Montag, 6. April 2020

US-Notstandsverwalter Wenn die Kostenkiller ausrücken

US-Notstandsverwalter: Der Auftritt der Kostenkiller
AFP

2,4 Billionen Dollar wollen die USA binnen zehn Jahren einsparen. Welche Folgen das brachiale Sparpaket haben kann, erleben Bürger in einigen Städten Michigans bereits: Dort kündigen Notstandsverwalter Verträge, gängeln Lieferanten, setzen Bürgermeister ab. Eric Scorsone, Ausbilder der Schulden-Sheriffs, erklärt, warum die US-Kostenkiller bald noch mehr Arbeit haben.

mm: Herr Scorsone, Sie haben die ersten Seminare zur Ausbildung der Schulden-Sheriffs im US-Bundesstaat Michigan organisiert. Wie stark sind Sie in die Rettung fiskalisch erschöpfter US-Städte eingebunden?

Scorsone: Die Michigan State Universität, an der ich lehre, hat mit dem Gouverneur und dem Finanzminister von Michigan zusammen zwei verschiedene Kurse angeboten. Der erste fand im Februar statt, der zweite im April. Wir haben da etwa 500 Leute durchgeschleust. Das sind zu einem Drittel Manager aus der Privatwirtschaft, die haben teilweise schon Erfahrung mit Buchhaltung und wie man eine Firma wieder flottmacht. Das zweite Drittel sind Beamte. Die wollen lernen, wie sie ihr Budget besser kontrollieren, damit man ihnen erst gar keinen Schulden-Sheriff auf den Hals schickt. Und die dritte Gruppe kommt aus der Schulverwaltung, weil unser neues Gesetz ja auch Zwangsverwaltung für Schulbezirke vorsieht.

mm: Was lernen die Kandidaten in diesen Kursen?

Scorsone: Die lernen vor allem die unappetitlichen Aufgaben: Wie verhandelt man Verträge neu mit den Lieferanten, wie kann man Tarifverträge mit den Gewerkschaften ändern, wie findet man versteckte Grausamkeiten in den Budgets. Sie müssen sich mit dem Gesundheitssystem auskennen und wie man die Kosten dafür in den Griff bekommt. Und schließlich: Wie funktioniert die Insolvenzverwaltung für eine ganze Stadt.

mm: Ist das Interesse an diesen Kursen groß?

Scorsone: Wir wurden fast über den Haufen gerannt. Es gab viel mehr Bewerbungen als wir brauchen. Es kommen immer noch so viele Anrufe, dass wir uns überlegen, wie wir das in Ausbildung umsetzen können. Im Herbst wird es auf jeden Fall weitere Seminare geben, auch Webinare. Wir werden dann auch mehr ins Detail gehen, vor allem was Insolvenzen angeht. Und der nationale Verband der Turnaround-Manager würde auch gern mit uns zusammenarbeiten. Bei einer großen Konferenz im Oktober in San Diego werden wir außerdem über unsere Erfahrungen berichten.

mm: Welche Erfahrungen und Eigenschaften müssen Kandidaten für diese Kommandoeinsätze in den Rathäusern mitbringen?

Scorsone: Sie sollten Erfahrung als Manager oder Buchhalter haben. Sie brauchen auch gute kommunikative Qualitäten. Sie müssen natürlich verhandeln können und in sehr stressigen Situationen bestehen können. Sie erleben sehr harte Auseinandersetzungen mit Lieferanten, mit entsetzten Bürgern, mit aufgebrachten Stadträten, die sie abgesetzt haben. Da braucht man ein eisernes Rückgrat.

mm: Wie viele der 500 ausgebildeten Notstandsverwalter sind denn schon ausgerückt?

Scorsone: Ich glaube, die Hälfte von ihnen will gar nicht ausrücken, die wollen nur ihr eigenes Fell retten, damit keiner von außen kommt, der für sie aufräumt. Von den anderen 250 arbeiten bereits ein paar Dutzend auf informeller Basis. Sie beraten Stadträte und Bürgermeister, damit es gar nicht erst zum Finanz-GAU kommt. Ansonsten sind das noch nicht so viele, weil das Gesetz ja ganz neu ist. Es trat erst im März in Kraft. Aber wir gehen davon aus, dass sich die Situation in einigen Städten und Schulbezirken in den nächsten sechs bis zwölf Monaten zuspitzt. Derzeit bauen wir eine Datenbank auf und geben dem Gouverneur schon mal ein paar Namen für die nächsten Brandherde.

mm: Wie viele Kommunen in Michigan sehen Sie als mögliche Einsatzgebiete für die Finanz-Sheriffs?

Scorsone: Ich fürchte, das droht so 50 bis 100 Städten. Aber das ist dann letztlich die Entscheidung des Gouverneurs, wann er den fiskalischen Ausnahmezustand erklärt. Ich rechne damit, dass es bei gut einem Dutzend Fällen dazu kommt.

mm: Nicht nur im US-Bundesstaat Michigan sind die Probleme groß. Wo sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten - vorausgesetzt, der jeweilige Gouverneur des Staates ringt sich zu einer ähnlichen Gesetzgebung wie in Michigan durch?

Scorsone: Zum Glück kommt es nur bei einem Bruchteil der 80.000 lokalen Regierungen in den USA zum völligen Absturz. Manche Staaten sind mehr angeschlagen als andere. Die größten Probleme sehen wir derzeit in Kalifornien, New Jersey und Pennsylvania, vielleicht auch in New York.

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