Management der Euro-Krise "US-Firmen vermissen Deutschlands Führung"

Vor Beginn des EU-Sondergipfels kritisiert Fred Irwin, Chef der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, im Interview das deutsche Management in der Euro-Krise. Von einem Kompromiss im US-Schuldenstreit ist er überzeugt - und er gibt Politikern eine Teilschuld an der Macht der Ratingagenturen.
Fred Irwin, Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, ist sicher, dass es einen Kompromiss im Streit um die Anhebung der US-Schuldenobergrenze geben wird.

Fred Irwin, Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, ist sicher, dass es einen Kompromiss im Streit um die Anhebung der US-Schuldenobergrenze geben wird.

mm: Mr. Irwin, in Deutschland ist die Verunsicherung wegen der griechischen Schuldenkrise und einem möglichen Übergreifen auf große Euro-Länder groß. Welche Rückmeldungen geben Ihnen US-Firmen über den Standort Deutschland?

Irwin: Amerikanische Unternehmen konzentrieren sich auf ihre Kunden und nicht auf die Politik. Auch US-Unternehmen haben viel Geld in Spanien, Portugal, Italien investiert. Doch ich höre keine Nervosität, die Firmen ziehen sich nicht zurück. Sie glauben, dass die Probleme irgendwann gelöst werden. Politische Unruhen sind allerdings schlecht für das Geschäft. Denn sie führen dazu, dass Menschen sich bei Kaufentscheidungen zurückhalten. Das ist eine ungesunde Situation. US-Firmen schütteln den Kopf über die EU. Und sie erwarten, dass Deutschland eine Führungsrolle bei der Lösung der Eurokrise übernimmt. Aber die sehe ich derzeit nicht.

mm: Wie stark beeinflusst das Tauziehen um die Anhebung der Schuldengrenze deutsche Firmen, die in den USA investieren?

Irwin: Es gibt mehr als 3000 Firmen mit deutschem Kapital in den USA. Die beobachten das politische Tauziehen, aber sie werden keine negative Entscheidung fällen. VW hat gerade ein Werk in Chattanooga eröffnet, ThyssenKrupp hat 8000 Leute in Alabama angestellt. Derzeit läuft die Wirtschaft unabhängig von der Politik. Das politische Hickhack hat momentan keine Auswirkungen.

mm: Am Wochenende haben Vertreter großer US-Konzerne mit Republikanern gesprochen und darauf gedrängt, dass sich beide Seiten endlich auf eine Anhebung der US-Schuldenobergrenze einigen. Macht sich unter US-Unternehmen langsam Panik breit?

Irwin: Nein, die Stimmung auf Firmenseite ist eigentlich sehr gut. Die Unternehmen verdienen hervorragend und haben unheimlich viel Kapital. Das Problem ist aber, dass die Firmen kein Vertrauen gegenüber der Politik haben und das Geld nicht ausgeben. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit auf 9,2 Prozent gestiegen - weil das Vertrauen fehlt. Wenn die Unternehmen an die amerikanische Politik denken, können sie nur den Kopf schütteln. In der Privatwirtschaft hätten sie das Problem längst gelöst.

mm: Glauben Sie daran, dass es bis zum 2. August eine Einigung über die Anhebung der Schuldengrenze geben wird?

Irwin: Es wird in Ordnung gebracht werden, das ist immer so, allerdings mit viel Zähneknirschen. Zwischen den Demokraten und den Republikanern muss es einen Kompromiss geben. Die Republikaner wissen, dass sie sich mit Präsident Obama einigen müssen. Sie erwarten allerdings, dass Obama sein Sparpaket um 40 Milliarden Dollar reduziert. Obama will das aber nicht, weil er Geld für Sozialleistungen und für seine Gesundheitsreform ausgeben will.

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14,3 Billionen Dollar Schulden: Die größten Gläubiger der USA

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mm: Warum sind sie so zuversichtlich, dass sich beide Seiten einigen werden?

Irwin: Amerikaner sind wie Deutsche, die sind im Endeffekt pragmatisch. Ende 1995 hatten wir eine ganz ähnliche Situation zwischen Präsident Bill Clinton und dem damaligen Sprecher des Repräsentantenhauses, dem Republikaner Newt Gingrich. Damals ging es um die Anhebung der Schuldengrenze auf 14 Billionen Dollar, Gingrich hat das Haushaltsbudget nicht genehmigt. Tagelang hat in der US-Regierung absolut nichts funktioniert. Nach 48 Stunden einigten sich beide Seiten, und das Problem war erledigt.

mm: Was droht den Konzernen, wenn sich Republikaner und Demokraten ein paar Tage lang nicht über die Anhebung der Schuldenobergrenze einigen können?

