Durchbruch in der Bohrtechnik Neuer Ölboom in der Prärie

Nach Shale Gas kommt Shale Oil: Die US-Ölindustrie frohlockt, weil sie mit neuer Technik Quellen zum Sprudeln bringt, die bisher als wirtschaftlich unerreichbar galten. Das Potenzial ist enorm: Staaten wie North Dakota könnten als Öllieferant bald wichtiger werden als Alaska.
Bohrturm von Continental Resources in North Dakota: Schwarzes Gold im Prärieland

Bohrturm von Continental Resources in North Dakota: Schwarzes Gold im Prärieland

Hamburg - Lynn Helms kann sein Glück kaum fassen. "Unsere Zukunft sieht rosig aus", sagt der Chef der Rohstoffbehörde im US-Bundesstaat North Dakota. 650 neue Ölquellen seien in dem Prärieland an der kanadischen Grenze 2010 erschlossen worden, in diesem Jahr sollen 2000 weitere hinzukommen. North Dakota, vor kurzem noch ein Nichts in der Energiewelt, werde noch in diesem Jahrzehnt Alaska als US-Ölstaat Nummer zwei hinter Texas verdrängen.

Nach jüngsten Daten des US-Energieministeriums fördert der Staat derzeit 360.000 Fass (je 159 Liter) Rohöl pro Tag, fast doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren und ähnlich viel wie Ecuador, immerhin Mitglied der Organisation Erdöl exportierender Länder. Laut Helms dürfte sich die Produktion in North Dakota bald abermals mindestens verdoppeln. Schon jetzt ist die Arbeitslosenquote dank des neuen Booms auf 3 Prozent gesunken, Milliardeninvestitionen fließen in das dünn besiedelte Land. "Mir gehen die Superlative aus", freut sich Helms.

Das Besondere: Unter dem Grasland liegt kein konventionelles, zusammenhängendes Ölfeld, das man nur anbohren braucht, damit es sprudelt. Die kostbare Flüssigkeit liegt in der so genannten Bakken-Formation in dichtem Schiefer- und Dolomitgestein gebunden. "Tight Oil" oder "Shale Oil" (für Schieferöl) sagen die Experten dazu - und bislang waren diese Begriffe gleichbedeutend mit unkonventionellen, also nicht wirtschaftlich zu fördernden Reserven. Anders als die ebenfalls früher als unkonventionell geltenden Ölsande im benachbarten Kanada enthält der Fels in North Dakota aber Öl bester Qualität.

Produktionskosten sinken rapide

Bekannt ist das Bakken-Öl schon seit den 50er Jahren. Doch "noch vor fünf Jahren schien die Förderung unrentabel zu sein", sagt Steffen Bukold, Leiter des Hamburger Forschungsbüros Energy Comment. Inzwischen aber seien die Produktionskosten auf durchschnittlich 40 Dollar je Fass gesunken. Dafür sorgten vor allem Skaleneffekte. "Der Boom profitierte von den Erfahrungen, die man bei Shale Gas sammeln konnte", erklärt Bukold.

Erdgas aus dichtem Gestein, das ist die jüngste Erfolgsgeschichte der Energiebranche: Eine technische Revolution hat die USA plötzlich zum weltgrößten Gasproduzenten befördert, von Importen unabhängig gemacht und weltweit das Gefüge von Preisen und Lieferantenbeziehungen ins Wackeln gebracht. Wiederholt sich das gleiche jetzt mit Öl, dem für Autofahrer, Chemieindustrie und Weltwirtschaft ungleich wichtigeren Rohstoff?

Prognosen für Shale Oil: "Wie ein neues Venezuela oder Kuwait"

"Die Technik ist die gleiche", erläutert Hans-Georg Babies von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Statt nur senkrecht in die Tiefe würden die neuen Gas- und Ölquellen von unten waagerecht angebohrt, um breitere Gesteinsschichten zu erschließen. Um die Energieträger aus dem Fels zu lösen, werde eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien unter Hochdruck hineingeblasen - diese Technik ist als Hydraulic Fracturing oder kurz Fracking bekannt. Allerdings sind Ölmoleküle größer als Gasmoleküle, deshalb ist mehr Aufwand nötig.

EOG Resources , einst aus dem texanischen Pleitekonzern Enron hervorgegangen, gehörte zu den ersten Unternehmen, die erkannten, dass die mit Gas erprobte Technik auch wirtschaftlich eingesetzt werden kann, um Öl zu fördern. EOG kaufte ab 2007 günstig Grundstücke und Schürfrechte, vor allem im Bakken-Gebiet. Heute sorgt Shale Oil für den Großteil der Erlöse von EOG, während die Bedeutung von Erdgas zurückgeht.

Aliza Fan Dutt vom Analysehaus IHS Cera sieht in EOG das Paradebeispiel für Firmen, die ihre Bohranlagen von Gas- auf Ölförderung umstellen - um nicht dem eigenen Erfolg zum Opfer zu fallen: Als Folge der Angebotsschwemme ist der Gaspreis in den USA auf umgerechnet weniger als einen Euro-Cent je Kilowattstunde gesunken. "Je eher die Firmen von Gas auf Öl umstellen, desto mehr haben sie zu gewinnen", meint Fan Dutt. Laut Daten des Branchendienstes Baker Hughes sind inzwischen mehr als 1000 Ölbohranlagen in den USA in Betrieb, gut fünfmal so viele wie noch vor zwei Jahren. Die Zahl der Anlagen, die nach Gas bohren, hat sich dagegen auf 880 beinahe halbiert.

