Nach dem Ratingschock Das Zittern beginnt jetzt erst

Die Herabstufung der USA könnte ihren Schuldendienst jährlich um bis zu 100 Milliarden Dollar verteuern. Die Wirkung des Sparpakets würde damit zu einem erheblichen Teil verpuffen. Und es lauern bereits neue Gefahren in den USA.
Von Markus Gärtner
Muss sich jetzt um die Bondmärkte sorgen: US-Präsident Barack Obama

Muss sich jetzt um die Bondmärkte sorgen: US-Präsident Barack Obama

Foto: JIM YOUNG/ REUTERS

New York - Es war wie das Warten auf das heftige Gewitter nach dem hellen Blitz. Anleger, Notenbanker, Regierungschefs, Banken-Chefs und Hedgefondsmanager haben ein Wochenende voller Angst und Schrecken hinter sich. Nach der Rating-Watsche von Standard & Poor's für die USA am Freitag Abend wurden allerorten Rechenschieber gezückt. Die Angst vor den langfristigen Folgen, die der Entzug des Topratings für die USA hat - sowie mögliche Auswirkungen auf Europa - beherrschen die Analyse.

Bei der Citigroup betont der Forex-Stratege Steve Englander, dass der allgemeine Vertrauensverlust an den ohnehin angeschlagenen Kapitalmärkten größer sein dürfte, als die direkten Folgen der Herabstufung für den Geldmarkt. Dort haben Millionen von Amerikanern insgesamt 1300 Milliarden Dollar in Schuldpapieren angelegt, die direkt vom US-Finanzministerium emittiert wurden oder von US-Anleihen besichert werden. US-Staatsanleihen im Gesamtwert von 4000 Milliarden Dollar wurden von Banken und anderen Kreditgebern als Sicherheit akzeptiert.

Sollten die Anleihekurse deutlich zurückgehen, müssten Milliarden von Dollar als zusätzliche Sicherheit nachgeschossen werden. Das könnte der US-Wirtschaft wichtiges Kapital entziehen und die Zinsen weiter steigen lassen. Die Folge wären schwächere Investitionen, lauer Konsum und ein weiterhin maroder Arbeitsmarkt.

Das dürfte einer der Gründe sein, warum am Sonntag Larry Summers, der Ende 2010 als oberster Wirtschaftsberater von Barack Obama ausgeschieden war, vor einer neuen Rezession warnte. Mehr noch: S&P selbst - sowie zahlreiche Ökonomen an der Wall Street - beziffern den möglichen Renditeanstieg für zehnjährige US-Staatsanleihen nach dem Downgrade auf 20 bis 60 Basispunkte. Damit wäre die Rendite für die zehnjährige US-Staatsanleihe wieder bei 3,00 Prozent (2,33% am Freitag). Ein Beinbruch wäre das zunächst nicht, italienische Papiere erreichten vergangene Woche mehr als 6 Prozent.

Die Zinslast könnte jährlich um 100 Milliarden Dollar wachsen

Doch ganz anders sieht die Rechnung aus, wenn man den absehbaren Effekt der Abstufung auf das gerade verhandelte Sparpaket betrachtet. Bei 14.300 Milliarden Dollar Staatsverschuldung in den USA würde die Zinslast im schlimmsten Fall um jährlich 86 Milliarden Dollar zunehmen. Damit wären 36 Prozent oder mehr vom Effekt des vor einer Woche beschlossenen Sparpakets schon wieder eliminiert. Dabei wird jedoch unterstellt, dass die Zinsen in den kommenden neun Jahren nicht weiter steigen. Kein Wunder also, dass S&P den USA weitere Herabstufungen binnen sechs bis 24 Monaten androht. Bei JP Morgan veranschlagten die Analysten am Wochenende die möglichen Kosten der Herabstufung auf die Zinslast der USA mit 100 Milliarden Dollar.

