Rezessionsangst in den USA Bernanke soll es wieder richten

Ein neues Anleihekaufprogramm wird es vorerst nicht geben - jedoch wird die Notenbank fällig werdende Anleihen ersetzen und den US-Leitzins zwei Jahre lang auf niedrigstem Niveau halten. Als Folge der lockeren Geldpolitik könnte die Inflation zunehmen - doch das ist derzeit die geringste Sorge.
Federal-Reserve-Präsident Bernanke: Noch viele Möglichkeiten, der Wirtschaft zu helfen

Federal-Reserve-Präsident Bernanke: Noch viele Möglichkeiten, der Wirtschaft zu helfen

Foto: Michael Reynolds/ dpa

Hamburg - Immerhin, eine Exit-Strategie hat die Federal Reserve. Die US-Notenbanker haben sich jüngst darauf geeinigt, wie sie aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik eines fernen Tages wieder aussteigen wollen - wenn die Bedingungen dafür reif sind, wie Fed-Präsident Ben Bernanke betont. Doch die Marktpanik erhöht den Druck auf die Fed-Oberen, den Plan für lange Zeit in der Schublade verschwinden zu lassen und stattdessen den Ausstieg aus dem Ausstieg zu verkünden.

Nicht, dass die Geldhüter für die Pflege von Aktienkursen zuständig wären. Doch Ökonomen wie Paul Krugman sehen im Börsencrash ein Zeichen, dass die Staatsschuldenkrise hinter den Problemen der Privatwirtschaft verblasst. "Das Marktgeschehen sieht gar nicht nach Sorgen um die Zahlungsfähigkeit der USA aus", schreibt der Wirtschaftsnobelpreisträger in seinem Blog und verweist auf die auch ohne AAA-Rating noch weiter gestiegene Nachfrage nach US-Staatsanleihen. "Es sieht genauso aus, wie man es erwartet, wenn der Markt plötzlich bemerkt, dass die Wachstumsaussichten der Wirtschaft furchtbar aussehen."

Tatsächlich hagelt es derzeit Horrordaten zur Konjunktur. Die Arbeitslosenquote verharrt über 9 Prozent, der private Konsum kommt nicht in Gang, der Immobilienmarkt fällt wieder zurück, die Auftragsbücher der Unternehmen leeren sich - und dann melden die Statistiker auch noch, dass schon das miese Bild der vergangenen Jahre geschönt war, weil die schuldengeplagten Amerikaner ihre Ausgaben noch stärker zurückgehalten haben als zunächst geschätzt.

Sparender Staat erhöht Risiko einer neuen Rezession

Der aktuelle Konjunkturzyklus habe den USA nicht nur den tiefsten Einbruch, sondern auch die schwächste Erholung der Nachkriegsgeschichte beschert, rechnet Goldman-Sachs-Volkswirt Jan Hatzius in einer aktuellen Studie vor. Das wahrscheinlichste Szenario sei, dass sich die Wirtschaft "durchwurschtelt" und eine schwache Wachstumsrate von gut 2 Prozent erreicht - zu wenig für den dringend benötigten Aufschwung am Arbeitsmarkt. Ende 2012 stünde die Arbeitslosenquote dann immer noch bei 9,5 Prozent. Und es könnte noch schlimmer kommen: Mit der Wahrscheinlichkeit von einem Drittel drohe ein Rückfall in die Rezession.

Auf den Fiskus als Konjunkturhelfer zählt niemand mehr. Angesichts des eingeschlagenen Sparkurses rechnet Goldman Sachs damit, dass der Rückgang der Staatsnachfrage im kommenden Jahr einen vollen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts kosten werde. Hatzius nimmt an, dass die befristete Aufstockung der Arbeitslosenhilfe ausläuft - ein herber Schlag für die private Nachfrage. Dagegen erwartet er, dass die ebenfalls befristete Senkung der Lohnsteuer noch einmal verlängert wird. Passiere das nicht, könnte das einer der Auslöser einer neuen Rezession sein.

Die Zauberformel heißt "QE3" - doch QE3 lässt auf sich warten

Umso größere Hoffnungen ruhen auf der Fed. Die Zauberformel heißt "QE3". QE steht für Quantitative Easing, also eine Ausweitung der Geldmenge - und die Drei dafür, dass die Fed zum dritten Mal in dieser Krise neue Wege erfinden würde, mehr Geld auf den Markt zu werfen. Die QE2 getauften Käufe von Staatsanleihen für 600 Milliarden Dollar und Hypotheken für 300 Milliarden frisch geschöpftes Geld hat die Notenbank erst im Juni abgeschlossen.

Zwar betont die Fed, QE2 stütze das Wachstum auch weiterhin, solange sie die erworbenen Papiere nicht wieder verkaufe. Doch in seiner halbjährlichen Rede vor dem US-Kongress im Juli ging Bernanke ausführlich auf die wirtschaftlichen Probleme ein, für die QE2 auch gar nicht als "Allheilmittel" gedacht gewesen sei. Das Programm habe die unmittelbare Gefahr einer Deflationsspirale abgewendet. Zugleich kündigte Bernanke weitere Schritte für den Fall an, dass die Wachstumsschwäche länger dauere und Deflationsrisiken wieder auftauchen. Er nannte sogar einen Katalog, wie die Fed die Geldpolitik weiter lockern könne:

  • sie könne klarstellen, wie lange sie den Leitzins bei Null und die auf 2,9 Billionen Dollar angeschwollene Bilanzsumme aufrechterhalten wolle - genau dies hat sie mit der Festlegung, die Zinsen bis "mindestens Mitte 2013" auf niedrigstem Niveau zu halten, getan
  • eine neue Runde von Anleihenkäufen wäre möglich, oder ein Wechsel von Papieren mit kurzer zu solchen mit langer Laufzeit; das würde das langfristige Zinsniveau senken
  • die Fed könne auch den Zinssatz von 0,25 Prozent, den sie Banken für deren Einlagen zahlt, auf Null senken und so das Horten von Geld noch unattraktiver machen.

Harvard-Ökonom Rogoff fordert 4 bis 6 Prozent Inflation

Solche Maßnahmen seien "für sich genommen nicht sehr mächtig", urteilt Jan Hatzius, Ökonom bei Goldman Sachs. Sie könnten aber am Markt als Schritt in Richtung QE3 gesehen werden und so die Inflationserwartungen anheizen - was gerade gewünscht wäre, weil das noch im Frühjahr umhergeisternde Inflationsgespenst sich schon wieder verflüchtigt hat. Je stärker steigende Preise Unternehmen und Verbraucher für die Zukunft erwarten, umso mehr lohnen sich Ausgaben in Investitionen und Konsum jetzt.

Harvard-Ökonom Ken Rogoff drängt deshalb die Fed, aber gleichermaßen auch die Europäische Zentralbank, ihr Arsenal noch zu erweitern: Die Zentralbanken sollten offiziell erklären, eine höhere Inflationsrate als bisher (knapp 2 Prozent) anzustreben. "Um den Schuldenabbau zu unterstützen, bräuchte es über mehrere Jahre hinweg eine Inflation von 4 oder 6 Prozent", sagte Rogoff der Pariser Zeitung "Libération" vom Dienstag. Um die Krise zu überwinden, müsse man nun in den "Giftschrank" greifen.

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