Kampf um Libyen Gaddafi will Widerstand bis zum Tod leisten

Die Rebellen haben Gaddafis Residenz in Tripolis erobert. Doch der Diktator will nicht aufgeben und bis zum "Märtyrertod oder Sieg" kämpfen. Industrieländer denken bereits an den Wiederaufbau des Landes - und liefern sich ein Wettrennen um die beste Startposition.
Siegessichere Rebellen in Libyens Hauptstadt Tripolis: Diktator Gaddafi will weiterkämpfen und ruft die Bevölkerung zum Widerstand auf

Siegessichere Rebellen in Libyens Hauptstadt Tripolis: Diktator Gaddafi will weiterkämpfen und ruft die Bevölkerung zum Widerstand auf

Foto: FILIPPO MONTEFORTE/ AFP

Tripolis - Auch nach dem Sturm seines Hauptquartiers zeigt sich Muammar al-Gaddafi kämpferisch. In einer Audiobotschaft rief der 69-Jährige am Mittwochmorgen die Bevölkerung zum Widerstand auf. Zudem bekräftigte Gaddafi, sich noch immer in der libyschen Hauptstadt Tripolis aufzuhalten.

"Ich gehe unerkannt spazieren, ohne dass die Menschen mich sehen", sagte Gaddafi in der am Mittwoch von dem in Syrien ansässigen Sender Arrai ausgestrahlten Botschaft. Bei seinem Rundgang habe er junge Menschen gesehen, die bereit seien, die Stadt zu verteidigen. Gaddafi appellierte an "die Einwohner von Tripolis, die Stämme, die Jungen, die Alten", auf die Straße zu gehen und "Tripolis von den Ratten zu säubern".

Zuvor hatte der Diktator in einer esten Audiobotschaft angekündigt, bis zum "Märtyrertod oder Sieg" kämpfen zu wollen. Ein Rebellensprecher sagte, die Frage sei nicht mehr, wo sich Gaddafi aufhalte, sondern nur noch, wann er festgenommen werde. Auch einen Tag nach der Erstürmung des militärischen Hauptquartiers war unklar, ob sich Gaddafi in der Hauptstadt Tripolis versteckt hat oder ob er in den Süden des Landes geflüchtet ist.

Eine lokale Radiostation habe einen Aufruf von einem Mann verbreitet, bei dem es sich um Gaddafi handle, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira. Darin habe er die Libyer aufgefordert, die Hauptstadt Tripolis von den Aufständischen "zu säubern". Gaddafi habe den Aufständischen Folter vorgeworfen. Sie würden Gegner "exekutieren".

Die britische BBC meldete unter Berufung auf den Gaddafi-treuen Sender al-Urubah, dass Gaddafi seinen Rückzug aus dem Militärkomplex Bab al-Asisija im Süden von Tripolis als "taktisches Manöver" bezeichnet habe. Die Anlage sei bereits durch 64 Nato-Luftangriffe in den vergangenen Monaten zerstört worden, habe er gesagt.

Libyer feiern Beginn einer neuen Ära - trotz unsicherer Lage

Der Militärsprecher der Rebellen, Ahmed Omar Bani, sagte, im Komplex Bab el Asisija fehle jede Spur von Gaddafi und seiner Familie. Die Residenz sei vollständig unter der Kontrolle der Rebellen, sagte Bani. "Oberst Gaddafi und seine Söhne waren nicht dort, da ist niemand." Keiner wisse, wo die Familie sei.

Der Vorsitzende des Übergangsrates der Rebellen, Mustafa Abdel Dschalil, sagte im Fernsehsender France 24, bei den Kämpfen in Tripolis seien seit Sonntag mehr als 400 Menschen getötet und rund 2000 verletzt worden. Dschalil kündigte an, dass die Kämpfe fortgesetzt würden, bis Gaddafi gefasst sei. Dschalil zufolge kontrollierten Gaddafis Kämpfer noch immer drei Stadtteile von Tripolis.

