Montag, 27. Januar 2020

Konjunktursorgen Überleben in der Grusel-Ökonomie

Hohe Schulden, wenig Wachstum: Trotz üppiger Cash-Infusionen drohen die etablierten Volkswirtschaften zurück in die Rezessionen zu taumeln

Der Abschwung rückt näher. Doch die Staaten des Westens sind als wirtschaftspolitische Akteure kaum noch handlungsfähig. Die Welt ist gefangen in einem Szenario, aus dem es immer weniger Auswege gibt. Wer das Schlimmste erwartet, könnte am Ende als Realist dastehen.

Noch ist die Krise virtuell. Noch bemerken wir in Deutschland allenfalls ein paar Tiefausläufer: Die Bürger gehen arbeiten, einkaufen, bauen, investieren. Aber die Sturmböen kommen bedrohlich näher.

Noch zeigt der manager-magazin-Konjunktur-Indikator fürs laufende Jahr ein Wachstum von mehr als 4 Prozent an. Andere Prognosen sind etwas verhaltener, aber ein Plus von mehr als 3 Prozent gilt als sicher. Denn der Beginn dieses Jahres lief berauschend für die deutsche Wirtschaft, derzeit werden noch vorhandene Auftragsbestände abgearbeitet.

Wie es danach weitergeht, ist allerdings völlig offen. Zwar liegen die meisten Prognosen, auch der mm-Indikator, für 2012 bei Werten um die 2 Prozent. Aber die Unsicherheiten sind so groß, dass auf die Prognosen fürs nächste Jahr derzeit kaum Verlass ist.

Wer das Schlimmste erwartet, könnte am Ende als Realist dastehen. Die Welt ist gefangen in einer Grusel-Ökonomie, aus der es immer weniger Auswege gibt.

Die Lage ist viel schwieriger als beim letzten Abschwung 2008: Die Staaten des Westens haben kaum noch konjunkturpolitische Instrumente zur Hand - das Pulver ist alle, die Kugeln wegverpfändet.

In der großen Rezession von 2008/2009 schossen die USA, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und viele andere Staaten gigantische Summen Geld in die Wirtschaft. Konjunkturprogramme stützten die Nachfrage; Abwrackprämien und Bausanierungsprogramme, Kurzarbeitergeld und verlängertes Arbeitslosengeld federten den heftigsten Abschwung der Nachkriegszeit ab. Die Notenbanken senkten die Leitzinsen gegen null; und sie kauften Anleihen vom Markt, um auch die langfristigen Zinsen zu drücken.

Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen - Deficit Spending ist kein Ausweg mehr

Und jetzt? Jetzt sind die Staaten so hoch verschuldet, dass immer mehr Länder Sparprogramme auflegen müssen. Die USA, Italien, Frankreich - wo auch immer in den vergangenen Wochen Staaten den Druck der Märkte oder der Ratingagenturen zu spüren bekamen, reagierten die Regierungen, indem sie Sparprogramme ankündigten.

Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen - das ist das Gebot der Stunde. Ob das die Schuldenlasten erleichtern kann, ist völlig offen. Möglich, dass sich die Staaten gemeinsam in eine Krisendynamik hineinsparen, die die Schuldenprobleme letztlich verschlimmern wird. Und doch, darüber zu räsonnieren, ist sinnlos: Wenn die Kreditspielräume sich verengen, bleibt gar nichts anderes übrig als die Budgets in Ordnung zu bringen.

Deficit Spending, das alte keynesianische Antirezessivum, steht nicht mehr zur Verfügung, weil es für die Finanzminister immer schwieriger wird, jemanden zu finden, der bereit ist, große Defizite zu finanzieren. Immer mehr Staaten stehen als wirtschaftspolitischer Akteur vor dem Offenbarungseid.

Das gilt auch für die zweite Säule der Konjunkturpolitik: Die Notenbanken sind mit ihrem traditionellen Instrumentarium am Ende. Die Leitzinsen sind immer noch extrem niedrig. In den USA oder in Großbritannien haben sie nicht mal versucht, aus den Krisenmaßnahmen auszusteigen. Und selbst dort, wo die Notenbanken im Aufschwung eine Normalisierung probiert haben, wie im Euro-Land, sind die Sätze immer noch niedrig. Die globale Liquiditätsversorgung ist üppig. Vielerorts sind die Zinsen real (also abzüglich der Inflationsrate) negativ.

Rezessionsgefahr trotz üppiger Cash-Infusionen

Auch weitere Staatsanleihen aufzukaufen, dürfte nur noch begrenzte Wirkung haben. Das gilt insbesondere für die USA: Bereits jetzt liegt Verzinsung langfristiger Papiere bei lachhaften 2 Prozent. Würde die Fed im Rahmen eines dritten Quantative-Easing-Programms die Sätze noch weiter drücken, wäre die Wirkung extrem begrenzt. Anders liegt der Fall in Euro-Land, wo immer mehr Länder mit steigenden Zinsen konfrontiert sind; doch innerhalb der Europäischen Zentralbank (EZB) ist der Aufkauf von Staatsanleihen hochgradig umstritten, sodass er kaum dauerhaft durchzuhalten sein wird, ohne die Institution nachhaltig zu beschädigen.

Das Gruselige an der derzeitigen Situation ist, dass trotz der üppigen Cash-Infusionen der vergangenen zwei Jahre die etablierten Volkswirtschaften nun zurück in die Rezessionen zu taumeln drohen. Welche Optionen bleiben jetzt noch?

Die Notenbanken dürften noch weit aggressiver in die Wirtschaft eingreifen als bislang. Dies ist keine Forderung, sondern eine Fortschreibung des bisherigen Krisenmangements. Sowohl in Washington als auch in Brüssel ist die Politik weitgehend blockiert.

Die Notenbanken scheinen die letzten Akteure zu sein, die noch handlungsfähig sind. Falls die Lage sich verschärft, werden sie immer tiefer in die Krisenintervention verstrickt werden. Sie werden weitere Asset-Klassen aufkaufen - Anleihen, Währungen, Aktien, womöglich werden sie auch Häuser akquirieren in Ländern (wie den USA), wo Immobilienbooms ein großes Überangebot hinterlassen haben, nun die Bauwirtschaft am Boden liegt und die Arbeitslosigkeit schmerzhaft hoch ist. Kurz: Sie werden so lange Assets vom Markt kaufen und Liquidität in die Märkte pumpen, bis die Nachfrage und die Inflation anspringen - sodass die privaten und öffentlichen Schulden, die der Westen in den vergangenen drei Jahrzehnten aufgetürmt hat, erträglicher werden.

Natürlich, mit Marktwirtschaft hat das alles nicht mehr viel zu tun. Aber die bedrängten Gesellschaften des Westens werden versuchen, sich neue Auswege zu eröffnen.

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