Mittwoch, 20. November 2019

Schuldenstrudel "Dann gehen alle miteinander unter"

Italien: Gründungsland der EU im Abwärtsstrudel
DPA

Die Italien-Krise sei ein Wendepunkt für Europa: Das Land sei zu groß, als dass man es so einfach retten könne, sagt Jan Poser, Chefvolkswirt der Bank Sarasin. Nur die EZB sei in der Lage, eine Zuspitzung "mit potenziell apokalyptischen Folgen zu stoppen". Aber die Notenbanker stecken in der Klemme.

mm: Herr Poser, Euro-Land zittert um Italiens Zahlungsfähigkeit. Keine Kleinigkeit: Erstmals trifft es eine große Volkswirtschaft, die auch noch mit 1,9 Billionen Euro einer der größten Schuldner der Welt ist. Hat jetzt das Endspiel um den Euro begonnen?

Jan Poser: In der Tat ist die Lage kritisch. Es droht eine Kernschmelze - und zwar im doppelten Sinne: eine Schmelze des Kerns des Euro-Gebiets und ein womöglich globaler "Meltdown" der Finanzwirtschaft. Das müssen die Europäer unbedingt verhindern.

mm: Nun ist der angekündigte europäische Krisengipfel erstmal abgesagt. Was müsste denn passieren?

Poser: Die Europäische Zentralbank müsste in die Märkte eingreifen und in großem Stil italienische Anleihen aufkaufen. Sie ist die einzig handlungsfähige Institution im Euro-Raum. Nur die EZB ist in der Lage, eine Verkaufswelle mit potenziell apokalyptischen Folgen zu stoppen.

mm: Die EZB soll alle Vorsichtsmaßnahmen über Bord werfen und Staatsschulden aufkaufen - für so ernst schätzen Sie die Lage ein?

Poser: Ein derartiges Vorgehen ist natürlich gewissermaßen die "nukleare Option" - die ultimative Abschreckung gegen die Spekulation der Märkte. Denn dies könnte der Beginn einer zweiten Welle der Krise sein, bei es nicht mehr nur Staaten trifft, die tatsächlich in Zahlungsschwierigkeiten stecken - Griechenland, Irland, Portugal -, sondern in der an sich finanziell gesunden Staaten die Liquidität entzogen wird. In einem solchen Fall halte ich es auch ordnungspolitisch für gerechtfertigt, die Notenbank einzuschalten. Der Anstieg der Anleihezinsen in Italien ist sehr beunruhigend, weil er so plötzlich und ohne konkreten Grund kam. Bislang war das Land der Daten nach in Ordnung - wenn jetzt die Zinsen stark steigen, gilt das nicht mehr.

mm: Dann kommt eine Eigendynamik in Gang: Banken und Versicherungen stoßen Italien-Anleihen ab - was einen weiteren Anstieg der Zinsen nach sich zieht. Wodurch sich die Situation noch weiter verschlimmert.

Poser: Soweit darf es nicht kommen. Deshalb muss die EZB frühzeitig und entschlossen dagegen schießen.

mm: Das italienische Sparpaket genügt nicht, um die Nerven der Anleger zu beruhigen?

Poser: Vielleicht ja, vielleicht nein. Wir wissen es nicht. Die Zweifel werden jedenfalls bleiben. Ohne Hilfe von der EZB könnte es zur nächsten Verkaufswelle kommen, selbst wenn sich Italiens Politik vorbildlich verhält.

mm: Die EZB wehrt sich ja mit Zähnen und Klauen gegen solche Interventionen. Inzwischen halten es viele im EZB-Rat für einen Fehler, dass sich Präsident Trichet voriges Jahr hat breitschlagen lassen, fast 80 Milliarden Euro an Problemanleihen zu kaufen.

Poser: Ich verstehe, dass die EZB ihre Unabhängigkeit verteidigt. Aber ich sehe keine Alternative: Ein Staatsbankrott Italiens und ein ungeordnetes Auseinanderbrechen der Euro-Zone wäre jedenfalls ein zu hoher Preis für die Unabhängigkeit der EZB.

mm: Die EZB argumentiert, sie habe genug getan. Nun seien die Regierungen am Zuge. Die Staaten sollen sparen, zur Not die Rettungsschirme ausgedehnt werden.

Poser: Vollkommen zu recht. Es ist nur so: Dies ist ein anderer Fall als Griechenland. Italiens Schulden sind so hoch, dass Deutschland und Frankreich dafür nicht bürgen können, ohne selbst ihr AAA-Rating zu gefährden. Dann sind die Europäer wirklich am Ende - und gehen alle miteinander unter.

mm: Also muss die EZB Geld drucken - und dabei ihre Unabhängigkeit endgültig aufs Spiel setzen?

Poser: Klar, das bereitet mir auch Bauchschmerzen. Weil die EZB unabhängig bleiben will, sagt sie den Regierungen, sie müssen erstmal ihren Job machen. Zunächst könnte auch erstmal der Rettungsschirm EFSF Anleihen vom Markt kaufen - aber das ist bislang ja noch nicht mal beschlossen. Und im Falle Italiens sind die Volumina ohnehin so groß, dass der EFSF dafür viel zu klein ist. Nur die EZB ist handlungsfähig. Wenn Italiens Zinsen zu stark steigen, dann sollte sie rasch reagieren.

mm: Und dass die EZB durch all das Gelddrucken eine große Inflation heraufbeschwört, stört Sie nicht?

Poser: Ich sehe im Moment keine Anzeichen für eine solche große Inflation. Wenn die Zinsen bei hohen Schulden steigen, spricht das eher fürs Gegenteil: für eine Schuldendeflation - ein sehr hässliches Szenario.

mm: Aber das Notenbank-Ziel Geldwertstabilität sollte jetzt vollkommen hinter das Ziel Finanzstabilität zurücktreten, meinen Sie?

Poser: Wenn es hart auf hart kommt, ja. Ich will auch nicht verhehlen, dass die EZB ein Risiko eingeht, wenn sie soviel Liquidität in den Markt schießt. Sie könnte allerdings versuchen, diese Mittel abzusaugen - indem sie eigene Anleihen ausgibt, ähnlich wie es die Schweizerische Nationalbank getan hat.

mm: Dann hätte die Notenbank quasi durch die Hintertür "Euro-Bonds", also gemeinsame Euro-Land-Anleihen, eingeführt.

Poser: So kann man das sehen. Und das wäre ja nicht das Schlechteste.

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