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Schwellenländer: Die bitteren Folgen des Abschwungs

Foto: Jochen Kaffsack/ picture-alliance/ dpa

Weltkonjunktur Schwellenländer bibbern vor schlappem Westen

Die Volkswirtschaften in China, Indien und Brasilien haben mit ihrem Schwung so manche Industrienation wieder flott gemacht. Vor allem Deutschland hat davon profitiert. Jetzt aber fürchten die neuen Wirtschaftstars die Schwäche in Europa und Amerika.
Von Markus Gärtner

Hamburg - Die Schuldenkrise in Europa, das Nullwachstum in Frankreich und Deutschland, und die einbrechende Konjunktur in den USA bedrohen das letzte Bollwerk des Wachstums auf dem Planeten: die Schwellenländer. Von Rio über Moskau, bis nach Mumbai und Shanghai fürchten Ökonomen jetzt einen dreifachen Schock gegen ihre regionalen Volkswirtschaften: Flaue Exporte, anhaltende Inflation und sinkende ausländische Direktinvestitionen. Die Ängste variieren dabei nur leicht.

"Die Herabstufung der USA, das Schuldendrama in Europa, und Inflation in China", zählt der Chefstratege Masanaga Kono beim Vermögensverwalter Amundi Japan auf. Ähnlich klingt das im Süden des Boom-Kontinents. "Schwächere Exporte, weniger Überweisungen unserer Arbeiter im Ausland nach hause an die Familien, und weniger Direktinvestitionen". Das fürchtet der Wirtschaftsprofessor Benjamin Diokno an der University of the Philippines in Manila.

Die Hauptstadt der Philippinen ist auch der Sitz der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB). Und die warnte bereits im Juli, dass steigende Inflation, eine schwache Erholung in Japan sowie die transatlantische Schuldenkrise zu einer Bedrohung für die wachstumsverwöhnten Länder in dem Kontinent geworden sind. Die ADB behielt ihre BIP-Prognose für die Region von 8 Prozent im laufenden Jahr zuletzt bei, kündigte aber vor wenigen Tagen Abwärts-Korrekturen für verschiedene Länder, darunter China, an.

"Wenn Europa und Amerika in eine weitere Rezession abgleiten, werden China, Indien und andere Schwellenländer darunter leiden", warnte auch Singapurs Premier Lee Hsien Loong vor ein paar Tagen in seiner jährlichen Grundsatzrede. Der Stadtstaat Singapur mit seiner enormen Abhängigkeit von Exporten war 2008 die erste Volkswirtschaft Asiens, die in den Strudel der weltweiten Krise geriet. Damit ist die Insel eine Art Frühindikator für Ungemach, das den Schwellenländern von einer schwachen Weltwirtschaft droht. Singapur meldete vorige Woche einen Rückgang seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 6,5 Prozent für das zweite Quartal. In der Region wird das als schrilles Alarmzeichen gesehen.

Japan stampft Wachstumsprognose ein

In Asien hat man auch der Warnung von Weltbankchef Robert Zoellick vor einer Woche viel Beachtung geschenkt. "Wir sind im frühen Stadium eines neuen und ganz anderen Sturms", hat Zoellick gesagt. Parlamentarier in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Land Südostasiens, haben umgehend gefordert, einen globalen Abschwung im Staatshaushalt für 2012 zu berücksichtigen. Indonesien hat Firmen aus Übersee am Wochenende versprochen, Steuerferien für größere Projekte zu gewähren. Das soll den Zustrom an Investitionen vor einem Einbruch bewahren.

Positive Meldungen wie der überraschend geringe BIP-Rückgang in Japan im zweiten Quartal werden nun seltener werden, fürchten viele regionale Ökonomen zwischen Shanghai, Soul und Singapur. Japans Regierung meldete am Montag, das Bruttoinlandsprodukt sei im Juni-Quartal mit Minus 1,3 Prozent weniger geschrumpft als vorhergesagt. Japan hatte vor einer Woche seine BIP-Prognose für das Gesamtjahr dann auch in der Folge drastisch von zuvor plus 1,5 Prozent auf jetzt nur noch 0,5 Prozent zurückgenommen. Der Grund: Japans Wirtschaft ist nun drei Quartale in Folge geschrumpft und muss wegen seiner starken Elektronik- und Autoindustrie - aber auch seiner dominanten Position in vielen weltweiten Lieferketten - um die Exporte fürchten.

Mahnungen und enttäuschende BIP-Zahlen nehmen, nach Europa und den USA, jetzt auch in den Schwellenländern zu: Das Wachstum im Bric-Staat Russland, dem weltweit größten Energie-Exporteur, schrumpfte im zweiten Quartal auf 3,4 Prozent, nach 4,1 Prozent von Januar bis März, meldete das staatliche Statistikbüro vor einer Woche. "Zweifellos eine sehr enttäuschende Zahl", kommentiert Vladimir Pantyushin, Chefökonom bei Barclays Capital in Moskau.