Irwin: Es gibt eine gesetzliche Schuldengrenze in den USA, die ist am 2. August erreicht. Um diese zu übersteigen, muss der US-Kongress eine Genehmigung erlassen. Wenn kein Gesetz da ist, kann die US-Regierung kein Geld ausgeben und wird quasi geschlossen. Sie ist damit aber nicht insolvent. Das Heer, jede Botschaft im Ausland sind dann offiziell geschlossen und haben die Anordnung, keine Dienstleistungen zu erbringen. Für Firmen ist das ärgerlich, hoffentlich wird es aber nicht so weit kommen.

mm: Ist die Diskussion um die US-Schuldenobergrenze nur das übliche Politik-Hickhack - oder ist die Lage diesmal anders?

Irwin: Der Kongress hat derzeit einen starken Hebel gegenüber der demokratischen Regierung in der Hand, und den nutzt er nun. Dieses Spiel des US-Kongresses ist gang und gebe. Der US-Präsident muss jeden Botschafter, jeden Minister, jeden Höchstrichter durch den US-Kongress genehmigen lassen. Ab und zu legt sich der US-Kongress quer und verweigert die Genehmigung. Amerikanische Politik ist nun mal ein Geben und Nehmen. Ich sehe die Lage ernst, aber ich kenne meine Landsleute. Das ist wie ein Krimi, bei dem am Ende der Gute gewinnt. Ich weiß, dass es einen Kompromiss geben wird - aber ich weiß nicht, wie er aussehen wird.

"Politiker geben Ratingagenturen zu viel Macht"

mm: Warum haben die Republikaner scheinbar keine Angst vor dem totalen Stillstand?

Irwin: Sie pokern auf höchster Ebene. Sie erwarten, dass Obama nachgibt, und sie haben jeden Tag Sitzungen mit ihm. Die Republikaner finden die Gesundheitsreform völlig verkehrt. Sie lehnen Steuern für Reiche ab, weil sie meinen, dass reiche Leute ihr Geld in innovative Unternehmen investieren. Es gibt gute Argumente auf beiden Seiten. Doch beide Parteien stecken nun ihr Feld für die Präsidentschaftswahlen 2012 ab.

mm: Auch wenn sich beide Seiten einigen: Wird die starre Haltung der Republikaner langfristig Folgen für die US-Unternehmen haben?

Irwin: Nein, wenn sich beide Seiten einigen, ist das business as usual. Kommt es allerdings zu keiner Einigung, was ich nicht annehme, kann das für die gesamte US-Wirtschaft sehr viele negative Konsequenzen haben.

mm: Ratingagenturen drohen bereits damit, die Top-Bonität der USA herabzusetzen. Was bedeutet das für die US-Unternehmen?

Irwin: US-Unternehmen sind nicht von Herabsetzung bedroht, aber für die USA wäre das furchtbar. Viele europäische Politiker sind gegen die drei großen US-Ratingagenturen und wollen ein europäisches Pendant. Das Problem ist aber nicht, wo eine Ratingagentur ihren Hauptsitz hat, das Problem ist ein technologisches. Bei Banken gibt es Handelssysteme, die automatisch ausschließlich Triple-A-Wertpapiere kaufen. Wenn die USA keine Top-Bonität mehr hat, werden ihre Bundesanleihen automatisch verkauft. Damit fällt der Wert der Staatsanleihen, und das ergibt einen unglaublichen Schneeballeffekt. Man muss hier sehr vorsichtig sein. Ein solcher Schritt kann verheerend sein für das gesamte Finanzsystem.

mm: Sind die Ratingagenturen in den letzten Jahren zu mächtig geworden?

Irwin: Die Ratingagenturen sind vollkommen in Ordnung, das ist ein systemisches Problem. Politiker geben Ratingagenturen zu viel Macht. Die Bonitätsbewertungen sind in Gesetze eingebaut, Bundesbank und BaFin verankern Triple-A-Ratings in ihren Verordnungen. Heutzutage treffen Menschen oft keine Kauf- oder Verkaufsentscheidungen, sie geben das an die Ratingagenturen weiter.

mm: Warum ist das ein Problem?

Irwin: Investoren geben ihrer Bank die Order, ausschließlich Triple-A-Instrumente zu kaufen, doch die erworbenen Wertpapiere sehen sie sich gar nicht mehr an. Das ist ungesund. Meiner persönlichen Meinung nach muss man ein System haben, das hochtechnologisch ist. Am Ende muss aber ein Mensch muss am Ende die Entscheidungen fällen - und nicht Geschäftsordnungen oder Regierungsanweisungen.

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