Fotostrecke

US-Notstandsverwalter: Der Auftritt der Kostenkiller

US-Notstandsverwalter Wenn die Kostenkiller ausrücken

2,4 Billionen Dollar wollen die USA binnen zehn Jahren einsparen. Welche Folgen das brachiale Sparpaket haben kann, erleben Bürger in einigen Städten Michigans bereits: Dort kündigen Notstandsverwalter Verträge, gängeln Lieferanten, setzen Bürgermeister ab. Eric Scorsone, Ausbilder der Schulden-Sheriffs, erklärt, warum die US-Kostenkiller bald noch mehr Arbeit haben.
Von Markus Gärtner

mm: Herr Scorsone, Sie haben die ersten Seminare zur Ausbildung der Schulden-Sheriffs im US-Bundesstaat Michigan organisiert. Wie stark sind Sie in die Rettung fiskalisch erschöpfter US-Städte eingebunden?

Scorsone: Die Michigan State Universität, an der ich lehre, hat mit dem Gouverneur und dem Finanzminister von Michigan zusammen zwei verschiedene Kurse angeboten. Der erste fand im Februar statt, der zweite im April. Wir haben da etwa 500 Leute durchgeschleust. Das sind zu einem Drittel Manager aus der Privatwirtschaft, die haben teilweise schon Erfahrung mit Buchhaltung und wie man eine Firma wieder flottmacht. Das zweite Drittel sind Beamte. Die wollen lernen, wie sie ihr Budget besser kontrollieren, damit man ihnen erst gar keinen Schulden-Sheriff auf den Hals schickt. Und die dritte Gruppe kommt aus der Schulverwaltung, weil unser neues Gesetz ja auch Zwangsverwaltung für Schulbezirke vorsieht.

mm: Was lernen die Kandidaten in diesen Kursen?

Scorsone: Die lernen vor allem die unappetitlichen Aufgaben: Wie verhandelt man Verträge neu mit den Lieferanten, wie kann man Tarifverträge mit den Gewerkschaften ändern, wie findet man versteckte Grausamkeiten in den Budgets. Sie müssen sich mit dem Gesundheitssystem auskennen und wie man die Kosten dafür in den Griff bekommt. Und schließlich: Wie funktioniert die Insolvenzverwaltung für eine ganze Stadt.

mm: Ist das Interesse an diesen Kursen groß?

Scorsone: Wir wurden fast über den Haufen gerannt. Es gab viel mehr Bewerbungen als wir brauchen. Es kommen immer noch so viele Anrufe, dass wir uns überlegen, wie wir das in Ausbildung umsetzen können. Im Herbst wird es auf jeden Fall weitere Seminare geben, auch Webinare. Wir werden dann auch mehr ins Detail gehen, vor allem was Insolvenzen angeht. Und der nationale Verband der Turnaround-Manager würde auch gern mit uns zusammenarbeiten. Bei einer großen Konferenz im Oktober in San Diego werden wir außerdem über unsere Erfahrungen berichten.

mm: Welche Erfahrungen und Eigenschaften müssen Kandidaten für diese Kommandoeinsätze in den Rathäusern mitbringen?

Scorsone: Sie sollten Erfahrung als Manager oder Buchhalter haben. Sie brauchen auch gute kommunikative Qualitäten. Sie müssen natürlich verhandeln können und in sehr stressigen Situationen bestehen können. Sie erleben sehr harte Auseinandersetzungen mit Lieferanten, mit entsetzten Bürgern, mit aufgebrachten Stadträten, die sie abgesetzt haben. Da braucht man ein eisernes Rückgrat.

mm: Wie viele der 500 ausgebildeten Notstandsverwalter sind denn schon ausgerückt?