Der wichtigste Grund für die unsanfte Bremsung, so Russlands oberste Statistiker: Inflation nage an der Kaufkraft der Russen. Von dem Wachstumsziel von 8 Prozent, das Präsident Medvedev vorgegeben hat um mit der Bric-Gruppe (Brasilien, Indien, China) Schritt zu halten, ist das meilenweit entfernt. Schlimmer noch: Die schroffe Korrektur der Rohstoffnotierungen - der Ölpreis fiel binnen 30 Tagen um 9,6 Prozent - verheißt Russlands Wirtschaft in den kommenden Monaten zusätzlichen Gegenwind. Wenn der Westen langsamer wächst, bestellt er weniger Gas und andere Rohstoffe, und das zu niedrigeren Preisen.

Drahtseilakt zwischen hoher Inflation und niedrigem Wachstum

Auf der anderen Seite des Atlantiks, im südamerikanischen Brasilien, hören sich die Sorgen ganz ähnlich an. "Wenn es zu einer erneuten globalen Wachstumskrise kommt", sagt der Wirtschaftsprofessor Reinaldo Goncalves an der Rio de Janeiro Federal University, "dann könnte Brasilien hart getroffen werden". Goncalves wirft Ex-Präsident Lula und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff vor, mit Kartellen, ineffizienter Regulierung und schwacher Infrastruktur hohe Preise herbeizuführen und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu zementieren, was in einem globalen Abschwung zu großen Problemen führen kann.

Das größte Schwellenland auf dem Globus, China, ist dabei vielleicht auch das beste Beispiel, welches Dilemma den aufstrebenden Volkswirtschaften jetzt droht: Ein Drahtseilakt zwischen hoher Inflation und niedrigem Wachstum. China hat bereits vor den jüngsten Börsenturbulenzen und den negativen Nachrichten über die US-Konjunktur fünf Mal die Leitzinsen angehoben. Die People's Bank of China hat den staatlichen Geschäftsbanken drakonische Reservevorschriften aufgebrummt, um ein Ausufern der Kreditmenge zu verhindern. Denn im Juli hat die Inflationsrate mit 6,5 Prozent den höchsten Wert in drei Jahren erreicht.

Resultat: Im jüngsten Berichtsmonat Juli schrumpfte die Kreditmenge auf den geringsten Wert im laufenden Jahr. Das BIP-Wachstum ging von 9,7 Prozent im ersten Quartal auf 9,5 Prozent im zweiten Quartal zurück. Das ist kein dramatischer Rückgang, aber es bedeutet: Beim Kampf gegen die hartnäckige Inflation wird Wachstum geopfert. Und das zu einer Zeit, in der Europa und die USA weiter abbremsen und den Exporten der Schwellenmärkte einen Dämpfer versetzen werden. "Das Problem in den aufstrebenden Volkswirtschaften ist, dass das Wachstum sehr hoch und die Teuerungsraten zu scharf ist", skizziert David Carbon, der Chef des Asienresearch bei der DBS Bank in Singapur das Dilemma. DBS ist die größte Bank Südostasiens.

Carbon erinnert daran, dass Inflation in Asien nicht alleine ein ökonomisches Problem ist. Bei Teuerungsraten von 21 Prozent in Vietnam und 8,6 Prozent in Indien fallen viele Menschen zurück unter die Armutsgrenze, "eine Gefahr für die soziale Stabilität". Wenn die Nahrungspreise um 20 Prozent steigen, passiert das 129 Millionen Menschen in Asien, hat die ADB ausgerechnet. Das ist eineinhalb Mal Deutschland. Zum Vergleich: In China sind allein die Preise für Schweinefleisch in den vergangenen zwölf Monaten um 50 Prozent geklettert, heißt es im nationalen Statistikbüro in Peking.

Rezession für Hongkong vorhergesagt

Deshalb können Asiens Notenbanken beim Straffen ihrer Zinszügel angesichts der Börsenturbulenzen und der schwachen Wachstumsraten in Europa und Amerika nur eine Pause einlegen. Das Ruder herumwerfen und die Geldpolitik lockern können sie nicht. Die ersten Schleifspuren von schwachen Absatzmärkten im Westen sind in Asien bereits erkennbar, nicht nur in Singapur. Hong Kongs BIP-Wachstum, so analysierte die Citigroup jüngst, lag im zweiten Quartal mit Minus 0,5 Prozent unterhalb der Erwartungen.

