Schlacht um Tripolis Kämpfe in Libyen verteuern Öl

Die verworrene Lage in Libyen treibt den Ölpreis: Heftige Kämpfe erschüttern die libysche Hauptstadt Tripolis, die Rebellen setzen zum Sturm auf die Gaddafi-Residenz Bab al-Asisija im Zentrum an. Doch Gaddafis angeblich gefangener Sohn Saif al-Islam überrascht mit einem Hotelauftritt.
Bewaffneter Rebell in Libyens Hauptstadt Tripolis: Gaddafis Aufenthaltsort ist weiter unbekannt

Bewaffneter Rebell in Libyens Hauptstadt Tripolis: Gaddafis Aufenthaltsort ist weiter unbekannt

Foto: AP

Tripolis/Frankfurt - Die Ölpreise sind heute gestiegen - wegen freundlicher Aktienmärkte und der anhaltenden Kämpfe in Libyen. Im Mittagshandel kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent  zur Oktober-Lieferung 108,47 US-Dollar. Das waren 11 Cent mehr als am Montag. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI (West Texas Intermediate) stieg um 1,11 Dollar auf 85,53 Dollar.

Die Ölpreise profitierten von der entspannten Stimmung an den Aktienmärkten, sagten Händler. Nach den heftigen Kursturbulenzen der vergangenen Handelstage sei die Risikobereitschaft der Investoren gestiegen.

Am Montag war der Preis für Brent noch deutlich gefallen, da Anleger nach dem Einmarsch der Rebellen in der libyschen Hauptstadt Tripolis ein baldiges Ende der Kämpfe und eine Wiederaufnahme der Öllieferungen erwarteten. "Es könnte aber Monate dauern, bis das Öl aus Libyen wieder geliefert wird", sagte John Vautrain von der Energieberatungsfirma Purvin & Gertz. "Am Montag gab es eine Menge Euphorie. Aber das ganze Land ist noch nicht befriedet und wir haben noch keine organisierte Regierung. Da fehlt noch einiges."

Nach Angaben des früheren Chefs der nationalen Ölgesellschaft, Schokri Ghanem, braucht es 18 Monate, bis die Produktion das Niveau vor dem Bürgerkrieg erreicht . Am Ölmarkt rechnen Anleger zudem mit einem Rückgang der US-Lagerbestände, was Händlern zufolge ebenfalls den Preis für den Rohstoff in die Höhe trieb. Die Lagerdaten des American Petroleum Institute (API) werden am Dienstagabend (MESZ) veröffentlicht.

Rückschlag für Rebellen nach Auftritt von Gaddafi-Sohn Saif

Die Lage in Libyen ist derzeit alles andere als klar. Nach Berichten internationaler Nachrichtensender sind in Libyens Hauptstadt Tripolis nun schwere Kämpfe um den Stützpunkt Bab al-Asisija entbrannt, in dem der gestürzte Machthaber Muammar al-Gaddafi vermutet wird. Aufnahmen im arabischen Sender Al-Dschasira zeigten dichte Rauchwolken über dem Stützpunkt, in dem auch die Residenz Gaddafis liegt. Reporter des Senders berichteten, Aufständischen kämpften sich langsam in die stark befestigte Anlage vor.

Vor kurzem hatten die libyschen Rebellen aber einen empfindlichen Rückschlag erlitten. In der Nacht zum Dienstag fuhr völlig überraschend Muammar Gaddafis gefangen geglaubter Sohn Saif al-Islam vor dem Hauptstadt-Hotel Rixos vor, in dem mehrere Auslandskorrespondenten Quartier bezogen haben. Umjubelt von Anhängern verbreitete er lächelnd Durchhalteparolen, schüttelte Hände und machte mit seinen Fingern das Victory-Zeichen.

Die Aufständischen hatten zuvor die Festnahme des als Nachfolger seines Vaters aufgebauten Saifs als wichtigen Erfolg vermeldet. Sein Auftritt ließ Zweifel an der Verlässlichkeit der Angaben der Rebellen aufkommen. Von Gaddafi selbst fehlte derweil weiter jede Spur.

Saif sagte, die Regierung kontrolliere Tripolis nach wie vor. Seine Anhänger forderte er auf, zu den Waffen zu greifen. Selbstbewusst erklärte er, es interessiere ihn nicht, dass der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen ihn und seinen Vater wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen habe. Die Rebellen, die er als Ratten beschimpfte, würden besiegt werden. Auf die Frage, ob sein Vater wohlauf sei, antwortete er: "Natürlich."

"Wir versuchen herauszufinden, wie er entkommen konnte", sagte ein verdutzter Aufständischer. "Viele der Männer in Uniform sind Freiwillige, und ein paar von ihnen machen Fehler." Ob Saif sich überhaupt jemals in der Hand der Rebellen befunden hat, ist unklar. Viele Angaben über die Kämpfe in Tripolis lassen sich unabhängig nur schwierig überprüfen.

Heftige Kämpfe um Gaddafi-Residenz

Gaddafi hat sich seit Wochen nicht in der Öffentlichkeit blicken lassen. Wo er sich derzeit befindet, ist unklar. Ein möglicher Aufenthaltsort könnte seine Residenz im schwer abgesicherten, Bunker-artigen Gebäudekomplex Bab al-Asisija im Zentrum von Tripolis sein. Dort konzentrierten sich am Dienstag die Kämpfe zwischen seinen Truppen und den Rebellen, die am Wochenende ihren Sturm auf Tripolis eingeläutet hatten. Er gehe nicht davon aus, dass Bab al-Asisija leicht zu knacken sein werde, sagte Rebellensprecher Abdel Hafis Ghoga. "Und ich kann mir vorstellen, dass es einen heftigen Kampf geben wird."

Auch in anderen Stadtteilen hatten die Rebellen offenbar längst noch nicht die Oberhand gewonnen. "Bis gestern dachten wir, dass das Hafen-Gebiet von den Oppositionskräften kontrolliert werde, aber in der Nacht haben sie uns gesagt, abzuwarten und nicht anzulegen", sagte etwa ein Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die ein Rettungsschiff zur Evakuierung von gestrandeten Gastarbeitern nach Tripolis entsandt hat. Fast 6000 Ägypter, Bangladescher und Philippiner hätten um Hilfe gebeten. Die Rebellen hätten der Hilfsorganisation jedoch gesagt, die Bedingungen für eine Rettung seien im Moment "nicht optimal".

Auch aus anderen Landesteilen wurden Gefechte vermeldet. Der Sender Al-Dschasira berichtete, in der Nähe der strategisch wichtigen Ölstadt Brega habe es Zusammenstöße gegeben. Al-Arabija berichtete von schweren Kämpfen in dem symbolträchtigen Ort Sirte am Mittelmeer, in dessen Nähe Gaddafi geboren wurde. Die Rebellen hätten einen Militärkonvoi angegriffen und Dutzende Soldaten des Machthabers getötet.

Die Nato, die seit Monaten die Rebellen mit Luftangriffen unterstützt, hatte Sirte kurz vor Beginn der Rebellenoffensive in Tripolis mehrfach bombardiert. Die Nato-Einsätze würden fortgesetzt, bis die Lage vollständig sicher sei, sagte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu am Dienstag bei einem Besuch in der Rebellenhochburg Benghasi im Osten Libyens.

wed/rtr/dpa
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