Freitag, 20. September 2019

Weltkonjunktur Schwellenländer bibbern vor schlappem Westen

Schwellenländer: Die bitteren Folgen des Abschwungs
REUTERS

Die Volkswirtschaften in China, Indien und Brasilien haben mit ihrem Schwung so manche Industrienation wieder flott gemacht. Vor allem Deutschland hat davon profitiert. Jetzt aber fürchten die neuen Wirtschaftstars die Schwäche in Europa und Amerika.

Hamburg - Die Schuldenkrise in Europa, das Nullwachstum in Frankreich und Deutschland, und die einbrechende Konjunktur in den USA bedrohen das letzte Bollwerk des Wachstums auf dem Planeten: die Schwellenländer. Von Rio über Moskau, bis nach Mumbai und Shanghai fürchten Ökonomen jetzt einen dreifachen Schock gegen ihre regionalen Volkswirtschaften: Flaue Exporte, anhaltende Inflation und sinkende ausländische Direktinvestitionen. Die Ängste variieren dabei nur leicht.

"Die Herabstufung der USA, das Schuldendrama in Europa, und Inflation in China", zählt der Chefstratege Masanaga Kono beim Vermögensverwalter Amundi Japan auf. Ähnlich klingt das im Süden des Boom-Kontinents. "Schwächere Exporte, weniger Überweisungen unserer Arbeiter im Ausland nach hause an die Familien, und weniger Direktinvestitionen". Das fürchtet der Wirtschaftsprofessor Benjamin Diokno an der University of the Philippines in Manila.

Die Hauptstadt der Philippinen ist auch der Sitz der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB). Und die warnte bereits im Juli, dass steigende Inflation, eine schwache Erholung in Japan sowie die transatlantische Schuldenkrise zu einer Bedrohung für die wachstumsverwöhnten Länder in dem Kontinent geworden sind. Die ADB behielt ihre BIP-Prognose für die Region von 8 Prozent im laufenden Jahr zuletzt bei, kündigte aber vor wenigen Tagen Abwärts-Korrekturen für verschiedene Länder, darunter China, an.

"Wenn Europa und Amerika in eine weitere Rezession abgleiten, werden China, Indien und andere Schwellenländer darunter leiden", warnte auch Singapurs Premier Lee Hsien Loong vor ein paar Tagen in seiner jährlichen Grundsatzrede. Der Stadtstaat Singapur mit seiner enormen Abhängigkeit von Exporten war 2008 die erste Volkswirtschaft Asiens, die in den Strudel der weltweiten Krise geriet. Damit ist die Insel eine Art Frühindikator für Ungemach, das den Schwellenländern von einer schwachen Weltwirtschaft droht. Singapur meldete vorige Woche einen Rückgang seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 6,5 Prozent für das zweite Quartal. In der Region wird das als schrilles Alarmzeichen gesehen.

Japan stampft Wachstumsprognose ein

In Asien hat man auch der Warnung von Weltbankchef Robert Zoellick vor einer Woche viel Beachtung geschenkt. "Wir sind im frühen Stadium eines neuen und ganz anderen Sturms", hat Zoellick gesagt. Parlamentarier in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Land Südostasiens, haben umgehend gefordert, einen globalen Abschwung im Staatshaushalt für 2012 zu berücksichtigen. Indonesien hat Firmen aus Übersee am Wochenende versprochen, Steuerferien für größere Projekte zu gewähren. Das soll den Zustrom an Investitionen vor einem Einbruch bewahren.

Positive Meldungen wie der überraschend geringe BIP-Rückgang in Japan im zweiten Quartal werden nun seltener werden, fürchten viele regionale Ökonomen zwischen Shanghai, Soul und Singapur. Japans Regierung meldete am Montag, das Bruttoinlandsprodukt sei im Juni-Quartal mit Minus 1,3 Prozent weniger geschrumpft als vorhergesagt. Japan hatte vor einer Woche seine BIP-Prognose für das Gesamtjahr dann auch in der Folge drastisch von zuvor plus 1,5 Prozent auf jetzt nur noch 0,5 Prozent zurückgenommen. Der Grund: Japans Wirtschaft ist nun drei Quartale in Folge geschrumpft und muss wegen seiner starken Elektronik- und Autoindustrie - aber auch seiner dominanten Position in vielen weltweiten Lieferketten - um die Exporte fürchten.

Mahnungen und enttäuschende BIP-Zahlen nehmen, nach Europa und den USA, jetzt auch in den Schwellenländern zu: Das Wachstum im Bric-Staat Russland, dem weltweit größten Energie-Exporteur, schrumpfte im zweiten Quartal auf 3,4 Prozent, nach 4,1 Prozent von Januar bis März, meldete das staatliche Statistikbüro vor einer Woche. "Zweifellos eine sehr enttäuschende Zahl", kommentiert Vladimir Pantyushin, Chefökonom bei Barclays Capital in Moskau.

Der wichtigste Grund für die unsanfte Bremsung, so Russlands oberste Statistiker: Inflation nage an der Kaufkraft der Russen. Von dem Wachstumsziel von 8 Prozent, das Präsident Medvedev vorgegeben hat um mit der Bric-Gruppe (Brasilien, Indien, China) Schritt zu halten, ist das meilenweit entfernt. Schlimmer noch: Die schroffe Korrektur der Rohstoffnotierungen - der Ölpreis fiel binnen 30 Tagen um 9,6 Prozent - verheißt Russlands Wirtschaft in den kommenden Monaten zusätzlichen Gegenwind. Wenn der Westen langsamer wächst, bestellt er weniger Gas und andere Rohstoffe, und das zu niedrigeren Preisen.

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