Scorsone: Ich glaube, die Hälfte von ihnen will gar nicht ausrücken, die wollen nur ihr eigenes Fell retten, damit keiner von außen kommt, der für sie aufräumt. Von den anderen 250 arbeiten bereits ein paar Dutzend auf informeller Basis. Sie beraten Stadträte und Bürgermeister, damit es gar nicht erst zum Finanz-GAU kommt. Ansonsten sind das noch nicht so viele, weil das Gesetz ja ganz neu ist. Es trat erst im März in Kraft. Aber wir gehen davon aus, dass sich die Situation in einigen Städten und Schulbezirken in den nächsten sechs bis zwölf Monaten zuspitzt. Derzeit bauen wir eine Datenbank auf und geben dem Gouverneur schon mal ein paar Namen für die nächsten Brandherde.

mm: Wie viele Kommunen in Michigan sehen Sie als mögliche Einsatzgebiete für die Finanz-Sheriffs?

Scorsone: Ich fürchte, das droht so 50 bis 100 Städten. Aber das ist dann letztlich die Entscheidung des Gouverneurs, wann er den fiskalischen Ausnahmezustand erklärt. Ich rechne damit, dass es bei gut einem Dutzend Fällen dazu kommt.

mm: Nicht nur im US-Bundesstaat Michigan sind die Probleme groß. Wo sehen Sie weitere Einsatzmöglichkeiten - vorausgesetzt, der jeweilige Gouverneur des Staates ringt sich zu einer ähnlichen Gesetzgebung wie in Michigan durch?

Scorsone: Zum Glück kommt es nur bei einem Bruchteil der 80.000 lokalen Regierungen in den USA zum völligen Absturz. Manche Staaten sind mehr angeschlagen als andere. Die größten Probleme sehen wir derzeit in Kalifornien, New Jersey und Pennsylvania, vielleicht auch in New York.

Die Governeure haben Angst vor einem Effekt wie in der Euro-Zone

mm: Wie viel Widerstand und Ablehnung schlägt den Notstandsverwaltern an ihren Einsatzorten entgegen?

Scorsone Ein besonderer Brandherd ist vor allem die Stadt Benton Harbor in Michigan gewesen. Da gab es viele Auseinandersetzungen. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson ist dagewesen, das Fernsehen hat viel berichtet. Stadträte haben den Notstandsverwalter in Versammlungen verbal attackiert. In Detroit, wo wir einen Finanzmanager zum Aufräumen des Schuldistrikts entsandt haben, wurde der Mann aus einer Versammlung vertrieben. Die Menschen können ziemlich unwirsch reagieren, wenn man ihre gewählten Volksvertreter absetzt. Aber auch Lieferanten und entlassene Beamte können ziemlich ruppig werden. Und dann findet sich so ein Finanzverwalter mit dem Rücken zur Wand gegen die ganze Meute wieder. Da braucht man ein ausgesprochen starkes Selbstbewusstsein.

mm: Kann man das verbessern, indem man die Finanzverwalter gründlicher ausbildet? Nur zwei Tage Seminar für ein solches Einsatzkommando sind ja ziemlich ehrgeizig ...

Scorsone: Ja, absolut. Aber sie können in diesen Kursen nur ein Grundwissen bekommen, sie müssen keine Spezialisten für alles werden. Für die kniffligen Fragen können sie Experten beauftragen oder konsultieren, das ist ohne Weiteres möglich. Wenn sie das alles selbst machen müssten, würde sicher auch eine Woche Seminar nicht ausreichen. Und das meiste lernen sie sowieso erst, wenn sie vor Ort sind. Wir haben ja in Michigan schon seit 1990 ein Gesetz gehabt, das solche Einsätze erlaubte. Aber Ausbildung hat es dafür lange nicht gegeben.

mm: Was erzählen Ihnen die Finanzmanager von ihren Aufräumarbeiten vor Ort, wenn Sie mit denen reden?