Laut Englander könnte der Dollar kurzfristig von einer möglichen Panik profitieren, doch an den Devisenmärkten könne sich die Angst ausbreiten, dass einige mit Triple-A bewertete Länder in Europa - darunter fällt neben Norwegen und den Niederlanden auch Deutschland - nicht so solide sind, wie es deren Ratings nahelegen. Die größte Sorge der Investoren sei jetzt, dass "Politiker in der Eurozone den Kauf von zu wenig Anleihen der Randländer autorisieren, um die Zinsaufschläge gegenüber den deutschen Anleihen ausreichend zu reduzieren".

Angst vor einer Kettenreaktion

Sorge um Abstufung in Europa

Noch deutlicher wurde ein Kommentar auf der Webseite des weltweit größten Anleihefonds Pimco: "Es ist schwer vorstellbar, dass nach einer Abstufung der USA von S&P nicht auch noch ein anderes Land des AAA-Clubs herabgestuft wird. Wenn das ein Land wie Frankreich treffen würde, könnte das die ohnehin zerbrechlichen Bemühungen um eine Rettung der Euroland-Peripherie schwieriger machen".

Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman sorgte sich am Wochenende sogar über eine Abwärtsspirale für Italien, dessen Schulden er bei aktuellen Zinssätzen für verkraftbar hält. Dennoch: "Was wir in Italien sehen, ist der Beginn einer Krise mit Autopilot, in der die Angst vor einer Pleite genau das ist, was schließlich zur Pleite führt". Über starke indirekte Effekte auf die europäische Konjunktur machen sich nach dem Downgrade für die USA auch Ökonomen in Deutschland Sorgen: "Die Diskussion kann weiter auf die Stimmung der Unternehmen und Haushalte in den USA schlagen und dazu führen, dass sie Investitionen und einige größere Käufe vorerst zurückstellen" sagt der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding.

Für die deutsche Exportwirtschaft - und stark in den USA investierte Dax-Konzerne wie die Autohersteller - könnte das einen weiteren Dämpfer bedeuten. Und das zu einer Zeit, in der die weltweit beachtete deutsche Sonderkonjunktur ohnehin ihren oberen Wendepunkt überschritten hat. Mögliche Dämpfer für das eigene Ausfuhrgeschäft befürchten in der Folge des S&P-Schockers auch andere große Exportnationen wie China.

Bei Pimco sorgt man sich derweil auch um eine Kettenreaktion, die den ganzen Weltmarkt fragmentieren könnte: "Da Amerika im Zentrum des Weltfinanzsystems steht, wird die Herabstufung durch S&P die öffentlichen Güter, die Amerika zur Verfügung stellt, schwächen: Vom Dollar als Reservewährung, bis hin zu den Finanzmärkten der Wall Street, die andere Länder als den besten Platz für ihre Ersparnisse sehen".

In Amerika verteilten führende Analysten und bekannte Ökonomen am daher Wochenende erst einmal kräftige Beruhigungspillen: "Den USA droht keine Pleite", sagt Ex-Notenbankchef Alan Greenspan. Er sorge sich mehr um die Zukunft Europas als um den unmittelbaren Effekt der Herabstufung für die USA: "Europa ist für uns sehr kritisch, die Hälfte der Gewinne wird von den führenden US-Firmen dort eingefahren", sagt Greenspan mit Blick auf Italien und Spanien, die zuletzt ins Fadenkreuz von Hedgefonds-Managern geraten sind.

Selbstbewusstsein der Amerikaner ist angeknackst

Trotzdem ist das Rating-Urteil von S&P ein Schock, der viele Amerikaner auch an sich selbst zweifeln lässt. "Wir haben das noch nie erlebt, die Leute wissen nicht, was sie jetzt erwarten sollen", sagt der Börsenbroker Ted Weisberg bei Seaport Securities in New York. "Die Amerikaner wollen bei allem die Besten sein, ein Downgrade ist eine große Beleidigung und es ist sehr erniedrigend", erläutert der Strategieberater der Republikaner, Ron Bonjean. Er fürchtet die mittel- und langfristigen Folgen der Herabstufung: "Wenn die Zinsen auf Kreditkarten und Hypotheken steigen, sendet das Schockwellen durchs System".

