Henrik Müller

Währungskrise Kernschmelze des Geldes

Der globale Schuldenstrudel nimmt immer bedrohlichere Dimensionen an. Inzwischen geraten auch zentrale Volkswirtschaften wie Italien und die USA in den Sog der Krise. Doch in Europa wie in den USA scheint die Politik wie gelähmt. Wohin führt das alles? Ein Szenario für die nächsten Stufen der Krise.
Schuldenkrisen in Europa und den USA: Das "finanzielle Armageddon" droht

Schuldenkrisen in Europa und den USA: Das "finanzielle Armageddon" droht

Foto: Dan Kitwood/ Getty Images

Es sieht so aus, als habe das Endspiel begonnen. Nicht nur um den Euro, sondern um das internationale Finanzsystem insgesamt. Das mag auf den ersten Blick übertrieben erscheinen. Aber die Fakten lassen Schlimmes erwarten:

  • Die USA flirten mit einer Staatspleite. Selbst wenn es doch noch zu einer Einigung kommen sollte, wird Amerikas Bonität durch das Gewürge der vergangenen Wochen dauerhaft beschädigt bleiben.
  • In Europa greift die Vertrauenskrise von der Peripherie auf den Kern der Währungsunion über. Italien stellt einen Wendepunkt dar: Ein Land dieser Größe lässt sich nicht mehr mit den bisherigen Rettungsschirmen stabilisieren.
  • Die demokratischen Systeme in vielen westlichen Ländern sind gelähmt. Finanziell wie politisch scheinen die Handlungsspielräume erschöpft.
  • Als einzige staatliche Institutionen sind noch die Notenbanken handlungsfähig. Aber auch ihr Spielraum wird allmählich eng.

Wohin führt das alles?

Die Gefahr besteht, dass es zu einem globalen Meltdown kommt - dass die Neubewertung der US-amerikanischen und europäischen Staatsanleihen (wir reden über Außenstände von zusammen 20 Billionen Euro!) rund um den Globus Banken, Versicherungen, Schatten- und Notenbanken in Schieflage bringt. Am Ende einer solchen Kernschmelze wären nicht nur Staatsanleihen viel weniger Wert, sondern auch viele andere Vermögenswerte.

Sicher, soweit sind wir noch nicht. Es ist immer noch möglich, dass sich das Szenario eines finanziellen "Armageddon" (US-Präsident Barack Obama) durch weitsichtiges Politmanagement vermeiden lässt (siehe " Euro-Land darf nicht sterben"). Aber wer den Gang der Ereignisse verfolgt, wird nicht umhin können, einen Meltdown als folgerichtigen Endpunkt der bisherigen Entwicklung zu sehen.

Beginnen wir mit den USA. Okay, es ist immer noch möglich, dass Präsident Barack Obama und die republikanische Mehrheit im Kongress bis Ende Juli doch noch einen Deal zustande bringen, damit Washington die Zahlungsunfähigkeit vermeiden kann. Aber auch ein solcher Kompromiss wird die Märkte nur kurzfristig beruhigen: Zum einen sitzt der Schock tief, dass die Eskalation überhaupt so weit gehen konnte. Zum anderen wird es kein dauerhaft tragfähiges Übereinkommen zwischen den geradezu verfeindeten politischen Lagern geben.

Auch nach einer Einigung wird die Unsicherheit über den künftigen Kurs der USA bleiben. Amerika, so sieht es aus, wird auf absehbare Zeit am Rande seiner fiskalischen Möglichkeiten taumeln - und zwar nicht primär, weil die Verschuldung so hoch ist, sondern weil die Steuereinnahmen Washingtons im internationalen Vergleich grotesk niedrig sind und das Steuersystem geradezu archaisch anmutet (zum Beispiel gibt es keine ertragreiche Mehrwertsteuer, wie sonst eigentlich überall in der entwickelten Welt).

Italien und den USA drohen Abstufungen der Ratingagenturen

Deshalb werden die Ratingagenturen kaum anders können, als die Bonitätsnote der USA zu senken. Ein dramatischer Wendepunkt: Die halbe Welt hat ihre Überschüsse in US-Staatsanleihen, der (bislang) sichersten und liquidesten Asset-Klasse auf dem Globus, angelegt. Wenn diese Bonds in Folge einer Herabstufung an Wert verlieren, würde das eine Welle von Abschreibungen in den Bilanzen auslösen. Viele Institute und Institutionen würden reagieren und andere Forderungen eintreiben; Banken müssten zum Beispiel ihre Kreditvergabe einschränken - was die ohnehin schwache Realwirtschaft weiter dämpfen würde.

Ähnlich die Lage in Europa. Seit Italien ins Visier der Finanzmärkte geraten ist - ohne dass bei den Fundamentaldaten eine Verschlechterung eingetreten wäre -, droht auch diesseits des Atlantiks eine Kettenreaktion. Ein plötzlicher Zinsanstieg in Italien kann die hoch verschuldete, aber stabile Volkswirtschaft an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen. Die staatlichen Verbindlichkeiten in Höhe von 1,9 Billionen Euro sind zu groß, als dass Italien so einfach von den Euro-Partnern über die Auffangschirme gerettet werden könnte. Denn: Würden die Sicherheiten fällig, wäre auch die Bonität Deutschlands und Frankreichs gefährdet.