Bei "robustem privaten Konsum" und "einer überraschenden Erholung der Investitionen" reduzierten enttäuschende Handelszahlen den BIP-Zuwachs um satte zwei Prozentpunkte. Die Importe wuchsen um 2,6 Prozent, was die Widerstandskraft der lokalen Wirtschaft verrät. Doch die Exporte wuchsen im Jahresvergleich nur um schlappe 1,7 Prozent. Im Vergleich zum Vorquartal brachen sie allerdings um 11 Prozent ein. Ein erstes Warnzeichen. "Eine Rezession ist jetzt eine mögliche Realität für Hongkong", fürchtet der Ökonom Kevin Lai bei Daiwa Capital Markets; Lai hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das zweite Quartal treffend vorhergesagt. Der Ex-Kolonie sagt er jetzt eine Rezession vorher, die über ein Jahr dauern kann.

Hongkong ist eine der kleineren und am stärksten vom Export abhängigen Volkswirtschaften in Asien. In den Flächenländern China und Indien sorgt die rasant wachsende Mittelschicht jedoch für rasant steigenden Konsum, der einen Schock auf der Exportseite wenigstens abfedern kann. "Die Abhängigkeit der Chinesen vom Nettoexport hat seit der letzten Krise nachgelassen", erklärt der Analyst Paul Gruenwald bei der Australia and New Zealand Banking Group, "die heimische Nachfrage steuert derzeit den Großteil zum Wachstum bei". Peking hilft dabei aus politischen Gründen stark nach. Im laufenden Jahr stiegen in 13 chinesischen Provinzen die Mindestlöhne um über 20 Prozent an.

Von dem rasanten Wechsel der Zugpferde in Chinas Wirtschaft - weg vom Export und mehr hin zum heimischen Konsum - profitieren auch die Nachbarländer in Asien. "Asiens Nachfrage für asiatische Produkte ist sehr stark", bestätigt Gruenwald. Zu den Ländern, die noch relativ stark von der Nachfrage im Westen abhängen, gehören laut den jüngsten Zahlen der ADB Singapur, Malaysia und Taiwan. China, Indien uns Indonesien können sich bereits zu einem großen Teil auf lokalen Konsum stützen. Asien hat im Vergleich zu Europa und den USA auch noch eine große Trumpfkarte in der Hand. Sollte das Wachstum weltweit stark nachlassen, haben Asiens Regierungen noch genügend Reserven, um weitere Stimuluspakete aufzulegen. Mit Ausnahme Indiens erreicht die öffentliche Verschuldung fast allerorten höchstens 50 Prozent des BIP; in Deutschland sind es 83 Prozent (mit aktuell zusätzlich unkalkulierbaren Finanzrisiken aus der Euro-Rettung), in den USA jetzt schon 98 Prozent. Das Euro-Krisenland Italien erreicht in diesem Vergleich einen Wert von 119 Prozent.

Indien in tiefer Sorge

Auch in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft, in Indien, sind die Schleifspuren der abkühlenden Weltkonjunktur bereits sichtbar. Handelsminister Anand Sharma hält zwar noch an der offiziellen BIP-Prognose von 8,5 Prognose für 2011 fest, wie er vor einer Woche beim Treffen der Handelsminister aus Asien-Pazifik in Manado (Indonesien) versicherte. Doch angesichts schwächerer Investitionen, einer Abkühlung im gewerblichen Sektor und der überraschenden Zinsanhebung der Notenbank im Juli rechnen viele Volkswirte nur noch mit 7 Prozent. Zu den gedämpften Erwartungen auf dem Subkontinent Indien trägt auch bei, dass laut Sharma fast die Hälfte der Gewinne aus Firmen mit internationalem Geschäft stammt.

Der Anker im Schwellenmarkt-Universum und in der Analyse vieler Volkswirte, die die Region Asien beobachten, bleibt jedoch China. Und dort scheint wenigstens die Angst vor einer "harten Landung" der Konjunktur, ein Rückgang auf nur noch 4 bis 6 Prozent Wachstum oder weniger, nicht zuzunehmen. "In den nächsten vier bis fünf Jahren sehe ich keine Gefahr einer harten Landung", sagt Wirtschaftsprofessor Yu Yongding von der Akademie der Sozialwissenschaften in Peking vorher.

Seine Einschätzung hat im Reich der Mitte Gewicht. Denn Yu gehörte auch eine zeitlang dem geldpolitischen Ausschuss der Zentralbank an. Yu verweist zur Begründung für seinen Optimismus vor allem auf das rasante Wachstum in den neuen Ballungszentren in Chinas Hinterland, den sogenannte second tier cities. So wuchs im zweiten Quartal die Wirtschaft der Hauptstadt Peking lediglich um 8 Prozent, die in Shanghai um 8,5 Prozent, während Chongqing, die größte Stadt im Westen des Landes, mit Plus 16,5 Prozent alle etablierten Zentren mit seinem Wirtschaftswachstum in den Schatten stellte. Chongqing ist mit 40 Millionen Einwohnern halb so groß wie Deutschland.

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