Scorsone: Die sagen mir, dass ihr größtes Problem die Wut der Bürger und der Mangel an lokaler Unterstützung ist. Ein weiterer Punkt ist: Dieses neue Gesetz ist sehr umstritten, es wird vor Gericht angefochten. Das macht alles schwieriger und bremst die Aufräumarbeiten. Mir wird berichtet, dass vor Ort viel Beratungsleistung eingekauft werden muss, weil die Beamten um ihre Jobs fürchten und nicht sehr behilflich sind. Da gibt es dann viel Abstimmungsbedarf zwischen allen möglichen Beratern. Das erhöht den Aufwand. Und dann gibt es in den Notstandskommunen viel wirtschaftlichen Stress. Da hat sich über Jahre hinweg Arbeitslosigkeit aufgebaut, auch Armut. So etwas kann man nicht über Nacht wegzaubern.

mm: Gibt es ein Muster, wenn Sie die Städte vergleichen, die von ihren Finanzlöchern verschlungen wurden? Welche Fehler werden dort gemacht?

Scorsone: Meist ist dort die ganze Buchhaltung unzulänglich. Die haben oft keine Übersicht über Einnahmen und Ausgaben. Manche Stadtkämmerer wissen nicht einmal, wie viel Geld sie auf dem Konto haben. Und daher machen sie oft Fehler, weil sie mehr ausgeben als sie haben. Und nach einiger Zeit wird das ein Riesenproblem. Politiker treffen häufig ziemlich schlechte Entscheidungen, wenn es um langfristige Verbindlichkeiten geht. Wenn die den Haushalt so richtig ins Minus reißen, sind oft schon wieder andere Stadträte nachgerückt. Und ganz häufig eskaliert dann die Situation, weil Leute aus der Stadt wegziehen, die Steuerbasis schwindet und die öffentlichen Leistungen nicht aufrechterhalten werden können. Eine solche Abwärtsspirale lässt sich nur schwer aufhalten.

mm: Warum so drakonische Maßnahmen, um lokale Probleme in den Griff zu bekommen? Kann das die ganze Volkswirtschaft bedrohen?

Scorsone: So weit reicht das vielleicht nicht, aber die Gouverneure haben Angst vor einem Effekt wie in der Euro-Zone. Sie fürchten, dass sich das wie ein Geschwür ausbreitet und die gesunden Teile der Wirtschaft ergreift. Und wenn es um Städte geht, die so groß sind wie Detroit, dann könnte das theoretisch die Kreditwürdigkeit des ganzen Bundesstaates in Mitleidenschaft ziehen. Dann verteuert das unsere Schuldenlast. Aus der Sicht der Gouverneure geht es auch um das Geschäftsklima allgemein, sie wollen ja keine Investoren verlieren. Da geht es also auch um die Psychologie. Und dann geht es natürlich ganz banal um die Gesundheit und Sicherheit der Menschen. Was ist, wenn sich eine Stadt keine Feuerwehr und Polizei mehr leisten kann? Der Staat ist ja für die Kommunen verantwortlich, denn sie sind seine politischen Geschöpfe.

mm: Sie haben Großstädte wie Detroit erwähnt. Wenn Sie im Fernsehen die Nachrichten aus Washington anschauen, können Sie sich vorstellen, dass auch die US-Hauptstadt in absehbarer Zeit einen Notstandsmanager braucht?

Scorsone: (lacht) Ich glaube nicht, dass das droht. Auf Bundesebene haben wir bislang kein Gesetz dafür. Und dann ist das ja ziemlich umstritten. Es gibt deswegen eine lebhafte Debatte über lokale und direkte Demokratie. Viele sehen die Notstandsmanager als bizarre Diktatoren, die man den Leuten auf den Hals schickt. Es gibt in den Kommunen gewählte Abgeordnete, und dann schickt der Gouverneur jemanden mit umfangreichen Vollmachten, der gegenüber der lokalen Bevölkerung gar keine Verantwortung trägt. Auf Bundesebene ist das im Augenblick nicht vorstellbar.

USA: Die Invasion der Schulden-Sheriffs

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.