gemacht. Dabei war man sich seinerzeit nach der ersten Phase der Krise einig, Mechanismen zu schaffen, die die exzessiven Risiken reduzieren sollten. Nun wissen wir, dass dies nicht geschehen ist; Banken gelten noch immer als "to big to fail", zu groß um fallengelassen zu werden, und werden vom Staat, also dem Steuerzahler, gerettet. Doch der kann das nur begrenzt, weil viele Staaten sehr hoch verschuldet sind. Das ist also ein Zielkonflikt, der noch nicht gelöst ist. Dabei gehören die Risiken der Banken in meinen Augen nicht zu den Steuerzahlern, sondern zu den Aktionären. Doch die Interessengruppen sind offenbar sehr stark

mm.de: Deswegen wurde auch diskutiert, ob die Banken ihre exzessiven Risiken nicht an Hedgefonds auslagern sollten: Die wären dann nicht "to big to fail" und könnten also in die Insolvenz gehen, ohne dass der Weltwirtschaft ein Schock droht.

Snower: Damit wäre ich vorsichtig. Denn kein Unternehmen steht allein da, sondern ist mit den anderen in einem dichten Netz verwoben. Geht ein Hedgefonds also in die Insolvenz, ist es nur schwer abzusehen, welche Implikationen das nach sich zieht.

mm.de: Sehen Sie ausreichend Tatkraft, diese Missstände zu ändern?

Snower: Nein, die sehe ich nicht. Die Krise läuft seit über zwei Jahren. Das ist viel Zeit, in der man vieles hätte ändern können, zum Beispiel die Anreize, um die exzessiven Risiken besser einhegen zu können. Aber das ist nicht geschehen, das ist traurig.

mm.de: Welches wäre mit Blick auf die Anreize der dringendste Schritt - die Schaffung von CoCo-Bonds, wie Sie anregten?

Snower: Das hatte ich vor geraumer Zeit vorgeschlagen und ich glaube noch immer, dass die Einführung solchen Anleihen einiges ändern würde. Diese Pflichtwandelanleihen sind, wie der Name sagt, in ruhigen Zeiten Bonds. Geht die Bank aber zu hohe Risiken ein und ihre Zahlungsfähigkeit wird dadurch bedroht, wandeln sich CoCo-Bonds automatisch in Aktien um. Dadurch bekommt die Bank neues Eigenkapital, was die Altaktien verwässern würde. Die Altaktionäre würden das nicht wollen, wären am Risiko beteiligt - und würden deswegen darauf hinarbeiten, dass die Banken keine exzessiven Risiken eingehen.

mm.de: Sie sagten auch, wir müssten uns an "Unsicherheit" gewöhnen. Ist diese Erkenntnis noch richtig - und ist sie bei jedem angekommen?

Snower: Nein, die Erkenntnis ist in keiner Weise bei Jedem angekommen. Man spricht zwar viel von Risiken. Aber Risiko und Unsicherheit sind nicht das gleiche. Risiken sind Gefahren, die bereits oft aufgetreten sind, mit denen wir haben Erfahrung sammeln können. Man kann sie daher auch in Zahlen fassen, sie berechnen. Genau das ist bei Unsicherheiten nicht möglich - sie sind neu, noch nicht bekannt. Insofern ist es irreführend, wenn man so tut, als könne man sie berechnen.

mm.de: So wie es Finanzunternehmen machen, die mit komplexen Kennziffern wie Value at Risk genau da behaupten?

Snower: Ja, genau das ist der Punkt.

mm.de: Sind undogmatische Lösungen, wie der Anleihenkauf der EZB, deswegen richtig?

Snower: Die EZB ist in einer prekären Lage. Die Regierungen der Euro-Zone haben es nicht geschafft, sich zu einer nachhaltigen Fiskalpolitik zusammenzufinden. In der Hochzeit der Finanzkrise konnte die EZB Fragen des Inflationsziels getrost beiseite lassen und sich auf die Liquiditätsprobleme konzentrieren. Jetzt aber kümmert sie sich um die Liquidität und um die Geldwertstabilität. Anleihenkäufe darf sie dann tätigen, wenn es Liquiditätsprobleme gibt, nicht aber, wenn es um Solvenzprobleme geht. Das ist Sache der jeweiligen Finanzminister. Allerdings fehlt eine klare Trennung, wann welcher Tatbestand vorliegt. Das ist ein großes Problem für die EZB, ich beneide sie nicht!

mm.de: Welche Rolle können die Emerging Markets bei der Lösungsfindung spielen?

Snower: Wenn zum Beispiel Eurobonds kämen, dann wäre China sicherlich daran interessiert, diese zu kaufen - allein schon, um ihre Währungsreserven zu diversifizieren. Und damit wüchse die Gefahr, dass Europa das gleiche Problem bekommt wie die USA, nämlich langfristig von China abhängig zu sein.

mm.de: Und wo geht es hin?

Snower: Das ist auch ein soziologisches Problem. Die Frage ist ja, wieweit die Bevölkerung bei solchen Entwicklungen mitgeht.

mm.de: Die Jugendproteste quer durch Europa sprechen da ja eine deutliche Sprache.

Snower: Ja. Ich fürchte nur, die Politik wird daraus den Schluss ziehen, entsprechende Schritte so komplex wie möglich zu gestalten, dass es schwierig ist, diese zu durchschauen. Warum zum Beispiel muss der ESFS so kompliziert sein; dahinter muss doch ein Zweck stehen.

Das exklusive Netzwerk für Führungskräfte: Direkt zur manager-lounge

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.