Dennoch feierten die Menschen in der Hauptstadt bis in die frühen Morgenstunden am Mittwoch mit Gejohle und Freudenschüssen bereits den Beginn einer neuen Ära. In der gestürmten Residenz rissen Kämpfer den Kopf einer Gaddafi-Statue ab und traten auf ihn ein, außerdem plünderten sie die Waffenlager auf dem Gelände. Auch in den Straßen der Rebellen-Hochburg Bengasi wurde gefeiert.

China und Deutschland bringen sich für Wiederaufbau in Stellung

China hat angesichts des faktischen Zusammenbruchs des libyschen Regimes von Muammar al Gaddafi zur politischen Aussöhnung in dem Land aufgerufen. Die Vereinten Nationen sollten eine Führungsrolle beim Wiederaufbau übernehmen, sagte der chinesische Außenminister Yang Jiechi am Mittwoch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Dringendste Aufgabe sei nun die Wiederherstellung der Stabilität. Die UN sollten dabei mit der Arabischen Liga, der Afrikanischen Union und anderen regionalen Organisationen zusammenarbeiten. China war ein wichtiger Wirtschaftspartner Libyens und hat zu Beginn des Konflikts 35.000 seiner Arbeiter aus dem Land abgezogen.

Nach den Worten von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) soll Deutschland neben den Vereinten Nationen eine Schlüsselrolle beim Wiederaufbau in Libyen spielen. "Libyen braucht jetzt einen Wiederaufbau, der das Land dauerhaft stabilisiert", sagte Westerwelle der "Passauer Neuen Presse" (Mittwochsausgabe). "Hier hat Deutschland Erfahrung und eine besondere Kompetenz. Wir werden Libyen mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn das gewünscht wird."

Eine am Dienstag in Bengasi von Deutschland unterzeichnete Kreditvereinbarung über 100 Millionen Euro werde dem Nationalen Übergangsrat zur Verfügung gestellt und solle "vor allem für humanitäre und zivile Hilfe eingesetzt werden".

Westerwelle forderte eine schnelle Freigabe der eingefrorenen Gelder der Regierung von Libyens Machthaber Muammar el Gaddafi. Allein in Deutschland seien es 7,3 Milliarden Euro. "Wir müssen dafür sorgen, dass diese Mittel nun schnell freigegeben werden und dem libyschen Volk für den Wiederaufbau zur Verfügung stehen."

Franzosen wollen Libyen unter die Arme greifen

Auch Frankreich will sich beim Wiederaufbau engagieren. Die Regierung kündigte bereits eine Sitzung der Libyen-Kontaktgruppe an, in der auch Deutschland mitarbeitet. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hat von allen ausländischen Staats- und Regierungschefs die besten Kontakte zum nationalen Übergangsrat, der nach einem Abgang Gaddafis erst einmal die Fäden in der Hand hält. Schließlich war es der französische Präsident, der die Oppositionsgruppe international hoffähig machte. Das dürften die neuen starken Männer Libyens ihm nicht vergessen.

Die Entscheidung Deutschlands, keine Soldaten in den Kampf gegen Gaddafi geschickt zu haben, hält der Außenminister nach wie vor für richtig. "Wir haben unseren Beitrag zum Umbruch mit politischen Mitteln geleistet", sagte er. "Die Sanktionen und die internationale Isolierung waren von großer Bedeutung. Dadurch ist Gaddafis Regime von Nachschubquellen abgeschnitten worden."

Zur Debatte über einen möglichen Bundeswehreinsatz zur Stabilisierung des Übergangsprozesses in Libyen sagte Westerwelle, zunächst einmal müssten die Libyer selbst gefragt werden, was sie an Unterstützung wollten. Der Weg zu Stabilität und Frieden werde "nach mehr als 40 Jahren Diktatur eine Herkulesaufgabe werden", sagte Westerwelle der Zeitung. Es gehe nun vor allem darum, "den politischen Umbruch in Richtung Demokratie erfolgreich zu bewältigen. Entscheidend wird auch der wirtschaftliche Aufbau werden". Um einen Bürgerkrieg zu verhindern, brauche der Nationale Übergangsrat jetzt "volle Unterstützung", mahnte der FDP-Politiker.

wed/dapd/dpa/rtr
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