Umsturz in Libyen Rebellen suchen weiter nach Gaddafi

Die Rebellen kontrollieren nun den Großteil von Libyens Hauptstadt Tripolis. Doch Libyens Diktator Gaddafi haben sie noch nicht zu fassen bekommen.  Ölfirmen wie Wintershall wollen die Produktion rasch wieder aufnehmen - sobald sich die Sicherheitslage stabilisiert.
Suche nach Gaddafi: Rebellentruppen meinen, dass er sich 150 Kilometer außerhalb von Tripolis aufhalte

Suche nach Gaddafi: Rebellentruppen meinen, dass er sich 150 Kilometer außerhalb von Tripolis aufhalte

Foto: AFP/ Al-Manara Media

Tripolis - Aufständische in Libyen glauben, dem früheren libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi auf der Spur zu sein. "Gaddafi ist nicht in Tripolis. Er ist an einem Ort ungefähr 150 Kilometer von Tripolis entfernt mit einem seiner Söhne", sagte Atman Ibrahim Mleita, Kommandeur der Rebelleneinheit al-Karkar, am Donnerstag im Westen der Hauptstadt. Weitere Angaben machte er nicht.

Darüber, wo sich Gaddafi aufhalten könnte, gibt es bisher nur Spekulationen. In zwei Audio-Botschaften hatte der bisherige Machthaber zuletzt erklärt, er wolle notfalls den "Märtyrertod" sterben.

Nach Angaben seines früheren Zentralbankchefs verfügt der Diktator über Goldreserven in Milliardenhöhe. Einen Teil des Goldes im Wert von insgesamt zehn Milliarden Dollar (knapp sieben Milliarden Euro) könnte er mit auf die Flucht genommen haben, auch um einige libysche Stämme und Milizen zu bestechen und für seinen Schutz zu gewinnen, sagte Farhat Bengdara der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" (Donnerstag). Der Zentralbankchef war zu Beginn des Bürgerkrieges ins Ausland geflohen.

In der Hauptstadt Tripolis kam es am Donnerstag weiter vereinzelt zu Gefechten. Es sei aber der ruhigste Tag, seit er Anfang der Woche dort eingetroffen sei, berichtete ein Reporter des britischen Rundfunksenders BBC. Al-Dschasira zitierte einen Rebellensprecher, die Aufständischen hätten den größten Teil der Stadt unter Kontrolle.

Weiterhin Widerstand von Gaddafi-Treuen in Tripolis

Östlich des Hafens von Tripolis gebe es weiter Widerstand von Gaddafi-Anhängern, sagte Rebellen-Kommandeur Mleita. Am Abend wollten Rebellenkämpfer nach seinen Angaben einen größeren Angriff auf die Regimekräfte unternehmen. Ziel sei außerdem, das Wohnviertel Buslim nahe des Stützpunktes Bab al-Asisija, wo sich auch Gaddafis frühere Residenz befindet, ganz unter Kontrolle zu bringen.

Mleita sagte weiter, dass in einem Viertel zwischen Tripolis und dem noch immer umkämpften internationalen Flughafen 5000 ausländische Söldner vermutet würden. Am Vortag habe seine Einheit 21 Heckschützen aus der Ukraine gefasst, die sich mit ihren Waffen versteckt hätten.

Hinweise auf Exekutionen von Wehrlosen

Allerdings mehren sich die Anzeichen für willkürliche Exekutionen wehrloser Gegner. Die Leichen von über 30 Männern, die höchstwahrscheinlich zu den Truppen von Machthaber Muammar Gaddafi gehörten, seien in einem Feldlager im Zentrum von Tripolis gefunden worden, berichtete ein Reuters-Reporter am Donnerstag. Die Körper seien von Kugeln durchsiebt worden.

Bei mindestens zweien seien die Hände mit Kabelbindern gefesselt gewesen. Fünf der Toten seien in einem Feldlazarett gefunden worden. Einer lag in einem Krankenwagen, in seinem Arm befand sich eine Nadel, über die ihm intravenös eine Flüssigkeit zugeführt worden war.

In ein Krankenhaus in Tripolis wurden die Leichen von 17 Zivilisten eingeliefert, die nach Angaben einer britischen Helferin von Gaddafi-Kämpfern exekutiert wurden. "Diese Jungs wurden vor zehn Tagen verhaftet", sagte Kirsty Campbell vom Internationalen Ärzte-Korps. Rebellen hätten die Leichen in Bab al-Asisija gefunden, dem militärischen Areal mit dem Wohnsitz Gaddafis. "Diese Jungs wurden dort mit Schüssen hingerichtet", sagte Campbell. Ihr sei berichtet worden, es seien noch mehr Leichen Erschossener dort gefunden worden.

Wintershall könnte Förderung binnen Wochen aufnehmen

Das deutsche Ölunternehmen Wintershall könnte seine im Februar gestoppte Produktion in Libyen rasch wieder aufnehmen. Unter den normalen technischen Bedingungen sei dies "innerhalb von einigen Wochen" denkbar, sagte Wintershall-Sprecher Stefan Leunig am Donnerstag im Deutschlandradio. Allerdings spielten auch externe Faktoren "eine ganz große Rolle": Das Unternehmen brauche eine stabile Sicherheitslage im Land, und die Pipelines, die zum Hafen führen, müssten in Ordnung sein.

Die BASF-Tochter Wintershall hatte vor Beginn der Kämpfe im Februar 100.000 Barrel Öl pro Tag in Libyen produziert. 2010 machte das Unternehmen in Libyen laut Sprecher 70 Millionen Euro Gewinn - bei insgesamt 920 Millionen Euro "eher ein kleiner Betrag".

Unternehmenssprecher Leunig zeigte sich optimistisch, dass Wintershall auch nach einer Übernahme der Herrschaft durch die Aufständischen weiterhin Öl in Libyen fördern wird. Das Unternehmen sei seit mittlerweile fünf Jahrzehnten im Land und habe dort viel investiert. Wintershall habe "sehr enge Verbindungen auch insbesondere im lokalen Bereich, und wir gehören sozusagen in das Land". Die Firma habe das technische Know-how, die Öl- und Gasproduktion weiterzuführen.

Das Unternehmen fördert Öl auf Feldern rund tausend Kilometer südlich der Hauptstadt Tripolis. Dort sei es "relativ ruhig geblieben", sagte Leunig. Die internationalen Mitarbeiter hatte das Unternehmen ausgeflogen; in Libyen verblieben 350 libysche Beschäftigte.

wed/dpa-afx/rtr
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