Jackson Hole Ideenlose Notenbanker treten als Konjunktur-Sheriffs ab

Es war ein Treffen der Einfallslosigkeit: Die Zusammenkunft der bedeutendsten Notenbanker der Welt spiegelt das Verfahrene der aktuellen wirtschaftlichen Lage wider. Am Ende reichten die Zentralbanker die Verantwortung für das sieche Wachstum einfach weiter - und doch keimt an der Börse Hoffnung.
Von Markus Gärtner
Fed-Chef Ben Bernanke: Bald auch Aktien aufkaufen?

Fed-Chef Ben Bernanke: Bald auch Aktien aufkaufen?

Foto: JASON REED/ REUTERS

Jackson Hole/Wyoming - US-Notenbankchef Ben Bernanke kam mit leeren Händen, EZB-Präsident Jean-Claude Trichet gab sich akademisch und ohne konkrete Aussagen zur Geldpolitik. Einzig Christine Lagarde rüttelte am Wochenende das Symposium der Notenbanker im US-amerikanischen Jackson Hole mit dringlichen Mahnungen auf.

Die neue IWF-Chefin Lagarde hat angesichts steigender Risiken für die Weltwirtschaft durch die Schuldenkrise die Regierungen diesseits und jenseits des Atlantiks zum sofortigen Handeln aufgefordert. "Die Entwicklungen in diesem Sommer haben gezeigt, dass wir uns in einer gefährlichen neuen Phase befinden", sagte Lagarde. "Wir laufen Gefahr, dass die fragile Erholung zum Erliegen kommt. Deshalb müssen wir jetzt agieren."

Die hochentwickelten Volkswirtschaften müssten langfristige Pläne schmieden, um ihre Schulden unter Kontrolle zu bringen, sagte Lagarde. Zugleich forderte die ehemalige französische Finanzministerin von den Europäern eine umgehende und "substantielle Rekapitalisierung der Banken" ein. Andernfalls drohe eine globale Rezession und eine "lähmende Liquiditätskrise".

Christine Lagardes Hinweis, man könne die Rekapitalisierung der Banken zur Not auch über den Europäischen Rettungsfonds bewerkstelligen, liefert neuen Zündstoff in der Diskussion über das Management der Schuldenkrise.

Notenbanker sehen die Politik jetzt in der Pflicht

Wer von Jackson Hole Ideen und Anstöße zu einer nachhaltigen Lösung der Schuldenprobleme in der Europäischen Union und den USA erwartet hatte, sah sich an diesem Wochenende enttäuscht. Doch eines wurde einmal mehr deutlich: Die Notenbanker haben ihre Möglichkeiten zur Stimulierung der Konjunktur weitgehend erschöpft, jetzt spielen sie den Ball zurück an die Politik.

"Wir haben den Tank aufgefüllt, da ist jetzt reichlich Benzin drin", sagte am Rande der Tagung der Präsident der Fed-Zweigstelle in Dallas, Richard Fisher, "jetzt muss jemand einen neuen Keilriemen einsetzen und auf das Gaspedal treten". Dieser Jemand sind die Regierungen in Europa und den USA, wie in Jackson Hole deutlich wurde.

Fed-Chairman Ben Bernanke, der den Börsianern in Jackson Hole keine neue Geldkampagne versprach, griff stattdessen den US-Kongress an. Die zähe und ideologische Debatte im Juli und Anfang August über das Schuldenpaket habe "die Finanzmärkte gestört und die Konjunktur wahrscheinlich auch". Bernanke verlangte von Washington mehr fiskalische Flankierung in der drohenden Rezession. "Obwohl wir das Schuldenproblem dringend angehen müssen, sollte kurzfristig nicht die Zerbrechlichkeit der wirtschaftlichen Erholung außer Acht gelassen werden", sagte der oberste amerikanische Geldhüter.

"Wenn die Politik schläft, helfen die Brücken der Notenbank nicht"

Ähnlich äußerte sich am Sonnabend EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, der von den Regierungen in Europa dringend Strukturreformen einforderte, vor allem für den Arbeitsmarkt und den Dienstleistungssektor; Trichet hat an fünf der sechs vergangenen Tagungen in Jackson Hole teilgenommen.

Wie groß auch an den Finanzmärkten inzwischen die Ungeduld und das Unverständnis über die politischen Entscheidungsträger geworden sind, zeigt ein Kommentar von Mohamed El-Erian, dem Chef des weltweit größten Anleihefonds Pimco: "Bernanke hat erkannt, dass man die Probleme der USA nicht mit Geldpolitik lösen kann", kommentierte El-Erian die Rede von Bernanke. "Es geht um strukturelle Probleme."

El-Erians Einschätzung: Lockere Geldpolitik könne nur eine Brücke für die Politik bauen, "wenn die allerdings schläft, hilft auch eine solche Brücke nichts". Diese Einschätzung teilt auch der ehemalige Arbeitsminister Robert Reich, der die Möglichkeiten der Notenbank als erschöpft betrachtet: "Wenn sie überhaupt einen Effekt haben soll, muss eine weitere geldpolitische Lockerung mit einem Stimulusprogramm der Regierung einhergehen".