Führende Investoren und Ökonomen teilten kräftig Hiebe gegen die Ratingagenturen aus: "Ich kapier das nicht", sagt Warren Buffett, "die USA sind lediglich in Dollars verschuldet, davon können wir so viele drucken, wie wir wollen". Auch Nobelpreisträger Paul Krugman schlägt kräftig auf S&P ein: "Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der weniger zu einem Urteil über Amerikas Finanzen qualifiziert ist, als die Ratingagenturen", so Krugman, "die Leute, die Subprime-Derivate bewertet haben, schwingen sich nun zu Richtern über unsere Fiskalpolitik auf".

Fannie Mae und Freddie Mac: Neue Gefahrenherde in den USA

Doch selbst wenn die Kapitalmärkte zu Wochenbeginn nicht mit heftigen Verlusten reagieren sollten: Weitere Schreckensmeldungen sind in Vorbereitung: Die Ratingagentur Moody's hatte bereits Mitte Juli gewarnt, sie müsse bei einer Abstufung der USA das Risiko von bis zu 6000 Muni-Bonds neu bewerten. Das sind Anleihen von Bundesstaaten, Kommunen und Universitäten in den USA.

Ungemach droht auch für die riesigen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, die wie andere zentrale Organisationen im US-Finanzsystem jetzt ebenfalls mit einer Abstufung rechnen müssen. Das würde höhere Kreditkosten am ohnehin schwer angeschlagenen Immobilienmarkt bedeuten. Dieser war Ausgangspunkt und Epizentrum der Finanzkrise 2008 und sucht bis heute einen Boden.

Die USA rückten an diesem Wochenende aber auch selbst ins Zentrum der Kritik, vor allem durch ihren größten internationalen Gläubiger, die Volksrepublik China. "Die US-Administration muss sich mit der schmerzhaften Wahrheit abfinden, dass die guten alten Tage, als sie sich mit geliehenem Geld aus dem selbst verursachten Schlamassel bahnen konnten, vorüber sind", hieß es in Kommentaren staatlicher Zeitungen im Reich der Mitte.

Scharfe Kritik aus China - Zweifel an Dollar als Weltleitwährung

Kaum ein Kommentar illustriert in diesen Tagen so deutlich, wie Amerikas Status gelitten hat und wie strapaziert der Geduldsfaden seiner internationalen Gläubiger geworden ist. Führende chinesische Ökonomen, darunter der auf Devisenreserven spezialisierte Li Jie von der Zentral-Universität für Finanzen und Wirtschaft in Shanghai, fordern erneut, den Dollar als Leitwährung abzulösen und einen Teil der chinesischen Reserven in Papiere mit besserem Rating als dem neuen AA+ der USA anzulegen.

Die Schelte aus China hat großes Gewicht, denn das Reich der Mitte ist mit 1160 Milliarden Dollar Treasuries in seinen 3200 Milliarden Dollar umfassenden Devisenreserven der größte internationale Gläubiger der USA. Es dürfte am Wochenende jedoch die Hysterie an den Finanzmärkten begrenzt haben, dass andere große Gläubiger der USA - vor allem in Asien - erst einmal Entwarnung gaben. Japan - mit US-Staatsanleihen für 912 Milliarden Dollar in den Reserven zweitgrößter Gläubiger der USA - bekräftigte gegenüber dem Verbündeten USA:

Die Attraktivität der US-Staatsanleihen als Investment habe nach der Herabstufung am Freitag nicht gelitten. Ähnlich äußerte sich Südkoreas Notenbank. Die sieben größten asiatischen Zentralbanken halten laut dem US-Finanzministerium Treasuries für zusammen 2500 Milliarden Dollar in ihren Beständen.

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14,3 Billionen Dollar Schulden: Die größten Gläubiger der USA

Foto: AFP