Nicht alle Shale-Oil-Quellen versprechen Erfolg - Ölmultis kommen zu spät

Bakken ist nur der Anfang. Aus der Felsformation Eagle Rock in Südtexas strömen bereits mehr als 100.000 Fass Erdöl pro Tag, in rund 20 ähnlichen Gebieten quer durch die Staaten balgt sich die Industrie um Schürfrechte - nicht immer mit Aussicht auf Erfolg. Die Formation Niobrara am Rand der Rocky Mountains stuft IHS Cera als geologisch schwierig ein, nur wenige Quellen dort liefen so gut an wie die in North Dakota.

Und gerade dort versuchen die großen Ölmultis, noch in das Boomgeschäft einzusteigen, das kleinere Firmen dominieren. So beteiligte Chesapeake , ein weiterer Fracking-Pionier, den chinesischen Ölriesen CNOOC  an Niobrara-Schürfrechten. "Der Deal sieht gut für die Aktionäre von Chesapeake aus, weniger für die von CNOOC", heißt es in einer IHS-Cera-Studie.

Insgesamt zeigen sich die Experten aber optimistisch. Laut IHS Cera dürfte die US-Produktion von Shale Oil in diesem Jahrzehnt auf drei Millionen Fass pro Tag steigen, und das sei, "als würde man ein neues Venezuela oder Kuwait finden, nur mitten in den Vereinigten Staaten". Bereits jetzt sorgen vor allem Bakken und Eagle Rock dafür, dass die seit 1970 rückläufige Ölproduktion der USA wieder zunimmt. Inzwischen ist laut Daten des US-Energieministeriums mit 7,8 Millionen Fass pro Tag schon wieder das Niveau von 1998 erreicht.

Shale-Oil-Milliardäre sehen USA auf dem Weg in die Autarkie

In der Branche kursieren noch viel optimistischere Prognosen. Allein aus der Bakken-Formation ließen sich 24 Milliarden Fass Öl holen, sagt das Unternehmen Continental Resources  voraus und übertrifft die jüngste Studie des staatlichen Geologiedienstes damit um das Fünffache. Bakken wäre dann einer der größten Ölfunde der vergangenen Jahrzehnte, höchstens noch übertroffen von den Vorkommen in der brasilianischen Tiefsee. "Viele dachten, sie könnten die Ölindustrie in den USA abschreiben, aber das ist weit von der Wahrheit entfernt", zitiert das "Wall Street Journal" Continental-Chef Harold Hamm.

Hamm ist das Gesicht des Bakken-Booms. Ihn hat das neue Ölgeld zum Multimilliardär gemacht, ebenso wie seinen Kollegen Aubrey McClendon von Chesapeake, der wie Hamm aus dem klassischen Ölstaat Oklahoma stammt. "Das ist das große Ding in unserem Leben, das uns von Importöl wegbringen kann", frohlockt McClendon gegenüber der "New York Times".

Könnte horizontales Fracking auch anderswo Erfolg haben, gar die düsteren Szenarien vom Ende der Ölgesellschaft abwenden? "Diese Technik kann weltweit angewendet werden und steht gerade bei Shale Gas nicht nur in Deutschland in der Diskussion", meint Hans-Georg Babies von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

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Shale Oil beeinflusst den Weltmarkt schon jetzt

Der Hamburger Ölexperte Bukold zeigt sich da skeptischer. Wegen unterschiedlicher geologischer Bedingungen und fehlender Erfahrung ließen sich die Kostenstrukturen der US-Industrie nicht einfach auf Europa übertragen. Außerdem solle man die Umweltbedenken nicht vergessen, etwa dass Fracking mit Chemiegiften das Grundwasser verseuche. Aus diesem Grund haben nicht nur Unternehmen, die in Deutschland erst beginnen, mögliche Gasquellen in Schiefergestein zu erkunden, einen schweren Stand. Auch in dicht besiedelten US-Staaten wie New York oder Pennsylvania haben die lokalen Behörden das Fracking gestoppt.

"Shale Oil wird die Energiezukunft nicht grundsätzlich verändern", meint Bukold. "Die Weltmarktpreise für Öl haben sich von den Kosten und Angebotsmengen weitgehend entkoppelt. Die Vorteile für Verbraucher und Konjunktur bleiben deshalb gering." Immerhin einen vorübergehenden Effekt hat der Shale-Oil-Boom auf den Markt: Rohstoffanalyst Jochen Hitzfeld von Unicredit sieht darin einen wesentlichen Grund, warum Öl im Zentrum der USA heute billiger ist als etwa solches aus der Nordsee (Kurswerte anzeigen) - zumindest solange die Transportinfrastruktur fehlt, um das zusätzliche Angebot in Regionen mit höherer Nachfrage zu liefern. Zuletzt stieg der Preisabstand auf 25 Dollar je Fass.

Auch die Peak-Oil-Gemeinde, die ein baldiges Schrumpfen des Ölangebots mit katastrophalen Folgen für die Weltwirtschaft prophezeit, reagiert auf Shale Oil. "Ich bezweifle, dass die neuen Shale-Oil-Quellen so schnell anlaufen wie erhofft", schreibt die US-Bloggerin Gail Tverberg, "aber es gibt wenigstens einen Hoffnungsschimmer, dass dieser Treibstoff hilft, den Tag der Abrechnung etwas zu verschieben." Wenigstens für Lynn Helms und North Dakota erscheint der Tag der Abrechnung weit entfernt.

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