Welche Anlagen sind überhaupt noch sicher?

Da es keine Rettung durch die Schirme geben kann, droht Italien ein Downgrading durch die Ratingagenturen. Das setzt eine weitere Kettenreaktion in Gang: Anleger, die nur erstklassige Assets halten, müssten dann italienische Anleihen abstoßen - und als nächstes womöglich spanische, belgische… Wie im Falle einer US-Herabstufung käme es zu einer Abschreibungswelle. Mit den bekannten Folgen.

Beschleunigt wird die Schuldenspirale durch die politische Eigendynamik beiderseits des Atlantiks. Bislang konnten die westlichen Demokratien politische und soziale Risse durch Geldausgeben zukleistern. Nun geraten sie angesichts permanenter Sparzwänge an die Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit.

Wie schwierig es ist, politische Gräben zu überbrücken, zeigt sich in vielen Ländern - von den USA bis Griechenland. Selbst in Deutschland (wo es wegen der Euro-Pakete innerhalb der Regierungskoalitionen gärt), in Österreich (wo die FPÖ die Große Koalition vor sich hertreibt) und in Finnland (wo die Partei der "Wahren Finnen" von rechts Druck macht) sind an sich stabile Regierungen geschwächt. Und in Frankreich rückt die Wahl von Front-National-Führerin Marine Le Pen zur Staatspräsidentin im kommenden Jahr ins Feld der Möglichkeiten (wäre das das Ende der deutsch-französischen Zusammenarbeit?).

Je länger und schwerwiegender die ökonomische Krise, desto stärker wird die soziale und politische Polarisierung - desto schwieriger wird eine Lösung. So nimmt die Wirtschaftskrise weiter an Fahrt auf.

Und nun?

Nun sind eigentlich nur noch die Notenbanken vollständig handlungsfähig. Die Vermutung liegt nahe, dass sie - entgegen anders lautender Beteuerungen - einspringen werden, falls die Zinsen für Staatsanleihen deutlich steigen. Nicht weil sie wollen, sondern weil ihnen am Ende gar nichts anderes übrig bleibt. Wenn die Banken große Abschreibungen vornehmen müssen, sind sie gezwungen ihre Kredite zurückzufahren; die Wirtschaft kann dann leicht in eine Kreditklemme und in eine sehr schmerzhafte Schuldendeflation abrutschen. Dieses sehr hässliche Szenario werden die Notenbanken mit aller Macht verhindern müssen - sie werden Bonds kaufen, um die langfristigen Zinsen zu drücken. Das läuft dann unter Euphemismen wie "Quantative Easing" (Fed) oder "Securities Market Programme" (EZB).

Zwar haben beide großen Notenbanken ihre Bond-Aufkauf-Programme eigentlich beendet, um ihre Unabhängigkeit und ihre Glaubwürdigkeit zu schützen. Aber diese Linie werden sie bei weiterem Fortschreiten der Krise kaum halten können. Dann werden sie vor der Frage stehen: Welches Ziel ist uns wichtiger - Geldwertstabilität oder Finanzmarktstabilität? Die Antwort wird eindeutig ausfallen: Niemand will Schuld sein an einem Komplettzusammenbruch. Also werden sie, solange es irgend geht, die Anleihemärkte stützen. Wenn Italien an den Rand gerät, wird auch die EZB nicht umhin können, italienische Anleihen zu kaufen. Ob sie will oder nicht.

Werden also die Notenbanken die westliche Welt vor dem finanziellen Armageddon retten?

Eine zeitlang vielleicht. Doch je mehr die Qualität der Anleihen schwindet - je weiter die Bonität der Staaten erodiert -, desto mehr geraten die Notenbanken in die Klemme. Irgendwann müssten sie nämlich wertlose Assets gegen Geld tauschen. Im Fall Griechenland steht das schon kurz bevor: Falls es zu einem Zahlungsausfall kommt und griechische Anleihen auf die Bonitätsstufe D (wie "Default") herabgestuft werden, müsste die EZB entweder wertlose Papiere als Sicherheiten akzeptieren - oder die griechischen Banken könnten sich nicht mehr bei der EZB refinanzieren und würden unmittelbar zusammenbrechen. Kein Wunder, dass sich die EZB mit Zähnen und Klauen gegen eine hellenische Staatspleite stemmt.

So könnte es laufen, das Endspiel. Und wo endet das Szenario?

Völlig losgelöst von der Realwirtschaft würden die Notenbanken die Wirtschaft mit Geld fluten und die größte Schuldenkrise der Geschichte auf bewährte Weise lösen: durch Inflation.

Wenn irgendwann die Preise zu steigen beginnen, werden die Notenbanken angesichts ihrer aufgeblähten Bilanzen die Inflationsdynamik kaum wieder einfangen können. Folgen: Schulden würden entwertet, Währungen ruiniert.

Danach beginnt ein neues Spiel. Nach neuen Regeln - vielleicht chinesischen.