"Geldpolitik ist das einzig verbliebene Werzeug"

Damit steht, was die USA angeht, der politische Kalender für den Rest des Jahres fest: Am 5. September will Barack Obama in einer mit viel Spannung erwarteten Rede sein geplantes Jobprogramm vorstellen. Wie es aussehen könnte, darüber wird zurzeit in Washington noch spekuliert. Das Problem ist die Finanzierung des Programms, denn die Republikaner, die die Mehrheit im Repräsentantenhaus stellen, wollen kein Geld mehr für derlei die Wirtschaft stimulierende Politik lockermachen.

Das brisante am Timing von Obamas Rede: Während er spricht, beginnt der frisch zusammen gesetzte Superausschuss im Kongress damit, nach weiteren 1500 Milliarden Dollar Einsparungen für die nächsten zehn Jahre zu suchen. Ein erstes Sparprogramm von 917 Milliarden die kommende Dekade hatte der Kongress schon Ende Juli beschlossen. Die zusätzlichen Einsparungen des neuen Sparprogramms sollen bis zum 23. November identifiziert werden, das ist der zweite wichtige Termin bis Ende des Jahres.

Der dritte ist die nächste Sitzung des Offenmarkt-Ausschusses der Fed am 20. und 21. September. Die Verlängerung auf zwei Tage - die Bernanke in Jackson Hole bekanntgab - soll dem Gremium mehr Zeit für Erörterungen der künftigen Geldpolitik geben. Für die Börsen war allein die verlängerte Sitzung am Freitag schon Grund genug, eine weitere Runde massiver Lockerung in der Geldpolitik zu erwarten.

Erneut schwache Signale von US-Konjunktur

Und um die US-Konjunktur ist es nicht gut bestellt, wie jüngste Daten zeigen: Am Freitag hatte das US-Handelsministerium das Wachstum für das Bruttoinlandsprodukt im ersten Halbjahr von 1,3 auf 1,0 Prozent nach unten revidiert. Analysten von JP Morgan Chase sagen gar für das ganze Jahr lediglich 1 Prozent Wachstum sowie eine steigende Arbeitslosigkeit vorher.

Am Donnerstag hatte das US-Arbeitsministerium zum zweiten Mal in Folge eine steigende Zahl von Erstanträgen für Arbeitslosenhilfe bekannt gegeben. Am Freitag meldete University of Michigan zudem einen scharfen Einbruch des Konsumentenvertrauens von 63,7 im Juli auf 55,7 im August. Der private Konsum, der in den USA für rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung steht, dürfte damit im August sehr schwach ausfallen und die Furcht vor einer erneuten Rezession zusätzlich nähren.

Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor der New York University, der den Start von QE3 bis Ende des Jahres erwartet, sieht die Fed unter erheblichem politischen Druck im Kongress. Roubini analysiert in diesem Lichte die Rede von Bernanke in Jackson Hole. "Die Fed spürt diesen Druck, also will sie eine scharfe Abbremsung der Konjunktur abwarten, bevor sie die nächste Runde massiver Anleihekäufe einleitet". Roubini erwartet von der Notenbank dann nicht nur den Kauf von Staatsanleihen, sondern auch den Kauf "von vielen anderen Wertpapieren", also möglicherweise auch Aktien.

Wie Roubini sagen auch die Analysten bei Goldman Sachs bis Anfang 2012 eine weitere Geldkampagne der Fed vorher: "Bernankes Rede ändert nichts an unserer Einschätzung, dass eine zusätzliche geldpolitische Lockerung mit über 50 Prozent Wahrscheinlichkeit kommt".

Hohe Inflation scheint Fed noch zu bremsen

Das größte Hindernis gegen eine sofortige Geldkampagne, meinen Beobachter übereinstimmend, sei die Inflation: In den USA ist Benzin trotz der jüngsten Preiskorrektur 33 Prozent teurer als beim Start von QE2 im November 2010, die Inflation ist jetzt doppelt so hoch. Auch die Inflationserwartungen - eine wichtige Kennziffer auf dem Radar der Geldhüter - sind derzeit höher als sie im November 2010 waren.

Auch unter anderen Akademikern ist die Einschätzung verbreitet, dass trotz beschränkter Effekte in den nächsten Monaten die Geldpolitik noch weiter gelockert wird. "Fiskalisch machen die USA genau das Falsche", sagt der Wirtschaftsprofessor David Blanchflower am Dartmouth College in New Hampshire. Blanchflower, ehemals Mitglied im geldpolitischen Ausschuss der Bank of England, sieht die USA "in einer Liquiditätsfalle, in der die Regierung ein großes Anschubprogramm auflegen sollte". Da dies bislang nicht geschehe, so Blanchflower, "ist die Geldpolitik das einzig verbliebene Werkzeug".