Freitag, 20. September 2019

Starker Franken Schweizer Wirtschaft flirtet mit dem Euro

Standortnachteil Franken: Wie die starke Währung Schweizer Konzerne trifft
REUTERS

Die Schweiz als Nettokäseimporteur? Der teure Franken macht's möglich. Doch die Verteuerung der Exporte bedroht nicht nur die eidgenössische Seele. Die Industrienation stemmt sich gegen den Verlust ihrer Wirtschaftskraft, teils mit ungewöhnlichen Ideen. Selbst der ungeliebte Euro gewinnt durch die Hintertür an Einfluss.

ZU REICH, so begrüßte die Stadt Zürich jahrelang die in den Hauptbahnhof einfahrenden Reisenden. Autonome Hausbesetzer hatten die Lettern der Bahnhofsinschrift ZUERICH vertauscht. Inzwischen schallt der Ruf aus der Mitte der Schweizer Gesellschaft: Hilfe, wir werden mit ausländischem Kapital überschwemmt! Der teure Franken, eigentlich Ausweis der Rolle als stabile Fluchtburg für die globalen Geldströme, wird zunehmend als existenzielle Bedrohung wahrgenommen.

Denn mehr noch als Deutschland ist die Schweiz abhängig von preislich konkurrenzfähigen Exporten, die Ausfuhren vor allem der Chemie- und Metallindustrie machen gut die Hälfte der Wirtschaftsleistung aus. Und die nehmen trotz Preissenkungen der Exporteure seit Mai ab, selbst für das nationale Kulturgut Käse weist die Schweiz plötzlich eine negative Handelsbilanz auf.

Sogar die Banken leiden

"Die Situation wird für die Exportfirmen immer schwieriger", sagt Hans Hess, Präsident des Branchenverbands Swissmem. "Wir gehen davon aus, dass sich rund ein Drittel der Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie in der operativen Verlustzone befindet, von der Substanz lebt und zu wenig in ihre Zukunft investieren kann." Unter dem starken Franken Börsen-Chart zeigen leide die gesamte Wirtschaft. Sogar den Banken, deren Euro- und Dollar-Erträge wachsen, würden die in Franken anfallenden Kosten zum Verhängnis, argumentiert Rudolf Minsch, Chefökonom des Unternehmensverbands Economiesuisse.

"Wir werden das alle noch extrem spüren", warnte in der aktuellen "Sonntagszeitung" Nick Hayek, Chef des Uhrenherstellers Swatch Börsen-Chart zeigen. Er forderte die Schweizerische Nationalbank (SNB) zum Handeln auf, sie könne doch "jederzeit Geld drucken", um den Franken zu schwächen. Nun sieht sich Hayek erhört. "Das ist wunderbar. Die Spekulanten sollen sich zusammenreißen", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Konzernlenker.

Die SNB hatte am Mittwoch beschlossen, den Leitzinskorridor von 0 bis 0,75 Prozent auf 0 bis 0,25 Prozent einzuengen und das Angebot an Franken stark zu erhöhen: Das Giroguthaben der Banken soll von 30 Milliarden auf 80 Milliarden Franken steigen. Die Aktion bremste den rapiden Anstieg des Wechselkurses, der nun um 1,10 Franken je Euro pendelt. Die Schweizer Wirtschaft kann aufatmen - mehr aber auch nicht.

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